Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1316.

Literatur und Kunst

„…so werden wir gewesen sein“

Wie aus einem Guß, hofft zage der Eichendorff-Preisträger Jörg Bernig und mit ihm der Wangener Kreis

Die Wangener Gespräche in der schwäbischen Stadt im Allgäu haben zu Recht einen guten Namen: Sie möchten Altes, das gut und bedenkenswert ist, bewahren und über Künftiges nachsinnen. Daher kann man derartige Gespräche immer wieder neu aus der Taufe heben.

Die Vorsitzende des Wangener Kreises, Monika Taubitz, eröffnete die 61. Gespräche mit einer Ausstellung von Zeichnungen des Künstlers Diether Fr. Domes, die „entstehen, wenn sich der Tag dem Ende neigt und das Licht angeschaltet wird“. Domes, der aus dem Sudetenland stammt und heute in Langenargen am Bodensee lebt, wurde vor allem mit seinen farbigen Kirchenfenstern bekannt. Er war mit dem aus dem heimatlichen Altvatergebirge stammenden Landsmann Hanns Cibulka befreundet, der zu den meistgelesenen Schriftstellern der DDR gehörte und dem Günter Gerstmann in seinem Vortrag unter dem Titel „Ich habe nichts als das Wort“ die Aktualität seiner dichterischen Botschaft bescheinigte. „Hanns Cibulka hat geholfen, eine Atmosphäre sozialer und kultureller Verantwortung bilden helfen, wofür er als ein Jahrhundertzeuge bezeichnet wurde.“ Über das künstlerische Werk von Domes schrieb Cibulka einen der schönsten Texte!

Diese Wangener Gespräche waren dem Thema „Erinnerungsliteratur“ gewidmet und warfen die Frage auf: Woher kommen die Erinnerungen? Sie müssen doch irgendwo ein Zuhause haben, ehe sie wieder Gedanken werden.

In seinem Referat erinnerte Dr. Ulrich Schmilewski (Würzburg) an das Genre, das schon weitgehend in Vergessenheit geraten ist, so die von Angehörigen des schlesischen Adels verfaßten Memoiren. Nach der Vertreibung war ihre Welt ausgelöscht: „Das Alte ist endgültig vorbei, aber es bleibt die Sehnsucht.“ Das Erleiden und Bewältigen ist das Thema der Bücher von Dagmar von Mutius, aus denen gelesen wurde.

Die Schriftstellerin Maria Frisé (Bad Homburg) las aus ihrem Werk „Die Reise nach Woskowice“, schließlich stellte Monika Taubitz ihr neues Buch „Winteralbum“ vor, aus dem sie einen Text über das Wiedersehen mit ihrer schlesischen Heimat nach der Austreibung vortrug. Joseph von Eichendorff widmeten Johann J. Claßen (Arnsberg) und Bernd Spring (Merseburg) Beiträge.

Über seine Begegnung mit Schlesien berichtete der polnische Wissenschaftler Dr. Gregorz Supady (Universität Olsztyn / Allenstein), und der Literaturwissenschaftler Professor Dr. Pawel Zimniak (Universität Zielona Gora / Grünberg) reflektierte über einen Text von Monika Taubitz. „Die Sprache“, so der polnische Wissenschaftler, „formt sich dabei an der Naturwelt … Überhaupt bedeutet Niederschlesien ein poetische Empfindungsmaterial, das Identifikationsmöglichkeiten anbietet.“ Die polnische Wissenschaftlerin Dr. Arietta Szmorhun (Universität Grünberg) stellte mit ihrem Vortrag „Lilith. Eine Metamorphose“ Dagmar Nicks biblisch narrative Geschlechtsinszenierungen vor.

Auf der Mitgliederversammlung erklärten Monika Taubitz als erste und Anne Wachter als zweite Vorsitzende des Wangener Kreises ihren Rücktritt, um sich stärker als bisher ihren eigenen literarischen Vorhaben widmen zu können. Ihre Nachfolge trat die Schriftstellerin Stefanie Kemper (Maierhöfen / Allgäu) an, die sich mit einigen Gedichten aus ihrem neuen Buch „Orte“ vorstellte.

Die 61. Wangener Gespräche klangen aus mit der Verleihung des Eichendorff-Literaturpreises an den Schriftsteller Dr. Jörg Bernig, den nach dem Wortlaut der Jury als preiswürdig ausweist, daß er „souverän moderne Erzähltechniken wie Zeitschnitt oder Perspektivwechsel beherrscht, ohne modisch zu sein“.

Bernig wurde als Sohn einer aus Böhmen stammenden Familie 1964 in Wurzen geboren, arbeitete einige Zeit als Bergmann, absolvierte dann das Abitur und studierte von 1985 bis 1990 Deutsch und Englisch an der Universität Leipzig. Nach dem Zusammenbruch der DDR war er als Lehrer in Schottland tätig und mit einigen Lehr- und Forschungsaufgaben betreut. An der Freien Universität Berlin promovierte er über Stalingrad im deutschsprachigen Roman nach 1945, von 1997 bis 1999 war er Redakteur an der Literaturzeitschrift „Ostragehege“. Hinzu kam die Mitarbeit an entsprechenden Projekten der TU Dresden. Seine Veröffentlichungen begleiteten zahlreiche Autorenlesungen im In- und Ausland.

Zu seiner schriftstellerischen Tätigkeit erklärte Bernig: „Ich habe spät mit dem Schreiben begonnen, weil ich erst zu meiner Sprache finden mußte. Was für mich das literarische Schreiben einzigartig und an manchen Tagen berauschend macht, ist die Freiheit des Erfindens, die Formung und, was besonders bei Gedichten deutlich wird, der Klang, die Nähe zur Musik.“

Die Laudatorin Dr. Barbara von Wulffen wies denn auch mit Blick auf Bernigs Lyrik auf den „rhythmischen Sog“ hin. „… der Rhythmus trägt weit. Zeit ist das Grundthema dieser Lyrik“. Der Titel „wüten gegen die stunden“ deutet es an.

Das Gedicht hat eine „so bezwingende Bewegung, daß es ins Schwingen gerät, ins Kreisen eingefangen“. Es gelte, mit diesen nicht immer einfachen und nicht rasch sich erschließenden Gedichten Bernigs Geduld zu üben, um die immer konkreten Bilder zu erkennen.

Die sächsische Heimat des Autors aus einer nordböhmischen Familie ist stets präsent. Aber der von Dresden hinunter nach Meißen strömende Fluß ist vor allem ein Weg hinauf in Richtung Prag: Die Elbe ist die „böhmische liebste (…) sie ist die treueste von allen / geht immer bleibt nie“, und „am abend wühlen die kähne vom meer sich heimwärts / nach Böhmen“. Von jenem ferngerückten Heimatland hat der Gablonzer Großvater seinem Enkel Jörg so viel erzählt, daß dieser im Jahr 2000 seinen mit dem Förderpreis zum Friedrich-Hölderlin-Preis prämierten Roman „Dahinter die Stille“ schreiben konnte, eine bewegende Geschichte aus den Vertreibungsmonaten des Jahres 1945. Das tiefsinnige Zeitgedicht „im lot“ sagt, "die zeit schwebt schwalbenhoch (…) sie hält ein pendel und wir hängen am ende der schnur schwingen über der tiefe / nichts stört die stille / (…) wir schwingen aus am pendel der zeit wir sind das lot“.

Der Geologe, so die Laudatorin, konstatiert die „Schicksalsverbundenheit mancher Minerale“ in ihrer geologischen Struktur. „Dasselbe erkennt Bernig in der Geschichte und spürt es in der Grammatik auf: Präsens und Perfekt sowie Imperfekt und Plusquamperfekt sind bekanntlich aufeinander bezogen … und das Futur exakt gilt einer erst noch bevorstehenden Vergangenheit.“ Das „Futur“ in einem Gedicht endet mit der merkwürdigen Hoffnung, „intakt und ganz und wie aus einem Guß so werden wir gewesen sein“.

Aus dem „Futur II“ gewinnt Jörg Bernig seine Argumente gegen platten Fortschrittsglauben. Man solle aufhören, die Vergangenheit um einer angeblich besseren Zukunft willen zu verdrängen. Dafür liefert Jörg Bernig in seinem Roman „Niemandszeit“ die Feststellung, „daß Vergangenheit niemals zu bewältigen ist, weil ihre Schmerzensspur durch jede Gegenwart in die Zukunft führt“. Auch in seinen brillanten Essays, erschienen unter dem Titel „Der Gablonzer Glasknopf“, geht Bernig „schwärenden Schmerzensspuren“ in Europa nach.

Jörg Bernig dankte bewegt für ehrenvolle Auszeichnung und wies auf den Literaturwissenschaftler Wolfgang Frühwald hin, der von der „Langeweile des Glücks … im Abendschein eines zu Ende gehende Zeitalters“ spricht, in das Eichendorff hineingeboren worden sei. Technische Innovationen haben damals rasante industrielle Entwicklungen bedingt, gleichzeitig aber wurde der Mensch als einzelner in den Hintergrund gedrängt, Masse und Vermassung waren die Folgeerscheinungen, und die bis dahin gelebten Beziehungen mündeten in den Strom der Entfremdung, in dem wir immer noch nach Kräften schwimmen oder ermattet treiben.

Wir können von Eichendorff nicht nur Skepsis gegenüber einer blindgläubigen progressivistischen Rationalität lernen, sondern auch Sinn für das Vergängliche. Dieser Sinn, so Jörg Bernig, ist gerade das, was der „Zeitgeist“, gleich wann, gleich welcher, nicht hat. Dieser Sinn hält nicht starr und stur an etwas fest. Er besteht vielmehr auf dem Eingeständnis unserer Verletzlichkeit, dem Anerkennen unserer Grenzen und unserer Zeitlichkeit. Er besteht auf dem einzelnen und dessen Gefährdung, ist damit zutiefst menschlich und genau das, was wir auch heute benötigen.

Günter Gerstmann (KK)

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