Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1383.

„Moralische Unruhe“ und „künstlerischer Herbst“

Kultureinrichtungen ostdeutscher und osteuropäischer Observanz sind um Vielfalt bemüht

Der Untergrund leuchtet: der vielseitige tschechische Künstler J. H. Krchovsky (2. v. l.) mit seiner Band
Bild: Gerhart-Hauptmann-Haus

Gerhart-Hauptmann-Haus Düsseldorf
Das Herbstprogramm des Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Hauses startet am 1. September mit der Eröffnung der deutsch-polnischen Ausstellung „In der Wahrheit leben – Aus der Geschichte von Widerstand und Opposition in den Diktaturen im 20. Jahrhundert“. Die Wanderausstellung der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung aus dem niederschlesischen Kreisau zeigt am Beispiel ausgewählter Biografien oppositionelles, widerständisches Handeln gegen den Nationalsozialismus und in kommunistischen Diktaturen der ostmitteleuropäischen Länder nach dem Zweiten Weltkrieg – in Polen, der Tschechoslowakei, in der DDR.

Ein Schwerpunkt der Präsentation liegt auf dem Widerstand des „Kreisauer Kreises“, einer Gruppe, die sich 1940 um Helmuth James Graf von Moltke und Peter Graf Yorck von Wartenburg bildete und deren Ziel eine gewaltfreie staatliche und gesellschaftliche Neuordnung für Deutschland nach dem Ende des NS-Regimes war. Die Dokumentarschau wurde in Kooperation mit dem Deutsch-Polnischen Jugendwerk, mit der Kreisau-Initiative und mit dem Keyworker Zentrum Oberkassel plus erstellt und ist bis zum 16. Oktober 2017 zu besichtigen.

Eine ausstellungsbegleitende Veranstaltung findet am 5. September unter dem Motto „Zwischen Begeisterung und Angst. Kinder und Jugendliche in der Zeit des Nationalsozialismus“ statt. Einer Lesung der „Geschichtsschreiber“ folgt ein Gespräch über die Zwiespälte.

Ein musikalischer Höhepunkt im Herbstprogramm des Hauses an der Bismarckstraße ist der Abend des tschechischen Undergrounds am 7. September 2017. J. H. Krchovsky ist das Pseudonym des 1960 in Prag geborenen Schriftstellers, Poeten, Illustrators und Musikers Jirí Hásek. Der gelernte Maurer zählt seit den 1980-er Jahren zu den bedeutendsten Künstlern der alternativen Underground-Szene Tschechiens. Seine Texte wurden in mehrere Sprachen übersetzt und dienten vielen Musikern als Inspiration für ihre Lieder.

Am 19. September ist eine Lesung mit dem Erzähler Jirí Hájícek anberaumt. In der vom Gerhart-Hauptmann-Haus und dem Tschechischen Zentrum Düsseldorf gemeinsam vorbereiteten Veranstaltung wird aus dem tschechischen Roman „Deštová hul“ (Der Regenstab) gelesen. Der Band wurde übrigens zum Buch des Jahres 2016 gewählt und im Frühjahr 2017 mit dem Preis Ceská kniha ausgezeichnet. Der aus Südböhmen stammende und mit seiner Heimatregion auch literarisch eng verbundene Autor erzählt eine spannende Geschichte, in der es um Bodenspekulation und betrügerische Machenschaften auf dem Lande geht. Mit diesem Roman beendet der Autor Hájícek seine in loser Folge erschienene „Ländliche Trilogie der moralischen Unruhe“.

Am 20. September treffen sich im Gerhart-Hauptmann-Haus Literaturfreunde zur Veranstaltung „Bücher im Gespräch“. Im Mittelpunkt stehen Fragen rund um Martin Luther und die Reformation sowie eine Auswahl an Neuerscheinungen aus der Bibliothek des Hauses.

Oberschlesisches Landesmuseum Ratingen
Bis zum 29. Oktober ist im Oberschlesischen Landesmuseum Ratingen die Sonderausstellung „Troppau im Jahre Null – Kriegsende 1945 und Neubeginn in Opava“ zu sehen. Die Stunde Null erlebte die tschechische Stadt im Frühjahr 1945, als die Rote Armee im Zuge der Mährisch-Ostrauer Operation sie einnahm und weitgehend zerstörte. In der tschechischen Präsentation werden Aspekte rund um die Ereignisse im April 1945 vermittelt. Die Sonderschau wurde durch die OKO-Einrichtung Cesta mesta (Weg einer Stadt) unter der Leitung von František Švábenický realisiert. Die deutschsprachige Präsentation der Ausstellung wird durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert.

Troppau im Jahre Null – Kriegsende 1945 und Neubeginn, von dem hier noch nichts zu sehen ist
Bild: aus der Ausstellung

Im OSLM ist weiterhin auch die große Ausstellung „Schlesische Bahnwelten. 175 Jahre Modernität und Mobilität“ zu besichtigen. Präsentations-Schwerpunkte sind die Lok- und Waggontypen der verschiedenen Epochen sowie Bahnmodelle mit schlesischer Relevanz.

Schlesisches Museum zu Görlitz
Die Anfang September im Schlesischen Museum eröffnete Sonderausstellung „Achtung Zug! 175 Jahre Eisenbahn in Schlesien“ ist mehreren Jubiläen gewidmet. So etwa fuhr 1842 die erste Eisenbahn in Schlesien von Breslau nach Ohlau. 1847 wurde Görlitz an das sich rasch entwickelnde Eisenbahnnetz zwischen Schlesien und Sachsen angeschlossen, und 1917 wurde der große Bahnhof eingeweiht.
Die Ausstellung zeigt Meilensteine aus der raschen Entwicklung des Eisenbahnnetzes in Schlesien. Neben Exponaten aus den hauseigenen Sammlungen sind auch Leihgaben zu sehen. Blickfang der Ausstellung ist ein 18 Meter langes Modell der Görlitzer Bahnhofsanlage im Zustand von 1917, das erstmals in voller Größe präsentiert wird.

Zum Rahmenprogramm gehört u. a. der Vortrag von Wilfried Rettig über den „Eisenbahnknoten Görlitz“ (2. September). Der Eisenbahningenieur setzt umfangreiches Bildmaterial ein, um die Entwicklung der Bahnstrecken von Görlitz aus in alle Himmelsrichtungen zu veranschaulichen. Wolf-Dieter Fiedler spricht im Vortrag „Auf den Zug aufspringen! Görlitz wird an das Eisenbahnnetz angeschlossen“ über die Bedeutung der Eisenbahn für Görlitz (6. September). Der Filmproduzent und Eisenbahnfan Frank Buttig von ELCH-MEDIA Berlin zeigt erstmals den Streifen „100 Jahre Bahnhof Görlitz“ (7. September). Ein weiterer ausstellungsbegleitender Programmpunkt ist die Fahrt zur Dampflokparade im Industrie- und Eisenbahnmuseum in Jaworzyna Slaska/Königszelt (9. September).

Mit der Lok über Stock und Stein – ein wenig stolz darf man schon sein: der Bau der Boberbahn von Hirschberg nach Löwenberg
Bild: aus der Ausstellung

Eine der größten Sonderveranstaltungen ist die Fotoschau „Von Hirschberg nach Löwenberg – der Bau der Bobertalbahn 1906–1909“. Zu sehen sind historische Aufnahmen aus der Sammlung des Partnermuseums in Hirschberg, des Muzeum Karkonoskie w Jeleniej Górze/ Riesengebirgsmuseum (ab 15. Oktober).

Zum vierten Mal wird zum deutsch-polnischen Wochenende „Landpartie zur Gräfin von Reden. Künstlerischer Herbst in Buchwald“ mit Parkführungen, Musik, Vorträgen, Literatur und Ausstellungen nach Buchwald/Bukowiec eingeladen (16.–17. September). Das Programm wird vom Verband der Riesengebirgsgemeinden (Zwiazek Gmin Karkonoskich), der Kulturreferentin des Museums und dem Deutschen Kulturforum östliches Europa in Potsdam bestritten. Im Mittelpunkt der Präsentation steht das 180. Jubiläum der Ankunft der Tiroler Glaubensflüchtlinge im Hirschberger Tal. Gräfin Friederike von Reden, Hausherrin auf Schloss Buchwald, hatte sich gegenüber dem preußischen König Friedrich Wilhelm III. dafür stark gemacht, die 416 Protestanten aus dem Zillertal in Erdmannsdorf (Mysłakowice) und Seidorf (Sosnówka) anzusiedeln.

D. G. (KK)

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