Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1274.

Nicht mehr herrschaftlich und doch herrlich

In Breslau ist das Königsschloß wiedererstanden, Zeugnis einstigen Preußentums und Vermächtnis für heutige Bürger und Gäste der Stadt

Kein anderer Teil des heutigen Polens hat so viele Schlösser aufzuweisen wie Schlesien. In einer 1845 herausgegebenen Beschreibung Schlesiens wurden über 1300 Orte genannt, in denen sich Schlösser, Burgen und adlige Residenzen von niederem Rang befanden. Erst im Laufe der letzten beiden Jahrzehnte nach dem Zusammenbruch des Kommunismus konnte ein Teil wieder instandgesetzt werden. Fast alle dienen sie grundsätzlich dem Tourismus und sind als empfehlenswerte Hotels ausgebaut worden. Ihre Zahl steigt ständig. Neben den schon länger sanierten wunderschönen Schlössern Fürstenstein (Ksiaz – Walbrzych), Brieg (Brzeg), Oels (Olesnica) und Lomnitz (Palac Lomnica) sind als Beispiele jüngerer Zeit die Schlösser Stonsdorf (Staniszow), Kratzkau (Krakow), Schildau (Wojanow), Schmiedeberg (Kowary), Krieblowitz (Katy Wroclawski) oder auch das Paulinum in Hirschberg (Jelinia Gora) zu nennen.

Am 18. April 2009 wurde jetzt auch das preußische Königsschloß in Breslau nach einer mehrjährigen und mit äußerster Sorgfalt durchgeführten Sanierung seiner künftigen musealen Bestimmung übergeben. Die Kosten dafür betrugen über zehn Millionen Euro. Jetzt hat die Dauerausstellung „1000 Jahre Breslau" in den historischen Räumen ihren würdigen Platz gefunden.

Das Schloß hat eine lange Geschichte. 1705 wurde es von Johann Lucas von Hildebrandt als Stadtpalais erbaut. Nach Ende des zweiten Schlesischen Krieges erwarb Friedrich der Große es 1750 von der damaligen Eigentümerin, der Erbtochter des Freiherrn Heinrich Gottfried von Spaetgen. In den Jahren 1750–1755, 1796–1797 und 1858–1868 wurde es unter Mitarbeit bedeutender Künstler wesentlich erweitert. Mit Ausnahme eines kleinen Arkadenteiles ist leider von dem zuletzt von Carl Gotthard Langhans und Friedrich August Stüler gebauten südlichen Teil des Schlosses nichts mehr erhalten. Er wurde 1945 durch die schweren Festungskämpfe und durch politisch bedingte Nachkriegszerstörungen vernichtet. Als um so glücklicher ist der Umstand zu werten, daß der nördliche Teil, das sogenannte Spaetgen-Palais, in seiner Substanz erhalten geblieben ist und wie zuletzt in deutscher Zeit jetzt wieder als Museum dient.

Betritt man heute das Schloß von der ehemaligen Karlsstraße (ul. Kazimierza Wielkiego) her, so findet man im Ehrenhof 22 Granitstelen. Auf jeder ist eine wichtige Jahreszahl der Stadtgeschichte, beginnend mit dem Jahr 1000, eingemeißelt. Hierbei hat – auch aus deutscher Sicht – größte Objektivität gewaltet. So ist beispielsweise die Jahreszahl 1813 enthalten. Damals war Breslau das Herz Deutschlands. Von hier begann der Freiheitskampf gegen Napoleon. Im wiederhergestellten Gelben Salon unterschrieb Friedrich Wilhelm III. die Aufrufe „An mein Volk" und „An mein Kriegsheer" und unterzeichnete die Stiftungsurkunde zu der Tapferkeitsauszeichnung „Eisernes Kreuz". Auf dem Tisch des an gleicher Stelle aufgestellten Sekretärs sind Originalexemplare der von der „Schlesischen Zeitung" am 20. März 1813 veröffentlichten Aufrufe sowie Auszeichnungen und Medaillen aus dieser Zeit ausgestellt.

An der der Fensterfront gegenüberliegenden Seite hängt ein Ölporträt von dem Berliner Maler Ernst Gebauer, das den König in der Generalsuniform des Kürassier-Garderegiments vor dem Hintergrund des Brandenburger Tores darstellt. Daneben steht auf dem Kamin eine Marmorbüste Friedrich Wilhelms III., die von Christian Daniel Rauch um das Jahr 1826 geschaffen worden ist. Abgerundet wird die Erinnerung an diese geschichtsträchtige Zeit mit einem Stich der Szene, in der der Physikprofessor Henrik Steffens seine berühmte Rede hält, nach der die Studenten mit Begeisterung zu den von Major Ludwig Adolf Wilhelm von Lützow organisierten Freikorps strömten.

Was in diesem Zimmer (noch) fehlt, ist das früher an der Wand über dem Sekretär befindliche große Eiserne Kreuz und die Büste der Königin Luise. Wenn man aber bedenkt, mit welcher großen Objektivität auch in den weiteren Räumen die Stadtgeschichte, die zugleich deutsche und europäische Geschichte ist, dargestellt wird, sollte gegenwärtig das Verständnis für dieses Unterlassen überwiegen.

Dessenungeachtet sind alle anderen Räume sehr detailliert gestaltet – ein Bekenntnis zur wahren Geschichte mit Exponaten zu den bedeutenden oder schicksalsträchtigen Jahren 1848, 1871, 1918, 1933 und 1945. In eindrucksvoller und bemerkenswert offener Weise wird im Zusammenhang mit dem Jahr 1945 auch die beide Völker berührende Vertreibung deutlich dargestellt.

Zusammengefaßt: Die für das Museum Verantwortlichen, die Künstler und Handwerker, die sich präzise an historische Vorlagen hielten, verdienen allen Dank und alle Anerkennung, die ihnen bei der Eröffnungsfeier von allen Teilnehmern zuerkannt wurde, unter ihnen der polnische Kulturminister Bogdan Zdrojewski und der Breslauer Oberbürgermeister Rafal Dutkiewicz. Der größte Dank aber gebührt dem Direktor der städtischen Museen, Dr. Maciej Lagiewski, der wieder einmal bewiesen hat, welch herausragender Museumsdirektor er ist und wie beispielhaft er es wie kein anderer versteht, wohltuend mit der Geschichte der Stadt Breslau umzugehen. Wenn bei der Eröffnungsfeier ein Chor ,,Gaude Mater Polonia" – eine alte polnische Ritterhymne aus dem 13./14. Jahrhundert – sang, so konnten sich deshalb bei aller Trauer über das Verlorene auch die deutschen Teilnehmer über das neue Geschichtsmuseum im alten Königsschloß freuen. Die „Blume Europas" ist weiter aufgeblüht.

Natürlich verdient das neueröffnete Breslauer Museum und die darin befindliche Ausstellung eine ausführlichere Darstellung, als sie in diesem Kurzbericht gegeben werden kann. Hingewiesen werden soll aber abschließend noch darauf, daß alle Erklärungen – wie bei den städtischen Museen üblich – auch in deutsch zu lesen sind.

Kein Besucher der Stadt Breslau sollte es versäumen, sich dieses bedeutende Museum anzuschauen.

Horst Milde (KK)

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