Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1387.

Noch nicht einmal der Erste Weltkrieg ist vorbei

Seine Folgen für die Völker in Mittel- und Ostmitteleuropa

Die Teilnehmer der Tagung, darauf angesprochen, „dass das, was hier erarbeitet worden ist, dann auch wirklich nach draußen weitergegeben wird, dann ist das Ziel dieser Veranstaltungsreihe erreicht. Wir alle sind gefordert“
Bild: Dieter Göllner

Im Rahmen der auf drei Jahre ausgelegten Tagungstrilogie „Der Erste Weltkrieg und seine Folgen für das Zusammenleben der Völker in Mittel- und Ostmitteleuropa“ erörtert die Bonner Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen gemeinsam mit der Studiengruppe Politik und Völkerrecht Aspekte des Ersten Weltkriegs und vor allem auch die tiefgreifenden Auswirkungen der Friedensverträge auf die Staatenwelt.
Im Herbst 2016 rückte die erste Tagung Themen wie Gründe, Ursachen und Verlauf des Ersten Weltkriegs an seinen unterschiedlichen Fronten sowie die Kriegsschuldfrage in den Fokus. Berücksichtigt wurden unter anderem Gebiete wie Nord-Schleswig, Elsass-Lothringen und das Memelland sowie die Stadt Danzig. In diesem Jahr wurden die Friedensverträge von Versailles, Saint-Germain und Trianon sowie die Folgen der Kriegsereignisse in mehreren europäischen Ländern in den Mittelpunkt der Veranstaltung gestellt.

Die zweitägige staats- und völkerrechtliche Fachtagung in Königswinter fand unter der wissenschaftlichen Leitung von Professor Dr. Dr. h. c. mult. Gilbert Gornig und Professor Dr. Hans-Detlef Horn von der Philipps-Universität Marburg statt. Die teilnehmenden Wissenschaftler, Historiker und Völkerrechtler aus Deutschland und anderen europäischen Ländern widmeten ihre Vorträge den Völkern und Volksgruppen, die nach dem Ende des Ersten Weltkriegs aus ihren Siedlungsgebieten vertrieben wurden. Es wurden auch Einblicke in das Schicksal jener Menschen geboten, die zu Minderheiten im neuen Heimatland wurden.

In die Thematik der Veranstaltung führte Reinfried Vogler, Vorstandsvorsitzender der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen in Bonn, ein. Zu den Referenten gehörten Jean-Marie Godard aus Jurbise/Belgien, der Doktorand Andreas Raffainer aus Bozen/Italien (Südtirol), Dr. Michael Kadgien aus Essen, Dr. Adrianna Michel aus Pyritz/Polen, Professor Dr. Gilbert H. Gornig aus Marburg, Professor Dr. Zeno Karl Pinter aus Hermannstadt (Sibiu)/Rumänien, Professor Dr. Borut Holcmann aus Marburg (Maribor)/Slowenien, Dr. Jurgita Baur aus Bad Vilbel und Zarasai/Litauen sowie Dr. Holger Kremser aus Göttingen.

Neben dem Habsburgergesetz und der Südtirolfrage ging es bei den Vorträgen und Diskussionsrunden unter anderem um Folgen des Ersten Weltkriegs für Polen, die Tschechoslowakei, Österreich, das Sudetenland und Ungarn sowie um die Auswirkungen auf die Entwicklung der baltischen Staaten, Rumäniens, Bulgariens und nicht zuletzt Jugoslawiens. In einem der Referate wurde auch das Schwerpunktthema der Vertreibung und des Bevölkerungsaustauschs näher behandelt. Erwähnung fand dabei das Schicksal der Armenier und der griechisch-türkischen Bevölkerung. Aber auch die Abwanderung der deutschen Minderheit aus mehreren Abtretungsgebieten wurde dokumentiert.

Reinfried Vogler wandte sich schlussfolgernd mit einem Aufruf an die Tagungsteilnehmer: „Wir haben viel mitgenommen, wir haben viele Lücken gefüllt, wir haben Vieles aufgefrischt, und wenn es dazu beiträgt, dass das, was wir heute erfahren haben und was hier erarbeitet worden ist, dann auch wirklich nach draußen weitergegeben wird, dann ist das Ziel dieser Veranstaltungsreihe schon erreicht. Deshalb bitte ich Sie, gehen Sie nach draußen, nutzen Sie auch das, was wir an Literatur haben. Wir alle sind gefordert.“

Professor Dr. Gilbert Gornig wiederum hob in seinem Fazit die Kunst hervor, einen Friedensvertrag zu schließen. „Wenn man den im Krieg Besiegten erniedrigt, wie in den Friedensverträgen nach dem Ersten Weltkrieg, legt man die Saat aus für den nächsten Konflikt. Ohne die Friedensverträge nach dem Ersten Weltkrieg wären ein Hitler und damit ein Zweiter Weltkrieg, der auch die Folgen des Versailler Diktats beseitigen sollte, nicht möglich gewesen. Ein positives Beispiel ist der Wiener Kongress 1815, bei dem das besiegte Frankreich gleichberechtigt mit am Tisch saß und ein fast hundertjähriger Frieden mit der Errichtung einer Pentarchie die Folge war.

Im Übrigen wurden ohne Rücksicht auf die Menschen Grenzen gezogen, teilweise aus strategischen Gründen, teilweise willkürlich, die neue Minderheiten schafften, und die nach 100 Jahren echte freundschaftliche Beziehungen zwischen den Nachbarn verhindern.“
Vor dem Hintergrund, dass es noch viele Probleme zu besprechen und zu klären gibt, die mit dem Ersten Weltkrieg zu tun haben, erwarten die Tagungsbeteiligten mit Spannung die dritte Fachtagung. Angekündigt wurde auch die Veröffentlichung je eines Bandes mit Vorträgen.

D. G. (KK)

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