Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1383.

Reformation in vielerlei Form

Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen hält Ausschau nach Osten

Ikone der Reformation im Osten: der Croy-Teppich, nach einem Entwurf von Peter Heymans in Stettin hergestellt. Die Familien der sächsischen und pommerschen Herzöge lauschen einer Predigt Martin Luthers. Rechts hinter den Pommern steht Johannes Bugenhagen, links hinter den Sachsen Philipp Melanchthon.
Bild: aus der OKR-Ausstellung „Im Dienste der Menschheit

Den ersten Vortragsnachmittag im Göttinger Collegium Albertinum eröffnete nach einem Grußwort des Hausherrn Professor Dr. Jürgen Bloech der Ehrenvorsitzende der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Hans-Günther Parplies, dessen Initiative die Vortragsreihe zu verdanken ist.

Martin Luthers berühmter Thesenanschlag von 1517 markiert den Beginn der Reformation – ein Ereignis, das in seinen Auswirkungen auf Politik, Religion, Kultur und Gesellschaft weltgeschichtliche Bedeutung erlangte. Mit einer Vielzahl kirchlicher, staatlicher und kultureller Projekte werden im Jahr 2017 in Deutschland die verschiedenen Bedeutungsebenen der Reformation beleuchtet. Was hierbei jedoch in den Hintergrund zu treten droht, ist die Entwicklung der Reformation in den innerhalb und außerhalb der damaligen Reichsgrenzen gelegenen Landschaften des historischen deutschen Ostens, Regionen, die Wesentliches zum Durchbruch der reformatorischen Ideen beigetragen haben.

Diese von fachkundiger Seite zu betrachten ist die Intention zweier von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen gemeinsam mit dem Collegium Albertinum in Göttingen und dem BdV-Landesverband Niedersachsen e. V. durchgeführter Vortragsveranstaltungen. Behandelt werden – nachdem im vergangenen Jahr bereits Ostpreußen thematisiert wurde – Pommern, Schlesien, die Böhmischen Länder und Siebenbürgen, mithin Regionen, die in je eigener Weise von reformatorischen Bestrebungen ergriffen und geprägt wurden.
Den ersten Vortragsnachmittag im Göttinger Collegium Albertinum gestaltete Pfarrer Mag. theol. Ulrich Hutter-Wolandt aus Berlin mit Vorträgen über die Reformation in Pommern und in Schlesien. Der Referent, der bereits mehrere Bücher zum Thema der schlesischen Kirchengeschichte verfasst hat und Mitglied im Vorstand des Vereins für Schlesische Kirchengeschichte ist, stellte den 1485 im pommerschen Wollin geborenen Johannes Bugenhagen vor. Zunächst wirkte der spätere Reformator als Schulrektor im bei Treptow an der Rega gelegenen Prämonstratenserstift Belbuck und schuf dabei die „Pomerania“, ein Werk, das nicht nur eine Materialsammlung zur Geschichte Pommerns bot, sondern auch in eine umfassende Darstellung der pommerschen Geschichte münden sollte – eine absolute Pionierarbeit.

Bugenhagens Hinwendung zur Reformation erfolgte im Jahre 1520 über die Auseinandersetzung mit Luthers Schrift „Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche“. 1521 machte Bugenhagen sich nach Wittenberg auf, wo er Luther noch vor dessen Abreise zum Wormser Reichstag begegnete und sich für das Studium der evangelischen Theologie an der Universität einschrieb. Es folgte die Veröffentlichung einer Reihe geistlicher Bücher, die Promotion und 1535 die Ernennung zum Professor der Theologie in Wittenberg. 1523 bereits wählten der Rat und die Kirchengemeinde den „Priester Johann Pomer“ zum Pfarrer an der Stadtkirche St. Marien – ein Amt, das er bis zu seinem Tode 1558 mit großem Engagement ausfüllen sollte.

Hutter-Wolandt stellte die besonderen Verdienste des Pommern bei der kirchen- und ordnungsrechtlichen Gestaltung der jungen reformatorischen Kirche heraus. Wo immer es um die Neugestaltung der Kirchenordnungen ging, wurde Bugenhagen gerufen. Wichtige Stationen waren Braunschweig-Wolfenbüttel, Hildesheim, Hamburg, Lübeck, Holstein, Schleswig sowie Dänemark und Norwegen. Insofern war er neben Melanchthon und Lucas Cranach eine entscheidende Figur für die Ausbreitung und Absicherung der Reformation. Nicht zuletzt aber aus seiner pommerschen Heimat kamen Anfragen zur Einführung der Reformation.

Im Jahre 1534 hielt sich Bugenhagen zu einer Visitation in Belzig auf; hier erreichte ihn die Anfrage, zum Landtag nach Treptow an der Rega zu kommen, um dort an den Beratungen zur Einführung der Reformation teilzunehmen. Mit der schon 1535 in Wittenberg im Druck erschienenen Kirchenordnung Pommerns schuf Bugenhagen die Grundlage für die weitere Gestaltung kirchlichen Lebens im Herzogtum.

Ganz anders gestaltete sich die Reformation in Schlesien. Im ausgehenden Mittelalter war die Lage der Kirche im zur Krone Habsburgs gehörenden Schlesien von stetem Niedergang bestimmt, der mit verstärkter Laienfrömmigkeit und dem Aufkommen humanistischen Gedankengutes einherging. Es blühten zu dieser Zeit die Wissenschaften, und das Land schien berufen, eine führende Stellung auf wissenschaftlichem Gebiet zu übernehmen.

Seine eigene Reformation erwirkte der Liegnitzer Kaspar Schwenckfeld – gegen Luther. Die Nachkommen der schlesischen Schwenckfeldianer bilden heute in Pennsylvania die Schwenckfeld Church
Bild: Deutsches Kulturforum östliches Europa

So entwickelte sich innerhalb der Kirche am Ende des 15. Jahrhunderts ein starker Unwille gegen den geistlichen Stand, nicht nur beim einfachen Kirchenvolk, sondern auch bei den meisten schlesischen Fürsten. Sie nahmen hier Gedanken auf, die zu Beginn des Jahrhunderts über Böhmen nach Schlesien gekommen waren und darauf ausgerichtet waren, die freie Predigt des Evangeliums in der Muttersprache zu ermöglichen. Besonders der Ablasshandel mit seinen hohen Geldforderungen ließ Unmut gegen die Kirche aufkommen. Diese Missstimmung im Volk erkannte auch das Breslauer Domkapitel und versuchte die Fortsetzung der Ablasspredigt zu verhindern. Auch, aber nicht nur dies trug zu einer antirömischen Stimmung bei.

Über die Anfänge der Reformation in Schlesien fehlen sichere Belege. Es lässt sich nicht im Einzelnen nachweisen, wann und wo die Gedanken Luthers in Schlesien zuerst auftraten. Aus den Protokollen des Breslauer Rates wissen wir, dass dies sehr früh geschehen sein muss, sicherlich aber nicht vor 1519. Mittler waren wohl Studenten und Kaufleute, die über Wittenberg die reformatorische Botschaft nach Schlesien brachten. Besonders die Leipziger Disputation von 1519 förderte in Schlesien das Interesse für die „causa Lutheri“. Im Jahre 1520 musste das Breslauer Domkapitel einräumen, dass es in der Stadt eine lutherische Partei gebe. Schon im Jahre 1522 gibt es Belege dafür, dass zum Beispiel in Freystadt, im Breslauer Bernhardinkloster St. Jakob und in Neukirch am Kynast evangelisch gepredigt wurde.

Schlesien war indes kein einheitliches Territorium wie etwa der Ordensstaat Preußen oder das Herzogtum Pommern, in denen die Reformation obrigkeitlich eingeführt wurde. Wohl stand Schlesien bis 1526 unter der Oberherrschaft der böhmischen Krone und gehörte seit 1526 zum Hause Habsburg. Aber es war aufgeteilt in eine Fülle von Herzog- und Erbfürstentümern sowie Standesherrschaften. Die Landesherren hatten am Ausgang des Mittelalters zahlreiche Rechte von der Kirche in ihren Territorien erworben, unter denen das Besetzungsrecht der geistlichen Stellen besonders wichtig war. Die jeweilige religiöse Einstellung des Landesherrn war also dafür maßgeblich, ob und wann er sein Gebiet der Reformation öffnete.

Es hat deshalb in Schlesien keine prägende Reformatorengestalt wie etwa im Preußenland Herzog Albrecht, in Pommern Johannes Bugenhagen oder in Siebenbürgen Johannes Honterus gegeben. Aus diesem Grund kann man die Reformationsgeschichte in Schlesien nicht im Ganzen betrachten; vielmehr hat jedes einzelne Gebiet in Schlesien seine eigene Reformationsgeschichte. Hutter-Wolandt stellte beispielhaft ausgewählte Regionen vor: Breslau, die Fürstentümer Liegnitz–Brieg–Wohlau, die Grafschaft Glatz und Oberschlesien.

Es war ein Nachmittag, der nicht nur bei den Teilnehmern zu vielen kirchenhistorischen Fragen anregte, sondern auch das Verhältnis von Kirche und Staat und die Rolle der Kirche in dieser Gesellschaft thematisierte. Vergleichbares ist für den zweiten Vortragsnachmittag am 14. Oktober 2017 zu erwarten, bei dem an gleicher Stelle die nicht minder vielfältige Entwicklung der Reformation in den Regionen des Südostens in den Blick genommen werden soll.

Ulrich Hutter-Wolandt/Ernst Gierlich (KK)

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