Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1384.

Schienen, die die Welt bedeuten

Zum Jubiläum der Eisenbahn in Schlesien zeigt auch das Schlesische Museum zu Görlitz eine Ausstellung

Grün ist die Hoffnung – auf Pünktlichkeit?
Bilder aus der Ausstellung

Schon mehrfach ist auf das 175. Jubiläum der Eisenbahn in Schlesien hingewiesen worden. Nun wird auch im Schlesischen Museum zu Görlitz eine Ausstellung gezeigt, in der die rasche Entwicklung des Eisenbahnnetzes in Schlesien und der damit verbundene Aufschwung in Industrie und Tourismus dargestellt werden. Doch nicht allein das Jubiläum der Zugstrecke Breslau–Ohlau, die 1842 eröffnet wurde, ist der Anlass zu dieser Schau. In Görlitz werden weitere Jahrestage gefeiert: 170 Jahre zurück liegen die Einweihung des ersten Bahnhofs in Görlitz und die Aufnahme des regulären Zugverkehrs nach Dresden, Berlin und über Kohlfurt nach Breslau am 1. September 1847. Am 6. September 1917, vor 100 Jahren, wurde das Empfangsgebäude des neuen und bis heute genutzten Bahnhofs in Görlitz eröffnet.

So werden in der Ausstellung auch die beiden Jubiläen der Görlitzer Bahnhöfe gewürdigt. Ein eigens hergestelltes Modell zeigt den ersten Bahnhof von 1847. Das zentrale Ausstellungsobjekt aber ist ein 18 Meter langes und 2,5 Meter breites originalgetreues Architekturmodell (Maßstab 1:87) der Görlitzer Bahnhofsanlage im Zustand von 1917. Es ist erstmals in voller Größe zu sehen. Zahlreiche Fotos und Dokumente erläutern die Geschichte der Görlitzer Bahnhöfe von 1847 bis heute.

Die schiere Wucht eisenbahnerischer Baulichkeiten und Fahrzeugtechnik entfaltet eine nachgerade auratische Ausstrahlung: Robert Scholz, Görlitzer Viadukt mit Lokomotive, um 1915
Foto: Ratsarchiv Görlitz

Für Görlitz spielt die Eisenbahn bis heute eine elementare wirtschaftliche Rolle, da sich hier nach 1847 eine umfangreiche Waggonbauindustrie ansiedelte, in der zahlreiche technische Innovationen entwickelt wurden. So entstanden u. a. in den 1930er Jahren die Schnelltriebwagen „Fliegender Hamburger“ und „Fliegender Schlesier“.

Bis heute ist der Waggonbau einer der wichtigsten Industriezweige der Stadt, wenn auch aktuell in seinem Bestand bedroht. Daneben wird der Werdegang des Waggonbaus in Niesky, der heute europaweit eine Spitzenposition in der Güterwagenherstellung einnimmt, oder des Reichsbahn-Ausbesserungswerkes Lauban, das noch bis zum Jahr 2000 als polnisches Unternehmen fortexistierte, gezeigt.

Die Ausstellung wird während ihrer Laufzeit durch mehrere Sonderpräsentationen ergänzt. Die erste beginnt am 15. Oktober 2017 und zeigt historische Fotografien vom Bau der Strecke Hirschberg–Löwenberg in den Jahren 1906–1909. Die Aufnahmen stammen aus der Sammlung des Partnermuseums in Hirschberg, des Muzeum Karkonoskie w Jeleniej Górze. Im Januar 2018 folgt die Präsentation einer beeindruckenden Sammlung von Waggonschildern aus ganz Europa, die das Muzeum Regionalne w Lubaniu (Regionalmuseum Lauban) als Leihgabe zur Verfügung stellt. Im Mai 2018 soll ein Modell der Zackenbahn, das die Bahnhöfe von Niederschreiberhau bis Polaun darstellt, mit zeitweisem Fahrbetrieb zu erleben sein.

Zu den Begleitveranstaltungen im Oktober gehört das Literaturangebot „Geschichten von der Eisenbahn“ im Rahmen der Reihe „Kaffee & Kultur – natürlich schlesisch“. Dr. Martina Pietsch stellt am 4. Oktober um 15 Uhr eine Auswahl von Kinderbüchern, Abenteuergeschichten und Krimis vor, denen die Faszination Eisenbahn zugrunde liegt. Am 15. Oktober von 10 bis 18 Uhr lädt das SMG zu einem Aktionstag zur Sonderausstellung „Achtung Zug!“ ein. Unter dem Motto „Großer Bahnhof“ wird den Eisenbahnfreunden jeglichen Alters viel Wissenswertes und Spannendes geboten.

Neben Führungen durch die Eisenbahn-Schau ist auch eine Begegnung mit Ingo Wobst, dem Erbauer des großen Modells der Görlitzer Bahnanlagen, geplant. In Filmvorführungen kann man erfahren, was der „Fliegende Hamburger“ ist, welche Geschichte der Görlitzer Bahnhof hat oder mit Jim Knopf und Lokomotivführer Lukas auf Abenteuerreise gehen.

Am Aktionstag wird auch die Sonderpräsentation mit historischen Fotografien vom Bau der Bobertalbahn von 1906 bis 1909 eröffnet. Unter dem Titel „Die Bobertalbahn – Mit der Eisenbahn von Hirschberg nach Löwenberg“ werden 32 historische Aufnahmen aus dem Bestand des Muzeum Karkonoskie w Jeleniej Górze (Riesengebirgsmuseum Hirschberg) gezeigt. Sie dokumentieren den Bau der Eisenbahnstrecke, die am 28. September 1909 in Betrieb genommen wurde. Ihre langwierige Entstehung ist eng mit dem Bau der Bobertalsperre verbunden.

Die eindrucksvollen Aufnahmen verdeutlichen die Herausforderungen für Mensch und Maschine. Aktuelle Bilder von der Strecke ergänzen die Aufnahmen aus der Bauzeit. Die Präsentation wurde vom Schlesischen Museum und dem Hirschberger Partnermuseum gemeinsam vorbereitet. Übrigens: Es wird auch eine Broschüre mit allen Aufnahmen und einem Aufsatz von Robert Rzeszowski zur Genese der Bobertalbahn veröffentlicht.

Am 20. Oktober ist im SMG eine Buchpräsentation anberaumt, die von der Kulturreferentin und vom Neisse-Verlag bestritten wird. Christian Henke stellt den Titel „Schöpse-Christel. Ein schlesischer Bekenntnis- und Entwicklungsroman von J. M. Avenarius“ vor. Christian Henke hat im Dresdner Neisse-Verlag den einzigen Roman des vor allem als Maler und Graphiker bekannten Künstlers Johann Maximilian Avenarius (1887–1954) herausgegeben. Fast dreizehn Jahre arbeitete dieser an seinem „Schöpse-Christel“, einem Bekenntnis zu den Tugenden und Untugenden, den Eigenheiten und Eigenwilligkeiten der Bewohner seiner schlesischen Heimat und insbesondere seines Geburtsortes Greiffenberg.

Da das Buch zu Lebzeiten des Autors nicht erscheinen konnte, stellt diese verhinderte Publikationshistorie heute zugleich ein Stück Kultur- und Zeitgeschichte dar. Christian Henke berichtet darüber in einem mit vielen Fotos und Dokumenten illustrierten Vortrag.

D. G. (KK)

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