Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1388.

Selig sind die Fragenden

Fritz Gerlich erkannte frühzeitig „eine der größten Verrätereien an der deutschen Geschichte“

Allein mit seinen Zweifeln bis hin zur Verzweiflung: Fritz Gerlich
Bild: Archiv

Am dritten Adventssonntag eröffnete der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Erzbischof Reinhard Kardinal Marx, im Münchner Dom den Seligsprechungsprozess für den Journalisten Fritz Gerlich und den Religionsphilosophen Romano Guardini. Marx nannte Gerlich ein Vorbild für Journalisten, da er früher als andere klar erkannt habe, was die Stunde geschlagen hatte, als die braune Herrschaft einsetzte.

Fritz Gerlich wurde als vierter Sohn eines Fischgroßhändlers 1883 in Stettin geboren, wo er das Marienstiftsgymnasium besuchte und 1901 das Abitur bestand. Ein Jahr später begann er in Leipzig das Studium von Mathematik und Physik. Schon ein Jahr darauf aber zog es ihn an die Universität München, wo er Geschichte und Anthropologie studierte, 1907 promovierte und in den bayerischen Archivdienst eintrat.
Ihn lockte allerdings der Journalismus, und 1920 wurde er für acht Jahre Chefredakteur der „Münchner Neuesten Nachrichten“, einer Vorläuferin der heutigen „Süddeutschen Zeitung“, an deren Stammhaus heute eine Gedenktafel hängt. Mehrere Straßen sind in Bayern nach Gerlich benannt. 1931 war Gerlich vom Calvinismus zur Katholischen Kirche übergetreten und wurde von Kardinal Faulhaber persönlich in dessen Privatkapelle gefirmt und getraut.

Da er schon früh die Gefährlichkeit des Nationalsozialismus erkannte, schrieb er schon 1923: Beim Nationalsozialismus „handelt es sich um eine der größten Verrätereien an der deutschen Geschichte“.

Gerlich wurde die Seele des publizistischen Widerstandes gegen die NS-Bewegung. 1932 veröffentlichte er hellsichtig die Sätze: „Nationalsozialismus bedeutet Feindschaft mit den benachbarten Nationen, Gewaltherrschaft im Inneren, Bürgerkrieg, Völkerkrieg. Nationalsozialismus heißt Lüge, Hass, Brudermord und grenzenlose Not.“ Hitler soll Gerlichs Blatt „Der gerade Weg“ auf dem Schreibtisch gehabt haben und drohte dem Autor bei einer Rede im Zirkus Krone: „Den Fehdehandschuh, den Gerlich uns hingeworfen hat, nehmen wir auf.“

Bereits kurz nach Hitlers Machtübernahme stürmte am 9. März 1933 die SA Gerlichs Redaktionsräume und brachte ihn ins Münchener Polizeipräsidium, ohne Gerichtsverhandlung und Rechtsbeistand, hier wurde er gefoltert. Ein Jahr später transportierte man ihn im Rahmen des Röhm-Putsches ins KZ Dachau. Dort wurde er am 1. Juli 1934 erschossen, seine Leiche verbrannt. Auf ein wenig später in der Münchener Benediktinerabtei St. Bonifaz gehaltenes Requiem durfte öffentlich nicht hingewiesen werden.

Fritz Gerlich hatte sein Schicksal geahnt und am 2. August 1931 im „Illustrierten Sonntag“ geschrieben: „Aber unser Herr und Heiland Jesus Christus wird dem Manne, der wegen der offenen Aussprache seiner Überzeugung mit dem Strick um den Hals eines Tages zum letzten Urteil vor ihn hintritt, sicher vieles verzeihen.“

Zusammen mit Gerlich wurde der Seligsprechungsprozess für den Religionsphilosophen Romano Guardini (1885–1968) eröffnet, der von 1923 bis 1939 Professor in Breslau und Berlin war.

Norbert Matern (KK)

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