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Ausgaben: Ausgabe 1370.

Silesifizierung eines Preußenadlers

Mit der Restauration des neugotischen Kattowitzer Parlamentssaales vergewissert sich die dortige Musikakademie schlesischer Bautradition

Kattowitz hat eine Attraktion mehr: Nach zweijähriger Sanierung wurde am 4. April der Konzertsaal in der Kattowitzer Musikakademie (Akademia Muzyczna w Katowicach) wiedereröffnet. In perfekter Abstimmung mit der neu installierten Orgel wird der Saal den höchsten Erwartungen an die Akustik gerecht.

Die Renovierungsarbeiten dauerten zwei Jahre und kosteten über 10,6 Millionen Zloty. seite-05-kk1370„Der größte Anteil stammt aus EU-Mitteln und den Norwegischen Fonds. Neben der umfassenden Renovierung des Konzertsaals im 2. Stockwerk, der Bolesław-Szabelski-Aula, wurden auch Dacharbeiten und ein Austausch der Fenster durchgeführt“, erklärt Katarzyna Plesniak, die Kanzlerin der Kattowitzer Musikakademie. Der Prachtsaal in der Kattowitzer Karol-Szymanowski-Musikakademie bietet Platz für 145 Konzertbesucher – steht allerdings nur Veranstaltungen der Musikakademie offen.

Der neu eröffnete Konzertsaal blickt auf eine abwechslungsreiche Geschichte zurück: Nach der Teilung Oberschlesiens 1922 fiel Kattowitz an Polen und wurde Woiwodschaftshauptstadt. Das Gebäude, das heute die Musikakademie beherbergt, wurde zum Sitz des neu geschaffenen Schlesischen Parlaments (Sejm Slaski) der Autonomen Woiwodschaft Schlesien und der heutige Konzertsaal zum Sitzungssaal des Parlaments. Nach dem Umzug des Sejms 1929 in das neu gebaute Parlamentsgebäude übernahmen die Musiker das Gebäude. Zunächst wurde hier ein Musikkonservatorium, dann eine Musikakademie eingerichtet. Aus der letzteren gingen viele namhafte Künstler von Weltrang hervor: der Komponist Henryk Mikołaj Górecki, der Pianist und Komponist Wojciech Kilar oder der Pianist Krystian Zimerman.

2013 hält im Rahmen einer Vortragsreihe die renommierte Kunsthistorikerin Professor Ewa Chojecka (Kattowitz) ein Referat über die Geschichte des neugotischen Gebäudes. Sie legt einige Fotos von Sitzungen des Schlesischen Parlaments vor: Auf den Wänden sind Wandmalereien erkennbar, die zu diesem Zeitpunkt nur noch bruchstückhaft vorhanden sind. Die Kunsthistorikerin schlägt eine Rekonstruktion des Raums und der Wandmalereien vor. „Kattowitz entwickelte sich damals im rasanten Tempo, und es wurden dringend Fachleute im Baugewerbe wie Maurer, Tischler, Dachdecker, Bautechniker usw. benötigt. Deshalb entscheiden die Kattowitzer Ratsherren 1899 eine so genannte Baugewerkschule zu bauen“, erklärt Professor Chojecka.

Baugewerkschulen wurden in Deutschland ab der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts als Ausbildungsstätte für Bautechniker und Architekten gegründet. Sie sind meist die Vorläufer der heutigen Fachhochschulen bzw. Technischer Hochschulen mit Fachrichtungen des Bauwesens und der Architektur. „Nach zwei Jahren Bauzeit wurde am 20. Mai 1901 die Kattowitzer Baugewerkschule feierlich eröffnet, allerdings ist die Schulaula bis dahin noch nicht fertiggestellt“, erklärt Professor Chojecka weiter. Somit war es schwer, den Zeitpunkt der Eröffnung und die Ausstattung des Saals zu ermitteln.

Erst ein Aufsatz von Hermann Reuffurth in „Oberschlesien. Zeitschrift zur Pflege der Kenntnis und Vertretung der Interessen Oberschlesiens“ vom Juni 1905 gibt darüber Aufschluss. Während das Breslauer Rathaus und die Stadtwaage in Neisse (Nysa) auf den Fotos gut zu sehen sind, ist auf der Ostseite der Aula lediglich die Darstellung der Heiligen Hedwig zu erkennen sowie zu ihren Füßen ein Architekt mit Bauskizzen in der Hand und ein Maurer mit Kelle und Winkel. Reuffurth liefert nun Einzelheiten zu den anderen beiden Darstellungen: „Es ist das Piastenschloss in Oels (Olesnica) sowie die Schrotholzkirche in Mikultschütz (Mikulczyce), und zwar noch an ihrem alten Standort, bevor sie nach Beuthen (Bytom) verlegt wurde. Die Auftraggeber wollten die bedeutendsten Werke schlesischer Baukunst aufzeigen, die gemäß dem Geiste des Historismus nachzuahmen waren“, so Professor Chojecka.

Hermann Reuffurth gibt ebenfalls Aufschluss über den unbekannten Schöpfer der seite-07-kk1370Wandmalereien, dessen Name auf den alten Fotos nur bruchstückhaft als „E…oell…“ zu entziffern ist: Es ist der Breslauer Künstler Emil Noellner. 1847 in Freudenstadt geboren, studierte Noellner an den Technischen Hochschulen in Hannover, Düsseldorf und Berlin und war Architekt und Dekorationsmaler zugleich. Noellner malte unter anderem den Moskowitersaal im Schloss von Königsberg, den Audienzsaal im Rathaus von Lübeck und die Sitzungssäle im Breslauer Rathaus aus; in Kynsburg (Zamek Grodno) bei Waldenburg wurde er mit der Rekonstruktion der Sgraffiti beauftragt, die im Zuge der umfangreichen Sanierungs- und Konservierungs-maßnahmen nach 1868 von den Herren von Zedlitz-Neukirch in Auftrag gegeben wurden. 1906 fertigte Noellner das gemalte Panorama des Neuen Marktes in Breslau in der dortigen Kaufhalle von Pluddemann. In der St. Michaelskirche in Breslau, aber auch in zahlreichen anderen Kirchen in Breslau und im übrigen Schlesien war er für die Innenausstattung verantwortlich. Nach Kenntnis von Professor Chojecka ist das Noellner-Werk in Kattowitz das einzig erhaltene in Schlesien.

Über der Darstellung der heiligen Hedwig erhebt sich ein Adler mit ausgebreiteten Flügeln. „Wir gehen davon aus, dass es ein schwarzer, also ein preußischer Adler war. Nachdem die Aula zum Plenarsaal des Schlesischen Parlaments wurde, bekam der Adler ein weißes Gefieder“, erklärte die Kunsthistorikerin. Doch nichts von dem allem ist heute zu sehen, denn das Gemälde wird von der neuen, in Slowenien (Anton Škrabel, Rogaška Slatina) gebauten Orgel verdeckt.

Johannes Rasim (KK)

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