Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1223.

Später Nachruf auf den „Verlorenen“

Hans-Ulrich Treichel, der seinem auf der Flucht umgekommenen Bruder einen Roman gewidmet hat, erhält den Eichendorff-Literaturpreis

Nach Uwe Grüning, der 2005 ausgezeichnet wurde, erhält der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel den diesjährigen Eichendorff-Literaturpreis. Das teilte die Gesellschaft für Literatur und Kunst „Der Osten“ in Wangen im Allgäu mit. Die Auszeichnung ist mit 5000 Euro dotiert und wird bei den 56. Wangener Gesprächen am 24. September überreicht. Diese Tagungen veranstaltet der Wangener Kreis in Verbindung mit der Stiftung Kulturwerk Schlesien und der Stadt Wangen im Allgäu.

Entstanden aus der Tradition des Oberschlesischen Joseph Freiherr von Eichendorff-Preises, war er zunächst mit einem kleinen Geldbetrag dotiert und wurde bescheiden Taugenichts-Reise-Stipendium genannt. Mit diesem Literaturpreis sollte u.a. die Aufmerksamkeit auf Schriftsteller gelenkt werden, die aus Schlesien kommen oder sich intensiv mit schlesischer Kultur beschäftigen.

Der 1952 im westfälischen Versmold geborene Treichel ist seit 1995 Professor am Deutschen Literaturinstitut der Universität Leipzig. Die Jury hob vor allem sein lyrisches Schaffen sowie die Romane „Der Verlorene“ und „Menschenflug“ hervor. In dem Roman „Der Verlorene“ verarbeitet er unter anderem den Verlust des älteren Bruders auf der Flucht aus den Ostgebieten gegen Ende des Zweiten Weltkrieges und die traumatischen Erlebnisse der Eltern, die sich auch auf seine Kindheit auswirkten.

Treichel studierte Germanistik an der Freien Universität Berlin und promovierte 1984 mit einer Arbeit über Wolfgang Koeppen. Er war Lektor für deutsche Sprache an der Universität Salerno und an der Scuola Normale Superiore Pisa. Von 1985 bis 1991 war er Wissenschaftlicher Mitarbeiter für Neuere Deutsche Literatur an der FU Berlin und habilitierte sich 1993. Zuletzt erhielt er den Karlsruher Hermann-Hesse-Preis.

Der Eichendorff-Literaturpreis wird seit 1956 vergeben. Der Wangener Kreis – Gesellschaft für Literatur und Kunst Der Osten e.V. wurde 1950 in Wangen im Allgäu als Zufluchtsstätte für schlesische Künstler und Gelehrte gegründet. Der schwäbische Buchhändler Claus Ritter hatte bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs nicht nur erfolgreich seine Buchhandlung in Oppeln in Oberschlesien geführt, sondern auch gemeinsam mit dem Studienrat Willibald Köhler das literarische Leben der Stadt geprägt. Köhler hatte bereits in Neisse, dem Sterbeort Eichendorffs, das dortige Eichendorff-Archiv aufgebaut und betreut und konnte einen großen Teil der Unterlagen bei seiner Vertreibung mitnehmen.

In Wangen plante Ritter zusammen mit Köhler bereits 1946, schlesische Schriftsteller und Künstler, die durch die Vertreibung während und nach dem Zweiten Weltkrieg ihren geistigen Mittelpunkt verloren hatten, zusammenzuführen. Sogar eine Künstlersiedlung und eine Werkstatt für bildende Künstler sollten im Allgäu entstehen.

Im Jahre 1950 kamen die Gründungsmitglieder der Vereinigung mit einem erweiterten Freundeskreis zusammen, und bereits 1951 trat der Wangener Kreis an die Öffentlichkeit. Die Stadt und der damalige Landkreis Wangen unterstützten die Pläne großzügig. So entstanden mit ihrer Hilfe im Laufe der Jahre das Eichendorff-Museum, das Gustav-Freytag-Archiv, das Hermann-Stehr-Archiv und einige Ateliers und Künstlerhäuser.
Von Anbeginn hatte es sich der Wangener Kreis zur Aufgabe gemacht, schlesische Kultur und Geschichte zu bewahren, zu fördern und zu deuten und dies immer im Zusammenhang mit ostdeutscher, gesamtdeutscher und europäischer Geschichte zu tun. Dazu etablierte die Vereinigung bereits 1950 die Wangener Gespräche als jährliche Tagung, die „dem besonderen Verständnis der einstigen slawischen Nachbarn und der Versöhnung mit dem jüdischen Volk“ dienen sollte.

Preisträger waren unter anderem Günter de Bruyn, Wulf Kirsten, Peter Härtling und Reiner Kunze. 2002 wurde mit der Polin Urszula Koziol erstmals eine ausländische Schriftstellerin geehrt.

Michael Ferber (KK)

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