Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1385.

Typen und Topoi

Sonderausstellung „Typisch schlesisch!?“ in Königswinter

„Typisch schlesisch!?“ Der Titel der neuen Sonderausstellung im Haus Schlesien von Königswinter-Heisterbacherrott hat es in sich. Wie Helmut Herles, Chefredakteur a. D. des Bonner „General-Anzeigers“, bei der Vernissage betonte, passen das Ausrufezeichen und das Fragezeichen bestens zum Inhalt der Präsentation. Hinzu kommt der Untertitel „Regionalbewusstsein und schlesische Identitäten“, der vorab als eine mögliche Antwort auf die vielen Fragen gilt, die diese Thematik aufwirft. „Was ist wirklich typisch schlesisch oder was fungiert nur als Klischee?“ „Ist es der Mohnkuchen und die Wellwurst, oder doch eher die Schneekoppe und Rübezahl, die das Schlesische ausmachen?“ Weniger kulinarisch, doch eher intellektuell betrachtet, findet auch die viel gerühmte „Schlesische Toleranz“ ihren gebührenden Platz.

Wichtig ist übrigens auch herauszufinden, ob sich jeder, der in Schlesien geboren wurde oder heute dort lebt, mit der Region identifiziert. Wichtig sind auch die Kernfragen: „Wo ist Schlesien?“ sowie „Wer ist Schlesier und was macht ihn dazu?“
Um all diesen und vielen weiteren Fragen Rechnung zu tragen, hat die Ausstellungskuratorin Silke Findeisen Facetten des typisch Schlesischen aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtet. Informative Bild- und Texttafeln, verschiedene Exponate aus den hauseigenen Sammlungen sowie eine Hörstation und ein Mitmach-Tisch geben den Besuchern die Möglichkeit, sich mit dem Thema intensiv auseinanderzusetzen. Die Ausstellungsstücke zeigen, was alles schlesisch ist oder sein kann, wer sich als Schlesier fühlt oder fühlen könnte und welche Rolle die regionale Herkunft wie auch der Wohnort für die eigene Identität spielen können.

Ebenso emblematisch wie die selbstsprechende Vereinsfahne auf der gegenüberliegenden Seite, allerdings am Gegenpol all der Topoi, die man als „typisch schlesisch“ rubriziert, ist die Erinnerung an den Weberaufstand, dessen Käthe Kollwitz in einem Zyklus verzweifelt liebevoll gedacht hat
Bild S. 12: der Autor;
Bild S. 13 siehe S. 23

Bei der Vernissage betonte Prof. Dr. Michael Pietsch, Präsident des Vereins Haus Schlesien, dass die Frage nach der eigenen Identität jeden von uns, über das ganze Leben hinweg, verfolgt. Antworten gibt es viele. Auf der Suche nach identitätsstiftenden Aspekten für die Schlesier von früher und heute stellt sich heraus, dass zwar die globale Welt häufig das Typische verwischt, aber dennoch die statische Landschaft erhalten bleibt. Nicola Remig, Leiterin des Dokumentations- und Informationszentrums, erinnerte in ihrer Ansprache an die bisherigen Ausstellungen des Hauses. Die aktuelle Schau stelle eine weitere Stufe dar, die nicht nur das Schicksal der Vertriebenen einbezieht, sondern auch die heute in Schlesien lebenden Menschen zu Wort kommen lässt.

Die musikalische Begleitung der Ausstellungseröffnung im Eichendorff-Saal hatte Hubert Vendel aus Köln übernommen, der am Gerhart-Hauptmann-Flügel des Hauses Improvisationen zu Liedern aus Schlesien bot. Bei bekannten Liedern wie etwa „Und in dem Schneegebirge“ aus der Glatzer Region und „Glückauf, Glückauf, der Steiger kommt“ aus Oberschlesien war Mitsingen angesagt.

Um den Besuchern möglichst viele unterschiedliche Perspektiven zu bieten, verlegte man sich auf die Zusammenarbeit mit polnischen Partnerinstitutionen. Als Kooperationspartner konnten das Muzeum Karkonoskie (Riesengebirgsmuseum) in Hirschberg, das Muzeum Ziemi Lubuskiej (Museum des Lebuser Landes) in Grünberg, das Muzeum Powiatowe (Kreismuseum) in Neisse, das Muzeum Ziemi Prudnickiej (Museum des Neustädter Landes) in Neustadt und das Muzeum Powstan Slaskich (Museum der schlesischen Aufstände) in Schwientochlowitz gewonnen werden. Zur Ausstellung, die vom Land Nordrhein-Westfalen finanziell gefördert wird, ist eine zweisprachige Begleitbroschüre erschienen, die im Haus Schlesien zum Preis von 5 Euro zu erwerben ist.

Das Ziel der Ausstellung ist, Denkanstöße zu bieten und sich nicht zuletzt auch mit der Frage auseinanderzusetzen, inwieweit die Bewohner Schlesiens sich „ihrer Region“ zugehörig fühlten und fühlen. Eingegangen wird auch auf Klischees, Meinungen und Vorurteile, politische und kulturelle Identitäten, die Gemeinsamkeiten und die Unterschiede zwischen „alten“ und „neuen“ Schlesiern aufzeigen. Die zweisprachige Ausstellung verfolgt mit dem binationalen Ansatz die Absicht, in Deutschland bzw. Polen die Sichtweise der jeweils Anderen zu verdeutlichen und somit zur Verständigung beizutragen.

Von des Pankratius Vulturinus Charakterisierung der Schlesier als „heiteren Gemüts“ und „voller Liebe zur Heimat“ über Goethes „zehnfach interessante[s] Land, […] das ein sonderbar schönes, sinnliches und begreifliches Ganzes macht“, von der viel gerühmten „Schlesischen Toleranz“ und der oft zitierten „Schlesischen Brückenlandschaft“ bis hin zur „Euroregion Schlesien“ vermitteln solche Beschreibungen und Schlagworte den Eindruck einer klar umgrenzten Region, eines einheitlichen Charakters seiner Bewohner und eines kollektiven regionalen Zugehörigkeitsgefühls.

Die Sonderausstellung „Typisch schlesisch!?“ ist im Haus Schlesien von Königswinter-Heisterbacherrott bis Ende Februar 2018 zu besichtigen. Bis dahin ist ein breit gefächertes Begleitprogramm mit öffentlichen Führungen, Lesungen und einer Tagung geplant.

D. G. (KK)

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