Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1390.

Verfasser wider die Menschlichkeit

Ilya Ehrenburg im Licht eines Buches von Joshua Rubenstein

Die Welt ist kein geordnetes Pfeifenregal. Ilya Ehrenburg vor seiner Schreibmaschine, deren Klappern zeitweilig mit dem Knattern der Kalaschnikows einhergegangen ist
Bild: Wikimedia Commons

Mit dem Namen Ehrenburg verbinden deutsche Vertriebene die schrecklichen Ereignisse beim Einmarsch der Roten Armee in Ostpreußen und die furchtbaren Erlebnisse der deutschen Zivilbevölkerung im Osten Deutschlands. Bei einem Vortrag im Düsseldorfer Gerhart-Hauptmann-Haus wurde vor kurzem behauptet, es sei nicht nachweisbar, dass Ilya Ehrenburg der Verfasser eines immer wieder zitierten Aufrufs zur Rache für die Verbrechen der Wehrmacht im Krieg gegen Russland gewesen sei. Das Original dieses Dokuments sei zudem nicht auffindbar.

Wie man dem Buch „Tangled Loyalties“ von Joshua Rubenstein über das Leben dieses Mannes entnehmen kann, das 1996 in London und New York in englischer Sprache veröffentlicht wurde, war er zweifellos über Jahrzehnte in Kriegs- und Friedenszeiten Journalist und Schriftsteller, der sich zwischen Moskau, Berlin und Paris bewegte und mit seinen Artikeln und Büchern als Propagandist im Dienste der Sowjetunion Einfluss nahm.

Als sowjetischer Korrespondent der „Iswestija“ schrieb er über den Spanischen Bürgerkrieg, half in Frankreich spanischen Republikflüchtlingen und konnte das Land nach dem deutschen Einmarsch mit sowjetischem Botschaftspersonal über Berlin verlassen. Der Hitler-Stalin-Pakt im August 1939 stürzt ihn in eine tiefe Krise.

Über seine Erfahrungen schreibt er die Novelle „Der Fall von Paris“, für deren Publikation er Stalins Erlaubnis erhält. Den deutsch-sowjetischen Krieg verfolgt und kommentiert er als Korrespondent der „Krasnaya Zvezda“ (Roter Stern), seine Artikel werden in der Roten Armee mit großer Begeisterung gelesen. In diesen finden sich extreme Formulierungen und Appelle, die leider in den jahrelangen Kämpfen zur Wirklichkeit wurden.

Über die Eroberung Kiews schreibt er: „Das Blut des Feindes abwaschen. Kiew wird wie der Phönix aus der Asche“ auferstehen. „Wir verstehen nun, dass die Deutschen nicht menschlich sind …“ Es folgen am 24. Juli 1942 in der genannten Zeitung Aufforderungen zur schonungslosen Tötung in alttestamentarischen Wendungen. Englisch zitierte ihn Rubenstein folgendermaßen: „If you have killed one German, kill another“ … Der sowjetische Offizier Lew Kopelew, wie Ehrenburg jüdischer Abstammung, übte Kritik an Ehrenburg und wird deswegen und wegen „Mitleids mit dem Feind“ im April 1945 verhaftet.

Die hier auszugsweise wiedergegebenen Äußerungen bezeugen ähnliche Hass- und Rachegedanken wie in dem später vielfach zitierten Aufruf.

Rubenstein schildert das Leben Ehrenburgs (bis zu dessen Tod im Jahre 1967) in großer Objektivität und stellt auch seinen zeitweisen Widerstand gegen Stalinsche Zumutungen heraus. Ehrenburg wurde zweifellos benutzt und protegiert, wenn es dem Ansehen der Sowjetunion diente, er erhielt den Stalin-Preis, den Lenin-Orden und war bis zu seinem Tode Abgeordneter im Nationalitätenkongress. Nach 1945 war er für die „Friedensfreude“ und „Friedenskongresse“ – einer fand 1948 im gerade polnisch besetzten Breslau statt – tätig. Mit seinem Buch „Tauwetter“ gab er der beginnenden Entstalinisierung einen heute noch gängigen Namen.

Seine Rolle blieb bei vielen Zeitgenossen in Politik, Gesellschaft und Literatur umstritten, er war verstrickt in ein mörderisches System, fand aber aus Angst um sein eigenes Leben nicht den Mut, daraus auszubrechen. Er war Täter, Mitschuldiger und Opfer zugleich, seine Willfährigkeit war der Preis für sein Überleben.

Rüdiger Goldmann (KK)

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