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Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1388.

Verheerungen und Versehrungen – ungezählt

Und Erfahrungen vom Ankommen: Tagung des BdV-Frauenverbandes

Über dem Bild und im Bild wabert der Rauch der Geschichte, in der es ja meistens brennt. Der spätbarocke Giebel des donauschwäbischen Hauses ist nur noch ein finsterer Fleck: Sebastian Leicht, Der Fluchtwagen
Bilder: Haus der
Geschichte

Dr. Maria Werthan, die Präsidentin des Frauenverbandes im Bund der Vertriebenen e. V., leitete und moderierte die Internationale Begegnungstagung „Angekommen im Westen nach 1945“ in der Politischen Bildungsstätte Helmstedt. Den Teilnehmern wurde ein breitgefächertes Spektrum geboten: detaillierter Unterricht in jüngster Geschichte und Einblicke in persönliche Schicksale.

Bei der Aufarbeitung des Kriegs- und Vertreibungstraumas hat der Frauenverband bisher entscheidend mitgewirkt. Seit dem Jahr 2000 fanden 25 Tagungen zu diesem Thema statt, und allein der Tagungsband 2016 enthält unter dem Titel „Krieg kerbt Frauen- und Kinderseelen“ zehn Beiträge über Gewalterfahrungen und psychische Verletzungen.

Die Tagungsleiterin, unterstützt von Sybille Dreher, der stellvertretenden Präsidentin des Frauenverbandes, benannte in ihrer Einführung den Schwerpunkt des Seminars. Eine Bestandsaufnahme von „Erfahrungen vom Ankommen“ sei das Ziel. Die Vertreibungen seit 1945, ob „wild“ oder „geregelt“ – wurden für die Opfer zu einem traumatischen Schicksal, ob es sich nun um Flüchtlinge, Aussiedler oder Spätaussiedler handelte. Der Mensch wird aus seiner Umwelt herausgerissen „wie eine Blume aus dem Biotop“, so Werthan. Er muss anderswo neue Wurzeln schlagen. Diesen Erfahrungen sollte die Tagung Raum geben, damit sie sich in das kollektive Gedächtnis eingraben.

Nun ging es um die Ankunft der Vertriebenen in einer neuen Umgebung, und bei den einzelnen Referaten wurde deutlich, wie unterschiedlich die Bedingungen und Belastungen waren, mit denen die „Flüchtlinge“ oder „Umsiedler“ oder „Neubürger“ konfrontiert wurden. „Neubürger“ waren sie nämlich bis 1950 in der SBZ und DDR, in der sie sich nicht als Heimatvertriebene bezeichnen durften. Der Journalist Gerald Christopeit erläuterte in seinem Referat „Die 4 Millionen Vertriebenen in der SBZ/DDR – Besonderheiten in ihrer Ankunft und Aufnahme im Vergleich zu den Westzonen“ eine Politik, die das Vertreibungsschicksal umbenannte und umdeutete und die Erinnerung an den deutschen Osten auslöschen wollte. Das ging so weit, dass der Gebrauch der deutschen Orts- und Provinznamen zum Straftatbestand wurde. Jedwede landsmannschaftliche Identitätssuche oder gar Organisation war von vornherein verboten. Andererseits, so der Referent, bot die klassenlose Gesellschaft in der DDR den Vertriebenen aus unteren Schichten Aufstiegsmöglichkeiten, die sie in ihrem Herkunftsland vielleicht nicht gehabt hätten.

Wilhelmine Schnichels, Anglistin und Historikerin, schilderte „Das Schicksal der Frauen und Kinder in den Zeiten des Krieges und in der Nachkriegszeit“. Detailliert legte sie dar, dass Deutschland nach der Kapitulation 1945 kein Staatswesen mehr war und dass die Siegermächte alle als Rächer in Erscheinung getreten sind. Es wurde geplündert, demontiert und vergewaltigt. Stalin habe eine Destabilisierung des Westens angestrebt in der Hoffnung, dadurch die Menschen für den Kommunismus zu gewinnen, so die Referentin. Der Marshall-Plan 1947 habe den Interessen der USA gedient, sich Absatzmärkte zu schaffen, der „Mythos des Retters“ sei somit hinfällig.

Besonders die Frauen waren die Leidtragenden. Zu den schlechten Aufnahmebedingungen und rudimentären Wohnverhältnissen, insbesondere für die Vertriebenen, kam, dass die Frauen keine gesetzliche Hilfe fanden. Der Paragraph 218 blieb bestehen, auch für die Vergewaltigungsopfer, die oft nur im Selbstmord einen Ausweg sahen, mit dem Schicksal besonders der farbigen Besatzungskinder waren die Frauen erst recht alleingelassen und ausgegrenzt. Die Referentin fand bei ihrer japanischen Kollegin Dr. Mariko Fuchs ein vergleichbares Thema vor: „Das Schicksal der in die Mandschurei eingewanderten Japanerinnen – Kriegszeit, Nachkriegszeit und Gegenwart“. Von 1936 bis 1945 wurde die Einwanderung in die Mandschurei von Seiten Japans forciert, nach 1946 erfolgte eine Rückkehr nach Japan, wo die seinerzeit „Ausgewanderten“ nicht mehr willkommen waren. In China waren japanische Kinder zurückgelassen worden, Mütter und Schwangere sahen nur noch im Selbstmord eine Lösung.

Der Historiker und Germanist Dr. Peter Wassertheurer stellte „Die Heimatvertriebenen in Österreich 1944/45“ vor und bot einen erschütternden Einblick in deren Schicksal. 1945 war Österreich ebenso wie Deutschland zerbombt und in vier Besatzungszonen eingeteilt. NS-Zwangsarbeiter aus mehreren Nationen verstärkten die Probleme, und dann kamen Deutsche aus dem Sudetenland, aus dem südmährischen Raum, Karpatendeutsche und Südtiroler. Sie alle waren bis 1954 in Österreich staatenlos. Durch Mittel aus dem Marshall-Plan gab es für die Volksdeutschen erst 1954 eine rechtliche Gleichstellung.

Opfer des Krieges waren auch die Deutschen aus Russland, und gerade sie mussten lange um die Anerkennung als Kriegsopfer kämpfen.

Das erfuhren die Tagungsteilnehmer aus dem Vortrag des Historikers Dr. Viktor Krieger: „Ein weiter Weg: Vom russischen Kolonisten zum Bundesbürger“. Die bestens in Russland integrierten Deutschen wurden von den Bolschewiken bereits 1917 in Bedrängnis gebracht, bis dann die Verfolgung durch Stalin 1941 im Verlust der Bürgerrechte und in Enteignungen und Deportationen gipfelte. Erst mit der Perestroika wurden diese Menschen als politische Opfer anerkannt. Der Referent ging besonders auf die Hindernisse ein, die bei der Übersiedlung in die BRD aufgerichtet wurden.

Deutschkenntnisse wurden verlangt, es gab ein Wohnortszuweisungsgesetz und eine Einreisebeschränkung auf 6000 Personen pro Jahr. Diese Erfahrungen bewirken bei den vorbildlich integrierten Deutschen aus Russland angesichts der unbeschränkten Aufnahme von Flüchtlingen aus dem Orient und aus Nordafrika heute einigen Unmut.
Die Katastrophen und Umwälzungen des 20. Jahrhunderts prägen bis heute Lebensläufe und Biographien. Irgendwo neu anfangen zu müssen, sich in eine neue Umgebung einfinden zu müssen – vor diese Aufgabe sahen sich Erwachsene und Kinder immer wieder gestellt.

„Pimmocken?“ Eindrucksvoll herbe Illustration von Armin Münch zu einer Erzählung des DDR-Schriftstellers Franz Fühmann

Der Schriftsteller Franz Heinz schilderte seinen Weg aus dem Banat und Rumänien in die Bundesrepublik und seinen Besuch in der Kindheitswelt nach Jahrzehnten. Der Filmregisseur Michael Majerski stellte seine polnisch-deutsche Biographie vor und fasste seine Identität und sein künstlerisches Schaffen zusammen unter dem Bekenntnis: „Ich bin Schlesier!“ Die Schriftstellerin Jenny Schon las aus ihrer letzten Veröffentlichung „Halbstark“, in der sie die Ankunft eines kleinen Mädchens, das mit der Mutter aus Trautenau vertrieben wurde, im Rheinland schildert. Willkommen waren die „Pimmocken“ nicht, schon gar nicht in der schwierigen Nachkriegszeit, und so wurden Kindheit und Jugend eine Zeit der Entbehrungen und des Kampfes.

Fast ein halbes Jahrhundert später reist ein achtjähriges Mädchen mit der Familie „aus Polen“ in die Bundesrepublik. „Aussiedler“ sind es, die „im Westen“ ihr Glück suchen. Das kleine Mädchen erwartet die „neue Welt“ mit Spannung und erlebt die Übersiedlung als großes Abenteuer. „Sitzen vier Polen im Auto“, so der Titel des Buches von Alexandra Tober, Jahrgang 1981. Die Autorin, Soziologin und Kunsthistorikerin, ist in der neuen Heimat längst fest verwurzelt und stellte ihre Biographie vor.

Die Germanistin Dr. Bärbel Beutner ist dagegen eine „Altvertriebene“, obwohl sie bei der Flucht aus Ostpreußen 1945 ein Baby war. Die verlorene Heimat blieb eine unveränderbare Hypothek für die Familie, die in Nordrhein-Westfalen landete. „Wir sind nicht von hier!“ Mit diesem Satz wuchs die Referentin auf, und so lautete der Titel ihres Vortrages. Sie löste das „Heimatproblem“, indem sie die alte Heimat in ihr Leben hineinholte. Seit der Öffnung des nördlichen Ostpreußens, der Kaliningrader Oblast 1991 fährt sie ständig dorthin und ist im Dorf ihrer Eltern und Großeltern ebenso zuhause wie im Westen.

Bärbel Beutner (KK)

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