Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1385.

Verloren geglaubter Glaube

Das Christentum hat in den osteuropäischen Ländern und Völkern überwintert und erlebt einen neuen Frühling

Zages Zeichen, im böhmischen Herbstwald fotografiert von Monika Fischer. Mittlerweile zeigt die Kirche im östlichen Europa prägnante Präsenz
Bild: KünstlerGilde

Am 12. Juli 2017 harrten anderthalb Millionen Petersburger in strömendem Regen aus, um die Heimkehr der sterblichen Überreste des „Wundertäters“ Nikolaj zu erleben. Der Byzantiner Nikolaj (um 260 bis 342) war Russlands beliebtester Heiliger, auch der Liebling aller Kinder, die von ihm Geschenke erwarten. Seine größten Verehrer waren die Seeleute, die im Mai 1087 seine Gebeine aus dem kleinasiatischen Myra (Demre) ins italienische Bari überführten, wo sie 930 Jahre lang in einer von Russen erbauten Kathedrale ruhten. 1998 vereinbarten Bari und das Moskauer Patriarchat die Einrichtung einer russischen „Filiale“, über die jetzt die Heimholung Nikolajs ablief – in zwei Etappen: Ende Mai kam Nikolajs Sarkophag nach Moskau, Mitte Juli nach Sankt Petersburg. Bari war’s zufrieden, obwohl ihm ungezählte russische Pilger abhandenkommen.

Nikolajs Odyssee passt in die Entwicklung des Ostens, wo man im Zeichen des Kreuzes zu nationalkulturellen Anfängen zurückfindet. Im Jahre 988 betrieb Fürst Vladimir die Christianisierung Russlands. Als im 12. Jahrhundert der Mongolensturm und ab dem 14. Jahrhundert die Osmanenherrschaft über die Slawen kamen, fanden diese Halt bei der eigenen Familie und Kirche. Orthodoxe Kirchen sind per se Nationalkirchen, wo Gottesdienste in den Landessprachen stattfinden. Aus frühen Mönchszellen kamen die „Zellenschulen“, die ersten Formen nationaler Bildungswerke. Die Rolle der Kirche als Bewahrerin der Kultur ist nicht einmal zu Zeiten des stalinistischen „wissenschaftlichen Atheismus“ vergessen worden, wie z. B. die Werke des bulgarischen Soziologen Nikolaj Misov bezeugen. Offiziell war er Chefideologe des Atheismus, dabei ein listiger Verteidiger der Kirche und ihrer Gläubigen, zudem Mit-Urheber jenes Paradoxons, das den Kommunisten die Ruhe raubte: Kirche ist zwar Opposition, aber sie ist legal – Kirche ist legal, darf folglich auch Opposition sein.

Der „polnische Papst“ Johannes Paul II. hat die Rolle von Religion und Kirche schon 1985 betont, als er die Slawenapostel Kyrill und Method zu „Patronen Europas“ erhob. Die beiden Brüder, Slawen aus Thessaloniki und orthodoxe Mönche, schufen um 860 das slawische Alphabet der „Glagoliza“ und wurden so zu Begründern der slawischen Schriftkultur. Diese klobige Schrift wurde um 890 durch die einfachere und hübschere „Kyrilliza“ ersetzt, benannt zu Ehren Kyrills, der 869 gestorben war. Kyrill und Method hatten fünf Schüler, unter ihnen die Makedonen Kliment und Naum, um 900 Gründungsväter der Makedonischen Orthodoxen Kirche. Erst im frühen 13. Jahrhundert schuf der Heilige Sava die Serbische Orthodoxe Kirche, doch behaupten Serben unbeirrt, ihre Kirche sei die „Mutter“, der sich die makedonische „Tochter“ unterzuordnen habe. Gegen diese geschichtsklitternde Sicht war selbst Marschall Tito machtlos, und alle orthodoxen Kirchen teilten sie.

Geistliche waren die ersten Lehrer der Slawen, aber nicht alle Geistlichen waren Geistesgrößen. Osteuropäische Autoren wie der Makedone Shivko Tschingo, der Tscheche Jaroslav Hasek, der Bulgare Aleko Konstantinov etc. haben die „Popen“ ihrer Heimat mit mildem Spott übergossen, allen voran die Serben Branislav Nusic und Petar Kocic. Der Deutsche Roda Roda (Alexander Rosenfeld), unübertroffener Literaturmittler zwischen Deutschen und Südslawen, hat sie brillant übersetzt. Wer Land und Leute vom Balkan kennen und lieben lernen möchte, muss Rodas kongeniale Übersetzungen von Kocics Geschichten über Bruder Simeon lesen, die alle im serbischen Teil Bosniens spielen, und er wird einmal mehr das Unglück der gottlosen Bürgerkriege aus jüngster Zeit beklagen.

Im 20. Jahrhundert war Stalin der schlimmste Religionshasser, der seit 1922 Kirchen beraubte und zerstörte und Priester verbannte und ermordete. Spätestens am 1. Mai 1937 sollte in Russland jede Spur von Religion getilgt sein. Daraus wurde zum Glück nichts, und als Hitler am 22. Juni 1941 die Sowjetunion überfiel, warf Stalin das Ruder radikal herum. Frühere „Genossen“ redete er nun kirchlich mit „Brüder und Schwestern“ an, geschlossene Kirchen und Klöster wurden wieder geöffnet, Hunderte inhaftierte Geistliche freigelassen, Schlägergarden wie der „Verband militanter Atheisten“ aufgelöst. Fiel Stalin wieder ein, dass er im Jahrzehnt 1889 bis 1899 Musterschüler der geistlichen Seminare im georgischen Gori und Tiflis gewesen war? Später bekundete sein Enkel Aleksandr Burdonskij, dass Stalin bei einem Popen gebeichtet habe. Immerhin schloss er am 4. September 1943 mit der Kirchenführung einen Vertrag, der die schlimmsten Folgen seiner Religionsfeindschaft beseitigte, nicht aber die Kirchenspaltung in Moskauer Patriarchat und Auslandskirche.

Auch zu Zeiten des Stalin-Terrors gab es immer Rückzugsgebiete, in denen die Kirche relativ ungestört blieb, anderenfalls wäre der Weltall-Pionier Jurij Gagarin 1934 nicht getauft worden. Er und andere „Kosmonauten“ wurden auf ihren lebensgefährlichen Flügen keine Atheisten, vielmehr dankten Gagarin, Koroljow, Titov, Leonow etc. dem Heiligen Sergij, Schutzpatron russischer Recken, für geglückte Flüge. Vergeblich wollte Chruschtschow sie zu der Aussage drängen, sie hätten „da oben keinen Gott gesehen“.

Karl Marx irrte, als er Religion als „Opium des Volkes“ bezeichnete. Laut jüngsten Untersuchungen des Pew-Centers in Washington D. C. stellen in Osteuropa Gottgläubige die höchsten Prozentanteile ihrer Länder: Georgien 99, Armenien 95, Rumänien 95, Moldawien 95, Bosnien-Hercegovina 94, Griechenland 92, Serbien 87, Kroatien 86, Ukraine 86, Polen 86, Belarus 84, Bulgarien 77, Lettland 76, Russland 75, Litauen 71, Ungarn 59, Estland 44, Tschechien 29. Hier fehlt nur Albanien, das jedoch nicht zum Land „ohne Kirchen, Diebe und Hunde“ wurde, wie es sein stalinistischer Diktator Enver Hoxha plante. Offiziell sind 59 Prozent der Albaner Muslime, vor allem die im Norden siedelnden Gegen, und 17 Prozent Christen, nämlich die südalbanischen Tosken. Tatsächlich ist das Land weithin areligiös, wie 1878 der Literat Pashko Vasa befand: „Der Glaube des Albaners ist das Albanertum.“ Das braucht weder Bibel noch Koran, es hält sich an den „Kanun“, das primitive Gewohnheitsrecht des 15. Jahrhunderts, das die Albaner zu Blutrache, Unterdrückung von Frauen, Fremdenhass und Clankultur (fis) verpflichtet.

Ein Sonderfall ist Tschechien mit niedrigstem Gläubigenanteil, wunderlich für ein christlich geprägtes Land, wo ab 862 die Slawenapostel Kyrill und Method missionierten, wo im 15. Jahrhundert der Kirchenreformer Jan Hus wirkte, die Heimat des Philosophen Comenius, der im 17. Jahrhundert die weltberühmten Lehrbücher schrieb, auf denen das moderne Schulwesen aller Länder basiert. Heute rügt der tschechische Religionssoziologe Zdenek Vojtisek an seinen Landsleuten ihren „religiösen Analphabetismus“. Zwar sind im Land 38 Kirchen registriert, zumeist unbedeutende Sekten, die Vojtisek an Banden wie Boko Haram oder Al-Kaida erinnern. Anders als die „römischen“ Slowaken sind Tschechen traditionell antikatholisch: Sie haben in Osteuropa die höchsten Raten an Scheidung, Abtreibung etc., Hradschin und Vatikan unterhalten keine Beziehungen, seit 2000 ist der 6. Juli gesetzlicher Staatsfeiertag als Tag der Verbrennung von Jan Hus, die 1415 in Konstanz stattfand.

Vielleicht abgesehen von den Tschechen bewahrheitet sich für ganz Osteuropa der Satz, den Carl Friedrich von Weizsäcker äußerte: „Die tiefste Erfahrung des Menschen ist Gott.“

Wolf Oschlies (KK)

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