Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1384.

Vom Überleben zum Leben

Die Konrad-Adenauer-Stiftung hilft deutschen Minderheiten „in der Mitte Europas“ auf den Weg

Ist es Düsternis, ist es schlicht Schönheit? So kunstvoll gefasst, kommt eines zum andern – mit heimeliger Wirkung: Adolf Waldinger, Slawonischer Wald
Bilder aus der Ausstellung „Esseker Spuren“ im städtischen Museum für bildende Kunst Osijek/Essek

„Minority life is like art“, pointierte Lóránt Vincze, der siebenbürgischstämmige ungarische Präsident der Föderalistischen Union Europäischer Volksgruppen, seine Ausführungen auf Englisch, und Johann Nepomuk Nestroy, der nichtamtliche österreichische Präsident der Union europäischer Ironiker, hätte sicher nichts dagegen, wenn man diese Pointe mit seiner Aussage über die Kunst bestärkte: Sie sei schön, mache aber viel Arbeit. Lóránt Vincze stellte denn auch, und das durchaus im Sinne alle Beteiligten, weniger auf die Schönheit denn auf die Arbeit ab.

Die Vor-Arbeiter „deutscher Minderheiten in der Mitte Europas“ trafen sich Anfang September auf Einladung der Konrad-Adenauer-Stiftung und der Deutschen Gemeinschaft – Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien, an einem Ort, wo diese Arbeit umso schwerer ist, aber sichtlich Früchte trägt und wo solche Früchte vielleicht bitterer nötig sind als anderswo: Essek/Osijek in Kroatien. Eine Stadt unübersehbarer habsburgischer Prägung mit einem einst hälftigen deutschen/österreichischen/donauschwäbischen Anteil, wobei die Anteile an diesem Anteil sich so wenig auseinanderdividieren lassen, wie man überhaupt in dieser Region Prozent- oder sonstige Rechnungen anstellen darf. Solche Rechnungen sind noch nie aufgegangen, vielmehr haben sie gerade hier in den neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts dazu geführt, dass eine ganze europäische Kulturlandschaft mit dem kommunistischen Emblem „Jugoslawien“ in Feuer und Tod auf- und beinahe untergegangen ist.

Der Untergang konnte eingedämmt werden, seine Zeichen stehen gleichwohl an allen Wänden, und das in schreckenerregender Konkretion: In der ganzen Stadt starren einem Einschusslöcher von den Fassaden entgegen, 700 Menschen aus der Zivilbevölkerung sind damals ums Leben gekommen. Heute noch überwindet selbst der unbedarfte Besucher beim Gang durch die jugendlich belebten Gassen nur schwer die Beklemmung bei dem Gedanken an die Vergangenheit, die so langsam vergeht.

Das stumme Drama der versehrten Landschaft – in diesen Landen ein ständig wiederkehrender
Topos: Hugo Conrad
Hötzendorf, Kolodvar

Diese Langsamkeit ist es, die den Minderheiten in Europas Mitte zu schaffen macht, denn latent liegt darin nach wie vor die Gefahr, dass die durchaus positive Entwicklung auch ihres Standes und Zustandes in den verschiedenen Ländern den umgekehrten Verlauf nehmen könnte. Seit 2014 unternimmt die Konrad-Adenauer-Stiftung auf Betreiben des Budapester Auslandsbüros und seines Leiters Frank Spengler mit Tagungen im Jahresrhythmus an Orten quer über diese nach Johannes Bobrowski „sarmatischen“ Landstriche, von Uschgorod in der Ukraine bis nach Fünfkirchen/Pécs in der Schwäbischen Türkei und Cadenabbia am Comer See, Anstrengungen, die Richtung zu halten.

Das bei diesen Anlässen gesprochene Wort hat das Budapester Büro in Publikationen festgehalten, die dort abgerufen werden können und an denen die Dynamik oder eben auch Trägheit der Entwicklungen verfolgt werden kann.

So konnte Bernard Gaida, der Vorsitzende des Vereins der Deutschen Sozial-Kulturellen Gesellschaften in Polen, auf seinen Beitrag vor drei Jahren zurückblicken und musste feststellen, dass er sich damals lediglich um das Tempo der Veränderungen an der Rolle dieser Deutschen Gesellschaften in der polnischen Gesellschaft gesorgt habe, nicht aber um deren Richtung. Dem ist heute nicht mehr so. Eine Drift hat eingesetzt, nicht nur in Polen. Das populistische, nationalistische Moment vernebelt zuweilen den Blick und die Aussicht dergestalt, dass man des Öfteren auch an der Richtung zweifeln muss.

Zweifel kamen denn auch mannigfach zur Sprache in Essek, zumal die Vertreter der deutschen Minderheiten in Slowenien und Serbien, Laslo Gence Mandler und Christian Lautischer, äußerten sie so unverhohlen, dass einem hätte bange werden können ob der zahlreichen Sackgassen, in denen sich die bewundernswerten politischen und sozial-kulturellen Initiativen dieser Unermüdlichen festfahren. Doch gerade das Engagement, mit dem auch die Zweifel aufs Tapet gebracht und diskutiert wurden, gerade die Inständigkeit, mit der Wünsche an die Politik des jeweiligen Landes, der „Schutzmächte“ Bundesrepublik Deutschland und Republik Österreich und nicht zuletzt der Europäischen Union geäußert wurden, sind Zeichen hartnäckigen Hoffens und vor allem Tuns.

Pessimismus im Denken und Optimismus im Handeln, dieses Motto von Antonio Gramsci steht über ihrem Beginnen – und in ein Ende wollen sie sich nicht fügen. Darin bestärkt sie weiterhin zumal Hartmut Koschyk, der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, der die Anstrengungen all die Jahre tatkräftig unterstützt hat und zwar in absehbarer Zeit sein Amt, aber damit keineswegs die selbstauferlegte Verantwortung aufgeben wird.

Schließlich sind sämtliche Teilnehmer an dieser Tagung weniger Würden- als Lastenträger, lehnen es aber rundweg ab, diese Lasten als Last auch nur zu empfinden, eine jede, ein jeder hat sie sich eigenhändig aufgeladen im Bewusstsein, dass man jetzt das Mögliche tun muss, wenn einem nicht das Versäumte leidtun soll. Aleksandar Tolnauer, der Vorsitzende des Rates für nationale Minderheiten in Kroatien, weitete die Perspektive ins Historische mit der Mahnung, das tragische bis groteske Geschehen des 20. Jahrhunderts dürfe in der Hitze der zeitgenössischen Diskussion um Mehr- und Minderheiten nicht aus dem Blick geraten.

Gerade Linien, scharfe Winkel, das sind nicht Maßstäbe und Formen, in denen sich Ostmitteleuropa erfassen ließe. Die Farbe, pastös aufgetragen, tritt vielmehr an die Stelle der Geometrie: Otto Birg, Alter Hof

Nicht selten entspringt die Motivation dieser Menschen einem Paradoxon. Benjamin Józsa, der Geschäftsführer des Demokratischen Forums der Deutschen in Rumänien, spitzt es zu mit der erfrischend ermutigenden Pointe, die sich zumal in jenem südosteuropäischen „Zipfel der Mitte“ bei allen vermeintlich ausweglosen Irrungen und Wirrungen der Landespolitik nicht erst seit der Wahl des Siebenbürger Sachsen Klaus Johannis zum rumänischen Staatspräsidenten als zutreffend erweist: Je weniger wir sind, desto stärker werden wir. Das läuft vermeintlich jeder Vernunft zuwider, spricht aber, und das verstehen alle auf Anhieb, zuvorderst gegen jegliches Verzagen. Erstere muss selbstredend weiter walten, in letzteres jedoch will sich niemand schicken.

Je weniger wir sind:
Die deutschen Minderheiten sind in der Tat seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs unablässig geschunden worden und geschwunden bis auf bedrückend niedrige vierstellige Zahlen und einstellige Prozentanteile. Die Involution ist unaufhaltsam, die Gründungs- und bewährten Mitglieder der nach dem Krieg bzw. nach der Zeitenwende 1989 neu konstituierten deutschen Verbände und Gemeinschaften werden nicht müde in ihrem Bemühen, sind aber in Ehren ergraut, die Jungen suchen ihr Auskommen in der Wirtschaft, im Westen – nicht in der Gemeinschaft.

Der begeisternd begeisterungsfähige Student Christian Lautischer allerdings bescheidet sich nicht damit, als Ausnahme die Regel zu bestätigen, ebenso wenig wie Renata Trischler, Geschäftsleiterin der Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien und ruheloser guter Geist nicht nur dieser Veranstaltung. Sie wird demnächst in Berlin in europäischen Koordinaten denken, weiß aber nur zu gut, dass Denken jenseits aller Koordinaten stattzufinden hat.

In diesen Landen, wo das Weh und der Mut stets in eins gedacht worden sind, muss man den Menschen beides zugestehen, und Wehmut auch.

Denn Maßstäbe, das macht auch der lokalpolitisch erfolgreich engagierte Vladimir Ham von der Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien klar, sind in diesen Gefilden anders zu setzen. Die Gemäldeausstellung „Esseker Spuren“ im städtischen Museum der bildenden Künste zeigt in drei Abteilungen Werke von deutschen Essekern, von deutschen Malern aus dem Fundus des Museums sowie Porträts von der Stadt verbundenen historischen Persönlichkeiten. Die Mischung erscheint bunt und ist es, allerdings im eigentlichen Wortsinn, wie an unseren Illustrationen zu sehen – und gerade dadurch anrührend. Und wer wollte denn urteilen, wenn die „Alten Kameraden“, ein donauschwäbischer Männerchor, die Hymne der Donauschwaben intonieren, oder die Frauen von den „Drei Rosen aus Vukovar“ in einem Lied Deutsch und Kroatisch mischen. Wehmut ist eine Freude, der sich Intellektuelle entziehen mögen, in diesen Landen jedoch, wo das Weh und der Mut stets in eins gedacht worden sind, muss man den Menschen beides zugestehen.

Die Landsmannschaft der Donauschwaben in Kroatien feierte ihr 25jähriges Bestehen, Renata Trischler wusste die Festreden im Kroatischen Nationaltheater so einzuleiten, dass die europäische Dimension der Festlichkeit deutlich wurde, und dem entsprachen in ihren Grußworten Dr. Michael A. Lange, der Leiter des Auslandsbüros Kroatien der Konrad-Adenauer-Stifung, Ivan Anusic, der Präfekt der Gespanschaft Osijek-Baranja, Vladimir Ham als Vertreter des Esseger Bürgermeisters, Thomas E. Schultze, der deutsche Botschafter in Kroatien. Den Parlamentariern Hartmut Koschyk von deutscher und Davor Ivo Stier von kroatischer Seite blieb überlassen, das Anliegen der Minderheiten europäisch zu spiegeln. Besonders ehrten die Donauschwaben zu ihrem Jubiläum den Minderheitenbeauftragten der Bundesregierung, der diese Ehre mit begeisterter und begeisternder Empathie zu erwidern wusste. Und vom ehemaligen kroatischen Außenminister, durfte man nebst manch anderem lernen, wie „Minderheit“ in seiner Sprache heißt: manina – ein fürwahr anheimelndes Klangzeichen.

Eis ist nur ein Zustand des Wassers und hindert das Fließen nicht. Wie aber ist es mit der Geschichte? Hans Klatt, Winter, erstes Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts

Desto stärker werden wir:
„Augenhöhe!“ Die hatte Otto Heinek, der Vorsitzende der Landesselbstverwaltung der Ungarndeutschen, für die Anliegen der Minderheiten reklamiert. Das heißt: Sie sind nicht „minder“, sie sind jenseits wohlfeiler statistischer Arithmetik eine zumal kulturelle Größe, die man allerlanden als solche begreifen muss. Stärke ist, wenn etwas getan wird. Man tut es, manche tun es, jedoch das Bewusstsein, ja das Wissen darum, sie liegen europaweit im Argen. Das mag man nun als ideelles Manko abtun, dem mit Selbstbewusstsein zu begegnen und beizukommen wäre, gäbe es da nicht einen kruden materiellen Aspekt. Den Minderheiten wird der Zugang zur EU-Förderung nur auf Umwegen gewährt, und auf diesen gewundenen Pfaden ist schon mancher gute Wille an Auszehrung gestorben.

Klaus Weigelt, der Präsident der Stiftung Deutsche Kultur im östlichen Europa – OKR, wartete mit Daten und Fakten auf und übertrug das eigene Befremden bestechend auf das gesamte Auditorium: Seit 1995 ist die Minderheiten-Problematik „Thema“, aber man weiß noch nicht einmal genau, wovon man redet. Es gibt keinerlei verbindliche Definitionen, den feierlich verkündeten Kriterien, nach denen Minoritäten von Majoritäten gemessen, ihnen Bedeutung bei- und Förderung zugemessen sowie Recht zugesprochen wird, spricht die „naturgemäß“ ungerechte Wirklichkeit Hohn. Aus Brüssel kommt nur die Mahnung, die Länder, in denen bzw. zwischen denen die Minderheitenproblematik gewissermaßen als Streitmasse verhandelt bzw. zerredet wird, möchten das unter sich ausmachen.

Ausmachen – das ist das Wort der Stunde. Das ist die Kunst, die Lóránt Vincze beschwört: Tasten, vor und zurück, entwerfen und zurücknehmen, vorpreschen und auf Realpolitik zurückdämmen, das Unmögliche wollen und das Mögliche durchsetzen. Das Plakat der Konrad-Adenauer-Stiftung zeigt den „Alten“, wie er den Hut lüpft, mit einem freundlichen Lächeln. Oder ist es nur jovial hintersinnig? Den Mitarbeitern der Stiftung dankt man, dass sie so vielen Menschen aufs Freundlichste helfen, hinter den Sinn zu kommen.

Georg Aescht (KK)

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