Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1385.

Von der heilsamen (Un-)Ruhe des Gemüts

Die Martin-Opitz-Bibliothek wird ihrem Namenspatron gerecht

Der ehemalige Leiter der Bibliothek und umso engagiertere Referent Wolfgang Kessler
Bild: Dieter Göllner

Auch wenn es infolge von Umbaumaßnahmen voraussichtlich in der Martin-Opitz-Bibliothek Herne zu vorübergehenden Einschränkungen in der Benutzung und Ausleihe kam, fand das Veranstaltungsprogramm mit Lesungen und Vorträgen weiterhin statt. „Bücher bauen Brücken“ lautet das Motto, unter dem die Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek den Dialog zwischen Ost und West zu fördern sucht. Mit ihrem breiten Literaturangebot stellt sie der Öffentlichkeit Informationen über Geschichte und Gegenwart bereit.

Am 16. September war die Dorstener Autorin Edelgard Moers zu Gast im Hause. Die Erzählerin und Verfasserin zahlreicher Schulbücher für die Grundschule stellte ihren ersten historischen Roman vor: „Der Lutheraner“. Am Beispiel der Familie Embacher erzählt sie darin das Leben und die Vertreibung der Salzburger Lutheraner im 18. Jahrhundert. Moers selbst ist eine Nachfahrin dieser Familie, deren Geschichte sie rekonstruiert und in ihrer 2002 erschienenen Monografie „Der Weg der Embacher – Eine Familiengeschichte über achtzehn Generationen im Kontext der sozialen und politischen Entwicklung“ (HW Verlag Dorsten) veröffentlicht hat. Ihre zuverlässigen familiengeschichtlichen Recherchen sind die Grundlage für diesen Roman, der durch genaue Kenntnis der geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge besticht. Noch heute besteht an der Groß-Glockner-Straße der Hof des Embacher-Bauern, der bereits im 11. Jahrhundert Händlern und Pilgern als Herberge diente.

Am 19. Oktober bot Dr. Wolfgang Kessler in der MOB den Vortrag „Jauer: Stadt, Fürstentum und Kreis in Schlesien – Geschichte und Erinnerung“. Der Referent war von 1989 bis 2011 Direktor der Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek. Dr. Kessler hob in seinem Vortrag die wichtigsten Aspekte der Geschichte von Fürstentum, Kreis und Stadt hervor.

Eine slawische Siedlung namens Jawor wurde in Schlesien erstmals 1177 erwähnt, die Stadt Jauer erstmals 1242. 1278 wurde sie Sitz eines herzoglichen Vogtes, in der Folge Hauptstadt des Herzogtums, später Fürstentums Schweidnitz-Jauer (seit der Frühen Neuzeit auch des gleichnamigen Kreises), ohne allerdings je Residenzstadt gewesen zu sein. Nach dem Tod des letzten piastischen Herzogs erbte seine Nichte Anna von Schweidnitz, die Gemahlin Kaiser Karls IV., das Fürstentum. Nach ihrem Tod gelangte das Herzogtum 1368 an Annas Sohn, den böhmischen König Wenzel und damit an die Krone Böhmens und 1526 an das Haus Habsburg. In der Folge der Reformation überwiegend evangelisch, wurde der Stadt im Westfälischen Frieden der Bau der 1654/55 errichteten Friedenskirche gestattet (heute Weltkulturerbe). Seit 1741 preußisch, wurde das Fürstentum 1809 aufgelöst. Seit 1816 war Jauer Sitz des gleichnamigen, 1933 mit dem Kreis Bolkenhain vereinigten Landkreises. 1945 fiel Jauer mit Niederschlesien an Polen. Eine größere Gruppe von Jaueranern kam 1946 mit einem Transport nach Herne und gründete – unterstützt durch die 1951 von der Stadt Herne übernommene Patenschaft – die Heimatgruppe Jauer.

Gewürdigt wurde auch die Entwicklung dieser Gruppe und der Heimatstube. Hintergrund ist, dass beide zum Jahresende 2017 ihre Aktivitäten einstellen werden, nachdem sich die Heimatgruppe schon seit einigen Jahren wegen Überalterung in Auflösung befindet. Archiv und Buchbestand werden von der Martin-Opitz-Bibliothek übernommen. Die Veranstaltung soll einen Schlusspunkt unter fast 70 Jahre aktive Arbeit der eng mit der Stadt Herne verbundenen Heimatgruppe Jauer setzen.

(KK)

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