Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1310.

Von der relativistischen Physik bis zur Hakenharfe

Die sudetendeutschen Kulturpreise 2011 als beachtliche Präsentation wissenschaftlicher und kultureller Spitzenleistungen

Von den sieben herausragenden Künstlern und Wissenschaftlern, die in diesem Jahr mit einem Kulturpreis der Sudetendeutschen Landsmannschaft ausgezeichnet wurden, sind nur zwei in den Sudetenländern geboren worden. „Ihre Kraft ziehen sie dennoch aus der Heimat“, begründete Franz Pany, der Vorstandsvorsitzende der Sudetendeutschen Stiftung, von der die Festveranstaltung zur Verleihung der Kulturpreise ausgerichtet wird, die Auswahl der Geehrten. Dies gelte auch, wenn ihre Arbeit oft gar nichts mit den Sudetendeutschen oder ihrer Heimat zu tun habe oder wenn sich ihr künstlerisches Schaffen nur zum Teil mit den Erfahrungen und Erlebnissen ihrer sudetendeutschen Vorfahren auseinandersetze.

Beeindruckend war auch in diesem Jahr, welch hochkarätige Kapazitäten die Jury ausfindig gemacht hatte und daß diese Persönlichkeiten sich gern und stolz zu der Ehrung durch die Sudetendeutsche Landsmannschaft bekannten.

Professor Dr. Ernst Schmutzer, der den Großen Sudetendeutschen Kulturpreis erhielt, wurde 1930 im böhmischen Labant geboren und bestritt den größten Teil seiner wissenschaftlichen Laufbahn als Physiker an der Friedrich-Schiller-Universität in Jena, die er auch als erster freigewählter Rektor nach der friedlichen Revolution zu einer freien, modernen Bildungsstätte neu gestaltete. Schon einige Titel seiner Forschungsergebnisse, wie das Lehrbuch „Relativistische Physik“ (1968) oder die kürzlich erschienene Monographie „Fünfdimensionale Physik: Projektive Einheitliche Feldtheorie mit Einbeziehung der Quantentheorie (Mechanik, Astrophysik, Kosmologie ohne Urknall, Spinoren)“ lassen erahnen, in welchen Sphären sich der Wissenschaftler bewegt.

Beim diesjährigen Kulturpreisträger für Wissenschaft, dem Physiker Professor Dr. med. Dr. rer. nat. Peter Ernst Huber, lassen schon die akademischen Titel des 1965 im nordbadischen Mosbach geborenen Sohnes eines Saarländers und einer aus Neutitschein (Ostsudetenland) stammenden Mutter aufhorchen. Professor Huber arbeitet als Arzt und Naturwissenschaftler vor allem an neuartigen Techniken für die Strahlenbehandlung von Tumoren. Er ist Direktor am Deutschen Krebsforschungszentrum und lehrt an der Medizinischen Fakultät der Universität Heidelberg.

Den Kulturpreis für bildende Kunst und Architektur erhielt der 1931 in Fischern, Kreis Karlsbad, geborene Architekt Karl Helmut Bayer, dessen zahlreiche Bauwerke im Inund Ausland sich durch Funktionalität und klare Linienführung in der Tradition des Bauhauses auszeichnen. Mit dem Kulturpreis für darstellende und ausübende Kunst ehrte die Sudetendeutsche Landsmannschaft die im Jahr 1980 in Wien geborene Schauspielerin Franziska Weisz, deren Großvater aus der kleinen Gemeinde Dorfteschen im ehemaligen Kreis Troppau stammt und die sich aufgrund der Geschichte ihrer Vorfahren zunehmend mit ihrer Rolle in dem Film „Habermann“ identifizierte, der das dramatische Schicksal einer deutschen Familie in Nordmähren zwischen 1938 und 1945 zum Gegenstand hat.

Reinhard Jirgl, der den Kulturpreis für Literatur erhielt, zählt zu den großen deutschsprachigen Autoren der Gegenwartsliteratur. Der 1953 in Ost-Berlin geborene Schriftsteller hat in dem Roman „Die Unvollendeten“ das Vertreibungsschicksal seiner Vorfahren „auf ein Niveau literarischer Darstellung und Reflexion“ gehoben, „das die autobiographische Erinnerungsliteratur, die oft mehr Schicksalsbewältigung als Literatur ist, ebenso überwindet wie die Vorwurfsliteratur, die das deutsch-tschechische Verhältnis allein im Spiegel nationaler Sichtweisen und Bekenntnisse reflektiert“, so der Literat Peter Becher in seiner Laudatio. Auch die Preisträger für Volkstumspflege, Gerhard und Andrea Ehrlich, sind – 1956 und 1962 – in der Bundesrepublik Deutschland geboren worden, Andrea mit Stuttgarter Eltern, Gerhard als Sohn einer Mutter aus dem Riesengebirge und eines Vaters aus dem Egerland. Die Musik brachte die beiden zusammen, und mit der inzwischen weithin bekannten „Egerländer Bauernmusik Bojaz“ bewahren sie eine vom Vergessen bedrohte sudetendeutsche Musiktradition einschließlich der regionaltypischen Instrumentalbesetzungen mit Egerländer Dudelsack und böhmischer Hakenharfe.

Auch 65 Jahre nach der Vertreibung war die Verleihung der Sudetendeutschen Kulturpreise im Goldenen Renaissancesaal des Augsburger Rathauses eine beachtliche Präsentation kultureller und wissenschaftlicher Spitzenleistungen der Sudetendeutschen und ihrer Nachfahren. Das renommierte Kurpfälzische Kammerorchester unter der Leitung des 1939 in Karlsbad geborenen Dirigenten und Solo-Posaunisten Professor Armin Rosin vervollständigte diese „festliche Ouvertüre zum Pfingsttreffen der Sudetendeutschen“ – wie es Franz Pany formulierte – aufs vortrefflichste. Auch hier kam Musik von Komponisten aus den Sudetenlanden zu Gehör, neben dem Barockmusiker Johann Caspar Ferdinand Fischer (1656–1746) die Zeitgenossen Anton Enders (geboren 1923 in Komotau) und Oskar Sigmund (geboren 1919 in Karlsbad, gestorben 2008 in Regensburg), dessen Werk „Adagio und Fuge über B-A-C-H“ in Augsburg seine Welt-Uraufführung erlebte.

Christine Haderthauer, die bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen, „unsere Kulturministerin“, wie Pany sie begrüßte, erinnerte an die 800jährige Geschichte der Deutschen in Böhmen, Mähren und Sudetenschlesien mit blühenden Zentren im Herzen Europas, von denen wichtige Impulse ausgegangen seien. „Diese Geschichte müssen Sie erzählen und erzählen können!“ Für das geplante Museum im Sudetendeutschen Haus in München habe die Bayerische Staatsregierung bereits 500000 Euro für die Gründungsphase zur Verfügung gestellt, sagte Haderthauer. Da dieses Projekt ein gesamtdeutsches Anliegen sei, appellierte sie an die Bundesregierung, sich angemessen zu beteiligen.

Mit Wilfried Rogasch wurde ein erfahrener Ausstellungs-Fachmann als Gründungsdirektor für das Museum berufen, eine inhaltliche Konzeption liegt schon seit einigen Jahren vor. Als übergreifendes Motto – auch als Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen ostdeutschen Landesmuseen – ist das Zusammenleben zwischen Deutschen, Tschechen und Juden sowohl im positiven Miteinander als auch in der negativen Konfliktgemeinschaft geplant. Eine besondere Aufgabe wird es sein, den Mangel an wertvollen Ausstellungsobjekten auszugleichen. So sind durch ein spezielles Forschungsprojekt bereits 1000 Zeitzeugenberichte dokumentiert worden. Absolventen der Prager und der Münchener Filmhochschulen könnten die Schönheit der Landschaft und die teils verlassenen, verfallenen Dörfer in ihren Arbeiten festhalten. Wichtig sei es, dieses Sudetendeutsche Museum in München nun bald Wirklichkeit werden zu lassen, betonte die Bayerische „Schirmherrschafts-Ministerin“ Christine Haderthauer.

Daß es höchste Zeit ist, die noch vorhandenen Zeugnisse dieses Lebensraumes festzuhalten, kam auf literarische Art auch in der Dankansprache Reinhard Jirgls im Namen der Kulturpreisträger zum Ausdruck. Für ihn sei das Sudetenland eine utopische Landschaft, sagte Jirgl. Die Kenntnisse über dieses Land habe er aus den Erzählungen seiner Vorfahren. Diese hätten sozusagen die Märchen ersetzt. Es sei ein „erzähltes Land“, das sich hinter einem unerreichbaren Horizont verdichtet habe.

Ute Flögel (KK)

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