Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
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Ausgaben: Ausgabe 1381.

„Von Europa nach Lemberg“

An solchem Widersinn arbeitete sich eine große Tagung der AdenauerStiftung ab – „vor Ort“, nämlich in Lemberg, Europa

Um zu berühren, braucht Gedenken keiner feierlichen Grandezza und keiner statuarischen Monumentalität, dieser Lemberger „Maidan“ sagt dem alles, der es sehen, lesen und hören will
Bilder: der Autor

Von allen politischen Stiftungen nehme allein die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) die Literatur als „Reflexionsmedium“ wahr, stellte der Münchner Literaturwissenschaftler Oliver Jahraus in Lemberg anlässlich einer internationalen Konferenz fest, die Anfang Juni 2017 über achtzig Wissenschaftler, Politiker, Schriftsteller, Journalisten und Studenten in der westukrainischen Metropole zusammengeführt hatte.

Diese anerkennende Beobachtung trifft zu, vergibt doch die Stiftung seit 1993 jährlich den inzwischen renommierten Literaturpreis in Weimar, 2017 zum 25. Mal. Bisherige Preisträger waren Sarah Kirsch, Walter Kempowski, Hilde Domin, Günter de Bruyn, Herta Müller, Daniel Kehlmann, Arno Geiger, Rüdiger Safranski, Marica Bodrožic und andere. 2017 wird der Preis dem österreichischen Schriftsteller Michael Köhlmeier verliehen.

Seit mehr als fünfzehn Jahren werden zusätzlich internationale Konferenzen zu dem Thema „Europa im Wandel – Literatur, Werte und Europäische Identität“ durchgeführt. Alle zwei Jahre trifft sich ein interdisziplinär zusammengesetztes Gremium, in Lemberg waren Vertreter aus zwölf Nationen anwesend, um drei Tage lang intensiv zu arbeiten. Frühere Tagungsorte waren Prag, Budapest, Danzig, Riga, Hermannstadt, Pressburg und Vilnius.

Die Initiative für das Projekt „Literatur als Reflexionsmedium“ ging von der Kölner Literaturwissenschaftlerin Birgit Lermen aus, die über zwanzig Jahre Vorsitzende der Jury des Literaturpreises war – Nachfolger ist der Göttinger Gerhard Lauer – und die auch die internationalen Literaturkonferenzen anregte. Ihr gelang es, den damaligen Thüringer Ministerpräsidenten Bernhard Vogel zu gewinnen und damit den politischen Rückhalt für die beiden Projekte der KAS zu sichern.

Buchstäblich „beschwingt“ erhebt sich das bekannte Lemberger Opernhaus des Architekten Zygmunt Gorgolewski, aber auch das Straßenbild spottet der gemeinhin recht düsteren westlichen Vorstellung von vermeintlicher östlicher Düstenkeit

Das Erfolgsgeheimnis der Konferenzen ist eine kreative Mischung von Gesprächspartnern aus Politik und Wissenschaft und mit der Region vertrauten Autoren. Dazu kommt das Lokalkolorit des Tagungsortes. So wurde die Lemberger Konferenz im bekannten Opernhaus des Architekten Zygmunt Gorgolewski (1845–1903) eröffnet, die einzelnen Sektionen fanden im Potocky-Palast des Architekten Louis Dauvergne (1854–1903) statt und eine festliche Abendveranstaltung im Haus der Wissenschaftler, ebenfalls einem repräsentativen Gebäude aus der Habsburger Zeit Ende des 19. Jahrhunderts.

Und doch war es diesmal in entscheidenden Aspekten anders als bei früheren Konferenzen. Erstmals tagte man in einem Land, das nicht zur EU, aber erkennbar zu Europa gehört. Ein verbreitetes Missverständnis schreibt ein Reiseführer fest mit der Formulierung vom Weg von Europa nach Lemberg. So wird eine Stadt fehlinterpretiert, die zutiefst europäisch denkt und empfindet und mit ihrer jahrhundertealten Geschichte ein europäisches Zentrum repräsentiert, wie der Lemberger Bürgermeister Andrij Sadowyj sowohl bei der Eröffnung als auch am Abend im Haus der Wissenschaftler betonte.

Erstmals tagte man auch in einem Land, das von einem aufgezwungenen Krieg und der Annexion der Krim zerrissen wird und seit 2014 bereits über 10 000 Gefallene zu beklagen hat. Folgerichtig befasste sich die erste Sektion der Konferenz mit dem Thema „Krieg und Frieden“ und der europäischen Ordnung nach 1990. Die erträumte Friedensordnung nach dem Zerfall des Kommunismus hat sich nicht eingestellt. Der Balkankrieg führte zu einer ersten Flüchtlingswelle in Europa, 200 000 Menschen fanden den Tod. Die Staaten des 1991 beendeten Warschauer Paktes drängten in die NATO. Moskau fand sich mit Wladimir Putin nicht in die Rolle des „Juniorpartners“, sondern suchte nach Ausgleich für die in der Interpretation des Kremls „größte Katastrophe des 20. Jahrhunderts“, den Zerfall der Sowjetunion. Dazu trat nach 2001 die wachsende Bedrohung durch den weltweiten Terrorismus.

Den äußeren Instabilitäten stellte Bundestagspräsident Norbert Lammert innere Asymmetrien an die Seite, insbesondere die zwischen Erweiterung und Vertiefung der EU, von der gerade die Ukraine als großes Land im Osten betroffen ist, weil in absehbarer Zeit an zusätzliche Erweiterungen nicht zu denken ist. Nüchtern wurde auch von anderen Referenten wie Ministerpräsident a. D. Bernhard Vogel und dem früheren Präsidenten des Europäischen Parlaments, Hans-Gert Pöttering, die derzeitige Unmöglichkeit eines EU-Beitritts der Ukraine erläutert. Zugesichert wurde eine enge Zusammenarbeit, ähnlich der, wie man sie sich für Großbritannien nach dem Brexit vorstellt. Unbehagen verursachte die Perspektive, legen doch die Begriffe „Erweiterung“ oder gar „Osterweiterung“ dem Zuhörer nahe, wo das westliche Zentrum liegt, von dem aus die Erweiterung zu erfolgen habe. Der noch 2004 anlässlich des großen Beitritts der mittel- und osteuropäischen Staaten verwendete Begriff der „Wiedervereinigung Europas“ fand keine Erwähnung.

Bernhard Vogel meinte, es sei gut, in einem Land zu sein, das nach Europa wolle. Taras Wozniak, der Generaldirektor der Lemberger Nationalgalerie, vermutete, die Ukraine sei aus der Perspektive des Westens nicht klar erkennbar.

Ein Nationalmuseum ist gemeinhim die Gralsburg des Nationalbewusstseins, in der allerdings anders als bei Parzival keine Mitleidsfrage gestellt wird, sondern Fragen des Stolzes im Raum schwingen wie in diesen Lemberger Räumen

In der vierten Sektion ging es um „Europa am Scheideweg“. Dort wurde konstatiert, dass noch nicht im 21. Jahrhundert angekommen sei, wer sich nicht an Brüssel und dem Westen orientiere. Es war klar, auf welche Länder diese Bemerkung gemünzt war. Der Mainzer Historiker Andreas Rödder stellte eine „gehobene Ratlosigkeit“ angesichts der Trümmer fest, die der Versuch einer „Verwestlichung der Welt“ hinterlassen hat.

Das Dilemma zwischen dem Sicherheitsbedürfnis der östlichen EU-Mitglieder und dem Machtanspruch Moskaus ließe sich für die Ukraine in ihrer prekären Lage nur durch geduldige Verhandlungen und Kompromisse lösen, wie der stellvertretende Rektor der Ukrainischen Katholischen Universität Lemberg, Myroslaw Marynowytsch, ausführte. Dieser operative Ansatz entsprach der von Norbert Lammert vorgebrachten Überlegung, dass auch labile Verhältnisse zur Stabilität beitragen können. Wie die jahrzehntelange Nicht-Anerkennung der DDR durch die Bundesrepublik Deutschland sicher auch ihren Beitrag zur Einheit geleistet habe, so könne die Nicht-Anerkennung der Krim-Annexion gegebenenfalls zu einer Lösung in der Zukunft führen.

Die mittleren beiden Konferenz-Sektionen befassten sich mit „Religion, Mythos und Politik“ sowie „Wertewandel und kulturellem Erbe“. Damit rückte Galizien ins Zentrum der Betrachtung, jene Region um Lemberg und Czernowitz, in der es vor der Vernichtung durch den Nationalismus ein fruchtbares Zusammenleben von Polen, Ukrainern, Russen, Deutschen und Juden gegeben hat, wo Millionen Menschen das Jiddische sprachen und wo, wie es Birgit Lermen ausdrückte, eine „poetische Kraft“ wirkte, beispielhaft bei Paul Celan, die nie wieder erreicht wurde.

Die Judaistin Verena Lenzen aus Luzern zeichnete in ihrem meditativen Vortrag mit Rose Ausländer, Joseph Roth und Martin Buber, der seine Jugend in Lemberg verbrachte, einen christlich-jüdischen Weg des biblischen Humanismus angesichts des Wertewandels. Ulrike Tanzer aus Innsbruck ging mit Karl-Markus Gauß, Peter M. Judson, Gerald Stieg und anderen dem „Habsburg-Mythos“ auf den Grund und fragte mit Gauß, ob Österreich ein Land sei, das von seiner Geschichte Abschied genommen habe. Stéphane Pesnel von der Universität Paris-Sorbonne behandelte die „Religiöse Orientierungslosigkeit“ als metaphysische Dynamik in der Gegenwartsliteratur und bot mit der Darstellung von „La natura exposta“ (Die ausgestellte Natur, 2016) des italienischen Autors Elio de Luca eine feinfühlige Werkanalyse sowie weitere Einblicke in „Gethsemane“ von Ralf Rothmann und „Die Feuernacht“ (La nuit de feu) von Eric-Emmanuel Schmitt.

Für die Lesungen waren namhafte Autoren gewonnen worden: die ungarische Schriftstellerin Noémi Kiss (*1974) las aus ihrem 2015 auf Deutsch erschienenen Buch „Schäbiges Schmuckkästchen. Reisen in den Osten Europas“. Das Buch enthält keine Reiseberichte, sondern literarisch-kritische Annäherungen an mittel- und osteuropäische Erinnerungsorte. Die Ukrainerin Marjana Gaponenko (*1981), die seit 1996 auf Deutsch schreibt, las aus ihrem Roman „Wer ist Martha?“, der 2013 mit dem Adelbert-von-Chamisso-Preis ausgezeichnet wurde. Oliver Jahraus charakterisierte die junge Autorin als „Universalpoetin“, weil sie bereits große Lyrik, drei Romane und vier Dramen vorgelegt habe. Ein dritter schriftstellerischer Höhepunkt war der Vortrag des Ukrainers Jurij Andruchowytsch (*1960), von dem auf Deutsch ein „Kleines Lexikon intimer Städte“ und „Mein Europa“ (mit Andrzej Stasiuk) erschienen sind. In Lemberg trug er eine noch unveröffentlichte „Kurze Geschichte der Mutationen“ vor. Hier schildert er in fünf Gedankenschritten seine und die ukrainischen Befindlichkeiten im Verhältnis zu Europa von der staatlichen Unabhängigkeit und Selbständigkeit Anfang der 1990-er Jahre über die Befreiung von einem moskauhörigen Regime und die Revolution bis zur Euro-Maidan-Bewegung. Eine immer tiefere persönliche Depression des Autors kennzeichnet die Mutationen, ausgelöst von der Haltung des offiziellen Europa, die durch Desinteresse und die unterschwellige Absicht geprägt ist, die Ukraine aus Europa herauszuhalten, obwohl das Land doch zu Europa gehöre.

Diese Hartleibigkeit der EU brachte der frühere Präsident der österreichischen Nationalversammlung, Andreas Khol, zur Sprache. Die EU-Institutionen seien unsensibel und zentralistisch orientiert. Das Europäische Parlament könne mit Subsidiarität nichts anfangen und erstrebe eine Allzuständigkeit in einer zu schaffenden Sozialunion. Der Europäische Gerichtshof entscheide systematisch gemeinschaftsorientiert und zeichne sich durch unsensibles Vorgehen aus. Die Kommission bediene sich einer zentralistischen Sprache und habe ihr Rollenverständnis verändert: von der Hüterin der Verträge und des Rechts zur Ausübung eines politischen Mandats gegen den Rechtsvollzug. Die Krise der EU sei eine Krise ihrer Institutionen. Die Verträge sollten wieder zur Richtschnur in der EU werden.

Wo Dichter noch als Künder der Volksseele gelten, huldigt man ihnen mit besonderer Beseeltheit: Denkmal für den ukrainischen Rhapsoden Taras Schewtschenko in Lemberg

Literatur schafft es immer wieder, Komplexität ins Wort zu setzen und zur Sprache zu bringen. Das zeigten die Städtebilder von Noémi Kiss, die Mutationen von Jurij Andruchowytsch und Marjana Gaponenkos Gedanken. Über ihren Romanhelden in „Wer ist Martha?“ sagt sie: „Im politischen Sinn kam Lewadski tatsächlich aus der Ukraine, das stand schwarz auf weiß in seinem Pass, doch historisch gesehen kam er aus zwei Utopien: aus Österreich-Ungarn und der Sowjetunion. Nach Lüge schmeckte einzig und allein die Erkenntnis, dass Lewadski zwei Staatssysteme überlebt hatte.“
Literaturwissenschaft hat es schwerer. Die komplexen Ausführungen von Sabine Egger, University of Limerick, zu literarischen Grenzbewegungen am Beispiel dreier Autoren und anhand des theoretischen Begriffes der Transdifferenz ließen auch einige Fachleute eher ratlos zurück. Demgegenüber konnte der Literatur- und Kunsthistoriker Bogdan Mirtschev aus Sofia Konkreteres zum „Ringen um Identität und Verantwortlichkeit“ angesichts Migration und Flucht beitragen.

Die anwesenden Politiker versuchten, der Globalisierung und der sie bestimmenden Komplexität mit plausiblen Erklärungen beizukommen. Der Nationalstaat in Europa als „Gefäß der Souveränität“ habe sich überholt, stellte Norbert Lammert fest. Das blieb nicht unwidersprochen, sind doch die Staaten weiter für ihre inneren Angelegenheiten verantwortlich und in Europa mit ihrem Einigungswillen oder Widerstreben zuständig für die Zukunft der Union oder deren Erosion. Im Übrigen sei Größe – ob China, Indien oder auch die EU – kein Ausweis für Souveränität. Immer werde es, ob in Europa oder auf internationaler Ebene, um das Zusammenwirken der Staaten gehen. Ein Staatenverbund mit selbstbewussten Nationen sei zudem ein wirksames politisches Mittel gegen einen unkontrolliert wachsenden Nationalismus.

Die Frage, wie der Populismus mit Komplexität umgehe, spielte ebenfalls eine Rolle. George Bernard Shaw wurde zitiert, der gesagt habe, auf jede komplexe Frage gebe es eine einfache Antwort, und die sei regelmäßig falsch. Dem setzte Andreas Rödder die Beobachtung entgegen, dass die neue „Leitkultur“ des Regenbogens und der Genderideologie in Europa eine bestimmte Richtung des Populismus geradezu provoziert habe. Auch die EU sei nicht frei von der Versuchung, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu praktizieren, die sich dann als falsch und verhängnisvoll erweisen. Die Einheitswährung Euro sei ein beklemmendes Beispiel dafür.

Eine Frage wird die Teilnehmer der Lemberger Konferenz sicher weiter begleiten: Warum erscheint das Christliche heute oft nur als „entferntes Echo“, als „Gedächtnisspur“? Können wir eine andere christliche Literatur ertragen? (Ralf Rothmann) Ist christliche Literatur überhaupt noch möglich? Navid Kermani reduziert Religion auf das Ästhetische mit der etwas pikant-grotesken Perspektive, dass die Kunstbeflissenen sich in den Kirchen von den Christen mit ihrem Gesangbuch gestört fühlen könnten. Kann es, wie Oliver Jahraus fragte, „Versöhnungsmodelle“ geben, die das Ästhetische hin zum Humanen, ja Religiösen überwinden? – In Lemberg erübrigt sich diese Frage angesichts einer auffälligen, das städtische Leben durchwirkenden christlichen Frömmigkeit.

Klaus Weigelt (KK)

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