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Ausgaben: Ausgabe 1387.

Warum Russland kein Holland des Ostens wurde

Hundert Jahre seit Lenins Putsch

Damals gab es noch Kommunisten, und wenn die auf Erden nicht von Angesicht zu Angesicht porträtiert werden konnten, höchstens von ferne, dann ließ man den aufgewühlten Himmel von der kämpferischen Entschlossenheit zeugen, wie das Isaak Brodskij in einem seiner Riesenbilder getan hat
Bild: Wikimedie Commons

Darüber sind alle Witze längst gemacht – dass Lenins „Oktober-Revolution“ am 7. November stattfand. Weil Russland noch nach dem alten Julianischen Kalender zählte, sich nach der „Revolution“ aber als Herr über Raum und Zeit fühlte. „Bald wird die ganze Welt uns gehören“, protzte 1919 ein Plakat von Leonid Sajanski, derzeit zu sehen in der Ausstellung „1917. Revolution. Russland und Europa“ im Berliner Deutschen Historischen Museum. Zu deren Begleitprogramm gehörte genau am 7. November das Podiumsgespräch „Die rote Utopie“, bestritten von der Moskauer Germanistin und Menschenrechtsaktivistin Irina Scherbakowa, der Journalistin Katja Gloger (mit Russland-Erfahrung) und dem wunderbaren Schandmaul Wolf Biermann, dem man seine 81 Jahre nicht anmerkt. Eine Woche zuvor war seine voluminöse Autobiographie als Taschenbuch erschienen, in der er spitzzüngig erwähnt, was er in seiner DDR-Zeit – 1953 bis 1976, als ihm die DDR nach einem Konzert in Köln die Rückkehr verwehrte – war oder nicht sein wollte: „Kommunistenkind, Bohèmebolschewik, DDR-Kaisergeburtstagsdichter“ etc. Heute steht sein Feindbild auf unerschütterlicher Basis: „Das Weltretten ist eine Hybris, das haben wir beim kommunistischen Tierversuch am lebendigen Menschen erlebt“.

In der Berliner Ausstellung, in Kooperation mit dem Schweizer Nationalmuseum ausgerichtet und von 80 Leihgebern unterstützt, findet sich auch das von Isaak Brodskij 1924 gemalte Riesenbild „Feierliche Eröffnung des II. Kongresses der Komintern“. Es zeigt Lenin am Rednerpult, ihm zu Füßen Hunderte, deren Namen und „Kaderprofil“ leicht zu ermitteln wären, z. B. in Gulag-Totenbüchern. Anders das Relief „Schmerzenswand“ von Georgij Franguljan. Es zeigt gesichtslose Opfer des politischen Terrors, dazu das Wort „pomni“, übersetzt in Deutsch („vergesst nicht“) und alle Sprachen der Ex-Sowjetunion und der Vereinten Nationen. Putin hat es am 30. Oktober in Moskau enthüllt, was wohl ein weiterer Beweis dafür ist, dass er kein Kommunist ist.

Gibt es überhaupt noch Kommunisten? Katja Gloger erwähnte eine jüngste russische Umfrage, derzufolge 38 Prozent aller Russen Stalin als den größten Staatsmann überhaupt ansehen, gefolgt von Putin (34 Prozent). Auf Platz 15 folgt mit Napoleon der erste Nichtrusse, was charakteristisch ist für gegenwärtige Russen: Friedrich Engels war für sie ein Russenhasser, Lenin der Initiator des verlustreichen Roten Terrors, während Stalin 1945 „unseren“ Sieg erstritt und stets die „territoriale Restitution des historischen russischen Staates“ vom Baltikum bis zu den Kurilen verfolgte.

Irina Scherbakowa von der russischen Bürgerrechtsbewegung „Memorial“ ist da weniger nachsichtig: Ihre Organisation bringt seit einem Jahr „Stolpersteine“ (kamni pretknovenija) für die Opfer des kommunistischen Terrors an. Das ist eine Jahrhundertaufgabe, denn laut dem Stalin-Biographen Boris Souverine betrugen die gesamten Menschenverluste des Stalinismus, also Sterblichkeit und einbrechende Geburtenzahlen, „mehr als 100 Millionen Seelen“.

Das Gegenteil von Propaganda ist nicht Gegenpropaganda, sondern die Erfindung von Neuem, das ohne alte Gewissheiten auskommt, sind sie doch längst keine mehr: Jakub Nepraš, Natural Selection – grausam wie die widernatürliche Auslese der „Revolution“
Bild: siehe Seite 27

Gefragt nach der Bedeutung der Oktoberrevolution bis heute, antwortet Irina Scherbakowa, dass diese ein „Riesenereignis“ war, das jedoch von der Putin-Führung als gedankenloser Aufmarsch gewürdigt wird. Angemessener wäre, Lenins Putsch im Lichte vergebener Chancen zu sehen, worunter Russland bis heute leidet. Natürlich waren Lenins Thesen und Postulate – Brot für die Arbeiter, Boden für die Bauern, Frieden für alle – attraktiv zu einer Zeit, da Russland den Krieg so gut wie verloren hatte. Russland war auf den Krieg nicht vorbereitet, weswegen es von einer kleinen Bande, die sich „Mehrheit“ (bolschewiki) nannte, im Handstreich eingenommen wurde.

Darüber herrschte auf dem Podium Einigkeit. Russland stand vor dem Ersten Weltkrieg etwa auf dem Entwicklungsniveau von Schweden. Ohne Krieg hätte es mühelos den Rang Dänemarks oder der Niederlande erreichen können, insbesondere wenn es deren Regierungsform einer parlamentarischen Monarchie übernommen hätte. So aber fiel es in die Hände des Terroristen Lenin und seiner Spießgesellen. Dem Putsch folgte der Bürgerkrieg, der die bipolare Spaltung der Welt auslöste, welche erst 1989 überwunden wurde.

Aber heute lügt man sich in Russland in die Tasche, wenn man ein großes Imperium unter einem machtvollen Führer à la Putin als russischen Idealzustand erstrebt, wofür Irina Scherbakowa sogar bei Gulag-Überlebenden Zustimmung fand. Im Grunde ist alles nur eine Neuauflage altkommunistischer Träume davon, dass „die halbe Welt schon rot“ ist und sich weiter so färben werde, wenn die Sowjetunion ihre Position in Asien, Afrika und anderswo ausbauen werde. So etwas wird von Einsichtigen als „sowok“ abgetan, als „Kehrschaufel“, wie schon 1989 der Chansonsänger Igor Talkow im Anklang an „sowetski“ höhnte. Aber bei den richtigen „Gläubigen“ leben alte Märchen lange, etwa dass es ohne die Sowjetunion weder den Acht-Stunden-Tag noch den Sieg im Zweiten Weltkrieg gegeben hätte.

Darüber kann Biermann nur lachen, für ihn ist der „KGB-Zar“ Putin ein Terrorist wie vormals Lenin. Ob man sich mit Lenin „versöhnen“ könne, wurde Irina Scherbakowa auch gefragt. Sie glaubt es nicht: Lenin sei restlos „negativ besetzt“, man traue sich ja nicht einmal, ihn aus seinem Mausoleum auf dem Roten Platz in ein normales Grab zu überführen – „er hat es wohl auch nicht verdient“.

Bei der jetzigen Berliner Ausstellung lag auch ein Gästebuch aus, in das ein paar Spinner nostalgisch schmierten: „Beim nächsten Mal machen wir’s besser!“ Kann man so etwas ernst nehmen? Wolf Biermann kennt da kein Pardon. Anfang November 2014 war er zum 25. Jahrestag des Mauerfalls in den Bundestag eingeladen, wo er die „Linke“ als „elender Rest dessen, was zum Glück überwunden wurde“, niedermachte. Jetzt griff er den alten Vorwurf wieder auf: „Die SED wurde juristisch nie aufgelöst, sie lebt weiter von dem, was sie früher den Menschen geraubt hat“.

Noch mehr als die SED-Nachfolger verabscheut Biermann, wie er in Berlin wieder kundtat, „geschichtslose Bitte-noch-mal-Kommunisten“ oder „zu spät gekommene Alternativ-Linke“, er hat kein Verständnis für „selbstbesoffene Welterretter und chaotische Idioten“, wie sie Anfang Juli 2017 beim G20-Gipfel durch Hamburg tobten. In Berlin erzählte Biermann, sein Sohn Lukas habe ihm Angst gemacht mit der Prognose, es gebe angesichts der Krankheiten des Kapitalismus wieder eine Hoffnung auf einen „richtigen“ Kommunismus. Das hat ihn zu einem Gedicht angeregt, das er im Schlütersaal des Museums vorlas: „Marx war kein Messias und nie nicht Marxist. / (…) Quatsch Neuer Mensch – ach Menschenskind, / Mir reicht’s, wenn wir nicht verurteilt sind / zum In-der-Hölle-Leben. / (…) Ach, mit den Welterrettern – da fing / es todsicher an, falsch zu laufen.“

Wolf Oschlies (KK)

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