Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1388.

Was du ererbt, erwirb es – sonst verdirbt es

Das Europäische Jahr des Kulturerbes wirft seine Schatten voraus, leider sind sie mancherorts sehr dunkel

Kein Märchenschloss und keine Trutzburg mehr, wem aber hat der Deutsche Orden einst die Marienburg vererbt? Wollten wir uns weiter im Symbolisch-Metaphorischen ergehen, ginge uns vielleicht auf, dass der Mond im Spiegelbild fehlt, und damit so manches, das Mangelempfinden ist jedem überlassen
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Magdalena Oxfort (siehe Seite 18)

Die Chinesen haben es einfacher. Sie kennen zwölf Tierkreiszeichen. Nach diesen war 2017 das Jahr des Hahnes, 2018 ist das Jahr des Hundes, und 2019 ist das Jahr des Schweines. Sind alle Tierkreiszeichen durch, fängt man wieder von vorne an. Daran ändern weder Politiker noch Versammlungen etwas.

Wer sich in Europa einen Begriff von einem „Jahr“ machen will, der muss schon recht lange recherchieren, weil sich die „Jahre“ ganz schön in die Quere kommen und auch überlagern. Zudem gibt es neben den von der EU verkündeten Europäischen Jahren die Internationalen Jahre und Dekaden der UNO. So war 2015 das Europäische Jahr der Entwicklung, gleichzeitig aber auch das Internationale Jahr des Lichts, und beide Jahre lagen inmitten von fünf Internationalen Dekaden: 2017 endete die Dekade zur Bekämpfung der Armut; die Dekaden zur Verbesserung des Straßenverkehrs, zur Bekämpfung des Kolonialismus und zur Erhaltung der natürlichen Artenvielfalt laufen noch bis 2020.

Ruft man im Internet die Europäischen Jahre im Überblick auf, dann lernt man, dass es 2016 und 2017 keine Europäischen Jahre gab. Dennoch war 2016, wie man an anderer Stelle erfährt, das Europäische Jahr gegen Gewalt und 2017 das Internationale Jahr für nachhaltigen Tourismus und Entwicklung.

Immerhin scheint die Kultur auf internationaler Ebene in höherem Ansehen zu stehen als auf europäischer. Da gab es das Jahr der Bildung (1970), des Buches (1972), der Literatur (1990), der Kultur des Friedens (2000), des Dialogs zwischen den Kulturen (2001), des Kulturerbes (2002), der Sprachen (2008) und der Annäherung der Kulturen (2010). Auf europäischer Ebene gab es nur das Europäische Jahr des Denkmalschutzes 1975, in harter Konkurrenz mit dem gleichzeitig erstmals ausgerufenen Internationalen Jahres der Frau, das Jahr der Musik (1985), des Filmes und des Fernsehens (1988), des lebensbegleitenden Lernens (1996) und der Sprachen (2001). – Da soll sich einer auskennen!

2018 nun also begehen wir das Europäische Jahr des Kulturerbes und gleichzeitig zum dritten Mal das Internationale Jahr des Riffs (nach 1998 und 2008). Man wird sich nicht in die Quere kommen. Die Initiatoren des Kulturerbejahrs weisen zu ihrer Verteidigung auf harte Fakten, die jeder Banause sofort versteht: die wichtige wirtschaftliche Rolle des kulturellen Erbes! Über 300 000 Menschen arbeiten direkt im Sektor des europäischen Kulturerbes, 7,8 Millionen Arbeitsplätze sind indirekt mit dem Kulturerbe verbunden, so im Tourismus- und Baugewerbe, in zahlreichen Dienstleistungen, im Verkehr, im Sprachendienst, in Reinigung und Sicherheit. Allein Frankreich hat bereits 2011 über Museen, historische Stätten, Gebäude, Besucherattraktionen, Bibliotheken und Archive 8,1 Milliarden Euro erwirtschaftet.

Das Europäische Jahr des Kulturerbes ist auf dem dornigen Weg zu dem Ergebnis der Sondierungsgespräche für eine erneute Große Koalition irgendwo hängengeblieben. Das Kapitel „Kunst, Kultur und Medien“ ist in dem Papier ohnehin kaum mehr als eine Ansammlung von Worthülsen. Am konkretesten liest sich noch der folgende Passus: „Ohne Erinnerung keine Zukunft! Zum demokratischen Grundkonsens in Deutschland gehört die Aufarbeitung der NS-Geschichte und der SED-Diktatur, der deutschen Kolonialgeschichte, aber auch positive Momente unserer Demokratiegeschichte.“ Für einen Hinweis auf die deutsche Kultur im östlichen Europa fand sich jedoch offenbar weder ein Fürsprecher noch eine Halbzeile.

Die Initiative für ein Europäisches Jahr des kulturellen Erbes ergriff nach einer Aufforderung des Europäischen Parlaments vom September 2015 im April 2016 der ungarische EU-Kommissar für Bildung, Kultur, Jugend und Sport, Tibor Navracsics. Er rief das EU-Parlament und den Rat dazu auf, den Vorschlag der Kommission zu unterstützen und alle Beteiligten einzuladen, damit das Jahr ein Erfolg wird. Im April 2017 stimmte das Europäische Parlament der Initiative zu und rief das Jahr 2018 zum Europäischen Jahr des Kulturerbes aus.

Das kulturelle Erbe Europas bilde das Kernstück des kollektiven Gedächtnisses und der Identität der Europäer. Die Initiative solle das Bewusstsein der Öffentlichkeit für die europäische Geschichte schärfen und das Gefühl einer europäischen Identität stärken. Der rumänische Berichterstatter im Europäischen Parlament, Mircea Diaconu von der liberalen Partei ALDE, erklärte in einem Interview: „Wir möchten das Kulturerbe wieder ins Bewusstsein der Öffentlichkeit rücken. Es soll die Wertschätzung erhalten, die es verdient, und unsere Identität stärken. Gleichzeitig können wir wiederentdecken, was uns zu Europäern macht.“

Thomas Mann hat sein Haus in Nidden auf der Kurischen Nehrung nicht als Kulturerbe gebaut, sondern als Ferienhaus. Heißt das aber, dass wir nur „Betrachtungen eines Unpolitischen“ darüber anstellen dürfen, was es mit diesem deutschen Erbe in Litauen auf sich hat?
Bild: privat

In Deutschland stieß die Initiative auf viel Zustimmung bei der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, der Kultusministerkonferenz, den kommunalen Spitzenverbänden und dem Deutschen Nationalkomitee für Denkmalschutz. Das geplante Aktionsjahr sieht man als „große Chance“. Auf der Website des Deutschen Nationalkomitees kann man lesen, dass Europa nicht als etwas Fernes, Abgehobenes wahrgenommen werden solle, sondern als zu uns gehörig. Denn unser kulturelles Erbe erzähle uns unsere gemeinsame europäische Geschichte, auch ganz lokal bei uns zu Hause. Wörtlich heißt es:

„Unser Motto: SHARING HERITAGE. Im Fokus des Europäischen Kulturerbejahres steht das Gemeinschaftliche und Verbindende. Wo erkennen wir unser europäisches Erbe in unseren Städten, Dörfern und Kulturlandschaften wieder? Was verbindet uns? Was wollen wir verändern? Wir möchten das Bewusstsein für unser reiches Erbe fördern und die Bereitschaft zu seiner Bewahrung wecken. Entdecken wir unsere gemeinsamen Wurzeln, sehen wir unsere Umgebung mit neuen Augen, erzählen wir uns unsere Geschichten!“ – Mal abgesehen davon, dass man sich in einem deutschen Text eines englischsprachigen Mottos bedient, stehen die gestellten Fragen in keinem ursächlichen Verhältnis zum Entstehen von Kultur.

Nach dem Vorsitzenden des nationalen Programmbeirats für das Kulturerbejahr, Matthias Wemhoff, soll das Jahr einen Beitrag leisten, die Idee einer „nationalen Leitkultur“ in Frage zu stellen und damit den Nationalismus in Europa zu bekämpfen, indem den Menschen gezeigt werde, dass der Geist, aus dem sie leben, ein „europäischer Geist“ sei. – Hier wird es nun, mit Verlaub, ideologisch. Worum soll es gehen? Darum, dass wir uns unsere Geschichten erzählen, also um das Entstehen jeweiliger kultureller Traditionen, um kulturelle Vielfalt also und interkulturellen Dialog? Oder um die Bekämpfung so entstehender nationaler Leitkulturen und ihre Einbindung in einen verordneten „europäischen Geist“, wie immer der aussehen mag?

Der Europäische Rat hat die wichtigsten Ziele des Europäischen Jahres auf drei Ebenen wie folgt formuliert:

1. Förderung der kulturellen Vielfalt, des interkulturellen Dialogs und des sozialen Zusammenhalts; 2. Hervorhebung des wirtschaftlichen Beitrags des Kulturerbes zur Kultur- und Kreativbranche, einschließlich kleiner und mittlerer Unternehmen, und zur lokalen und regionalen Entwicklung; 3. Betonung der Rolle des Kulturerbes in den Außenbeziehungen der EU, einschließlich Konfliktverhütung, Aussöhnung nach Konflikten und Wiederaufbau von zerstörtem Kulturerbe. – Zum einen also „Einheit in Vielfalt“, zum zweiten „Wirtschaft und Entwicklung“, und zum dritten „Instrumentalisierung des Kulturerbes für die Außen- und Verteidigungspolitik“. – Ein interessantes Ziel-Dreieck für die europäische Kultur!

Die Mitwirkung am Europäischen Kulturerbejahr 2018, für das vom Europäischen Parlament ein Budget von acht Millionen Euro bereitgestellt wurde, ist möglich für alle öffentlichen und privaten Träger, Bewahrer und Vermittler des kulturellen Erbes, also Museen, Gedenkstätten, Archive, Bibliotheken bzw. Verwaltungen, Eigner, Träger, Vereine, Fachgesellschaften, Förderkreise etc., wie auch für die Zivilgesellschaft, für bürgerschaftliches Engagement und für jede und jeden, die das Anliegen unterstützen oder mehr über die europäische Dimension unseres kulturellen Erbes erfahren möchten. – Da kann man sich also einen intensiven europaweiten Wettlauf auf die doch recht geringen Mittel vorstellen sowie reichlich Bürokratie und Verwaltung.

Von deutscher Kultur im östlichen Europa ist bei dem skizzierten Europajahr, ähnlich wie bei dem bereits erwähnten Sondierungsergebnis, eher wenig die Rede, obwohl gerade dieser Kulturbereich seit fast siebzig Jahren ganz wesentlich zur Verständigung Deutschlands mit seinen östlichen Nachbarn beigetragen und damit die Befriedung in Mittel- und Osteuropa aktiv befördert hat. Ähnlich wie das Reformationsjubiläum 2017 in einer von der EKD verantworteten Engführung auf Deutschland begangen wurde, so scheint auch das Kulturerbejahr weitgehend dem „westeuropäischen Geist“ zu huldigen.

Demgegenüber leistet der Ostdeutsche Kulturrat seit Jahrzehnten, und hier bereits in seiner KK-Ausgabe mit der Nummer 1388, wertvolle Beiträge zur deutschen Kultur im östlichen Europa. Gleichermaßen tut das die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen mit ihren seit 1980 erscheinenden Jahresausgaben „Ostdeutsche Gedenktage“ (siehe Seite 20). Den Hinweis auf die mittel- und osteuropäischen Reformationsgeschichten leistete mit einer Wanderausstellung das in Potsdam ansässige Deutsche Kulturforum östliches Europa (siehe Seite 28), das auch für das Kulturerbejahr 2018 bereits eine Übersicht vorgelegt hat, aus der gut ausgewählte Beispiele des großen kulturellen Reichtums des östlichen Europa zu ersehen sind.

Da wird von der reichen Erzähltradition der deutschen Minderheiten im östlichen Europa berichtet, ein Literarischer Reiseführer zu Pressburg/Bratislava vorgestellt, am Beispiel der Familie Schalek auf die lange jüdische Tradition in Mitteleuropa hingewiesen, die auch mit einer Wanderausstellung „Jüdisches Leben an der Oder“ vermittelt wird.

Ein weiteres Themenfeld beschreibt die Wanderausstellung „Entgrenzung – Deutsche auf Heimatsuche zwischen Württemberg und Kaukasien“, die dem Schicksal schwäbischer Pietisten als Siedler im Kaukasus nachgeht. Wegweiser zu den Stätten der Reformation im östlichen Europa bietet das Deutsche Kulturforum in sechs Sprachfassungen an. Dem Schicksal der Donauschwaben in Südosteuropa ist eine Buchpublikation gewidmet, und eine Ausstellung in Zusammenarbeit mit dem Herder-Institut in Marburg zeigt baltische Herrenhäuser.

Wenn also die offizielle Sprachregelung für das Europäische Kulturerbejahr 2018 ohne den Hinweis auf das „nationale deutsche Kulturerbe“ im europäischen Osten auskommt, und die Vertretung dieses Erbes einigen darauf spezialisierten Einrichtungen überlässt, dann stimmt an der Konzeption etwas nicht. Schließlich ist ein Europa ohne diesen völkerverbindenden und friedenstiftenden Kulturbereich im Osten nicht denkbar.

Klaus Weigelt (KK)

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