Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1377.

Wie bleibt man Christ in einer solchen Welt?

Gemeinde und kirchliches Leben im Todeslager Königsberg von 1945 bis 1947

Die ostpreußischen Fischer, deren Votivinschrift noch 1991 fotografiert wurde, hatten es mit der Natur zu tun. Es sollten noch ganz andere Gefahren über sie kommen Bilder aus Hartmut Boockmanns „Ostpreußen und Westpreußen“ in der Siedler-Reihe „Deutsche Geschichte im Osten Europas“

Eine gigantische Flucht- und Vertreibungsbewegung von etwa 14 Millionen Menschen, davon zweieinhalb Millionen Ostpreußen, evakuierte am Ende und nach dem Zweiten Weltkrieg die meisten Teile der früheren deutschen Ostgebiete jenseits von Oder und Neiße Richtung Westen. Über diese historischen Ereignisse gibt es eine schier unüberschaubare Vertreibungsliteratur. Sie umfasst vor allem Berichte von Zeitzeugen über Ereignisse während Flucht und Vertreibung. Die Autoren haben ihre Erlebnisse teilweise in Tagebüchern festgehalten oder nachträglich aufgeschrieben. Diese Berichte sind geprägt von unmittelbarer persönlicher Betroffenheit und existentiellen Gefühlen, vielfach Todesängsten, in sich ständig überschlagenden, zuvor nie erfahrenen, neuen Ausnahmesituationen. Aus der noch weihnachtlich geprägten Stimmung im Januar 1945 und ihrer heimatlichen Umgebung sehen sich die überlebenden ostpreußischen Zeitzeugen herausgerissen und mitten im eisigen Winter konfrontiert mit einer sie umgebenden Massenfluchtbewegung von Zehntausenden, die ihr Heil in sich kreuzenden und gegenseitig behindernden Trecks, zwischen Truppenbewegungen und Kriegshandlungen auf dem Weg nach Westen suchen.

Viel zu spät war von der politischen Führung, Gauleiter Erich Koch in Königsberg, die Erlaubnis gegeben worden, vor der aus dem Osten nahenden russischen Front ins „Reich“ auszuweichen. Erst Ende Januar 1945 wurde der Befehl ausgegeben: „Bei dreimaligem Sirenenton begibt sich alles auf die Flucht, und zwar auf dem Wege nach Pillau.“ Dadurch kamen sich die Bewegungen der Flüchtlingstrecks und der militärischen Truppenteile auf den ohnehin zu engen, verschneiten und vereisten Straßen in die Quere, was zu tagelangen Staus in eisiger Kälte bei unter 20 Grad Frost führte. Zudem hatte die Rote Armee Ostpreußen bereits südlich umgangen und die Provinz eingeschlossen und abgeschnitten. Viele zur Weichsel drängende Flüchtlinge wurden wieder nach Ostpreußen zurückgetrieben, die auf das Frische Haff gelangten Trecks aus der Luft angegriffen, zahlreiche Fuhrwerke versanken im eisigen Wasser des Haffs. Wer die Frische Nehrung erreichte, hatte noch eine weite Strecke bis Danzig oder Gotenhafen zu bewältigen, immer bedroht von russischen Luftangriffen. Wer ein rettendes Schiff nach Westen erreichte, fand oft den Tod in den Wassern der Ostsee, wie über 20 000 Menschen, die mit den Schiffen Wilhelm Gustloff, Goya, Steuben und Cap Arcona untergingen.

Kann Landschaft lügen? Der Mensch belügt sich selbst, wenn er ihrem Frieden traut, den er so schnell selbst zu zerstören vermag …

Es spielten sich apokalyptische Szenen ab. Alte Menschen waren den Strapazen der Märsche bei Frost und Schneestürmen, den Übernachtungen in kalten Scheunen, leeren Kirchen oder unter freiem Himmel nicht gewachsen. Der schon bald einsetzende Hunger und Durst raffte bereits nach wenigen Tagen viele Menschen dahin. Längs der Fluchtwege lagen zahlreiche unbestattete Tote, auch Opfer der Bordwaffen sowjetischer Tiefflieger. Während solcher Luftangriffe oder im Gewühl der Trecks verloren Eltern ihre Kinder, Säuglinge erfroren, Kranke starben.

Als die Rote Armee die Flüchtlingstrecks überrollte, kamen zu den ohnehin schon unerträglichen Strapazen Raub und Plünderung durch die russischen Soldaten hinzu, wahllose Erschießungen und vor allem nächtliche Vergewaltigungsorgien der Soldateska, denen der Großteil der flüchtenden ostpreußischen Frauen zum Opfer fiel. Zu Hunger, Durst, Krankheit und Obdachlosigkeit kamen jetzt noch Demütigung und Erniedrigung und die nie endende Angst um die Angehörigen und um das eigene Schicksal. Man war der totalen Willkür der Sieger ausgesetzt.

Wie es unter diesen Umständen möglich war und ist, ein geistliches Amt auszuüben und seinen christlichen Glauben zu leben, ist eine bisher kaum behandelte Frage. Wie Menschen in außergewöhnlichen Situationen, ja unter unmittelbarer und ständiger Todesbedrohung den Mut zum Überleben finden und die Kraft, das Leiden von Nächsten und Freunden ohnmächtig mitzuerleben, beschäftigt uns auch heute immer wieder. Wir erleben Einzel- und Massenschicksale äußerster Dramatik, wir sehen auf dem Bildschirm, wie Menschen in Krisengebieten oder auf der Flucht aus Kriegszonen, unter Bedrohung von Hunger, Katastrophen oder Terrorismus ihr Schicksal bewältigen, ja sogar Nächstenliebe üben und für andere da sind, auch wenn um sie herum Tausende Opfer von Hunger und Gewalt werden oder auf der Flucht im Mittelmeer ertrinken.

… und wenn er begeistert Wege ins Licht zu sehen meint in einer Allee wie der 1747 vom Grafen Friedrich Dönhoff angelegten, über die so viel Dunkel hinweggezogen ist

Welche Kräfte werden in solchen Ausnahmesituationen freigesetzt? Wie kann ein Mensch in nach menschlichem Ermessen völlig aussichtslosen Situationen noch Hoffnung haben? Wie kann der Glaube an Gott, die Glaubensgewissheit in Jesus Christus gerade dann wachsen, wenn die Not am größten ist und der Mensch aus furchtbarster und einsamster Verlassenheit nur noch mit Martin Luther beten kann: „Aus tiefer Not schrei ich zu dir, Herr Gott, erhör mein Rufen.“ – Aber auch das andere geschieht und ist zu beobachten: dass jeder Glaube zerbricht und die geschundene Kreatur nur noch Hass und Gefühle der Rache empfindet.

Für viele Menschen blieb nur noch die Hoffnungslosigkeit und die Flucht aus der Qual in den Suizid. Tatsache ist, dass in Ostpreußen beim Einmarsch der Roten Armee die Selbstmordrate sehr hoch war, genaue Zahlen liegen nicht vor. Als ein Krankenhaus von sowjetischen Soldaten erobert wurde, die keine Achtung vor den Kranken hatten, nahmen sich Schwestern und Ärzte das Leben. „Überall wird von Zyankali gesprochen, das anscheinend in jeder Menge zu haben ist,“ schreibt Hans Graf von Lehndorff in seinem „Ostpreußischen Tagebuch“.

Vor allem Vergewaltigungsopfer sahen in ihrer dauernden Erniedrigung und Entwürdigung keinen Ausweg. Anneliese Kreutz berichtet in ihrem Erlebnisbuch „Das große Sterben in Königsberg 1945–47“: „Und dann begann für uns die Hölle. In dieser Nacht erwürgten Frauen ihre Kinder, um sich dann später selbst das Leben zu nehmen. In dieser Nacht wurden Selbstmordgedanken geboren und in den kommenden Tagen und Nächten in die Tat umgesetzt. Und doch sollte es danach Nächte geben, die noch grauenvoller waren.“

Der Pfarrer Hugo Linck erinnert sich: „In ihrer Verzweiflung hatten sich Frauen und junge Mädchen in den Pregel gestürzt. Wie viele suchten den Tod! Gerade auch solche, deren Leben im Glauben und in innerster Sauberkeit sich vollzogen hatte, wußten keinen Ausweg aus der Erniedrigung und Schmach, die ihnen angetan wurde. Ich kann mir ihre letzten Gedanken nur so vorstellen, daß sie aus einer grausig unbarmherzigen Welt fliehen wollten in die Hände des barmherzigen Gottes.“ Nur wenige, wie der Arzt Lehndorff, widersetzen sich, trotz aller offenkundigen Sinnlosigkeit, den Selbstmordabsichten: „Lange hab’ ich mit der Operationsschwester gerungen, die sich das Leben nehmen wollte. Ich bat sie, um Jesu Christi willen bei uns zu bleiben. Andere Argumente ziehen nicht mehr. Schließlich gab sie nach. Oh, wieviel neidvolle Blicke haben die Toten auszustehn!“

Unter dem Eindruck der massenhaften Selbstmordfälle vor dem Russeneinfall und unmittelbar danach, und nachdem sich ein Mann im Lager erhängt hatte, sprach der Königsberger Pfarrer Linck in seiner Morgenandacht in der Lagerbaracke über den Selbstmord: „daß wir nicht glauben dürften, allem Widrigen entgehen zu können, sondern daß wir ebenso auf Gottes Hilfe bauen sollten, wie wir sein ewiges Gericht zu fürchten hätten. Da sagte mir jemand danach: ‚Herr Pfarrer, jetzt tue ich es nicht, – ich hatte mir vorgenommen, auch aus dem Leben zu gehen.‘“ Nur selten gelingt dies. Nirgends, außer in sehr wenigen Einzelfällen, gibt es in dem Inferno und Todesszenario Menschen, die anderen Mut zum Leben zu machen in der Lage sind.

Pfarrer Hugo Linck hatte sich mit seiner Frau entschieden, bei ihrer Gemeinde zu bleiben. So erfuhren beide nach der Eroberung Königsbergs die Greuel der Verwüstung, der Gewalt und Unterwerfung, die Vergewaltigungen und den Freitod auch vieler Gemeindeglieder. Aber beide hielten, auch während einer Zeit der Trennung, als er im Lager Rothenstein inhaftiert war, an ihrem geistlichen Leben mit ihrem Umfeld fest. So waren sie vielen Menschen Halt und Trost. Zeugnis abgelegt hat Hugo Linck in seinen beiden Büchern „Königsberg 1945–1948“ und „Im Feuer geprüft“.

In Rothenstein hatte Linck angefangen, für den nächsten Umkreis seiner Baracke Morgenandachten zu halten, denen bald alle dort eingepferchten 1300 Männer zuhörten. „Das war eine Gemeinde, wie ich sie nie gehabt habe und wohl nie wieder haben werde. … Ich verlas eine Liedstrophe, sprach über einen meist aus dem Buche des Propheten Jeremia genommenen Text, betete und schloß mit einer Strophe. Wie anschaulich, als ob gerade für uns bestimmt, waren die Prophetenworte: von Gottes gerechtem Zorn und Gericht. Und wiederum, wie tröstlich und aufrichtend.“

Nach der Entlassung aus Rothenstein ging Linck in seine Gemeinde nach Liep im Osten von Königsberg zurück, wo seine Frau verblieben war. Bald begann er, die Gemeinde zu Gottesdiensten einzuladen, die in seinem Hause stattfinden sollten. Um aber sicherzugehen, wurde Linck beim russischen Kommandanten des 3. Bezirks vorstellig, der für Liep zuständig war, und bat um die Erlaubnis, sein Amt als evangelischer Pfarrer auszuüben. Wider Erwarten kam nach zweistündiger Wartezeit der Bescheid, dass er als Pfarrer arbeiten dürfe. Auch in anderen Stadtteilen begann wieder kirchliches Leben. In Ponarth und Juditten gab es noch Kirchen. Jedoch wurden die Kirchen in Rosenau als Speicher, in Quednau als Kino und die Kreuzkirche als Einsalzstelle für Fische genutzt. Die übrigen Kirchen waren zerstört.

Dieses Bild wiederum ist beileibe nicht gleichnishaft zu sehen – es war die Wahrheit, und es ist ein Wunder, dass es nicht mehr wirklich ist: Königsberg 1992

In Königsberg gab es nach der Einnahme durch die Russen nur noch fünfzehn Pfarrer. Der Pfarrer der Lutherkirche war bereits im April 1945 erschossen worden. Im Laufe des Jahres 1945 verhungerten sechs Pfarrer, darunter Pfarrer Reiß, der noch die Pfingstliturgie im Lager Rothenstein gehalten hatte. Die beiden Pfarrer Leopold Beckmann (Ponarth) und Ernst Müller (Haberberg) wurden auf dem nächtlichen Heimweg von einem Gemeindeabend am 12. Februar 1946 ermordet. Der Tragheimer Pfarrer Paul Knapp verhungerte im April 1946. Nur sechs Pfarrer wurden von Ende Oktober 1947 bis Herbst 1948 abtransportiert und gelangten in den Westen, darunter Pfarrer Linck und seine Frau, die am 19. März 1948 evakuiert wurden.

Von den dreizehn Mitarbeitern im kirchlichen Dienst und Diakonissen, die Pfarrer Linck aufführt, verstarb nur die Oberin Renata Gräfin von Stolberg. Der Sekretär der evangelischen Arbeitervereine in Juditten verhungerte 1946. Die übrigen wurden zwischen 1946 und 1948 abtransportiert. Aus dem nördlichen Ostpreußen listet Pfarrer Linck achtzehn Pfarrer, Pfarrfrauen und Gemeindehelfer auf. Von diesen starben sieben, eine Pfarrwitwe blieb verschollen, die restlichen zehn konnten 1947/48 ausreisen.

Nachdem ihm die Erlaubnis erteilt worden war, sein Amt auszuüben, musste sich Pfarrer Linck um das dringendste Problem kümmern: Die zahllosen Toten wurden wahllos in Gruben geworfen oder in den Gärten von Siedlungshäusern bestattet. Wieder wurde Linck bei dem Kommandanten vorstellig und erhielt den Auftrag, ein Beerdigungskommando zusammenzustellen, die Leichen aus den Häusern zu holen und auf den Friedhof zu schaffen, um sie dort zu bestatten. Linck stellte einen Trupp von acht Mann aus seiner Gemeinde zusammen, beschaffte einen zweirädrigen Karren und Schaufeln.

„Die Arbeit, die Toten hinauszuschaffen, war oft überaus häßlich. Leichen wurden gefunden, die schon tagelang in Häusern, in Lauben, im Freien, in Bunkern gelegen hatten und einen furchtbaren Verwesungsgeruch verbreiteten. Das Kommando mußte mit Gasmasken ausgerüstet werden und konnte vielfach die Leichen nur mit Handschuhen anfassen. … Beerdigungen fanden, außer am Sonntag, täglich um zehn Uhr statt. Ich ging also Tag für Tag zu den Trauerfeiern hinaus, oft aber mußte ich, um der Sonderbestattung willen, auf noch zwei anderen Friedhöfen amtieren.“

Die Trauerfeiern fanden oft unter erschütternden Umständen statt. Was aber zusätzlich Kräfte aufzehrte, war der anschließende Gang zu den verschiedenen russischen Dienststellen, um die Brotkarte über 400 Gramm Brot pro Mann und Tag für das Beerdigungskommando zu ergattern. Hatte Linck nach den Karten auch das Brot, war es oft Mitternacht, wenn er schließlich zu Hause anlangte.

Auch andere Amtshandlungen konnte Pfarrer Linck vornehmen. Hatte er vor dem Krieg bis zu 250 Taufen eingetragen, so waren es nach 1945 noch höchstens zehn. Konfirmanden hatte er in Kalthof und Liep 1946 je zehn. Es kamen auch Trauungen zustande. Da es keine Standesämter gab und die russischen Behörden mit deutschen Angelegenheiten nichts zu tun haben wollten, hatte man in Liep ein Protokoll aufgesetzt, das der Kirche in einer solchen Notlage standesamtliche Befugnisse beimaß. Es gehört zu den Besonderheiten des deutschen Bürokratismus, dass später in Deutschland trotz aller Eingaben bei den zuständigen Ministerien die Ehen standesamtlich noch einmal geschlossen und die angeblich als „unehelich“ geborenen Kinder nachträglich legitimiert werden mussten.

So beständige wie ständig verwehende, vergehende Schönheit: die Große Düne auf der Kurischen Nehrung – ein Sinnbild

Auch Predigtreisen unternahm Pfarrer Linck, vor allem nach Gilge am Kurischen Haff, wo der rührige Gemeindeälteste Buskies eine Gemeinde gesammelt hatte und sonntägliche Gottesdienste in der Kirche abhielt. Weil sich dadurch Aufgaben, vor allem Kasualien, angesammelt hatten, die eines Pfarrers bedurften, hatte Linck seinen Besuch angekündigt, was zu großer Freude Anlass gab. Aber kurz darauf ertrank Buskies beim Fischfang. Alle waren betroffen und tief erschrocken. Auch Linck haderte: „Warum, o Gott, nimmst du einen so treuen Diener von dieser Erde fort, wo doch solche Männer so dringend nötig gebraucht werden? – Ich weiß auf diese Frage keine andere Antwort als: Gott braucht niemanden. Wir alle aber brauchen ihn. Vielleicht sollte der Tod dieses Treuen die Lauen wachrütteln und zu seinem Dienst willig machen.“ Linck selbst erkrankt in Gilge und ringt lange mit dem Tod, bis sich seine Frau aus Königsberg zu ihm durchschlägt und ihn gesundpflegt.
Die Russen wollten die kirchliche Situation in ihrer Weise ordnen und Pfarrer Linck zum Bischof machen. Dieser lehnte mit der Bemerkung ab, dass man in der evangelischen Kirche nur mit der Zustimmung der Mitarbeiter Bischof werden könne.

Die Sache verlief sich, aber Linck blieb Ansprechpartner der Russen. So konnte er seinem russischen Gesprächspartner auch eines Tages die Frage stellen, ob die deutsche Bevölkerung aus Ostpreußen ausreisen dürfe. Als auf die Gegenfrage, wie viele denn ausreisen wollten, die Antwort: „Alle!“ erfolgte, war der Russe betroffen und fragte nach dem Grund. Linck antwortete: „Weil wir hier verhungern. Wir alle, ich auch.“
Vor dem Zweiten Weltkrieg hatte Königsberg, die Provinzhauptstadt Ostpreußens, etwa 350 000 Einwohner. Im Januar/Februar 1945 wurde die Zahl der zivilen Einwohner vom Stadtverteidigungskommissar mit rund 150 000 angegeben. Vor dem Fall der Stadt am 9. April 1945 gab es nur noch 110 000 Einwohner. Wem die Flucht nicht gelungen war, der blieb zurück. Die unter der russischen Besatzung verbliebene Bevölkerung nahm mit einer unvorstellbaren Geschwindigkeit ab. Schon Ende Mai gab es nur noch etwa 85 000 bis 90 000 Königsberger in der Stadt, im Oktober 1945 zwischen 60 000 bis 55 000. Nach dem ersten schweren Winter 1945/46 schätzte man im März 1946 zwischen 45 000 und 40 000, im Oktober 1946 40 000 bis 35 000 Einwohner. Nach dem schwersten Winter 1946/47 war die Zahl im März 1947 auf höchstens 25 000 abgesunken. Diese Restbevölkerung wurde im Verlaufe des Jahres 1947/48 nach Deutschland evakuiert.

So beschreibt es der Arzt Wilhelm Starlinger in seinem Buch „Grenzen der Sowjetmacht“. „Im ganzen wird man sagen dürfen, daß der reißende Verfall der Wohnbevölkerung Königsbergs vom Juni 1945 bis Frühjahr 1947 so gut wie allein durch Tod geschah – vor allem durch Hunger, Kälte und Entkräftung, in dieser Zeit bereits selten durch direkten Totschlag und Mord, aber dafür zunehmend durch Krankheit und Seuchen.“ Starlinger wurde von den Russen mit der Seuchenbekämpfung in der Stadt beauftragt. Es waren Typhus, Fleckfieber, Diphtherie, Hämocolitis, Tuberkulose, Scharlach und sogar Malaria und Lepra aufgetreten. Dennoch war die Sterblichkeit durch Seuchen bald eingegrenzt und geringer als die durch Gewalt, Hunger (Dystrophie), Kälte und Erschöpfung, die „um ein Vielfaches mörderischer waren als alle Seuchen zusammen“.

„Die Heimat ging unter, aber nicht die Heimatkirche. Eine kleine Schar wurde gerettet. Die dankt Gott für alle seine Güte. Sie weiß um das erstaunliche Wort: ‚Als die Sterbenden, und siehe: wir leben.‘“

In rund drei Jahren bis zum Abtransport nach Deutschland verstarben also mehr als 100 000 Menschen in Königsberg, ein wahrhaft apokalyptisches Geschehen für die Zivilbevölkerung, das nirgendwo sonst ein derartig monströses Ausmaß gehabt hat wie in Ostpreußens einst so bedeutsamer Metropole. Königsberg war aus einer blühenden Stadt zu einem Todeslager geworden, dem nur noch wenige Menschen entrinnen konnten, von Ratten, Mäusen und Wanzen geplagt und völlig verlaust. Die ersten Stationen im Westen nach der Evakuierung aus Königsberg waren vor allem der nachhaltigen Entlausung gewidmet.

Nach der Ausreise mit seiner Gemeinde bekennt Pfarrer Linck: „Die Heimat ging unter, aber nicht die Heimatkirche. Ideale zerbrachen, aber nicht das Kreuz. Menschliche Größen sanken dahin, aber Christus wurde mächtig. Eine kleine Schar wurde gerettet. Die dankt Gott für alle seine Güte. Sie weiß um das erstaunliche Wort: ‚Als die Sterbenden, und siehe: wir leben.‘“

Klaus Weigelt (KK)

 

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