Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR
Kulturportal Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ausgaben: Ausgabe 1386.

„Wir sahen seine Herrlichkeit“

Hans von Lehndorff suchte zu begreifen, was Gott von ihm fordert

Zeugen und bezeugen, ohne Zorn und Hass: Hans von Lehndorff
Bilder. der Autor

Wenige Wochen nach dem Tode seiner Frau Margarethe starb der ostpreußische Arzt und Schriftsteller Hans Graf von Lehndorff am 4. September 1987 in Bad Godesberg. Die Zeitungsanzeige trägt ein letztes Bekenntnis dieses begnadeten Christen, den Lehrtext der Herrnhuter Brüdergemeine für den Todestag: „Christus ist mein Leben, und Sterben ist mein Gewinn.“ (Phil. 1,21)

Seit Graf Lehndorff in seinen Insterburger Jahren zur Bekennenden Kirche gefunden hatte, waren die Losungen der Herrnhuter Brüdergemeine für ihn zum täglichen Brot geworden. Er empfing es dankbar aus Gottes Hand, auch in den dunklen Zeiten der NS-Diktatur, des Krieges und der Sowjet-Herrschaft in Königsberg.

Das Geheimnis der Existenz dieses großartigen Menschen war sein christlicher Glaube. Sein Handeln und sein Schreiben waren Zeugnisse dieses Glaubens. Von ihnen ging Trost aus. Vielen Menschen zeigte er den Weg für eine christliche Existenz heute. Graf Lehndorff wurde zum Zeugen (griechisch martyrion, Märtyrer) für eine Zeit, in der die Pforten der Hölle und des Todes offenstanden. Er aber konnte sagen: „Wir sahen seine Herrlichkeit“ (Joh. 1,14), und er wählte dieses Wort zum Motto für das „Ostpreußische Tagebuch“, in dem es um Schrecken und Leiden geht, für die es eigentlich keine Worte gibt.

Der 1910 bei Torgau an der EIbe geborene Graf Lehndorff war nach Jura- und Medizinstudium seit 1936 zunächst Krankenhausarzt in Berlin und später Chirurg am Kreiskrankenhaus in Insterburg. Hier blieb er, bis die Kriegsereignisse ihn mit seinen Mitarbeitern und Kranken nach Königsberg verschlugen, wo er die Eroberung und Zerstörung der Stadt durch die Sowjets erlebte. Bis zum Abtransport in den Westen im Frühjahr 1947 wirkte der Arzt Lehndorff unter den verbliebenen Deutschen und erfuhr Not, Elend und Tod vieler Tausender seiner Landsleute. Diese Zeit hat er in seinem „Ostpreußischen Tagebuch“ festgehalten. Er schrieb dieses bewegende Dokument bald nach seiner Ankunft im Westen, hielt es aber noch zwölf Jahre zurück, um Abstand zu gewinnen. Dann erschien es zunächst mit geringer Auflage als Beiheft zu einer Veröffentlichung der Bundeszentrale für Heimatdienst: Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost- und Mitteleuropa (1960).

Erst ein Jahr später erschien es unter dem Titel „Ostpreußisches Tagebuch“ auch im Buchhandel und wurde einige hunderttausendmal verkauft. Es ist das bekannteste Werk Lehndorffs geworden, eine Chronik der ostpreußischen Passion, ein Buch voller Leiden und Grauen, aber auch voller Schönheit und Glaubenstiefe und darum auch voller Trost für viele, die diese schreckensvollen Jahre an Leib und Seele selbst erdulden mussten. Graf Lehndorff hat mit diesem Buch der verstummten Qual sprachlichen Ausdruck verliehen, dem vergangenen Leiden die Zunge gelöst, das Entsetzen in eine Ordnung gebannt – ohne Gefühle von Zorn und Hass! Für ihn ist die Rückschau ein Blick auf Gottes Weg mit den Menschen in seiner Geschichte: „Wir sahen seine Herrlichkeit!“ Was manchen vielleicht wie zynischer Frevel anmutet, wurde für viele zum Trost und damit zum Anfang eines Weges aus einer ausweglosen Trauer um geliebte Menschen und den Verlust der Heimat.

In seiner Insterburger Zeit als Arzt war Hans Graf von Lehndorff 1942 zu einem Männerkreis der Bekennenden Kirche gestoßen, der schon bald in Konflikt geriet mit der von den Deutschen Christen beherrschten Amtskirche, speziell dem Konsistorium in Königsberg. Man konnte sich behaupten, denn mit dem Kriegsende und der Besetzung durch die Rote Armee verblieben in Ostpreußen weder die nationalsozialistischen staatlichen Strukturen noch die Amtskirche der Deutschen Christen. Wer konnte, war geflohen. Einzig die Strukturen der Bekennenden Kirche überlebten im Dienst an den Gemeinden und allen, die zu Tausenden in Not geraten waren.

Lehndorff war sich der Situation und all dessen, was auf ihn zukommen würde, durchaus bewusst. Sein Vetter Heinrich von Lehndorff hatte ihn noch kurz vor dem Attentat des 20. Juli 1944 eingeweiht und ihm das Versprechen abgenommen, dass er gegebenenfalls eine Aufgabe übernehmen würde. „Und es fügte sich so, daß ich ihm meine Zusage gab.“ Nach dem misslungenen Anschlag wurde Heinrich ermordet, ohne dass irgendein Verdacht auf Hans fiel. „Und während alle, die irgendwie mit den Attentatsplänen in Beziehung gebracht werden konnten, dem gnadenlosesten aller Richter überantwortet wurden, fiel auf mich nicht einmal der Verdacht der Mitwisserschaft – ein Vorzug, der mir damals im höchsten Grade beschämend erschien. Die folgenden Monate waren die qualvollsten, die ich in meinem bisherigen Leben durchgemacht habe.“ So bekennt es Lehndorff in den „Insterburger Jahren“.

Die „Insterburger Jahre“ liegen weit zurück, auch das Lehndorffsche Anwesen, Zeugnis jener Zeit, hat die Zeit nicht unbeschadet überstanden

Noch vor der Eroberung Königsbergs tut Lehndorff Dienst in einem Feldlazarett, wo er buchstäblich bis zum Umfallen am Operationstisch steht. „Was gehen einem hier alles für Menschen durch die Hände! Und was für furchtbare Verwundungen! Das ‚Recht auf Gesundheit‘ ist vollständig zur Gnade geworden. …Was das chirurgische Handeln im ganzen betrifft, so bietet sich täglich und stündlich Gelegenheit, zu erschrecken über das Maß an Verantwortung, welches einem auferlegt wird, und noch mehr über die Plötzlichkeit, mit der man schwerstwiegende Entscheidungen zu fällen sich hat gewöhnen müssen. … Es kommt vor, daß ich hintereinander zehn Beine amputiere, die ich bis dahin erhalten zu können hoffte. … ohne den Glauben an die Vergebung wüßte ich nicht, wie ich das alles überhaupt bestehen sollte. Die Leute sterben wie die Fliegen.“

In der Woche nach Ostern wird von der Roten Armee der Endkampf um Königsberg eingeleitet. Pausenlose Fliegerangriffe setzen der Stadt zu. „Mehrere Hundert sind immer gleichzeitig in der Luft, werfen Bomben schweren Kalibers und schießen aus allen Rohren in die Straßen hinunter. … Wir leben ein glühendes Leben in diesen Tagen. Alle Gedanken kreisen um den einen unvergänglichen Mittelpunkt. Und aus dem Glauben ist schon fast ein Schauen geworden.“

Als dann nach dem 9. April 1945 die Russen in der Stadt sind, übertrifft das Inferno alles Vorstellbare: Vergewaltigungen aller Frauen und Krankenschwestern, sinnlose Zerstörungen von Lebensmittelvorräten und des Krankenhausinventars – das absolute Chaos. „Ich schleiche wie im Traum durch unsere Keller und suche zu begreifen, was Gott hier von mir fordert.“

Durch einen Mittelsmann hat Lehndorff erfahren, dass vor Ablauf von sechs bis acht Tagen mit irgendeiner Ordnung nicht zu rechnen sei, Die Stadt sei den Soldaten zur Plünderung freigegeben worden. Zwar hatte er vermutet, dass ein wildes, rachsüchtiges Volk über alle hereinbrechen und alles vernichten würde, dass man gar nicht zum Nachdenken kommen würde. Nun aber geht der Zermürbungsprozess weiter. „Die endgültige Entscheidung über uns ist ausgeblieben. Ich bin so ausgelöscht, daß ich nicht einmal mehr beten kann.“

Gleichzeitig erwacht in ihm zu seinem eigenen Entsetzen eine Art kalter Neugier. „Was ist das eigentlich, so frage ich mich, was wir hier erleben? Hat das noch etwas mit natürlicher Wildheit zu tun oder mit Rache?“ Er beobachtet, wie halbwüchsige Jugendliche sich wie Wölfe auf Frauen stürzen, offenbar ohne selbst recht zu wissen, wie ihnen geschieht. „Das hat nichts mit Rußland zu tun, nichts mit einem bestimmten Volk oder einer Rasse – das ist der Mensch ohne Gott, die Fratze des Menschen. Sonst könnte mich dies alles nicht so peinlich berühren – wie eigene Schuld.“

Am 12. April wird er von mehreren bewaffneten Russen auf der Straße verhaftet und zu einem der Propagandamärsche gezwungen. „In dem Augenblick fällt mir ein schwerer Stein vom Herzen. Ich bin gefangen – frei. … Das zweite Leben hat begonnen. Laut pfeifend ziehe ich meines Weges am Schluß des Zuges. Man sieht sich mißbilligend nach mir um. Nein, ich kann jetzt beim besten Willen nicht traurig sein. Das Leben ist so ungeheuerlich. Es wäre schade, wenn man sich die Freude daran entgehen ließe. Und mein Gebet geht um nichts anderes mehr als um ein Fünkchen Humor und um ein offenes Auge für alles, was noch kommen mag.“ Bis Mitte Juni sitzt er mit zweitausend Männern im berüchtigten Lager Rothenstein im Nordosten von Königsberg. „Nicht selten bricht einer vor Schwäche zusammen. Ein Leben gelebt zu haben, um hier an dieser Stelle zu verrecken, buchstäblich in der Scheiße! Unwillkürlich kommt mir dabei ein Lied in den Sinn: ‚Bis hierher hat mich Gott gebracht –.‘ Oder ist das eine Lästerung? Aber wer hat es denn sonst getan? Nein, wem Er bis hierher beigestanden hat, dem muss Er auch weiterhelfen.“

In den Räumen der Frauen atmet Lehndorff irgendwie auf. „Ihr Verhalten ist viel verständnisvoller, zweckmäßiger als das der Männer. … Sie geben nicht so schnell auf wie die Männer. Als ich mich verabschiede, gibt die Schwester ein Zeichen, und die ganze Zelle singt ein frohes Lied. Es ist immer wieder erstaunlich, was der Mensch vermag. Und wo innere Ordnung ist, da findet auch die Hilfe von außen einen Ansatzpunkt. Hier ist das wenige, das wir tun können, nicht umsonst.“

Zu Pfingsten 1945 gelingt es, einen Gottesdienst im sonnendurchfluteten Operationssaal zu organisieren. Goldregen schmückt den Altartisch, sogar ein Kruzifix hat man gefunden. Etwa hundert Menschen drängen sich in den Raum. Lieder wurden auf Zettel geschrieben und verteilt. „Für eine Stunde ist alle Erdenlast aufgehoben. Danach, als sich der Raum leert, sehe ich zufällig den Kommandanten draußen aus der Nähe unserer Fenster wegschleichen. Ob er wohl die ganze Zeit dort gestanden hat? Was für ein armes Volk, diese Sieger!“

Lehndorffs Schlüssel für alles, was er erlebt, ist sein Glaube. Hass kann gar nicht aufkommen. Die sachliche Unmittelbarkeit und Drastik der Schilderung macht betroffen – auch heute noch – und beteiligt den Leser an dem Wissen, „daß es keinen Ort gibt, an dem der Christ nicht Anteil hat an der Herrlichkeit, die in allem nur so lange verborgen ist, als die Augen zu stumpf sind, um sie wahrzunehmen!“ So hat es der katholische Publizist Erich Kock in einer Sendung über das „Ostpreußische Tagebuch“ treffend formuliert.

Gewachsen war dieser alle Schrecknisse und Grausamkeiten überragende Glaube in Insterburg. Graf Lehndorff hat diese Zeit in „Die Insterburger Jahre. Mein Weg zur Bekennenden Kirche“, seinem wohl wichtigsten Buch (1969), geschildert. Er lernte in diesen Jahren, „daß der Glaube nicht dazu da ist, das Leben zu verbrämen, sondern daß er es zu Zeiten überhaupt erst möglich macht“. Er nennt seine Zeit eine „Zeit des Unheils“, eine „vom Terror einer totalitären Macht beherrschte Zeit“, eine „furchtbare Zeit“. Aber im Gespräch und Gebet mit Freunden, im Gottesdienst und beim Abendmahl, in der täglichen Lesung der Bibel und der Losungen kommt er zu der Überzeugung: „Es gab für mich keinen Zweifel daran, daß, was auch immer mit mir geschah, Gott seine Hand im Spiel hatte.“ Die theologische Beschäftigung mit dem Attentat auf den Diktator bringt Lehndorff die letzte innere Festigkeit, von der das „Ostpreußische Tagebuch“ Zeugnis gibt. Hier erreicht er den Grad christlicher Reife, der ihn die Geborgenheit in Gottes Trost finden lässt, was immer auch geschieht.

Graf Lehndorff hat nach dieser entscheidenden Phase seines Lebens nicht aufgehört, Zeugnis für sein Christsein abzulegen. Nach seiner Ankunft im Westen arbeitete er zunächst in den neubegründeten Evangelischen Akademien mit. Nach 1949 war er wieder als Arzt tätig. Von 1954 bis 1974 leitete er als Chefarzt das Viktoria-Hospital in Bad Godesberg und stand seit 1970 zusätzlich im Dienst der Telefonseelsorge in Bonn und der Hilfe für Drogenabhängige in Köln. Gerade den Menschen in besonders schweren Nöten galt seine Zuwendung. 1977 erschien sein Buch „Humanität im Krankenhaus“, in dem er seine ärztliche Ethik niederlegte.

„Und mein Gebet geht um nichts anderes mehr als um ein Fünkchen Humor und ein offenes Auge für alles, was kommen mag.“

Ausdruck der inneren Verbindung seines ärztlichen Wirkens mit dem christlichen Glauben war auch seine Mitgliedschaft im evangelischen Johanniterorden, dessen Kommendator er über drei Jahrzehnte war. In dem Nachruf des Ordens vom 11. September 1987 findet sich folgender Absatz: „Wie Hiob hat Hans Lehndorff alle Höhen und Tiefen des Lebens durchmessen: den Verlust der Heimat, den Tod von drei Brüdern und der Mutter an der Front und auf der Flucht sowie die Ermordung des Vetters durch die Machthaber des Dritten Reiches. Er hat Freunde, Kollegen und ihm Anvertraute unter schrecklichen Umständen sterben sehen. Als einziger Lehndorff seiner Generation überlebte er die Katastrophe seines Vaterlandes. Aber mit Hiob konnte er auch sagen ‚Ich weiß, daß mein Erlöser lebt, und er wird mich hernach aus der Erde aufwecken‘ – wie Luther übersetzte. Und er hat dann den Neubeginn durch Gottes Gnade erlebt: die Familiengründung, Frau und Söhne, die ihn bis zuletzt mit unendlicher Liebe durch die schwersten Zeiten begleitet und getragen, ja sich in diesem Dienst verzehrt haben.“

Bevor die schwere Krankheit ihn befiel, hat Graf Lehndorff seinen Lebensabend noch genutzt, um den genannten Büchern zwei weitere hinzuzufügen. 1980 erschienen seine Jugenderinnerungen unter dem Titel „Menschen, Pferde, weites Land“, und 1983 folgte schließlich noch ein kleiner Band mit Betrachtungen unter dem schönen Titel „Lebensdank“. So runden sich Leben und Werk dieser Persönlichkeit, deren gelebter Glaube zum Vermächtnis geworden ist. Dem Betrachter dieses Lebens bleibt nur die Haltung ehrfurchtsvoller Scheu und tiefer Dankbarkeit.

Klaus Weigelt (KK)

«

»