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Gedenktage

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50. Todestag: Bischof Carl Maria Splett (17.1.1898-5.3.1964)

In diesen Tagen vor 50 Jahren, am 5. März 1964, ist der letzte deutsche Bischof von Danzig, Dr. Carl Maria Splett, in Düsseldorf gestorben.

Es gibt vier Gründe, diesen Tag als einen denkwürdigen zu begehen. Da ist zunächst das tragische Schicksal eines Geistlichen, der zwischen die Mühlsteine von gleich zwei totalitären Regimen geraten war. Und in beide Konflikte geriet er ohne persönliche Schuld und ohne weiteren persönlichen Beistand. Ein eigentlich lebensfroher Mensch, der allein seinen Weg gehen musste, ohne daran zu zerbrechen! Der zweite Grund sind seine letzten Lebensjahre, die er seit 1956 in der Bundesrepublik Deutschland verleben durfte: Splett war seit dem Tod des ermländischen Bischofs Maximilian Kaller 1947 der letzte kirchliche Amtsträger, der in der neuen Heimat seinen Titel und seine Funktion aus der alten Heimat im deutschen Osten weiterführte. Bis zu seinem Tod hielt er gegen Widerstände aus Polen, Deutschland und Rom am Amt eines Bischofs von Danzig fest. Alle anderen ostdeutschen Oberhirten waren entweder verstorben oder hatten auf ihren Titel resigniert. Dass es Splett mit seinem starren Festhalten auch seelsorglich ernst war, zeigt sein intensives organisatorisches Engagement für die Danziger Katholiken in der Bundesrepublik Deutschland. Er fing hier von Düsseldorf aus nicht gerade bei Null an, doch stellte er die Vertriebenenpastoral auf ganz neue Beine und erreichte nun eine große Anzahl von Danzigern. Der dritte Grund für unser Erinnern ist mit dem zweiten verbunden: Als letzter deutscher Bischof stand er in der revisionsorientierten Adenauer-Ära im Scheinwerferlicht der politischen Öffentlichkeit. Nur noch über seine Person hatte man in den ausgehenden Fünfzigern und beginnenden sechziger Jahren ein Faustpfand der deutschen Ostgebiete in der Hand. Das machte diese eigentlich unpolitische Persönlichkeit – obzwar aus einer Politikerfamilie abstammend – ungefragt zu einem veritablen Politikum im Deutschland des Wirtschaftswunders. Sein bewegtes Schicksal und der Ost-West-Konflikt führten dann auch zum vierten Grund für unser Gedächtnis: Forschung und Publizistik nahmen sich schon zu Lebzeiten Spletts seiner Tätigkeit in Danzig an. Von der einen Seite verschrien als „Polenfresser“ wurde er von der anderen Seite als „Märtyrerbischof“ tituliert, der eigentlich zum Wohle auch seiner polnischen Diözesanen gewirkt hatte. Dieser veritable Historikerstreit, der mit seinem Schauprozess von 1946 einsetzte, bis zur Politischen Wende von 1989/90 reichte, dann die geographischen Fronten wechselte und bis heute noch nicht abgeschlossen ist, sicherte Splett ein Überleben in der deutsch-polnischen Öffentlichkeit.

Wie kam es zu dieser ungewollten Popularität des Kirchenmannes? Der als Sohn eines Schulrektors und Zentrumspolitikers am 17. Januar 1898 in Zoppot geborene Carl Maria Splett trat im Herbst 1917 in das Priesterseminar in Pelplin ein, wo er 1921 die Priesterweihe erhielt und nach juristischen Spezialstudien in Rom (Dr. iur. can.) sowie pastoraler Tätigkeit in Prangenau und Danzig 1935 in die wichtige Dompfarrei in Danzig-Oliva installiert wurde. Der erste katholische Bischof von Danzig, Eduard Graf O’Rourke, wurde 1938 zum Rücktritt wegen der Einrichtung von polnischen Personalpfarreien gezwungen. Als der Warschauer Nuntius den Pelpliner Professor Franz Sawicki für dieses Amt auswählte, verweigerten die Nationalsozialisten Sawicki die Einreise nach Danzig und drohten, ihn an der Staatsgrenze zu verhaften, weil er nominell Pole war. Als Ersatzmann fiel die Wahl des Nuntius nun auf Splett, der den päpstlichen Vertreter bei dessen Danzig-Aufenthalten begleitet hatte. Damit stand Splett an der Spitze eines kleinen Bistums zwischen Deutschland und Polen, das seit 1933 im Würgegriff der Nationalsozialisten war. Kirchliche Presse und Jugendarbeit war auch in der Freien Stadt Danzig längst untersagt; zudem verlangte der Danziger Senat unter massivem Druck, bei der Bischofsweihe auf polnische Ansprachen zu verzichten. Dennoch ließ der neue Bischof bei seiner Weihe am 24. August Gedenkbildchen mit polnischer Aufschrift und ein Hirtenwort in deutscher und polnischer Sprache verteilen. Dem gerade vierzigjährigen Splett waren nun anvertraut. Bei seinem Antrittsbesuch in Rom sagte Kardinalstaatssekretär Eugenio Pacelli prophetisch zu ihm: „Sie sind zwar nur Bischof einer kleinen Diözese geworden, aber dieser Stadtstaat stellt einen Brennpunkt der latenten europäischen Krise dar. Sie werden es in Ihrem Bistum nicht leicht haben!“

Der junge Splett nahm die Leitung des Bistums selbstbewußt und zielstrebig in die Hand. Gegenüber den Nationalsozialisten zeigte er zunächst Konzilianz und konnte anfangs die Wogen nach dem Eklat glätten. Streng nach kirchenrechtlichen Prinzipien handelnd, ging er auf verschiedene staatliche Forderungen ein, ohne Nachteile für die Seelsorge in Kauf zu nehmen. Auf diese Weise konnte er bis zum Kriegsbeginn Gottesdienste mit polnischer Predigt und Volksgesang aufrechterhalten, wie sie in verschiedenen Danziger Pfarreien Usus waren.

 

Zweiter Weltkrieg

Der Ausbruch des Zweiten Weltkriegs veränderte die kirchliche Situation in Danzig nachhaltig. Zunächst eliminierten die Nationalsozialisten die gesamte polnischsprachige Seelsorge im Bistum Danzig. Von den insgesamt zehn Geistlichen (sechs mit polnischer Staatsbürgerschaft und vier deutsche Danziger), die in den ersten Wochen inhaftiert wurden, starben sieben im Konzentrationslager oder wurden anderswo ermordet. Dem nationalsozialistischen Terror fielen aber auch später deutsche Priester zum Opfer, wie beispielsweise der Dekan Johannes Aeltermann, die Pfarrer Dr. Bruno Binnebesel, Ernst Karbaum und Robert Wohlfeil. Schon am 5. September 1939 suchte Splett den Gauleiter persönlich auf und protestierte gegen die Verhaftungen. Diese und weitere Interventionen blieben zumeist ohne Erfolg.

Wie reagierte der Bischof auf diese Gewaltmaßnahmen in der Öffentlichkeit? Schon in seinem Hirtenwort vom 19. Oktober 1938 hatte er deutlich und ohne jede Vorsicht die staatlichen Repressalien gegen den Religionsunterricht gegeißelt und die Schulpflichtigen angehalten, treu und gewissenhaft zu den Stunden zu erscheinen. In einem in deutscher und polnischer Sprache herausgegebenen Hirtenschreiben vom 2. Februar 1939 verdammte er in rückhaltloser Weise das nationalsozialistische Regime: „Niemals zuvor in der Geschichte des Christentums hatte der Unglauben eine derart wunderbare Ernte wie in unseren Zeiten. Seit den Tagen der ersten Christenverfolgungen waren die Arten des Kampfes gegen alles, was christlich ist, niemals derart nichtswürdig, brutal und gnadenlos wie heute!“ Mit solchen deutlichen Worten nahm er eindeutig eine öffentliche Frontstellung gegen das Regime ein, die ihn als regimefeindlichen Mann qualifiziert. „Es ist nicht verwunderlich“, fährt der Bischof fort, „dass sich der neuzeitliche Kampf des Unglaubens in erster Linie gegen das katholische Priestertum richtet, einmal in offener Form, ein anderes Mal schlau aus einem geheimen Hinterhalt“.

Neben der kategorischen Ausschaltung der polnischen Seelsorge verschlechterte sich die rechtliche Lage der Kirche durch den Anschluss der Freien Stadt an das Deutsche Reich am 1. September und die Bildung des Reichsgaus Danzig-Westpreußen im Oktober 1939. Splett begrüßte ganz offen die Rückkehr Danzigs zum Deutschen Reich. In einem kurzen Hirtenwort vom 4. September dankte er Gott dafür, dass die tatsächlich befürchtete Zerstörung der Stadt ausgeblieben war.

Die polnische Nachbardiözese Kulm mit Sitz in Pelplin war Ende Oktober 1939 faktisch ohne Leitung. Der Ortsbischof Stanisław Okoniewski floh vor dem deutschen Einmarsch, der Weihbischof Konstanty Dominik war wegen Krankheit dienstuntüchtig und von den Nationalsozialisten nach Danzig abgeschoben worden, das Domkapitel erschossen, der Dom geschlossen und die bischöfliche Kurie in eine Polizeischule umgewandelt. Die blutigen Ereignisse von September/Oktober 1939 und die Flucht der Mehrzahl der verschonten polnischen Geistlichen in den folgenden Wochen führten dazu, dass auch in den Pfarreien faktisch keine Priester mehr anzutreffen waren, so dass die Seelsorge im Bistum Kulm fast vollständig zum Erliegen kam. Daraufhin ernannte die Römische Kurie sehr rasch Splett zum Apostolischen Administrator des polnischen Bistums. Er wurde damit vorübergehender Leiter der kirchlichen Geschäfte der Diözese bis zum Widerruf durch den Hl. Stuhl. Splett selbst sah die Übernahme der Nachbardiözese als „ein Kreuz“ an, verbesserte aber augenblicklich die dortige Situation.

In kürzester Zeit besuchte Splett zahlreiche Pfarreien des Bistums Kulm, hielt persönlich Unterricht für die Jugend ab und predigte in deutscher Sprache, da das Polnische auch in der Kirche verboten war. Zu den ganz wenigen noch aktiven Geistlichen der Diözese meldeten sich rund 60 weitere Kulmer Priester, die bisher im Versteck lebten oder aus den Konzentrationslagern entlassen wurden und nach Spletts Amtsantritt von den staatlichen Stellen die Möglichkeit erhielten, wieder in die Seelsorge zurückzukehren. Bis Mitte Januar 1940 taten insgesamt 140 Geistliche im Bistum Dienst, und Splett hoffte, durch kluges Taktieren gegenüber dem Gauleiter Forster bald wenigstens alle größeren Pfarreien wieder besetzen zu können. Außerdem erbat er bei den deutschen Bischöfen, vor allem bei der priesterreichen Erzdiözese Köln, Geistliche für den Seelsorgedienst in Westpreußen und finanzielle Mittel für deren Tätigkeit: Bis zum Kriegsende konnten insgesamt 41, meist westdeutsche Priester als Pfarradministatoren im Bistum Kulm eingesetzt werden. Auch sorgte der Bischof dafür, dass nach Möglichkeit untergetauchte oder inhaftierte polnische Priester von der Gauleitung die Möglichkeit erhielten, wieder in die Pfarrseelsorge eingesetzt zu werden.

Als Teil seiner Germanisierungspolitik verlangten Forster und andere verantwortliche Nationalsozialisten in Berlin und Danzig das rigorose und ausnahmslose Ausmerzen alles Polnischen. Eine Missachtung wurde hart bestraft. Schon im Oktober 1939 verbot die Gestapo allen polnischen Priestern des Bistums Kulm die Sakramentenspendung in der Muttersprache. Ein Schreiben der Gestapo vom 4. Dezember 1939 wies nochmals drauf hin, dass die polnische Sprache, selbst in der Beichte überall im Reichsgau seit Oktober verboten sei. Anfang Januar 1940 erhielt der Bischof dann eine Anordnung der Gestapo, die die polnische Sprache im kirchlichen und gottesdienstlichen Leben generell verbot. Spletts erste Sprachverbote datierten dann auf die ersten Tage des Jahres 1940: Mit der Ernennung von neuen Pfarradministratoren für Westpreußen wies er diese Priester an, dass „polnische Predigten und öffentliche Gebete in polnischer Sprache unzulässig“ seien. Die Beichte war in dieses Verbot bewusst nicht aufgenommen. Daraufhin wurden diejenigen Priester, die polnische Beichten hörten, verhaftet und Splett im Februar 1940 aufgefordert, offiziell die Spendung dieses Sakraments in polnischer Sprache zu verbieten. Nun spitzten sich die Ereignisse dramatisch zu. Nachdem der Administrator bei Gestapo, Gauleitung und Reichskirchenministerium gegen diese Maßnahmen protestiert hatte, wurden zehn Danziger Priester, die schon am 1. September 1939 in Haft genommen worden waren, am Karfreitag, dem 21. März 1940, ermordet. Der Gauleiter, sein Adjutant und die Gestapochefs drohten ständig, weitere Priester zu verhaften, wenn ihre Forderungen nicht erfüllt würden – und Inhaftierung bedeutete den sicheren Tod. Am 3. April schrieb der Danziger Gestapo-Chef Helmut Tanzmann an Splett: „Ich verbiete den Gebrauch der polnischen Sprache auch bei der Beichte. Im Falle von Verstößen werden gegen die entsprechenden Personen polizeiliche Schritte unternommen. Bitte übermitteln Sie Ihren Pfarrern jenes Verbot“. Splett signalisierte Entgegenkommen, als er am 17. Mai 1940 die Entfernung aller polnischen Aufschriften und Embleme in den Bistümern Danzig und Kulm anordnete.

Da das der Gestapo nicht reichte, griff sie zu brutaleren Mitteln, um das Verbot der polnischen Beichte durchzusetzen. Am 22. Mai 1940 wurde in einer der größten Aktionen Pfarrer verhaftet, von denen bekannt war, dass sie Beichten in polnischer Sprache abgenommen hatten. Drei Tage später benachrichtigte die Gestapo Splett über die Verhaftungsaktion und drohte, alle Priester jedweder Nationalität, die die Beichte in polnischer Sprache abnähmen, in Gewahrsam zu nehmen. Angesichts dieser Drohkulisse gab der Bischof noch am selben Tag das Verbot der polnischen Beichte im Amtlichen Kirchenblatt der Diözesen Danzig und Kulm heraus. Um den Polen die deutsche Beichte zu erleichtern, ließ der Apostolische Administrator in der folgenden Zeit 100.000 Beichtspiegel drucken und in den Kirchen auslegen. Die erste greifbare Folge von Spletts Beichterlass war die Freilassung der sechs inhaftierten Priester. Der Beichterlass wurde in Westpreußen jedoch faktisch umgangen, da zahlreiche deutsche Pfarradministratoren unter Einsatz ihres Lebens polnische Beichten nicht unterbanden; auch Bischof Splett hat gesichert Beichten in polnischer Sprache gehört. Das Verbot der polnischen Beichte in Westpreußen stellt unzweifelhaft den traurigen Höhepunkt in der Kriegsseelsorge des Bistums Kulm dar. Unzweifelhaft hat Splett durch diesen Erlass, der faktisch dem Kirchenrecht widersprach, die Seelsorge im annektierten Gebiet gerettet. Auch in den folgenden Monaten blieb der Bischof nicht vor antipolnischen Verfügungen der Staatsgewalt verschont. Außerdem blieben Verhaftungen von Priestern bis Ende 1941, dann wieder ab Mitte 1943 keine Seltenheit.

 

Kriegsende und Prozess

Im März 1945 wurde das Danziger Bistumsgebiet selbst zum Ort der Kampfhandlungen mit hemmungslosen Plünderungen, Mord, Zerstörung und Vergewaltigung. Der Bischof und der Klerus wurden mit der übrigen männlichen Bevölkerung um den 25. März gefangen genommen, die meisten nach wenigen Wochen aber wieder freigelassen. In der Haft hatte die Rote Armee vom Bischof vergeblich gefordert, eine Erklärung in russischer Sprache zu unterschreiben, die ihm polenfeindliche Betätigung und Spionage für den Vatikan vorwarf.

Am 9. August wurde der Bischof ein weiteres Mal verhaftet; zwei Tage später erhielt er von einem Mittelsmann des Kardinals Augustyn Hlond die Nachricht, dass er mit Wirkung vom 1. September von seinen Funktionen als Apostolischer Administrator von Kulm und als Bischof von Danzig entpflichtet sei. Hlond hatte dabei klar seine vatikanischen Kompetenzen übertreten. Auf sein Danziger Bistum hat Splett jedoch nie verzichtet, faktisch hörte jedoch mit dem 1. September 1945 das deutsche Bistum Danzig zu bestehen auf.

Am 28. Januar 1946 begann der Prozess gegen Splett vor der Spezialstrafkammer Danzig, die aus kirchenfeindlichen, marxistischen oder befangenen Personen zusammengesetzt war. Nach fünf Verhandlungstagen wurde am 1. Februar das Urteil verkündet: Splett wurde in vier Punkten schuldig gesprochen, sich polenfeindlich verhalten zu haben. Dann wurde er in das größte polnische Gefängnis nach Wronki bei Posen gebracht, wo er unter menschenunwürdigen Bedingungen und Torturen acht Jahre verbringen mußte. Als die Strafzeit am 10. August 1953 abgelaufen war, wurde Splett ohne neues Gerichtsurteil weiterhin seiner Freiheit beraubt und dem Dominikanerkloster in Stary Borek (Südpolen) überwiesen, wo er zwar in bescheidenen Verhältnissen, aber doch einigermaßen menschenwürdig leben und sogar die hl. Messe feiern konnte. Am 2. September verlegte man ihn in das Kloster der Franziskanerobservanten in Dukla (Beskiden), wo er isoliert und unter strenger Aufsicht lebte.

 

In der Bundesrepublik

Im Sommer 1956 wirkte sich das politische Tauwetter in Polen auch für Splett günstig aus. Er sollte in den Westen abgeschoben werden. Am 17. Dezember 1956 konnte er das Franziskanerkloster verlassen und sich in Warschau um die noch fehlenden Ausreisepapiere kümmern. Der Bischof nahm wenige Tage später endgültig und ohne Groll Abschied von Polen und dankte dem polnischen Episkopat ausdrücklich. Am 27. Dezember erreichte Bischof Splett Neuß am Rhein, wo er bei einer befreundeten Familie seinen provisorischen Wohnsitz nahm. Die Nachricht von seiner Ausreise aus Polen hatte sich unter den deutschen Katholiken rasch herumgesprochen; schon am nächsten Tag richtete der Kölner Oberhirte Josef Kardinal Frings ein Begrüßungsschreiben an den Danziger Bischof. Die Kölner Kirchenzeitung meldete dann offiziell Spletts Anwesenheit im Kölner Erzbistum am 6. Januar 1957. Daraufhin versuchten zahlreiche Weggefährten und Interessierte, mit dem Bischof von der Weichselmündung Kontakt aufzunehmen. Splett ließ aber zunächst keine Besuche zu, da er sich von der Strapazen der Gefangenschaft und der Reise erholen musste. Das hinderte ihn jedoch nicht daran, schon im Januar 1957 mit den heimatvertriebenen Danzigern zusammenzutreffen. Etwa gleichzeitig richtete er erste Rundschreiben an die in Deutschland lebenden Danziger Priester und Gläubigen. Anfang März 1957 reiste er nach Rom, wo er als Bischof von Danzig am 16. des Monats von Pius XII. in Privataudienz empfangen wurde. Der Papst führte mit ihm ein langes Gespräch unter vier Augen, informierte sich über die Gefangenschaft des Bischofs und die Situation der polnischen Kirche. Anschließend bezeichnete ihn der Papst voller Hochachtung als Bekennerbischof.

Der Papst ernannte ihn daraufhin im Juni des Jahres zum Hirten für die Danziger Katholiken in der Bundesrepublik. Dieser Aufgabe widmete er sich mit Eifer und Organisationstalent. Seine gehaltvollen Predigten waren bei den Gläubigen immer noch geschätzt. Immer wieder vertrat er das Recht auf Heimat als Naturrecht und setzte sich dafür ein, das heimatliche Eigengut auch in der Ferne zu pflegen; gleichzeitig aber mahnte er auch an die Verpflichtung zur Eingliederung in die neue Gesellschaft. Wann immer er das Wort ergriff, wozu er jede passende Gelegenheit nutzte, sprach er ohne jegliche Ressentiments gegenüber dem polnischen Volk. Er teilte die Sorge der polnischen Katholiken im Kampf gegen das totalitäre System und freute sich über Nachrichten aus Polen.

Aber auch im Kölner Erzbistum brachte sich Splett ein. Besonders als Firmspender, aber auch zur Weihe neuer Kirchen – wie beispielsweise die zur Heiligen Familie in Düsseldorf-Stockum am 1. Juli 1962 – und zu Dekanatsvisitationen wurde der Bischof aus dem Osten im ausgedehnten rheinischen Erzbistum eingesetzt. Ende 1958 zog er endgültig nach Düsseldorf, wo er am Fürstenwall 165 eine kleine Wohnung bezog. Von Düsseldorf aus organisierte er dann auch die Vertriebenarbeit erfolgreich und unternahm seine zahlreichen Visitations- und Firmreisen. Für die vertriebenen Danziger organisierte er Wallfahrten, Treffen von Priestern und Laien, besuchte zahlreiche Veranstaltungen in Königstein/Ts. und erreichte die Danziger Katholiken zu den Hochfesten durch Hirtenworte im „Heimatbrief“, der auf seine Initiative nun monatlich herauskam. Splett knüpfte ebenso zum katholischen Vereins- und Verbandswesen seiner Heimatvertriebenen Kontakte wie zum Bund der Danziger. Der Jugend und dem Nachwuchs an Priesteramtskandidaten galt seine besondere Sorge. Das Bildungswerk der Danziger Katholiken, das Adalbertus-Werk, spielte hier eine besondere Rolle. Um die zahlreichen und vielfältigen Aktivitäten zu koordinieren und sachgerecht vorzubereiten, stand dem Bischof neben seinem Konsistorium noch ein besonderer Mitarbeiterstab zur Verfügung: der von ihm 1958 geschaffene Bistumsrat, der aus Priestern und Laien bestand und einmal im Jahr zusammentrat. Durch Spletts Teilnahme stiegen die Frühjahrs- und Herbsttreffen der Danziger Katholiken in Münster von 200 auf 800 Teilnehmer. Höhepunkt der Begegnungen zwischen Oberhirten, Priestern und Gläubigen bildete unzweifelhaft das 25jährige Bischofsjubiläum, das in Düsseldorf vom 23. bis 25. August 1963 gefeiert wurde. Hier zeigte sich, wie die auch zahlenmäßig angewachsene Versammlung zu einer Gemeinschaft zusammengewachsen war.

Die Einladung zum Zweiten Vatikanischen Konzil gab Splett wohl zum letzten Mal die Möglichkeit, seine eigenen Erfahrungen an der aktuellen Wirklichkeit zu spiegeln und theologisch zu durchdenken. Sein Votum für die Vorbereitungskommission des Konzils (August 1959), das man nur im Licht seines persönlichen Schicksals verstehen kann, setzte er am Schreibtisch in Düsseldorf auf. Darin forderte er eine theologische Erklärung über den Menschen in seiner personalen Würde, seinem Ursprung und Verhältnis zu seinem Nächsten. Die individuelle Menschenwürde sah der Bischof in jener Zeit besonders gefährdet, da ein Großteil der Menschheit unter den Bedingungen des Totalitarismus lebte. Im Westen drohe die Gefahr der Vermassung und der Übertechnisierung. Folgerichtig erwartete er aus der Sicht der katholischen Soziallehre eine Erklärung zu den Irrtümern des Kommunismus und Materialismus. Außerdem beschäftigte sich Splett mit Fragen der kirchlichen Disziplin und vor allem mit der Liturgie. Dabei erbat er sich eine Erklärung gegen ultramoderne Vorstellungen und Experimente im Kirchenbau. Außerdem setzte er sich für eine neue Regelung der Jurisdiktion über die heimatvertriebenen Katholiken ein: Interessanterweise betonte er die Einheit von Hirt und Herde, die unabhängig vom jeweiligen Territorium fortbestehe. Das war auch der tiefere Grund dafür, seinen Bistumstitel nicht zurückzugeben! Aus all den recht unterschiedlichen – teils modernen, teils konservativen – Vorstellungen und Anregungen wird eines deutlich: Seine Kulmer Jahre sowie seine Haftzeit und Gefangenschaft haben prägend gewirkt. In Rom, als Teilnehmer an der Weltversammlung des Zweiten Vatikanischen Konzils, ging er auf die polnischen Bischöfe offen zu und förderte durch sein offenes, herzliches und geselliges Wesen die brüderliche Eintracht der Konzilsväter. Mit dem Bischofs-Koadjutor von Danzig/Gdańsk, Edmund Nowicki, führte er ein ebenso freundschaftliches Gespräch wie mit Kardinal Stefan Wyszyński. Nach Düsseldorf zurückgekehrt, starb Splett ganz unerwartet am 5. März 1964 in seiner Wohnung.

Inzwischen war Splett zu einem Symbol der Vertreibung geworden. Ende 1956 wünschte ihm der deutsche Bundespräsident Theodor Heuss (1949-1959) hier auf Erden „ewiges Leben“, um deutsche Ansprüche gegenüber Polen in der Gestalt des letzten noch lebenden Oberhirten aus dem Osten aufrecht zu erhalten. Am 10. Februar 1960 wurde Splett sogar das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Die Eigendynamik der Verlusterfahrung zahlreicher Ostdeutscher lief fast zwangsläufig auf den letzten authentischen Oberhirten als Symbolfigur zu. Splett war demnach keine geschichtliche Größe mehr, sondern eine Symbol- und Erinnerungsfigur ersten Ranges im Nachkriegsdeutschland. Die Pflege seiner Memoria, die nahezu gleichzusetzen mit der Erinnerung an die verlorene Heimat war, erfolgte vor allem in Düsseldorf, das zum Zentrum der Danziger Katholiken in der Bundesrepublik geworden war. In Polen verweigerte man ihm ideologiebedingt jede greifbare Erinnerung.

So gestalteten sich auch Spletts Beerdigungsfeierlichkeiten in der Düsseldorfer zu einer politisch-religiösen Manifestation. Etwa 3.500 Trauergäste waren zum Requiem gekommen, darunter der Kölner Erzbischof Frings und der Apostolische Nuntius Corrado Bafile. Die Bundesrepublik war durch Familienminister Bruno Heck vertreten, das Land Nordrhein-Westfalen direkt durch den Ministerpräsidenten. Fünf Bischöfe feierten die Statio am Sarg, und Zehntausende Gläubige nahmen an der Überführung des Toten nach St. Lambertus teil. Hier hatte der Bischof oft zelebriert und gewöhnlich die Liturgie der Kartage gefeiert. Düsseldorf ehrte seinen langjährigen Gast durch ein sehr aussagekräftiges Grabmal in St. Lambertus – immerhin war Splett der einzige Bischof, der in der rheinischen Landeshauptstadt begraben liegt. Außerdem wurde eine Straße nach dem Danziger Bischof benannt. Damit verstärkte die Rheinmetropole ihre Bindung an die Weichselstadt, zu der sie seit 1952 eine Städtepartnerschaft unterhielt.

 

Wirkungsgeschichte

Bereits weit vor seinem irdischen Dahinscheiden vor 50 Jahren setzte seine Wirkungsgeschichte ein, auf die er selbst keinen sichtbaren Einfluss nahm. Dieses „Zweite Leben“ begann mit dem stalinistischen Schauprozeß 1945, der wissenschaftlich und publizistisch zu einer jahrzehntelangen internationalen Kontroverse über die Tätigkeit des Oberhirten überleitete. Dabei kreiste Diskussion ganz isoliert um die Frage des polenfeindlichen Verhaltens des Bischofs. Splett wurde damit zu einem Politikum ersten Ranges. Die deutschsprachige Literatur der fünfziger und sechziger Jahre- selbst die wissenschaftliche – war von Achtung und Respekt gegenüber der überlangen Gefangenschaft des „Bekennerbischofs“ geprägt, der zu einer symbolischen Identifikationsgestalt der Heimatvertriebenen stilisiert wurde. Die sozialistisch bestimmte Forschung Polens war dagegen auf den Beichterlass vom Mai 1940 fixiert war und entwarf das Bild eines polenfeindlichen Oberhirten. Man ließ dabei die Zwangssituation des Oberhirten außer Acht und unterstellte Splett eine deutliche Nähe zum nationalsozialistischen Regime. Die staatlichen Schulen vor allem Nordwestpolens popularisierten solche publizistischen Hasstiraden und ließen Splett als „Polenfresser“ durch den Unterricht geistern. Diese Richtung gipfelte im Werk von Peter Raina, der die Prozessakten von 1946 publizierte und sich dabei zu der Behauptung verstieg, Spletts Familie wäre mit dem Gauleiter Forster seit langem befreundet gewesen. Rainas Buch bildete allerdings zum Zeitpunkt seines Erscheinens einen Anachronismus, da mit der Zeit der politische Wende in Ostmitteleuropa auch eine historiographische Neubesinnung einsetzte, die die eigene Erinnerungskultur neu definierte. Die neuerrungene politische Freiheit brachte nun auch in Polen zu einer neuen Sicht der Dinge: Der Danziger Propst Stanisław Bogdanowicz zeichnete in seinem Buch, das auch in Deutschland große Verbreitung fand, ein durchweg positives Bild von Splett: Er attestierte dem Bischof „keinerlei niedere Beweggründe, Antipolonismus oder Germanisierungswillen …, sondern ganz im Gegenteil, der Bischof [hat mit dem Beichterlass…] das Ziel verfolgte, von der polnischen Gemeinschaft zu retten, ‚was noch zu retten war’ und den Polen irgendeine Form der Seelsorge zuzusichern“. Trotz des apologetischen Charakters dieses Werkes konnte man auch im Folgenden eine allgemeine Entspannung im Diskurs beobachten: Polnischerseits erkannte man die Zwangssituation, unter der Splett in den Jahren 1938 bis 1945 handelte, an und desavouierte seinen Prozess von 1946 als stalinistische Abrechnung mit der Kirche. Auf deutscher Seite strich man nach 1989 mehr und mehr die Verständigungsbereitschaft Spletts mit Polen heraus, und um das Jahr 2000 verzeichnete man sogar hüben wie drüben einen weitgehenden Konsens der öffentlichen Meinung. In der renommierten Krakauer Wochenzeitschrift Tygodnik Powczechny diskutierte man im Millenniumsjahr auf hoher Ebene sogar, ob man Splett nicht rehabilitieren und seine sterblichen Überreste von Düsseldorf nach Danzig überführen sollte. Bis heute ist bekanntlich alles beim Alten; auch gibt es in beiden Fragen keine Bewegung. In Polen allerdings, in Danzig, schlägt man sehr versöhnliche Töne an. Das Erzbistum Gdansk interessiert sich seit einigen Jahren nicht nur für Splett, der bis dahin eher totgeschwiegen wurde, es bekennt sich geradezu zum letzten deutschen Bischof. Hatte man schon nach der Wende im neueingerichteten Diözesanmuseum ein Portraitbild Spletts in die „Ahnenreihe“ der Äbte und Bischöfe von Oliva eingefügt, so ist vor wenigen Jahren auch in der Kathedralkirche des Erzbistums – im Eingangsbereich – eine eindrucksvolle Gedenkplatte angebracht worden, die an die Lebens- und Amtszeit des letzten deutschen Bischofs erinnert. Ebenso ließ der neue Danziger Erzbischof Głódź neue Vitrinen im Diözesanmuseum aufstellen, die neben Erinnerungsgegenständen der übrigen Danziger Bischöfe auch persönliche Objekte von Splett gut sichtbar präsentieren. Zu sehen sind unter anderem sein in Danzig getragenes Brustkreuz, der Hirtenstab, sein Brevier und ein großes Weihwassergefäß, dass ihm – laut Inschrift – zur Bischofsweihe 1938 geschenkt worden war.

So viele versöhnliche Töne von verschiedenen Seiten lassen hoffen. Vieles von Spletts Vita liegt bislang noch im Dunkeln, da die Forschung immer wieder um die Beichtfrage kreiste. Mit Blick auf die Zukunft wird es sicherlich immer weniger um eine gerechte Beurteilung von Splett gehen als viel grundsätzlicher um die Fortführung der Memoria – vor allem in der Bundesrepublik.

 

Neueste grundlegende und weiterführende Literatur:

Stanisław Bogdanowicz, Carl Maria Antonius Splett. Danziger Bischof in Kriegszeit, Sondergefangener der VRP, Danzig 1996; – Stefan Samerski, Priester im annektierten Polen. Die Seelsorge an den an das Deutsche Reich angeschlossenen polnischen Gebieten 1939-1945, Bonn 1997; – ders., Schuld und Sühne? Bischof Carl Maria Splett in Krieg und Gefangenschaft (=Forum für Kultur und Politik 25), Bonn 22000; – Dieter Schenk, Hitlers Mann in Danzig. Gauleiter Forster und die NS-Verbrechen in Danzig-Westpreußen, Bonn 2000; Stefan Samerski (Hg.), Das Bistum Danzig in Lebensbildern. Ordinarien, Weihbischöfe, Generalvikare, Apostolische Visitatoren 1922/25 bis 2000, Münster 2003; Ulrich Bräuel/Stefan Samerski (Hg.), Ein Bischof vor Gericht. Der Prozeß gegen den Danziger Bischof Carl Maria Splett 1946, Osnabrück 2005; – Stefan Samerski, Danzig in Düsseldorf. Die letzten Lebensjahre des Danziger Bischofs Carl Maria Splett am Rhein, in: Düsseldorfer Jahrbuch 78 (2008), S. 241-267; ders., Was von einem unvergessenen Bischof bleibt. Über die Bewahrung von Kulturgut für nachfolgende Generationen, in: Der Westpreusse/Unser Danzig, Nr. 11 (November-Ausgabe), Münster, 5. November 2011, S. 17-18.

Stefan Samerski, Berlin

 

Siehe auch den Beitrag in der „Ostdeutschen Biographie“
http://kulturportal-west-ost.eu/biographies/splett-carl-maria-2