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Der gemeinsame Weg

„Der gemeinsame Weg“, die Vierteljahresschrift des Ostdeutschen Kulturrates, widmete sich eine Vierteljahrhundert lang, gemäß Untertitel, der „Deutschen Geschichte und Kultur im Osten Europas“ und war bemüht, ein „Forum für Kulturaustausch“ zu bieten. Mit der Nummer 99 vom Juni 2000 mußte sie eingestellt werden, so daß hier nur noch einmal die Mitglieder der damaligen Redaktionsgemeinschaft mit ihren bilanzierenden Rückblicken aus diesem letzten Heft zu Wort kommen können.

GEORG AESCHT

 

Editorial

Liebe Leser!
Es geht nicht um das Ende einer Zeitschrift. Zeitschriften kommen und gehen – fast gehen sie öfter, als sie kommen, und das nennt man freier Markt. Davon kann hier nicht die Rede sein, denn auf dem freien Markt hat es nie einen „Gemeinsamen Weg“ gegeben.

Seine Gemeinsamkeit und Gemeinschaft war ein Versuch, bei dem von vornherein klar war, daß er sich nicht rechnen würde. Deshalb mußte er unterstützt und öffentlich gefördert werden. Auch öffentliche Förderung aber, so zumindest die heutige – nennen wir sie: Berliner – Sicht der Dinge, muß sich rechnen, wenn nicht anders, so in Sympathiewerten oder kultureller Rendite.

Sympathie hat es gegeben und gibt es, Kultur hat stattgefunden, 99 Nummern lang, wie aber sieht es mit der Rendite aus? Damit ist nicht finanzieller Gewinn gemeint, den bei solchen Unternehmungen auch kein vernünftiger Mensch erwarten kann. Gemeint ist der eine oder andere Erfolg des Bemühens, die Kluft zwischen Erwartung und Verwirklichung zu überbrücken. Denn damit hat alle Kultur zu tun: mit der Hoffnung, daß möglich ist, was menschlich wäre, daß Humanität Realität werden kann.

Dazu braucht es mehr als einen langen Atem, dazu braucht es zumindest im Ansatz eine Kindlichkeit, wie man sie bei Winston Churchill herauszuhören vermeint: „Wir müssen eine Art Vereinigte Staaten von Europa schaffen. Der Weg ist einfach. Es ist nichts weiter dazu nötig, als daß Hunderte von Millionen Männer und Frauen Recht statt Unrecht tun und Segen statt Fluch ernten.“ Und Kultur als Weg ist nicht nur „einfach“, sondern auch noch schön, und gar so teuer kann er ja nicht sein.

Dachten wir und machten uns einer augenzwinkernden Komplizenschaft mit dem insularen Whiskytrinker und Zigarrenraucher anheischig, dessen allerberühmteste und fürwahr bewegende Erkenntnis zu dem Diktum geronnen ist: „No sports!“
Nun sind wir also einem britischen Bonvivant aufgesessen, ohne zu merken, daß sein Zynismus Schule gemacht hat im Abendlande und daß wir seine beiden mehr oder minder guten Bonmots noch pointierter zusammenfassen und auf uns beziehen können: „Der gemeinsame Weg ist einfach: No culture!“

Jene, die das nicht wahrhaben wollen, unsere Leser und Autoren, bitten wir um Nachsicht, daß wir ihnen die hundertste Nummer vorenthalten müssen, grüßen sie von diesem Ende her herzlich und wünschen ihnen und uns allen die leise Hoffnung, daß (Kultur-)Geschichte doch nicht radikal unumkehrbar ist.

WERNER BADER

 

Der gemeinsame Weg ist zu Ende

„Der gemeinsame Weg“, welch ein symbolträchtiger Titel für die Vierteljahreszeitschrift der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat. Im Untertitel wird auch gesagt, wohin er führt: zur deutschen Geschichte und Kultur im Osten Europas. Wir sind diesen gemeinsamen Weg jahrzehntelang gegangen. Nun zeigt das neu aufgestellte Verkehrsschild: „Sackgasse“, mit dem Zusatz: „Keine Wendemöglichkeit“.

Der gemeinsame Weg ist damit zu Ende. Der Grund: der schnöde Mammon. Der Staat hat seine Zuschüsse, die nach § 96 des Bundesvertriebenen- und -flüchtlingsgesetzes geleistet wurden, gestrichen und das Schild „Sackgasse“ aufgestellt. Die Förderung erfolgte nach der im § 96 festgelegten Bestimmung, nach der Bund und Länder verpflichtet sind, die Kultur des deutschen Ostens zu pflegen, zu fördern und weiterzuentwickeln. Im Gesetz steht jedoch nicht, was mit wieviel Geld zu fördern ist. Die Betroffenen haben dabei immer andere Prioritäten als die Gebenden. Aber die alte deutsche Weisheit bleibt gültig: Wer zahlt, schafft an – oder schafft ab.

Das Abschaffen ist in diesem Fall eine besonders bedauerliche Entscheidung, weil sie den Tod einer gut gemachten Zeitschrift betrifft die zugleich die einzige war, die sich regelmäßig und sachkundig mit der gesamten Kultur der Vertreibungsgebiete beschäftigte, im Gegensatz zu den regionalen Publikationen.

Gemeinsamkeit einer Gemeinschaft
Chefredakteur Georg Aescht gilt Dank. Er, der Siebenbürger Sachse, hat die Zeitschrift interessant, mit Niveau, schöpfend aus einem soliden kulturellen und literarischen Fundus gestaltet, an dem sich mancher „Binnendeutsche“ nicht annähernd messen kann. Er war einer, der in dem vorgegebenen Rahmen mutig Themen aufgegriffen hat, die im Bereich der Vertriebenenorganisationen tabu waren. Er hat sich um die Sache verdient gemacht. Gründer des „Gemeinsamen Weges“ war Peter Nasarski, ein begnadeter Büchermacher, der auch die „Kulturpolitische Korrespondenz“ lange Jahre als Chefredakteur leitete. Sein Nachfolger Franz Heinz hat das Erbe fortgeführt. Eine Redaktionsgemeinschaft begleitete engagiert die Arbeit. Ihr gehörten an, wie im Impressum angezeigt ist: Werner Bader, Dr. Jörg Bernhard Bilke, Dr. Walter Engel und Hans-Jürgen Schuch.

Aber der „Gemeinsame Weg“ ist nicht nur wegen des Versiegens staatlich sprudelnder Finanzförderung zu Ende, sondern auch wegen der Klientel, für die er gemacht wurde. Das sind vor allem die Vertriebenen selbst. Wer immer sich von ihnen als Verbandsfunktionär, heimatlich Kulturinteressierter oder „einfacher“ Vertriebener über den „Gemeinsamen Weg“ äußerte, war des Lobes voll. Er konnte sich nicht positiv genug darüber auslassen, welche interessante Themenvielfalt die Vierteljahreszeitschrift brachte, kurzum, welche kulturelle Bereicherung einem beim Lesen jedes Heftes zuteil wurde. Außerdem sei sie graphisch gut gestaltet, vom vierfarbigen Titelbild, meist einem Werk der bildenden Kunst, bis hin zur Bebilderung der Artikel. Und stets wurde der Wunsch hinzugefügt, sie müßte eine viel größere Verbreitung haben. Was will man mehr.

Nicht vergessen, wie vergessen wird
Die Macher konnten sich – was sie nie taten – im absoluten Lob sonnen. Der „Gemeinsame Weg“ war ein Schmuckstück der publizistisch-kulturellen Arbeit des Ostdeutschen Kulturrates. Von einem Niveau, das viele Vertriebenenpostillen nie erreicht haben, und trotzdem dem parakulturellen Phänomen der Vertreibung journalistisch dienend, in deren Gefolge ja die Kultur der deutschen Vertriebenen, bis auf ihre steinernen und künstlerischen Zeugnisse, mitvertrieben wurde. Denn Kultur und ihr Gegenteil, beides wird von Menschen geschaffen.

Hier wurde die kulturelle Vielfalt der deutschen Vertriebenen in ihrer oft über achthundertjährigen Geschichte dokumentiert: die der Ostpreußen, der Westpreußen, Danziger, Pommern, Ostbrandenburger, Schlesier, Oberschlesier oder die der Sudetendeutschen, der Deutschen von Weichsel und Warthe, der Siebenbürger Sachsen und der Banater Schwaben, bis hin zu der der Rußlanddeutschen. Hier wurde dies alles ans Licht gebracht, dem Dunkel entrissen. Und dies über all die Jahre hin regelmäßig.

Das tat und das tut in Deutschland kein anderes Medium. Die gelegentlichen, meist zufälligen Berichte in verschiedenen Publikationen aus Königsberg/Kaliningrad, aus Kronstadt oder gar aus dem Hultschiner Ländchen bestätigen als Ausnahme die Regel.

Lesen und löhnen lassen
„Der gemeinsame Weg“, eine Zeitschrift, die stets auf Lob und Zustimmung gestoßen ist, eine absolute Lücke füllte und eigentlich ein potentielles Millionen-Leserpublikum in den Vertriebenenverbänden hatte, brachte es auf ganze 270 Abonnenten, die übrige Auflage wurde verschenkt, der § 96 machte es möglich. Gelesen und gelobt wurde sie, das ist erwiesen – abonniert nicht. Durch Abonnements hätte sie weiterbestehen können. Zu den Trauernden, die am Ende des „Gemeinsamen Weges“ stehen, gehören die Redaktion, das Redaktionsgremium und einige Leser. Aber sicher werden auch viele Krokodilstränen vergossen.

Den treuen Anhängern danken wir. Auf die Krokodilstränen können wir verzichten, denn wer sie weint, hat nicht begriffen, daß man nicht mehr als ein halbes Jahrhundert darauf vertrauen kann, der Staat werde es schon richten.

„Der gemeinsame Weg“ ist hiermit gestorben. Am Rande sei vermerkt: Das Sterben geht darüber hinaus. Die Stiftung Deutschlandhaus Berlin gehört seit dem 31. Dezember 1999 zu den Toten, die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen wird ab 30. Juni 2000 wie die Stiftung Ostdeutscher Kulturrat keine Zuschüsse mehr bekommen. Immerhin hat der Ostdeutsche Kulturrat die kleine Chance, auf Sparflamme zu überleben, die aus den Erträgnissen seines Stiftungsvermögens gespeist wird. Wer weiß, wie dieses Überleben aussehen wird. Es ist nur zu hoffen, daß die „Kulturpolitische Korrespondenz“ nicht ebenfalls an Auszehrung zugrunde geht. Es gäbe dann keinen Pressedienst mehr, der übergreifend über die Kultur aller Vertreibungsgebiete berichtet.

Mit dem „Gemeinsamen Weg“ ist ein Stück gesamtdeutsche Kultur gestorben. Aber es wird niemanden erregen.

HANS-JÜRGEN SCHUCH

 

Gedanken zum Abschied

Der gemeinsame Weg von Leserschaft und Redaktionsgemeinschaft soll beendet sein, nicht weil auf ihm das Ziel erreicht oder die Aufgabe bereits erfüllt wurde, sondern weil die kulturpolitische Landschaft anders werden oder gelenkt werden soll. Mit der Ausgabe DGW 99/2000 wird eine Quartalszeitschrift eingestellt, die eher auf ein monatliches Erscheinen hätte umgestellt werden müssen. Es gibt für sie keinen Ersatz. Alle sonstigen Zeitschriften mit nach Osten gerichtetem Blick habe andere Zielrichtungen. „Der gemeinsame Weg“ mit dem Untertitel: „Deutsche Geschichte und Kultur im Osten Europas / Forum für Kulturaustausch“ war eine mehrspurige Brücke von West nach Ost und zurück. Die Beendigung des bewährten Weges geschieht zu einer Zeit, in der im Westen die deutsche Geschichte im Osten Europas mehr und mehr vergessen wird, obwohl sie vor Ort deutlich zu spüren, auch zu sehen ist und dort immer stärker nach ihr gefragt wird.

Ersatzlos gestrichen …
Das Forum in Form dieser Zeitschrift „Der gemeinsame Weg“ gab unterschiedlichen Betrachtungen Raum und vermittelte Meinungen. Darüber hinaus wurde über viele kulturelle Aktivitäten und bestimmte Projekte in Deutschland berichtet, aus der Arbeit deutscher Historiker, Schriftsteller, Künstler und vor allem der ostdeutschen Landesmuseen sowie von speziellen Sonderausstellungen, die in Deutschland oder z. B. in der Republik Polen gezeigt wurden. Diese Berichterstattung löste stets neue Gespräche und Diskussionen aus. Dadurch wurden Kontakte geschaffen, und sie führten immer wieder zu neuen Möglichkeiten der Zusammenarbeit zwischen deutschen und auswärtigen Kulturinstitutionen. „Der gemeinsame Weg“ berichtete aber auch aus der Praxis für die Praxis. Er war fast wie ein Organ für und über die ostdeutsche Museumslandschaft in Deutschland.

Das alles soll es künftig nicht mehr geben, obwohl kein Ersatz bisher vorgesehen ist und keine andere Zeitschrift den anspruchsvollen Auftrag des § 96 BVFG auf diese Weise erfüllt, „das Kulturgut der Vertreibungsgebiete in dem Bewußtsein der Vertriebenen und Flüchtlinge, des gesamten deutschen Volkes und des Auslandes zu erhalten …“ Diese Pflicht erteilt das Gesetz Bund und Ländern, die sich bisher weitgehend anderer Institutionen bedienten oder diesen es ermöglichten, den Auftrag wahrzunehmen. Eine Spezialzeitschrift wie „Der gemeinsame Weg“. die außer Privatabonnenten von vielen Fachleuten aus dem Kulturbereich gelesen wurde, konnte kein profitables Wirtschaftsunternehmen sein, denn gerade die Adressaten gehören überwiegend zu den wirtschaftlich schwachen Institutionen, denen ein angemessener Preis nicht zu berechnen war. Hier war und bleibt es Aufgabe des Staates zu helfen, was auch in der Vergangenheit zu keiner Zeit in ausreichendem Maße erfolgte. Nun stellt der Kulturbeauftragte der Bundesregierung diese Förderung ganz ein, und „Der gemeinsame Weg“ kann nicht mehr sein, was er ist, er wird sogar eingestellt. Die im § 96 BVFG beschriebene Kulturarbeit wird dadurch ärmer.

… weil nicht sein kann, was man nicht mag
In den ostdeutschen Vertreibungsgebieten, z. B. in der heutigen Republik Polen, gibt es viele aufgeschlossene Gesprächspartner, mit denen ein aufrichtiger Gedankenaustausch geführt wird und auch eine Zusammenarbeit möglich wurde. Für beides, den Gedankenaustausch wie die Zusammenarbeit, war „Der gemeinsame Weg“ eine Hilfe. Er war eine Visitenkarte, die die ostdeutsche Kulturarbeit in Deutschland vorstellte und über sie berichtete. Die Zeitschrift machte mit Begegnungen und z. B. mit deutschen Ausstellungen in den Museen der Vertreibungsgebiete bekannt. Diese und ähnliche Nachrichten erschienen in diesem „Forum für Kulturaustausch“ gebündelt, weil keine Institution, kein ostdeutsches Landesmuseum oder andere kulturelle Einrichtungen das für sich alleine leisten können. So ist die Einstellung der Zeitschrift nur zu bedauern, sie wird Nachteile bringen.

„Der gemeinsame Weg“ hat in seinen 99 Ausgaben außer geschichtlichen Themen auch die Volkskunst, die Volkskunde und die bildende Kunst in das Arbeitsspektrum einbezogen. Immer wieder konnte neben Rückblicken auf Leistungen längst verstorbener Künstler aus der Schaffenswelt lebender Künstler berichtet werden, die aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten oder den Vertreibungsgebieten jenseits der alten Reichsgrenze stammen oder sich mit dem Thema Geschichte und Brückenschlag, Menschen und Landschaft im Osten beschäftigen. Es wurde auf wichtige Literatur aufmerksam gemacht, Termine wurden genannt, die auf diesem Wege an Personen und Institutionen vermittelt wurden, die auf anderem Wege nicht hätten erreicht werden können. Dies gilt ganz besonders für die vielen Sammler ostdeutsch-heimatlicher Kulturgüter, denen es für die Erhaltung des ostdeutschen Kulturerbes in weiten Bereichen zu danken gilt. Auch über den „Gemeinsamen Weg“ fanden Privatsammlungen neben einer sachkundigen Beratung im Bedarfsfall eine gute Bleibe in ostdeutschen Landesmuseen, einer Bibliothek oder in einem Archiv.

„Der gemeinsame Weg“ bezog stets auch die Heimatkreissammlungen und Heimatstuben in sein Aufgabenfeld ein. Er war oft deren Ratgeber. Dieser Rat, wie so manche Information, werden künftig fehlen.

Schrumpfende Vielfalt
Was im § 96 BVFG als Aufgaben genannt werden, wird zu keiner Zeit von staatlichen Stellen alleine geleistet werden können. Das gilt nicht nur für die Bewahrung des Kulturgutes. Eine Weiterentwicklung ist von staatlichen Einrichtungen überhaupt nicht zu erwarten. Das ist nur in der Vielfalt, wie wir sie noch haben, möglich. Aber diese Vielfalt wurde bisher besonders in dieser Zeitschrift sichtbar. Über sie lernten sich viele an dieser Arbeit interessierte Personen und Institutionen kennen. Dieses Kennenlernen und der damit verbundene Gedankenaustausch stärkte alle und versetzte sie in die Lage zu sammeln, zu bewahren, und nach der politischen Wende 1989/1990 sofort auch grenzüberschreitend nach Osten tätig zu werden und bis jetzt zu bleiben.

„Der gemeinsame Weg“ sollte für die Leser und die Redaktionsgemeinschaft dennoch nicht zu Ende gegangen sein. Die gemeinsame Sache verbindet alle weiter. Andere Fortsetzungsmöglichkeiten für einen gemeinsamen Weg und vielleicht eine Zeitschrift sollten nicht ausgeschlossen werden. Zunächst aber gilt es, allen Abonnenten und Freunden der Zeitschrift für die Treue und anregende Begleitung – auch in Form kritischer Zuschriften – zu danken. Ebenfalls möchte ich den Organen der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat für die Herausgeberschaft danken und allen Kollegen in der Redaktionsgemeinschaft für den stets angenehmen Umgang miteinander, die oft langen, aber immer der Sache – dem gemeinsamen Weg – dienenden Diskussionen und die gute Zusammenarbeit.

WALTER ENGEL

 

Blick über den Tellerand

Die Nachricht vom Ende des „Gemeinsamen Wegs“ hat in der einschlägigen Heimatpresse kaum Platz gefunden, von einem Aufschrei oder gar Protest keine Spur. Zu sehr ist jede Gruppe, jeder Verband mit sich selbst beschäftigt, so daß der Blick über den Tellerrand kaum stattfindet.

Was man nicht zu brauchen meint
Und genau dies hat der „Gemeinsame Weg“ über ein Vierteljahrhundert zu leisten versucht, als überregionale Zeitschrift, die einen Eindruck von der Vielfalt und dem Reichtum ostdeutscher Kulturgeschichte als Erbe, als Aktualität und Perspektive vermittelt hat. Den langjährigen Chefredakteuren Peter Nasarski, Franz Heinz und Georg Aescht ist es gelungen, einen kompetenten Mitarbeiterkreis aufzubauen, fundierte Sachkompetenz mit journalistisch ansprechender Gestaltung zu verbinden. Breitenwirkung war der Zeitschrift zwar nicht beschieden, zu Recht führte sie aber in den letzten Jahren den Untertitel „Deutsche Geschichte und Kultur im Osten Europas. Forum für Kulturaustausch“.

Sie hat den Wandel nach der Wende durch zeitgemäße Berichterstattung und kulturpolitisches Augenmaß vollzogen. Neben dem weitgespannten geographischen Horizont – von Königsberg bis Czernowitz, von Breslau bis Temeswar – ist ihr interdisziplinäres Profil hervorzuheben und ihr Bemühen um grenzübergreifenden Dialog im Sinne der Verständigung mit unseren Nachbarn. Mit dem „Gemeinsamen Weg“ verlieren wir nicht nur ein wichtiges Dokumentationsorgan kulturpolitischer Prägung, sondern auch ein Instrument aktueller Meinungsbildung im Blick auf gemeinsame Ziele im Kulturaustausch mit unseren Nachbarn.

Es bedarf des öffentlichen Diskurses
Die Bewahrung und Vermittlung des kulturellen Erbes der früheren deutschen Ostgebiete und der deutschen Siedlungsgebiete in Ostmitteleuropa kann nicht allein von der Wissenschaft und der Forschung geleistet werden, so wichtig dieser Tätigkeitsbereich auch ist. Es bedarf des öffentlichen Diskurses, des kritischen Gedankenaustausches, um dieses Erbe lebendig zu erhalten und für die Zukunft fruchtbar zu machen.

Als Mitherausgeberin hat die Düsseldorfer Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus. Deutsch-osteuropäisches Forum die Publikation bis 1997 mitgetragen. Ein gutes Jahrzehnt konnte ich als Mitglied der Redaktionsgemeinschaft des „Gemeinsamen Wegs“ die Entwicklung der Zeitschrift begleiten und aus den informativen, kollegialen Redaktionsgesprächen viel erfahren und lernen, was für meine Arbeit wichtig war. Dafür habe ich allen Beteiligten zu danken.