Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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1813 – Die Befreiungskriege: Geschichte und Erinnerung

Historische Fachtagung der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen,
in Verbindung mit der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, Düsseldorf,
Königswinter, 5./7. Juli 2013
Wiss. Leitung: PD Dr. Winfrid Halder, Düsseldorf

landwehrIm Jahre 2013 jährt sich zum 200. Mal der Beginn der Befreiungskriege gegen die napoleonische Vorherrschaft in Mitteleuropa. Die Russlandkatastrophe Napoleons I. mit dem unerwartetem Untergang seiner „Grande Armée“ hatte die Grundlage dafür geschaffen, dass sich Deutschland und mit ihm auch Europa am Ende von der Fremdherrschaft befreien konnten. Zugleich bildete die Volkserhebung von 1813 den Ausgangspunkt für die Nationalbewegung der Deutschen, die in vielfacher Weise grundlegend für unseren heutigen Staat wurde. Umso irritierender ist das verbreitete Schweigen von deutscher Politik und deutscher Öffentlichkeit zu all den 200. Jahrestagen der Ereignisse von 1813, die in diesen Monaten anstanden oder noch anstehen: Zu der Konvention von Tauroggen vom 30. Dezember 1812, zum Beschluss der Stände Ostpreußens, die Landwehr gegen die Franzosen aufzustellen vom 7. Februar 1813, zu dem Aufruf, den König Friedrich Wilhelm III. von Breslau aus am 17. März 1813 „an mein Volk“ richtete … Keine Briefmarke, kein Staatsakt, nicht einmal eine parlamentarische Gedenkstunde.

CIMG1492„Die Nation schämt sich ihrer Geburt“, bemerkte dementsprechend Hans-Günther Parplies, Vorsitzender der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn, eingangs der historischen Fachtagung, zu der die Kulturstiftung gemeinsam mit der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus, Düsseldorf, nach Königswinter am Rhein geladen hatte. Unter der wissenschaftlichen Leitung von PD Dr. Winfrid Halder nahm sich die Tagung vor, Voraussetzungen, Verlauf und Ergebnisse des Jahres 1813 zu erörtern sowie nicht zuletzt literarische und historiographische Spiegelungen der Ereignisse vorzustellen.

CIMG1493Mit dieser Thematik reihte sich die Tagung ein in die Aktivitäten ostdeutscher Kulturinstitutionen, welche als einzige die Befreiungskriege zum Anlass für beachtliche Ausstellungen samt umfangreichem Begleitprogramm genommen hatten, des Oberschlesischen Landesmuseums in Ratingen-Hösel und des Hauses Schlesien in Königswinter-Heisterbacherrott.

CIMG1496Dr. Halder betonte einführend die immense Bedeutung des Jahres 1813 nicht nur für das Deutschland des 19. Jahrhunderts, dessen territoriale Gestalt einschließlich der Bildung des Nationalstaates von den Ergebnissen der Befreiungskriege in weitem Umfang bestimmt wurde, sondern auch für das Deutschland der Gegenwart, das sich in seiner Staatssymbolik bewusst hierauf bezieht. Gleichwohl schienen die von den Volksbewegungen unterstützten Kriege der europäischen Staaten zunächst ein lediglich äußerer Erfolg zu sein: Zwar gelang es, das Joch Napoleons, dessen anmaßende frankreichzentrierte Europaidee abzuschütteln, doch leiteten beim folgenden Wiener Kongress die alten Kräfte umgehend eine Rückkehr zum status quo ante der Fürstenherrschaft ein, machten sie die Hoffnungen der jungen, auf Volkssouveränität abzielenden Nationalbewe­gungen zunichte. Der Befreiung nach außen entsprach somit keine Freiheit im Inneren.

CIMG1516Diese Zusammenhänge stellte in einem zentralen Referat Prof. Dr. Tilman Mayer, Politikwissenschaftler an der Universität Bonn, heraus. Zukunftsweisend waren jedoch die Reformprozesse, die noch in der Zeit der napoleonischen Vorherrschaft in den europäischen Staaten angestoßen wurden, dies am eindrucksvollsten im zum Kleinstaat degradierten Preußen. Von Ideen der Aufklärung und Revolution beeinflusst bereitete die umfassende preußische Reformpolitik – hier seien für den zivilen Bereich nur die Namen Stein und Hardenberg, für den militärischen Scharnhorst und Gneisenau genannt – den Boden für eine spektakuläre Wiedererstarkung und damit für eine über den Sieg über Napoleon hinauswirkende Modernisierung. Auch wenn die Zeit der Bildung demokratischer Nationalstaaten noch nicht gekommen war, jedenfalls nicht in Deutschland, waren die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass innere Reformen, Demokratie und Nation zusammengedacht werden konnten. Die in der Folge sich formenden Nationen stehen, wie Mayer betonte, keineswegs nur für Völkerfeindschaft, sondern auch für Völkerfreundschaft. Die Souveränität der Nation in Freiheit und Selbstbestimmung sind ein hohes Gut und Erbe der Zeit der Befreiungskriege, das es zu bewahren gilt.

CIMG1501Auf einzelne Protagonisten der Zeit gingen verschiedene Referate ein. So zeichnete der Militärhistoriker Dr. Thomas Lindner, Bonn, den bewegten Lebensweg von August Neidhardt von Gneisenau nach, der 1807 von König Friedrich Wilhelm III. in die Militärreorganisations-Kommission berufen wurde, der vehement für sein Ideal eines selbstbewussten, patriotischen Volkes eintrat, das seine Verteidigung selbst organisiert. Gneisenau forderte radikale Reformen wie die allgemeine Wehrpflicht, die Abschaffung von Adelsvorrechten und realistische Gefechtsausbildung. Manches, wie ein „Volkskrieg“ im Sinne eines allgemeinen Guerillakrieges der Landwehr, ging dem König und den anderen Reformern indes zu weit. Gneisenau zeigte sich als glänzender Stratege bei der Völkerschlacht bei Leipzig. Die Schlacht bei Waterloo bildete den End- und Höhepunkt seines Wirkens. Heute gelten die von ihm mitentwickelten Reformen als eine der Säulen des Selbstverständnisses der Bundeswehr.

CIMG1505Mit der Gestalt der Königin Luise von Preußen beschäftigte sich Karin Feuerstein-Praßer, Köln. Die Bedeutung Luises liegt demnach nicht nur in ihrem – vor allem im Atmosphärischen erfolgreichen – Einsatz für die Interessen des darniederliegenden Preußen, etwa bei der berühmten Begegnung mit Napoleon in Tilsit von 1807, sondern mehr noch in ihrer mythischen Verklärung nach dem frühen Tode im Jahre 1810, die sie in weiten Bevölkerungskreisen zu einer säkularen Schutzpatronin Preußens in den Befreiungs­kriegen und im weiteren 19. Jahrhundert werden ließ.

CIMG1524Mit König Friedrich August I. von Sachsen lenkte Dr. Winfrid Halder exemplarisch den Blick auf eine Persönlichkeit, die „auf der Verliererseite“ stand, der sich von Napoleon eine Stärkung gegen die mächtigen preußischen Nachbarn versprochen hatte und mit ihm scheiterte, der fast zwei Drittel seines Territoriums verlor. Immerhin unternahm Halder eine Ehrenrettung des Rheinbundfürsten, der sich redlich um das Wohl seiner Untertanen kümmerte und dem die Nachwelt verdient den Beinamen „der Gerechte“ verlieh.

CIMG1525Von patriotischer Aufbruchsstimmung, wie sie in Preußen zur Zeit der Befreiungskriege herrschte, konnte ebenso wie in Sachsen auch am Rhein, im dem französischen Kaiserreich zugeschlagenen Gebieten links und den von Napoleons Gnaden etablierten Staaten rechts des Stroms, kaum die Rede sein.Gemäß Dr. Bettina Severin-Barboutie, Gießen, empfand man dort die französische Herrschaft bzw. Bevormundung nur bedingt als Fremdherrschaft, wusste man deren Vorteile, etwa die Einführung des modernen, „feudale“ Privilegien beseitigenden Code Civil, wohl zu nutzen. Vereinzelt auftretende Aufstände richteten sich gegen als übermäßig empfundene Kontributionen und Aushebungen, stellten die französische Herrschaft jedoch nicht grundsätzlich in Frage. Die Beiträge von Halder und Severin-Barboutie belegten mithin Preußens Vorreiterrolle hinsichtlich des Strebens nach einer einheitlichen deutschen Nation.

CIMG1508Als „Herolde der Befreiung“ wurde im Rahmen einer von Dr. Hajo Buch eindringlich gestalteten abendlichen Lesung, der Sachse – immerhin – Theodor Körner sowie der Vorpommer Ernst Moritz Arndt vorgestellt, die mit ihren Liedern, Gedichten und Texten leidenschaftlich zum Freiheitskampf gegen die napoleonische Fremdherrschaft aufriefen. Während Körner jung als Angehöriger des Lützowschen Freikorps fiel, stand Arndt noch ein langes Leben als Wissenschaftler und Publizist bevor, in dem er ob seiner Freiheitsliebe sowohl Verehrung als auch Verfolgung erfahren sollte. Wie man die Befreiungskriege gegen Ende des 19. Jahrhunderts bewertete und literarisch verarbeitete, machte die Vorführung der Verfilmung des einst vielgelesenen und heute vergessenen Romans von Hermann Sudermann „Der Katzensteg“ deutlich.

CIMG1527Unter anderem anhand des Umgangs mit nach den „Helden“ der Befreiungskriege benannten Straßen machte Dr. Gerd Fesser, Jena, die Wandlungen der Geschichtspolitik in Ost und West, sprich in der SBZ/DDR und der Bundesrepublik, anschaulich. Wurden Scharnhorst, Blücher und Gneisenau in Mittel­deutschland zunächst als Vertreter des preußischen Militarismus geächtet, ihre Namen aus dem Stadtbild getilgt, so erfolgte noch in den 1950er Jahren eine Umwertung, sah man in ihnen fortschrittliche Kräfte im Sinne des Sozialismus und ehrte man sie, u.a. mit eigenen Briefmarken. In der Bundesrepublik gab es keine Ächtung, erinnerte man sich ihrer nicht zuletzt in Rahmen militärischer Traditions­pflege, doch erlahmte die wissenschaftliche Beschäftigung mit ihnen mehr und mehr.

Arthur Kampf - VolksopferBemerkenswert – und dies war nicht zuletzt Anlass für die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen und der Stiftung Gerhart-Hauptmann-Haus zur Ausrichtung der Tagung – ist der „ostdeutsche“ Anteil am Geschehen des Jahres 1813. Dies betrifft zum einen die handelnden Personen mit ihren starken Verbindungen zu den östlichen preußischen Provinzen, also die den Wiederaufstieg ermöglichenden Reformer, die zur Erhebung gegen die Fremdherrschaft aufrufenden Intellektuellen und die die Armeekorps anführenden Militärs. Speziell die schlesischen Verbindungen hob Dr. Stefan Kaiser, Oberschlesisches Landesmuseum hervor, zur Einstimmung in den Besuch der glänzend – z.B. mit dem Friedensvertrag von Tilsit und mit handschriftlichen Entwürfen zum Aufruf „An mein Volk“ –bestückten Ausstellung zu 200 Jahren Befreiungskriege „Das Vaterland ist frey“.

Mit dem Ausstellungsbesuch endete die gut besuchte Tagung zu einem Wendepunkt deutscher Geschichte, den aus Rücksichtnahme gegenüber unseren Freunden im westlichen Europa zu verschweigen als gänzlich unnötig erscheint. Schließlich geht es doch heute keineswegs um eine antifranzösische oder antieuropäische Disposition, für die die Befreiungskriege in früheren Zeiten herhalten mussten, sondern allenfalls um eine antinapoleonische. In Frankreich betrachtet man die ambivalente Gestalt des Empéreur im Übrigen nicht weniger kritisch als in Deutschland.