Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
Kulturportal Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR

Denkmalpflege in Ostpreußen

Internationale Fachtagung, Bad Pyrmont, 22./23. Oktober 2011

Denkmalpflege in Ostpreußen –

Stand und Perspektiven grenzüberschreitenden Bemühens um Erhalt und Nutzung des baulichen Kulturerbes

Leitung: Hans-Günther Parplies
Redaktion: Dr. Ernst Gierlich, Dr. Dr. Ehrenfried Mathiak

Kirchen, Burgen und weitere Baudenkmäler, die Krieg, Vertreibung und Nachkriegszeit überstanden haben, zeugen bis heute von Ostpreußen als einer reichen Kulturlandschaft. Um viele von ihnen, insbesondere im nördlichen Ostpreußen, ist es indes schlecht bestellt.

Bereits die Dokumentation „Vergessene Kultur“ des Russen Anatolij Bachtin über den Zustand der Kirchen im Königsberger Gebiet von 1998 zeichnete ein erschreckendes Bild: Von den 224 evangelischen und katholischen Kirchen, die den Zweiten Weltkrieg – zum großen Teil unversehrt – überstanden hatten, waren nur 66 – als Scheunen, Lagerhäuser oder Fabrikhallen genutzt – übrig geblieben, meist in verfallenem Zustand. Von den wertvollen mittelalterlichen Kirchen listete Bachtin zehn auf, die er als überhaupt wiederherstellungsfähig erachtete. Manche der Kirchen dürften seither weiter verfallen oder gar verschwunden sein. Andere hatten das Glück, dass sich deutsche Privatinitiativen bildeten, die sich darum bemühten, sie gemeinsam mit Partnern vor Ort zu sichern und zu restaurieren.

Eine von der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen veranstaltete internationale Fachtagung führte eine Reihe von Vertretern solcher Initiativen zusammen, bot zudem Hintergrundinformationen über Theorie und Praxis des Denkmalschutzes im nördlichen Ostpreußen, warf aber auch vergleichende Blicke in das heute litauische Memelland und in das südliche, zur Republik Polen gehörende Ostpreußen. Es galt, eine aktuelle Bestandsaufnahme zu leisten, vorhandene Problemfelder und Lösungswege mit internationalen Fachleuten zu diskutieren und so zu einer Stärkung der Initiativen beizutragen.

Der Beitrag des Literaturhistorikers Prof. Dr. Wladimir Gilmanov von der Kant-Universität Kaliningrad griff unter der Überschrift „Der schreiende Expressionismus der Ruine“ die von Bachtin ermittelten Fakten zur Situation des historischen Kulturerbes im Königsberger Gebiet auf. Die Ruinenwelt habe eine nicht zu unterschätzende Wirkkraft auf die dort lebenden Menschen und könne wesentlich zur Bildung einer neuen, regionalen Identität beitragen: Die Wahrheit der Rui¬nen rufe eine existenzielle Sehnsucht nach einem anderen Sein als einzig realistische Zukunftsperspektive der Region hervor.

Da manche Schwierigkeiten der deutschen Initiativen auf ungenügender Kenntnis sowohl der russischen Gesetzgebung als auch der Administration beruhen, gab Dr. Alexander Salenko, Lehrstuhlinhaber für Internationales Recht und Europarecht an der Kant-Universität, einen Überblick über Rechtslage und Verwaltungswirklichkeit.

Es zeigte sich, dass sich die Gesetzgebung zum Denkmalschutz in Russland in den 20 Jahren nach der Wende 1989/90 beachtlich entwickelt hat, auf der administrativen Ebene aber noch wenig Verständnis und Kompetenz für diese Fragen besteht.

Im Jahre 2010 wurden per Föderationsgesetz und Erlass der Regierung alle kirchlichen Gebäude an die russisch-orthodoxe Kirche „rückübertragen“, was man auch auf die Kirchen des Kaliningrader Oblast anwendete, die niemals der Orthodoxie gehört hatten. Dies stellt, gemäß Hans-Günther Parplies, dem Vorsitzenden der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen und selbst im Förderkreis Kirche Tharau/Ostpr. engagiert, die deutschen Initiativen vor enorme Herausforderungen. Für die als „Ännchenkirche“ bekannte Kirche von Tharau, die als Traktorenhalle leidlich überlebt hatte, war zuvor von Seiten des Förderkreises in zwölfjähriger Arbeit, allen bürokratischen und materiellen Hemmnissen sowie Unzulänglichkeiten der ausführenden Firmen zum Trotz, einiges auf den Weg gebracht worden: Ein neuer Dachstuhl konnte aufgesetzt und mit Ziegeln eingedeckt werden. Mit der russisch-orthodoxen Kirche hatte der Förderkreis bereits die Vereinbarung getroffen, dass die Kirche das Schiff für ihre Gottesdienste nutzen und dementsprechend ausstatten werde, die Außenansicht der die Landschaft prägenden Kirche aber erhalten werden und der Turm für touristische Zwecke und Ausstellungen zur Verfügung stehen solle. Es bleibt zu hoffen, dass diese Pläne Bestand haben werden.

Dr. Walter T. Rix berichtete über die Katharinenkirche in Arnau, eines der wichtigsten Bauwerke der früheren Ordenszeit, die in der Nachkriegszeit unter der Nutzung als Getreidespeicher schwer gelitten hatte. Als einmaliges Zeugnis sakraler Kunst bedeutsam sind die in Teilen noch vorhandenen Wand¬malereien aus dem 14. Jahrhundert. Das neugegründete Kuratorium Arnau hatte 1992 mit den Sicherungsmaßnahmen zur Erhaltung der Kirche begonnen, in Zusammenarbeit mit dem Moskauer Zentrum für Denkmalschutz und dem Denkmalschutzamt in Kaliningrad. Wesentliches wurde in der Folge erreicht. Als Arnau 2010 kraft des genannten Föderationsgesetzes unentgeltlich in das Eigentum der russisch-orthodoxe Kirche überging, weckte dies jedoch die Besorgnis, die vielen Mühen könnten nun zunichte gemacht werden. Die russisch-orthodoxe Kirche hat inzwischen angeboten, das Kuratorium Arnau künftig in die Entscheidungen der Res¬taurierung einzubeziehen, und auch das ursprüngliche Konzept einer für das Publikum offenen Kirche beizubehalten. Das Kuratorium Arnau bleibt gleichwohl skeptisch.

Weitere Einzelinitiativen kamen zu Wort: So berichtete Prof. Dr. Margarete Pulver, Braunschweig, über die Bemühungen um die Ordenskirche in Groß-Legitten als Beispiel für den Wiederaufbau als Gotteshaus für eine bestehende evangelisch-lutherische Gemeinde vor Ort. Nachdem der 1995 gegründete Verein mit Mitteln des Bundes, des Diakonischen Werks und der Gemeinschaft evangelischer Ostpreußen sowie natürlich mit privaten Spenden alle wichtigen Ausbesserungsarbeiten ausgeführt hat, sieht er seine Aufgabe nun als erfüllt an. Die Kirche soll 2012 in das Eigentum der evangelischen Propstei in Königs¬berg übergehen.

Als Beispiel für die Wiederherstellung zu vorwiegend kulturellen Zwecken kann demgegenüber die Kirche von Heiligenwalde gelten, über die Dr. Bärbel Beutner, Unna, berichtete. Seit 1993 kümmerte sich eine Gruppe von ehemaligen Heiligenwaldern um den in der Nachkriegszeit als Scheune genutzten Bau, der dem Gymnasium von Neuhausen zur Nutzung übertragen worden war. Mit tatkräftiger Unterstützung durch die russischen Partner um den Leiter des Gymnasiums konnte die Kirche umfangreich renoviert werden. Im Einvernehmen mit den deutschen Initiatoren plant die russisch-orthodoxe Kirche, dort ein soziales, geistliches und kulturelles Zentrum aus Kirche und angeschlossener Schule einzurichten, in dem auch die deutsche Geschichte der Schule und des Dorfes gezeigt werden soll.
Als Beispiel für den Wiederaufbau mit ausschließlicher Nutzung durch die russisch-orthodoxen Gemeinde präsentierte Jochen Haarbrücker, Neuss, die St. Georgskirche in Friedland an der Alle. Die mächtige dreischiffige Basilika mit sechsgeschossigem Turm im Westen wäre für die ansässige evangelische Gemeinde viel zu groß, weshalb sich diese mit einem anderen Gebäude begnügt. Gleichwohl unterstützten die ehemaligen Friedländer mit großzügigen Spenden die Wiederherstellung.

Ute Baesmann, Beverstedt, stellte ihre Initiative zur Wiederherstellung der lange als Kuhstall genutzten Kirche von Allenburg vor, eines Saalbaus mit hohem Westturm. Eine Gruppe Vertriebener gründete im Jahre 1999 einen Verein, um die Substanz der Kirche zu erhalten und dort im Sinne der Völkerverständigung ein kleines Museum einzurichten sowie einen Andachtsraum zu schaffen. Inzwischen wurde vor allem der Turm saniert. Wie es nun mit der Wiederherstellung weitergehen kann, hängt auch hier von der russisch-orthodoxen Kirche ab. Abschließend berichtete Iris Schulz, Wiesbaden, von den Bemühungen um die Kirche von Wehlau. Die dreischiffige Hallenkirche war zur Ruine zerfallen, der zugehörige Ort nicht mehr vorhanden, weshalb man lediglich plante, den Turm als Aussichtsturm zu erhalten. Indes scheiterte das Projekt: Eine in den 90er Jahren eingebaute Wendel¬treppe verfiel rasch. Angesichts der hohen Kosten für die Reparatur der Wendeltreppe gab man die Wiederherstellung des Turms als Aussichtspunkt auf den Pregel schließlich auf.

Obwohl sich sämtliche Initiativen auf Landkirchen in der Umgebung von Königsberg bezogen, zeigten sich die lokalen Bedingungen und die Herausforderungen als jeweils sehr eigene. Es offenbarten sich unterschiedliche Zielsetzungen der einzelnen Initiativen: Steht für die einen die Nutzung der Kirche durch eine evangelisch-lutherische Gemeinde im Vordergrund, so sind andere auch mit der alleinigen Nutzung durch die russsisch-orthodoxe Gemeinde oder mit der als weltliches Veranstaltungshaus einverstanden – wenn nur der Bau selbst als Zeugnis der reichen Kultur des historischen Ostpreußen erhalten werden kann.

Dass der für viele schmerzliche Konfessionswechsel der Kirchen auch im südlichen, heute polnischen Teil gegeben sei, er jedoch überall im Interesse der Erhaltung der Kirchen akzeptiert werden müsse, vertrat auch Werner Freyberg, Direktor des im Deutschordenschloss Ellingen angesiedelten Kulturzentrums Ostpreußen. Freyberg stellte in einer beeindruckenden Übersicht die vielfältigen Aktivitäten vor, welche die Landsmannschaft Ostpreußen in den vergangenen 20 Jahren zwecks Wiederherstellung von sakralen und profanen Baudenkmälern in ganz Ostpreußen entfaltet hat, sei es als eigene Projekte, sei es als unterstützende Beteiligung an Projekten anderer. Er warb bei den Vertretern der Einzelinitiativen dafür, mit Beschreibungen ihrer Arbeit zu einer von der Landsmannschaft geplanten, zusammenfassenden Darstellung der vielen unterschiedlichen Maßnahmen beizutragen. Nur so könne die für den Erfolg der Bemühungen notwendige Vernetzung erreicht werden. Sowohl bei privaten Initiativen als auch bei von Stiftungen und anderen Institutionen getragenen sei zudem die Entwicklung klarer Zielvorstellungen und professioneller Nutzungskonzepte unabdingbar, woran es bisweilen leider mangele.

Den Einblick in eine gegenüber dem nördlichen Ostpreußen gänzlich anders gelagerte Problematik bot Dr. Arūnas Baublys vom Zentrum für evangelische Theologie, Memel/ Klaipėda, anhand der Auseinandersetzungen zwischen evangelischer Gemeinde und Denkmalbehörden um einen Wiederaufbau der im Krieg zerstörten neugotischen Memelner Stadtkirche St. Johannis. Während die Gemeinde – eine konfessionelle Minderheit im katholisch geprägten Litauen – einen ihren gottesdienstlichen Bedürfnissen angepassten, modernen Neubau plante, bestanden die Denkmalbehörden auf der Rekonstruktion des Baus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Immerhin konnte nach jahrelangem Tauziehen der Kompromiss gefunden werden, den das Stadtbild beherrschenden Turm im Wesentlichen in historischen, das Kirchenschiff aber in modernen, dem städtebaulichen Umfeld angepassten Formen zu errichten. Dass dieser Kompromiss unter Hinzuziehung deutscher und litauischer Experten gefunden werden konnte, nahm Baublys zum Ausgangspunkt, für eine verstärkte deutsch-litauische Zusammenarbeit in Fragen nicht nur des Denkmalschutzes, sondern auch der Erforschung der gemeinsamen Geschichte zu werben.

In den mittelalterlichen Konventsburgen des Deutschen Ordens mischen sich auf einzigartige Weise profane Wehrfunktion und sakrale Symbolik. Dr. Kazimierz Pospieszny, Thorn, demonstrierte am Beispiel der Marienburg, des ehemaligen Hochmeistersitzes an der Nogat, für die er lange Jahre leitender Restaurator verantwortlich war, die Probleme, vor die sich die polnische Denkmalpflege gegenwärtig gestellt sieht. Ganz anders als im russischen Teil Ostpreußens steht die historische Bausubstanz im polnischen Teil nicht in der Gefahr, durch Vernachlässigung Schaden zu nehmen. Die Gefahr liegt vielmehr in ihrer Vereinnahmung durch Kommerz und Popkultur. Um eine für Ritterevents passende Atmosphäre zu schaffen und damit Touristen anzulocken, werden z.B. Eingriffe in die historischen Wallanlagen der Marienburg vorgenommen oder pseudohistorische Gebäude über bedeutenden archäologischen Funden errichtet. Das Bild der Geschichte wird damit sträflich verfälscht. Zerstörend sind auch Lichtspektakeln dienende Einbauten in die Ruine der Ordensburg von Thorn oder auch der Wiederaufbau der Vorburg der Heilsberger Bischofsburg als Nobelhotel, wobei zugunsten des Einbaus von Wellnessbereichen rücksichtslos historische Bodenschichten beseitigt werden. Die in der Vergangenheit zu recht gelobte polnische Denkmalpflege – so das ernüchternde Fazit – vermag es nicht, diesen Tendenzen wirksam zu begegnen.

Ein hoffnungsvolles Beispiel für grenzübergreifendes Bemühen im Bereich des Denkmalschutzes in Ostpreußen präsentierte dagegen abschließend – und in Vertretung des erkrankten, inzwischen verstorbenen Nestors der deutschen Denkmalpflege, Prof. Dr. Gottfried Kiesow – der Vorsitzende der Polnisch-deutschen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz Dr. Eugenius Gorczyca, Warschau. Er stellte das idyllisch gelegene Schloss Steinort vor, einst Sitz der Grafen von Lehndorff, dessen Wiederherstellung seine Stiftung – gemeinsam mit ihrem deutschen Pendant, der Deutsch-polnischen Stiftung Kulturpflege und Denkmalschutz – als eines der ersten Projekte nach der Gründung vor 10 Jahren in Angriff genommen hat. Dank privater und öffentlicher Unterstützung – insbesondere aber aus Mitteln der Umwandlung eines 1975 von der deutschen Regierung verbürgten Kredites an Polen in die Stiftung für deutsch-polnische Zusammenarbeit („Jumbostiftung“) – konnten inzwischen Sicherungsmaßnahmen an dem maroden, doch rettungsfähigen Gebäudekomplex vorgenommen werden. Er soll künftig nicht nur im Äußeren, sondern auch – dank der Mitwirkung der Familie von Lehndorff – im Inneren ein anschauliches Bild von der reichen Kultur des ostpreußischen Adels vermitteln und zugleich, so plante es jedenfalls Prof. Kiesow, eine Jugendbauhütte als Ausbildungsstätte für deutschen und polnischen Restauratorennachwuchs beherbergen.

Völlig unterschiedliche Problemlagen bestimmen demnach heute den Denkmalschutz in den drei Teilen Ostpreußens, dem Memelland, dem nördlichen und dem südlichen Teil. Noch viel Geschick und Geduld wird für deutsche Initiativen und Institutionen vonnöten sein, um gemeinsam mit Partnern vor Ort eine nachhaltige Sicherung der sakralen und profanen Baudenkmäler zu erreichen. Es geht dabei nicht allein um die Einwerbung finanzieller Mittel: Vor allem für den nördlichen Teil erscheint als wichtigste, aber auch schwierigste Aufgabe, jüngere Menschen dafür zu begeistern, sich für den Erhalt des unverzichtbaren Kulturguts von europäischem Rang zu engagieren.

Hier einige der gehaltenen Vorträge als pdf-Dateien zum Download:

Anatoli Pavlovich Bachtin
Die Lage der Denkmäler des kulturellen Erbes im Kaliningrader Gebiet

Ute Bäsmann
Die Kirche von Allenburg

Dr. Arunas Baublys
Denkmalpflege im Memelland am Beispiel der Ev. Stadtkirche St. Johannis

Dr. Bärbel Beutner,
Vorsitzende des Vereins zur Erhaltung der Kirche von Heiligenwalde e.V.
Die Kirche von Heiligenwalde – Eine Chronologie

Wladimir Gilmanov
Der schreiende Expressionismus der Ruine in der Region Königsberg/Kaliningrad

Jochen Haarbrücker
Die Ordenskirche in Friedland/Ostpr. – Prawdinsk

Hans-Günther Parplies
Zur Rettung eines Symbols –
Die Bemühungen um die „Ännchen-Kirche“ von Tharau

Walter T. Rix
Die St. Katharinenkirche in Arnau:
Ein zentrales Zeugnis der Ordenskultur und sein Schicksal

Alexander V. Salenko
Rechtsgrundlagen und Rechtswirklichkeit des Denkmalschutzes im Kaliningrader
Gebiet

Gerhard Georg Schulz/ Iris Schulz
Die Kirchenruine St. Jacobi in Wehlau/Snamensk –
Überlegungen zur Behebung des Gefahr drohenden Zustandes