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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Der Lutheraner – ein historischer Roman

16.09.2017 , 16:00
Martin-Opitz-Bibliothek
Berliner Pl. 5, 44623 Herne

Lesung mit Edelgard Moers

Die Dorstener Autorin Edelgard Moers, Verfasserin zahlreicher Schulbücher für die Grundschule, Erzählerin und verantwortlich für die bisher vier Bände umfassende Reihe »Dorstener Geschichten«, hat mit »Der Lutheraner« ihren ersten historischen Roman vorgelegt. Am Beispiel der Familie Embacher erzählt sie darin das Leben und die Vertreibung der Salzburger Lutheraner im 18. Jahrhundert. Sie ist selbst eine Nachfahrin dieser Familie, deren Geschichte sie rekonstruiert und in ihrer 2002 erschienenen Monografie »Der Weg der Embacher – Eine Familiengeschichte über achtzehn Generationen im Kontext der sozialen und politischen Entwicklung« (HW Verlag Dorsten) veröffentlicht hat. Ihre zuverlässigen familiengeschichtlichen Recherchen sind die Grundlage für diesen Roman, der durch genaue Kenntnis der geschichtlichen Hintergründe und Zusammenhänge besticht. Noch heute besteht an der Groß-Glockner-Straße der Hof des Embacher-Bauern, der bereits im 11. Jahrhundert Händlern und Pilgern als Herberge diente.

In dem streng katholischen Salzburger Land konnten die Lutheraner ihre religiösen Zusammenkünfte im 18. Jahrhundert nur im Geheimen ausüben. Die Existenz von »Geheimprotestanten« blieb Fürsterzbischof Franz Anton von Harrach (1665-1727) nicht verborgen. Seine Verordnungen zwangen die Lutheraner, alle nur erdenklichen Maßnahmen zur Tarnung ihrer religiösen Überzeugung vorzunehmen, um der Verhaftung und Ausweisung zu entgehen. Sein Nachfolger Leopold Anton von Firmian (1679-1744) rief 1729 die Jesuiten ins Land. Sie forderten von den Lutheranern, die ja vorgaben, katholisch zu sein, Loyalitätsbeweise gegenüber der katholischen Kirche. Überfallartige Kontrollbesuche bei den Bergbauern, Ausforschung und Überprüfung ihrer religiösen Kenntnisse im Sinne der römisch-katholischen Kirche, Bespitzelungen und Denunziationen waren Mittel zur konsequenten Unterdrückung der evangelischen Christen. Als ihre Lage immer aussichtloser wurde, wandten sie sich mit einer Bittschrift an die Interessenvertretung der Protestanten im Reich, das 1653 gegründete »Corpus Evangelicorum«. Mit Unterstützung des »Corpus« wollten sie ihre Anerkennung erreichen, doch diese wollte der Erzbischof ihnen nicht gewähren, vielmehr drängte er darauf, die Lutheraner umgehend auszuweisen. Im Oktober 1731 ordnete er die Zwangsausweisung der Lutheraner an. Etwa fünf Monate später erklärte sich der preußische König Friedrich Wilhelm I. bereit, die Glaubensflüchtlinge aus dem Salzburger Land aufzunehmen. Etwa 20.000 Salzburger Lutheraner verließen ihre Heimat, viele von ihnen kamen auf ihren Trecks durch die protestantischen Gebiete des Reiches ums Leben, bevor sie ihre neue Heimat in Ostpreußen erreichten. Dieses durch eine Pestepidemie zu Beginn des 18. Jahrhunderts nahezu entvölkerte und heruntergekommene Land hatte ihnen der »Soldatenkönig« als Siedlungsgebiet zugewiesen. Die fleißigen, ausdauernden und kenntnisreichen Bergbauern aus dem Salzburger Land verhalfen dieser Region Preußens in den nächsten Jahren zu neuer Blüte. Ihre Nachfahren blieben allerdings nicht vor einer weiteren Vertreibung verschont, denn als Deutsche mussten sie am Ende des 2. Weltkrieges Ostpreußen verlassen. Diejenigen, die am Ende ihrer Odyssee im Westen Deutschlands ankamen, haben – wie andere Heimatvertriebene auch – ihren Teil zum Aufbau der Bundesrepublik Deutschland beigetragen. In Bielefeld existieren heute noch drei Vereinigungen der Nachkommen vertriebener Salzburger Lutheraner aus dem 18. Jahrhundert.

Edelgard Moers hat einen spannenden historischen Roman verfasst, der das Schicksal der Salzburger Lutheraner gleichermaßen anschaulich und – mit viel Phantasie und Liebe zum Detail – realitätsnah schildert. Er ist zugleich ein überzeugendes Plädoyer für (religiöse) Toleranz und Menschlichkeit.

Josef Ulfkotte

Eine Veranstaltung der Stiftung Martin-Opitz-Bibliothek.