Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
Kulturportal Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR

Lebenswelten im Rückspiegel – Donauschwäbische Literatur des 20. Jahrhunderts

Literaturwissenschaftliche Fachtagung, Sindelfingen, 24./25. November 2012

Wissenschaftliche Leitung: Stefan P. Teppert M.A.

CIMG0306

 

 

 

 

 

 

 

 

:

Die Volksgruppe der Donauschwaben hat trotz der gewaltsamen Umbrüche des 20. Jahrhunderts, trotz der leidvollen Erfahrungen von Verfolgung und Vertreibung eine reichhaltige und qualitätvolle deutschsprachige Literatur hervorgebracht, die indes bislang weitgehend unbeachtet geblieben ist. Literaturwissenschaftler aus Deutschland, Ungarn und Serbien widmen sich gemeinsam einer längst überfälligen Aufarbeitung.

Als Donauschwaben werden die im 18. Jahrhundert von den habsburgischen Kaisern Karl VI., Maria Theresia und Joseph II. in die Doppelmonarchie vor allem aus dem südlichen Teil des deutschen Reichs angeworbenen Siedler bezeichnet. Sie besetzten im Laufe eines ganzen Jahrhunderts die von den Osmanen in Pannonien verwüsteten und zurückeroberten Gebiete und verwandelten sie in die Kornkammer Europas. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde das Siedlungsgebiet der Donauschwaben im Vertrag von Trianon dreigeteilt und fiel an die damals neu entstandenen bzw. geformten Staaten Jugoslawien, Rumänien und Ungarn. In jedem der drei Länder lebten rund eine halbe Million Donauschwaben, die nunmehr getrennt voneinander die Geschichte ihrer jeweiligen Heimatstaaten erlebten und mitgestalteten.

Die ganze, sich über 300 Jahre erstreckende Geschichte der donauschwäbischen Literatur in den Blick nehmen zu wollen, hätte den Rahmen einer nur eineinhalbtägigen Tagung sicherlich sprengen, es erschien daher sinnvoll, „nur“ die letzten 100 Jahre zu thematisieren, die unserer Gegenwart am nächsten liegen und deren Aufarbeitung am dringlichsten ist.

CIMG0280

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

.

:

Hier ein Bericht über die Veranstaltung von Katharina Kilzer aus der „Banater Post“ vom 5.2.2013:

„Lebenswelten im Rückspiegel – Donauschwäbische Literatur des 20. Jahrhunderts“ lautete das Thema einer zweitägigen Tagung im Sindelfinger „Haus der Donauschwaben“ am 24. und 25. November 2012. Für die Tagungsteilnehmer und Organisatoren von der Kulturstiftung der Deutschen Vertriebenen im Haus der Donauschwaben in Sindelfingen galt: Die Wege und Irrwege einer Vertreibungsliteratur, die vom Vergangenen und Heimweh erzählt, kennt nur der, der alles verlassen hat.

Die Vorträge schlugen einen Bogen von der Vertreibungsliteratur des Banats mit „Wanderungen durch die Karpaten Kakaniens“ Otto Alschers, dem „Spannungsfeld zwischen nationaler Selbsterhaltung und europäischer Gesinnung“ Adam Müller-Guttenbrunns zur ungarndeutschen Gegenwartsliteratur, der serbischen und kroatischen Literatur, der Rezeption der Vertreibungsliteratur bis hin zu Rumäniens Autoren sowie der Aktionsgruppe Banat. Obwohl die kulturgeschichtlichen Hintergründe die gleichen sind, waren die Entwicklungen und die Rezeption der Literatur der Donauschwaben sehr unterschiedlich.

Christine Czaja von der Kulturstiftung der Deutschen Vertriebenen begrüßte die Gäste und verlas eine Botschaft des Freiburger Erzbischofs Robert Zollitsch, der als Junge miterlebt hat, wie sein sechzehnjähriger Bruder und 211 weitere Männer seines donauschwäbischen Dorfes grausam umgebracht worden sind.

Er hat stets an das Martyrium der Donauschwaben erinnert – eine Mahnung, dass solche Verbrechen nie wieder geschehen mögen. Eine mahnende Rolle hat auch die Literatur.

Ein gemeinsames Identitätsbewusstsein bildete sich erst spät (1975 nach Einführung eines Wappens, einer Hymne und Fahne). Grund dafür ist die Herkunftsverschiedenheit, wie Stefan Teppert, wissenschaftlicher Leiter der Tagung, auch ein Sohn von Donauschwaben, betonte. Beeindruckend erzählte Helga Korodi über Otto Alschers Metamorphose. Anhand von Schautafeln zeigte sie Wirkung und Wirkstätten Alschers und führte uns zu vergangenen Orten (die Insel Ada Khaleh), die im Leben und Werk dieses pazifistischen Dichters mit seinen Vorlieben für Tiergeschichten, Zigeuner und den „Mühselig und Beladenen“ wichtig waren.

Eine ganz andere Lebensgeschichte wird im Werk Adam Müller-Guttenbrunns verdeutlicht, wie Dr. Andras F. Balogh (Klausenburg) schilderte. Verkannt oder überhöht? Die Rolle Guttenbrunns ist noch nicht geklärt, eine Diskussion über seine vermeintlich antisemitische Haltung brachte die Meinungen auseinander. Guttenbrunn war der Mythen-Dichter der Banater, obwohl er nicht so viel gelesen wurde.

Dr. Eszter Propszt (Szeged) sprach über die ungarndeutsche Literatur. Sie interpretierte Gedichte einiger weniger bekannten Lyriker: Engelbert Rittinger, Nikolaus Marnai, Claus Klotz, Georg Fath und Josef Michaelis. Themen wie Heimat, Muttersprache, Herkunft ziehen sich wie ein roter Faden durch diese Lyrik. „Heute lernen unsere Nachkommen im Kindergarten als Muttersprache eine Fremdsprache…“, so Josef Michaelis in „Agonie“. Mit Mladen Markov, Ljudevit Bauer und Dragi Bugarcic gewährte uns Leni Perencevic einen historischen Rückblick auf die serbische und kroatische Literatur seit 1945.

Helmut Ewert aus Weißkirchen las ein Fragment einer unveröffentlichten Geschichte, „Die schreckliche Treue der Toten“ – Erinnerungen an Kindheit, Flucht, Vertreibung. Von der Aktionsgruppe Banat las Johann Lippet aus seinem Roman „Bruchstücke aus erster und zweiter Hand“ – der dritte Teil einer Familien-Trilogie: die Rückkehr in das Banater Dorf zwischen Moderne und Tradition, ein wertvolles Stück Erinnerung.

Herta Müller, Richard Wagner, Johann Lippet, Franz Storch, Franz Liebhard, Hans Bergel, Eginald Schlatter und ihre literarischen Verarbeitungen des Zweiten Weltkriegs waren das Thema von Dr. Olivia Spiridon (Tübingen).

Fazit: Nur wenige dieser Autoren schafften einen Durchbruch in der gesamtdeutschen Öffentlichkeitswahrnehmung. Das Schicksal der Donauschwaben bleibt erinnert und das ist die gute Botschaft dieser Tagung. Wissenschaftlich noch nicht erfasst, literarisch jedoch vielfach verarbeitet, sind sie nicht vergessen. Im Raum steht auch die Frage nach der Mitschuld der Donauschwaben an ihrer Vernichtung. Das hat auch Johannes Weidenheim, Schriftsteller von der „Gruppe 47“, der vielmals zitiert wurde auf der Tagung, im Buch von Stefan Sienerth verdeutlicht. Nicht Heimatliteratur ist es, was die Autoren schreiben, sondern eine Erlebnis- und Erinnerungsliteratur. Ivan Poljakovic sprach in seinem Vortrag davon, dass es sich nicht um Minderheitenliteratur, auch nicht Regionalliteratur handele, denn Heimatvertreibung wird auch bei Günter Grass oder Siegfried Lenz thematisiert. Da Erinnerung eine Notwendigkeit des Menschen ist, galt die Forderung der Referenten im Einklang mit den Teilnehmern, die Vertreibungsliteratur bibliographisch und wissenschaftlich in der deutschen Literatur zu verorten, wie etwa die Schweizer Literatur. Eine Zukunftsaufgabe.

CIMG0288CIMG0292

CIMG0296CIMG0302CIMG0312

 

 

 

 

 

 

 

CIMG0313CIMG0310CIMG0315CIMG0319CIMG0325CIMG0335CIMG0334CIMG0329CIMG0338CIMG0307CIMG0291

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

:

:
Die gehaltenen Vortrage der Veranstaltung wurden von deren wissenschaftlichem Leiter Stefan Teppert gesammelt und werden hier nun in schriftlicher, erweiterter Form als Download veröffentlicht.
 .

Download: „Lebenswelten im Rückspiegel – Donauschwäbische Literatur des 20. Jahrhunderts“

.

Download: „Helga Korodi, Otto Alschers Wanderung durch die Karpaten Kakaniens“ (aktualisierte Fassung 2017)

 

Zur Vertiefung in die Thematik als Download ein Beitrag von Stefan Teppert:

Genozid in Titos Jugoslawien –
Johannes Weidenheims Roman „Treffpunkt jenseits der Schuld“

(Vortrag gehalten am 23.1.2011 in Stuttgart-Hohenheim bei der literarischen Fachtagung der Kulturstiftung Bis hin zum Gulag? – Bestehen und Versagen deutschsprachiger Autoren des Ostens gegenüber den Herausforderungen des Totalitarismus”)