Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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Pommern – Literatur einer Grenzregion

Literaturwissenschaftliche Fachtagung, Stuttgart-Hohenheim, 11. – 13. September 2002

Pommern – Literatur einer Grenzregion

Wissenschaftliche Leitung:
Prof. Dr. Roswitha Wisniewski, Heidelberg

Planung und Redaktion:
Hans-Jürgen Parplies, Dr. Ernst Gierlich, Bonn

Pommersche Literatur? Man muss nachdenken, wenn man nach Namen aus einer deutschen Provinz sucht, die in den Kriegswirren 1945 untergegangen ist. Ernst Moritz Arndt (1769 – 1860) aus Rügen fällt einem ein, der Verfasser des Liedes „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“ und spätere Geschichtsprofessor in Bonn; oder der in Stettin geborene Arzt Alfred Döblin (1878 – 1957), der 1929 den Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte vom Franz Biberkopf“ veröffentlichte und in Emmendingen/ Baden starb; oder Ehm Welk (1884 – 1966), der aus dem Kreis Angermünde stammte und mit seinen beiden Romanen (1973/43) über das Dorf Kumerow berühmt wurde; oder Hans Fallada (1893 – 1947) aus Greifswald, der eigentlich Rudolf Ditzen hieß und dessen Roman „Kleiner Mann, was nun?“ den Weltruhm des Autors begründete; oder Wolfgang Koeppen (1906 – 1996), auch er in Greifswald geboren, der drei gesellschaftskritische Romane über die junge Bundesrepublik Deutschland veröffentlichte und danach fast nichts mehr schrieb; oder Hans Werner Richter (1908 – 1993) von der Insel Usedom, dem Begründer der literarischen „Gruppe 47“; oder Uwe Johnson (1934 – 1984), der im hinterpommerschen Cammin geboren wurde, aber im vorpommerschen Anklam und nach 1945 in Güstrow/Mecklenburg aufwuchs und der über Nacht mit seinem Roman „Mutmaßungen über Jacob“ (1959) bekannt wurde.

Der Beitrag Pommerns zur deutschen Literatur ist, wie man sieht, unübersehbar. Oder sollte man einschränkend sagen: Vorpommerns? War Hinterpommern vom Stettiner Haff bis zum Zarnowitzer See eine Kulturwüste? Gab es dort nur Rügenwalder Wurst und sonst nichts? Mitnichten! Die Tagung „Pommern – Literatur einer Grenzregion“, die die in Bonn ansässige „Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen“ vom 11. bis 13. September in Stuttgart-Hohenheim veranstaltete, bot dem aufmerksamen Zuhörer ein ganz anderes Pommern-Bild.

Bevor aber überhaupt von pommerscher Literatur gesprochen werden konnte, mussten zunächst die historischen Grenzen des Landes Pommern näher bestimmt werden. Über die Entwicklung vom Ende des Dreißigjährigen Krieges bis zum Beginn des Zweiten Weltkrieges berichtete Privatdozentin Dr. Kyra Inachin, Mitarbeiterin am Lehrstuhl für pommersche Geschichte und Landeskunde an der Universität Greifswald. Unter Bogislaw XIV., dem letzten Greifenherzog, mit dem das Geschlecht ausstarb, war Pommern zwischen 1625 und 1647 zum letzten Mal unter einem Herrscher vereint. Danach wurde Vorpommern mit Stettin und einem Grenzstreifen östlich der Oder schwedisch, 1720 fiel im Vertrag von Stockholm Vorpommern bis zur Peene an Preußen, schließlich 1815 auch das „Neuvorpommern“ genannte Restgebiet einschließlich der Insel Rügen. Nach 1815 wurde Pommern insgesamt als preußische Provinz verwaltet, zu den beiden Regierungsbezirken Stettin und Köslin kam als dritter Stralsund, wo Besonderheiten aus der schwedischen Zeit bewahrt werden sollten. Nach 1918 wurde Pommern Grenzregion zum benachbarten Polen, der Regierungsbezirk Stralsund wurde 1932 aufgelöst und Stettin angegliedert. 1938 wurde die Grenzmark Posen-Westpreußen an Pommern angegliedert und der neue Regierungsbezirk Schneidemühl gebildet.

In diesen historischen Kontext war nun die literarische Entwicklung einzuordnen. Prof. Dr. Roswitha Wisniewski (Heidelberg), die auch die wissenschaftliche Leitung der Tagung innehatte, stellte ausgewählte Kapitel der Pommerschen Literatur vor und konnte dabei auf ihren Aufsatz „Deutsche Literatur Pommerns“, abgedruckt im neunten Band „Pommern und Ostbrandenburger“ (2000) der Studienbuchreihe „Vertreibungsgebiete und vertriebene Deutsche“ der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, zurückgreifen. Von Fürst Witzlaw von Rügen (1265 – 1325), dem „letzten Minnesänger“, dessen Mutter Agnes aus dem Hause Braunschweig-Lüneburg stammte, leitete sie über zu Johannes Bugenhagen (1485 – 1558), dem Reformator von der Insel Wollin und Freund Martin Luthers, der eine fünfbändige Geschichte Pommerns, die „Pomerania“, verfasste, der die Bibel ins Niederdeutsche übersetzte und der als „doctor pomeranus“ in Wittenberg starb. Sibylle Schwarz (1621 – 1638) war zu nennen, die mitten im Dreißigjährigen Krieg Gedichte schrieb, die denen des schlesischen Barockdichters Andreas Gryphius vergleichbar sind, und die schon mit 17 Jahren starb. Oder Johann Timotheus Hermes (1738 – 1821) mit seinem unlängst wiedergedruckten Roman „Sophiens Reise von Memel nach Sachsen“ (1769/73). Oder, neben dem von den Franzosen verfolgten Freiheitsdichter Ernst Moritz Arndt, auch der Historiker Gustav Droysen (1806-1884) mit seiner „Geschichte Alexanders des Großen“ (1853) und seiner 14bändigen „Geschichte der preußischen Politik“ (1855/86). Der Referentin, die auch für die Gegenwartsliteratur eine Menge illustrer Namen zu nennen wusste, war die Begeisterung anzumerken, mit der sie unbekannte und vergessene Autoren des 19. Jahrhunderts vorstellte wie den Stettiner Hans Hoffmann (1848 – 1909), dessen Novellen „Das Gymnasium von Stolpenberg“ (1891) sie jüngst herausgegeben hat.

Die weiteren Vorträge dieser Tagung, die in Buchform erscheinen sollen, waren speziellen Themen oder einzelnen Autoren der pommerschen Literatur gewidmet. So sprach Dr. Burkhard Bittrich (Bad Neuenahr-Ahrweiler) über „Rügen im Leben und Werk von Ernst Moritz Arndt“, wozu die „Erinnerungen aus dem äußeren Leben“ (1840) des Dichters eine unerschöpfliche Fundgrube sind, während Prof. Dr. Karol Sauerland (Warschau/ Thorn) die frühen Jahre des jüdischen Schriftstellers Alfred Döblin, dessen jüngster Bruder Kurt in Auschwitz vergast wurde, seine Fluchtgeschichte „Schicksalsreise“ (1949) und seine Beziehungen zu Polen, untersuchte. Prof. Dr. Elke Mehnert (Chemnitz) schilderte ihre Erfahrungen mit dem Thema „Flucht und Vertreibung“ zu DDR-Zeiten, ehe sie sich Christian Graf zu Krockows Büchern „Die Reise nach Pommern. Bericht aus einem verschwiegenen Land“ (1988) und „Die Stunde der Frauen. Bericht aus Pommern 1944 bis 1947“ (1991) zuwandte, während Prof. Dr. Bożena Choluj (Frankfurt an der Oder/ Oldenburg) drei Romane polnischer Umsiedler in der zweiten Generation, geboren zwischen 1954 und 1963 in Stettin, vorstellte. Ergiebig waren auch Dr. Monika Schneikarts (Greifswald) Beitrag zur „Literatur in Pommern während der frühen Neuzeit“, worin sie Barockgedichte interpretierte, und Prof. Dr. Regina Hartmanns (Stettin) Bemerkungen zur unterschiedlichen Ausprägung pommerscher Literatur in Schwedisch-Pommern und Preußisch-Pommern. Dr. Jörg Bernhard Bilkes (Bad Rodach) Vortrag über Flucht und Vertreibung in der DDR-Literatur musste sich auf schlesische und ostpreußische Autoren beschränken, da pommersche nicht nachweisbar waren. Einen lebendigen Eindruck von pommerscher Mentalität vermittelte Manfred Krüger (Gristow) mit einer Lesung aus den auf Plattdeutsch verfassten Werken der Verfasserin des „Ostseewellenliedes“, Martha Müller-Grählert.

Bericht von Dr. Jörg Bernhard Bilke