Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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Simon Dach im Kontext preußischer Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit

Literaturwissenschaftliche Fachtagung, Königswinter, 16./17. Oktober 2009

Simon Dach im Kontext preußischer Kulturgeschichte der Frühen Neuzeit

Wiss. Leitung: Prof. Dr. Klaus Garber, Osnabrück
Redaktion: Dr. Ernst Gierlich, Bonn

Die literaturwissenschaftlichen Fachtagungen der Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen haben stets großen Zulauf. Normalerweise ist der Kreis auf 35-40 Teilnehmer beschränkt, diesmal aber war der Andrang so groß, dass man die Teilnehmerliste schließen musste, als die Zahl achtzig überschritten war. Lag´s am Thema, lag´s an den Referenten, oder lag´s an einem „Bedarf nach Kenntnisvermittlung und vielleicht auch Kenntnisauffrischung über unseren ostpreußischen Barockdichter, sein Wirken und sein Werk“ fragte Hans-Günther Parplies, Vorsitzender der Stiftung in seiner Begrüßungsansprache. Es zeigte sich, dass es auch heute noch lohnt, sich sowohl mit Simon Dach als auch mit anderen deutschsprachigen Dichtern des 17. Jahrhunderts, Opitz, Gryphius oder Fleming, zu befassen. Von größtem Interesse war die Beschäftigung der Referenten mit dem historischen Umfeld jener Zeit, einmal mehr erfuhren die Zuhörer, welch reiche Kulturlandschaft Königsberg und Preußen waren.

„Das Ännchen von Tharau“ kennt ein jeder, dass ihr Schöpfer weit über 1000 Lieder schrieb, ist heute aus dem öffentlichen Bewusstsein jedoch verschwunden. Simon Dach, 1605 in Memel geboren und 1659 hochgeehrt als Professor für Poesie an der Königsberger Universität gestorben, hat in seinem für heutige Verhältnisse kurzem Leben viel bewirkt.

Sein Vater war Gerichtsdolmetscher, das bedeutete: Dach wuchs in ärmlichen Lebensverhältnissen auf. So schickte ihn sein Vater, der die Begabung des Sohnes erkannte, mit 14 Jahren zu Verwandten nach Königsberg. Diese ermöglichten ihm den Besuch der Domschule auf dem Kneiphof, ein Vorzug, der nur reichen oder talentierten Jungen zugestanden wurde. Und das war Simon, talentiert. Gottlieb Siegfried Bayer, ein früher Biograph, berichtet, „dass er aus tragender Liebe zur Musik, die Viola Gamba, ohne eintzige Anweisung, spielen gelernet, auch ehe Verse zu machen gewusst, als er zu selben angeführt worden. Hierdurch machte er sich sehr beliebt bei M. Petro Hagio, Rector der Cathedral Schulen“. Dieser starb 1620 an der Pest, vor der Dach aus Königsberg nach Magdeburg geflohen war und wo er seine Schulausbildung abschloss. Auch aus dieser ihm so lieb gewordenen Stadt vertrieben ihn der Krieg und die Pest und er kehrte 1626 nach Königsberg zurück, ließ sich an der Universität immatrikulieren und begründete zusammen mit dem Domorganisten Heinrich Albert, der zahlreiche von Dachs Gedichten vertonte, und einigen anderen den Königsberger Dichterkreis. Robert Robertin war der geistige Führer dieses Dichterbundes, der „Kürbishütte“. Zehn Jahre lang trafen sich die Freunde im Kürbisgarten Heinrich Alberts, bis dieses Dichter-Refugium 1642 durch die Anlage einer Straße zerstört wurde. Bald gehörte Dach zu den führenden Dichtern der Stadt, und als er 1639 zum „Professor poesos“ der Universität von Königsberg ernannt wurde, war er in der Lage, einen Hausstand zu gründen. 1641 heiratete er die Tochter des Hofgerichtsadvokaten Christoph Pohl und hatte sieben Kinder mit ihr. Die Universität füllte sein Leben aus, fünfmal bekleidete er das Amt des Dekans, 1656 auch das des Rector Magnificus.

Prof. Dr. Wladimir Gilmanov von der russischen Immanuel-Kant-Universität in Königsberg war es, der in seinem Referat „Die Kürbishütte der Welt im Werk von Simon Dach“ den philosophischen Hintergrund des damaligen Königsbergs zeichnete. „Der widerspruchsvolle Geist der Neuzeit stürmte in das vom Deutschen Orden seit dem XIII. Jahrhundert regierende Preußenland in der Person des Herzogs Albrecht hinein, der sich zum Luthertum umstellte, den Ordensstaat säkularisierte und in dem neuen, jedoch dem polnischen König lehnspflichtigen Herzogtum mit einer beispiellosen religiös-politischen Modernisierung anfing.“(Zitat)

Aber nicht nur die religiösen Umbrüche schufen ein Unruhe-Klima, für die an der Sprache Interessierten und in und mit ihr Schaffenden – und zu ihnen gehörte der junge Simon Dach sehr bald – war es der Erneuerer der deutschen Sprache, war es Martin Opitz (1597 – 1639), der eine Umwälzung des geistigen Schaffens hervorgerufen hatte. Plötzlich waren sie alle um die Reinheit der deutschen Sprache bemüht, stellten sich gegen die „Buhlerey“ mit Fremdwörtern, wie Opitz es nannte und bevorzugten den Gebrauch des deutschen, statt des lateinischen Wortes. Es entstanden Gedichte von großer Einfachheit und Schönheit. So eben auch das Gedicht „Anke van Tharaw“ von Simon Dach zur Hochzeitsfeier von Anna Neander und Johannes Portatius 1636:

„Annchen von Tharau ist, die mir gefällt;
sie ist mein Leben, mein Gut und mein Geld.
Annchen von Tharau hat wieder ihr Herz
Auf mich gerichtet in Lieb´und in Schmerz.
Ännchen von Tharau, mein Reichtum, mein Gut,
du meine Seele, mein Fleisch und mein Blut!“

Kein Geringerer als J.G. Herder übertrug das von Heinrich Albert vertonte Lied aus dem samländischen Plattdeutsch ins Hochdeutsch und nahm es in seiner bekannten Liedersammlung „Stimmen der Völker in Liedern“ auf.

Es gab Tausende Gelegenheiten, sich als Dichter zu er- und beweisen: Taufen, Beerdigungen, Feste, Schlachten, Würdigungen – das „Kasualgedicht“ war geboren, und Simon Dach sei eine, so Gilmanov, „glückliche Synthese zwischen wirklichkeitsnaher Volkstümlichkeit und hoher humanistischer Bildung“ zu verdanken. Oft sind es Verse – Dach benutzte häufig den vierhebigen trochäischen Sechszeiler im Versmaß ababcc – zu Ehren seiner Gönner, darunter der brandenburg-preußische Herzog selbst, seiner Freunde, zu philosophischen, den „letzten“ Dingen, zum Tod. „Die Barockdichtung thematisiert die existentielle Dominanz des Todes, aber nicht gerade in physisch-medizinischem Sinne, sondern im Sinne der sog. Essenzen des Daseins, was in der Moderne und Postmoderne in der Begriffswelt der zahlreichen Todesformen seinen Ausdruck gefunden hat: so „Gottes Tod“ (bei Nietzsche), oder „Tod des Guten“ (bei Hanna Arendt in ihrem Konzept der „Banalität des Bösen“), oder „Tod des Autors“ (R. Barth), oder „Tod des Subjekts“ (M. Foucault) oder letztendlich „Ende des Menschen“ (F. Fukujama). (Zitat Gilmanov). Denn mit dem Tod war man zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges immerfort konfrontiert, 1620 starben in Königsberg 15 000 an der Pest, fünf Jahre später hatten 100 000 im ganzen Land ihr Leben lassen müssen. Tiefgläubig und tröstlich sind die Worte, die Simon Dach findet:

„Nur der, so stets hinauf in seine Heymath schaut,
Nach Gott und sich in ihm sein wahres Erbtheil baut,
Wird hier in Unlust Lust und Ruh in Unruh finden.“

Der Dichter selbst litt an Tuberkulose, an „enger Brust“, eine Krankheit, die oft genug auch Gegenstand seiner Dichtung wurde und der er im Alter von 55 Jahren 1659 erlag.

Gilmanov, Sohn eines Baschkiren aus dem Uralgebiet, der nach dem Krieg in Königsberg angesiedelt wurde, hat sich als treuer Sachwalter der Stadt Königsberg, der deutschen Kultur erwiesen und weiß mehr über Immanuel Kant, Andreas Osiander, Christoph Kaldenbach oder (ein Beispiel aus der Neuzeit) Agnes Miegel als manche Universitätsprofessoren in der Bundesrepublik. „Ausgehend von den Erfahrungen der Vergangenheit könnte man wirklich in gewissem Sinne behaupten, dass bewusst oder unbewusst die Russen in die deutsche Kultur, in das deutsche Kulturerbe, in die deutsche Geschichte in gewissem Sinne auch in die deutsche Seele irgendwie geheimnisvoll verliebt sind – obwohl das auf den ersten Blick gar nicht so einfach zu begreifen wäre“, sagte Gilmanov einmal in einem WDR- Interview in Königsberg im Jahre 1997.

Sieht man sich die Namen der Referenten dieser Tagung an, von denen etliche schon auf der Memeler (heute Klaipeda) Fachtagung von 2005 – in 40 Vorträgen von Kulturwissenschaftlern aus sieben Ländern war damals an den 400. Geburtstag von Simon Dach erinnert worden – konnte man sich glücklich schätzen, einige von ihnen auch auf dieser Fachtagung in Königswinter dabeizuhaben. Einer davon war Prof. Dr. Axel E. Walter von der Universität Memel/Klaipeda. Er referierte über „Simon Dachs Durchbruch als Dichter – Poetische Ereignisse des Jahres 1638.“ Walter zitierte den Literaturhistoriker Georg Christoph Pisanski (1725-1790), der eine Zweiteilung der preußischen Literaturgeschichte in eine Epoche vor und eine seit Dach vorgenommen hatte. Zwar habe seine Karriere erst spät begonnen, bis Ende 1637 hatte der 32-jährige Dach gerade einmal rund neunzig Gedichte veröffentlicht, „…die Masse seiner poetischen Produktion verteilte sich erst auf die letzten zwei Jahrzehnte, in denen er dann, natürlich mit jährlichen Schwankungen, im Durchschnitt ein Gedicht pro Woche verfasste…. Als erste deutschsprachige Verfasserschrift Dachs gelangte sein Epicedium auf den polnischen König Zygmunt III. Wasa im Jahre 1632 zum Druck.“ Im Vortrag Walters werden auch genaue Kenner des Lebens von Simon Dach noch neue Details entdeckt haben. So erwähnte er, dass es Dach war, der für den ehrenvollen Empfang des verehrten Dichterfürsten Martin Opitz in Königsberg am 29. Juli 1638 den Festtext verfassen durfte, Heinrich Albert komponierte die Melodie.

Walter kam auf die Flussallegorien zu sprechen, die Dach Vergil, Catull und anderen Dichtern zuordnet: „Flüsse markierten keineswegs nur naturgeographische Grenzen, sie waren stets auch mit einer „kulturzivilisatorischen“ Symbolik und einem mythologischen Gehalt konnotiert. Bei Dach beheimatete der Pregel immer auch die Musen: Es sind die „Pregelinnen“, die in seinen Gedichten an die Stelle der „Pirenen“ treten. Dach reihte hiermit den Pregel in die Reihe der großen Dichterflüsse ein. Walter ging ausführlich auf die von Dach geschaffenen und von Albert vertonten Arien ein und hob die ideale Zusammenarbeit der Freunde hervor, man darf nicht vergessen, dass die Musik des damaligen Königsbergs einen großen Einfluss auf das literarische Leben hatte.

Dach eroberte sich alle ihm zur Verfügung stehenden Kommunikationsräume: den Hof, die Kirche, die Universität, die staatliche und städtische Elite der Ständegesellschaft, das gebildete Bürgertum in Stadt und Land – was ganz fehlt im Oeuvre Dachs ist der Roman, eine umfassendere Art der Darstellung wurde allenfalls in Form des allegorischen Liederspiels erprobt. „Der poeta doctus“ schloss Walter sein Referat „negierte keine Standesgrenzen und blieb sich seiner Stellung immer bewusst, er besaß aber in der perspicuitas als Wissender ein Konzept, über das er sein Dichten dem Unwissenden, also dem nicht dem Kommunikationssystem der Gelehrten Zugehörigen, vermitteln zu können beanspruchte. Er erfüllte damit das Postulat der gesellschaftlichen Nützlichkeit, dem sich die späthumanistischen Dichter in deutscher Sprache verpflichtet fühlten.“
Ein anderer Aspekt galt einem Freundespaar „Simon Dach und Valentin Thilo (Thiel), zwei Kollegen in Königsberg – Kasualgedichte als ästhetische Kommunikation“ von Prof. Dr. Wilhelm Kühlmann aus Heidelberg. Kam Dach kaum – bis auf den Abstecher nach Magdeburg in seiner Jugend – über das Weichbild Königsbergs hinaus, lehrte Valentin Thilo (1607-1662) zeitweise an der renommiertesten europäischen Universität im holländischen Leiden, bis er seit 1634 als Professor für Rhetorik an der Königsberger Albertina tätig wurde. Dach und Thilo: Zwei Kollegen und zeitweise auch Gartennachbarn, die sich nicht nur gut verstanden, sondern auch gemeinsam öffentlich auftraten. So beispielsweise 1649 bei einem „Oratorischen Act“ zum Geburtstag des Herzogs, zu dem Dach die Verstexte lieferte und der Rhetorikprofessor eine angemessene Rede hielt. Thilo, der „Königsberger Cicero“ oblag die Aufgabe, bei öffentlichen universitären Anlässen oder höfisch-politischen Festen in Aktion zu treten. Überliefert sind eine Reihe von Poemen, Kühlmann nennt 15 Kasualgedichte, die sich an die Familie Thilo richten. „Dachs großes Glückwunschgedicht zu Thilos Magisterpromotion (1634) fällt weniger durch seine Länge von zwanzig achtzeiligen, metrisch zweigeteilten Strophen auf als vielmehr durch die Art und Weise, wie Dach, damals noch „vierter“ d.h. ärmlicher Lehrer an der Kathedralschule, trotz aller sozialen Unterschiede, die Summe der Gelehrtenexistenz zieht, die er als typisch artikuliert und für sich, den Verfasser, und den Geehrten als gemeinsam in Anspruch nimmt“ heißt es in Kühlmanns Referat. Eine Besonderheit in diesen Gedichten sei, dass, wenn er von Thilo rede, immer auch sich selbst meint. Unglaublichen Reiz gewann das Referat Kühlmanns durch den Vortrag Dachscher Gedichte durch die Lyrikerin Hanna Leybrand aus Heidelberg.

Dr. Monika Schneikart, Greifswald, „Gelegenheitsdichtung in Königsberg und Pommern – Simon Dach und Sybilla Schwarz (1621-1638) im Vergleich“ stellte zwei Literaten einander gegenüber, die zur gleichen Zeit zu dichten begonnen hatten. Sybilla Schwarz, Patriziertochter aus begütertem Haus, begann bereits in jungen Jahren zu dichten. Durch ihren Vater, Ratsherr und Bürgermeister der Stadt, geheimer Landrat am Hof Herzog Bogislaw XIV. in Stettin, erfuhr sie jede nur mögliche Förderung und konnte sich vor Pest und Krieg auf ihren „Musensitz“ Fretow zurückziehen. „Der frühe Tod, die besonderen Schreibumstände für Frauen und die staatliche Situation Pommerns nach 1648 (Aufteilung in ein schwedisches und brandenburg-preußisches Herrschaftsgebiet) verdeckten die originäre Position der pommerschen Poetin im literarischen System der Zeit, die u.a. darin besteht, dass sie als eine der ersten Poeten den von Opitz aufgestellten Regeln und Mustern für eine deutschsprachige Poesie folgte und auf dieser Grundlage eine innovative poetische Sprache entwickelte.“ (Zitat Schneikart). Sie verfasste ihre Texte in einem Zeitraum von fünf Jahren, Gelegenheitsgedichte, die sich vor allem an Personen aus ihrem unmittelbaren Lebensumkreis richteten: elf Trauergedichte, elf Geburtstags- und Namensgedichte, acht Hochzeitsgedichte und ebenso zahlreiche Abschieds- und Ankunftsgedichte. Bedeutender sind ihre Lieder, Epigramme, Versepistel, eine Schäfererzählung, ein biblisches Drama in Alexandrinern und Daketylen und ein Trauerspiel über die Zerstörung ihres Musensitzes Fretow. Die Arbeit von Monika Schneikart bereicherte das schier unübersehbare Spektrum Barockdichtung um einen neuen Aspekt: „Ihre petrarkistischen Liebessonette imitieren das von Opitz in die deutschsprachige Liebesdichtung eingeführte Modell, von der Liebe nach Art Petrarcas zu sprechen, und variieren es gleichzeitig durch die Neubesetzung der Sprecherposition mit einem weiblichen Ich, das die Freundin – oft im Titel besetzt mit dem Namen ihrer Freundin Judith Tank – auf die Systemstelle „Geliebte“ setzt“, heißt es bei Schneikart.

Die Auseinandersetzung mit dem Leiden, dem eigenen wie dem Leiden an sich, nahm einen großen Raum ein in der Dichtung des Barock, kulminierend im Leiden Christi. Dieses Themas nahm sich Dr. des. Misia Doms, Saarbrücken an. „Wenn sich niemand kühn erzeigt,/Und, was sonst sol reden, schweigt,/Müssen Steine schreyen.“ – Simon Dachs dichterischer Umgang mit dem Leiden“ hieß ihr Referat – respektive ihre Betrachtung von zwei Gedichten Simon Dachs in denen die Auseinandersetzung mit dem Leiden ihren Ausgang nimmt. Im Zentrum stand die Erkrankung von Dachs Förderer Conrad von Burgsdorff, um dessen Genesung er fleht, sich aber insofern selbst mit einbringt, indem er sich beklagt, wenn denn die Hilfe dieses Mäzens ausbliebe. „DEr Himmel wird sich ja nicht also von mir kehren“ hat zweierlei Bedeutung und wird auch ganz ehrlich ausgesprochen.

In einem Vers, in dem er Burgsdorff beschwört, ja wieder gesund zu werden und ihm eine Festlichkeit in seinem Haus verspricht, baut er auch den Fluss Pregel in seine Beschwörungsformel ein.

„Der Pregel schawet auff, nimmt einen Lorber-Krantz,
Es halten vmb jhn her die Nymphen einen Tantz.

Eine neue Dimension kommt zur Sprache: Ist er vielleicht schuld an der Krankheit seines Gönners? Nacheinander forscht der Sprecher in diesem dreiteiligen Gedichtzyklus nach verschiedenen möglichen Sünden (Gotteslästerung, Diebstahl, Hoffahrt, mangelnde Nächstenliebe, Geiz, Mordgedanken). Aber:

„Der keines fällt mir ein, ich strebe früe vnd spat,
Daß Lieb vnd Vnschuld stets bey mir die Herberg hat.“

Misia Doms schlussfolgert: „Ethische und künstlerische Vortrefflichkeit kommen, so hat der Leser dieser Verse zu schließen, in der Person Dachs zusammen und werden noch ergänzt durch die Auszeichnung, die es bedeutet, aus räumlicher Instanz vom berühmten Kriegsmann Burgsdorff als Dichter gefördert und geschätzt zu werden.“

Sogar bei zwei Hochzeitsgedichten verzichtete Dach nicht auf das Thema Leiden, hier die Pindarsche Vorlage der Satz-Gegensatz-Struktur benutzend. Freuden und Leiden bildeten im 17. Jahrhundert die zwei Seiten einer Medaille, schloss Misia Doms ihren brillant vorgetragenen Aufsatz.

Prof. Dr. Klaus Garber, emeritierter Prof. für Literaturtheorie und Geschichte der Neueren Literatur an der Universität Osnabrück, der die wissenschaftliche Leitung dieser Fachtagung übernommen hatte, sprach über „Ein europäisches Juwel des Adels in Preußen – Die Wallenrodtsche Bibliothek und ihre Rekonstruktion“. Sie wurde im 17. Jahrhundert von einer preußischen Beamtenfamilie ins Leben gerufen und war die bedeutendste Sammlung von Literatur zur Geschichte des Herzogtums Preußen seit seiner Gründung durch Herzog Albrecht. Aufbewahrt wurde sie in der Universitätsbibliothek, Dubletten in einem eigens dafür hergerichteten Turmzimmer im Dom. Bis heute ist nicht bekannt, was in den Jahren des Zweiten Weltkriegs mit der Wallenrodtschen Bibliothek geschah. Zum Teil war sie ausgelagert, zu Kriegsende dann aber wohl zurückgeholt worden – wie von litauischer und russischer Seite versichert wird. „Auf Rampen waren Bücherkisten zum Abtransport bereitgestellt, die mit Sicherheit auch in erheblichem Umfang Wallenrodiana bargen. Sie haben die eingekesselte Stadt nicht mehr verlassen können und fielen den einziehenden russischen Truppen bzw. den mit der Bergung und Sicherung von Kulturgut befassten russischen Spezialeinheiten in die Hände“, hieß es im Vortrag von Garber. Was er aber nun berichtete, kommt einem spannenden Krimi gleich: Als das Reisen hinter den verschlossenen Eisernen Vorhang (1979) wieder möglich wurde, fielen dem leidenschaftlichen Bibliotheksforscher Garber – zuerst in Warschau – alte Drucke mit Bezug auf Königsberg in die Hände. Ihm war klar, dass die Königsberger Stadtbibliothek nicht komplett untergegangen war: „Auch sie war in unbekanntem Umfang noch vor der Katastrophe ausgelagert worden und in wiederum unbekannten Größenordnungen den Polen in die Hände gefallen.“ Es blieb nicht bei diesem sensationellen Fund. In der unzerstörten Stadt Thorn fanden sich Bücher aus der Universitätsbibliothek Königsbergs, und im 1984 erstmals durchgeführten Austauschprogramm zwischen der Akademie der Wissenschaften der Sowjetunion und der Deutschen Forschungsgemeinschaft konnte Garber eine Bibliotheksreise durch die Sowjetunion antreten. Was er in Moskau, dem damaligen Leningrad (heute wieder St. Petersburg) fand, ließ ihn jubeln. „Ein herrlicher wohlerhaltener Sammelband nach dem anderen wurde uns vorgelegt, zumeist dicke in Schweinsleder gebundene Foliobände mit vielen Einzeltiteln, darunter die von uns so intensiv gesuchten Königsberger Dichter mit Simon Dach an der Spitze“.
Garber ist sich sicher: die Wallenrodtsche Bibliothek ist nicht untergegangen, sondern auf geheimnisvolle Weise den Siegermächten in die Hände gefallen. Wie dieses Beutegut dann nach Vilnius (Litauen) gelangte oder nach Georgien und Armenien kam – die beiden letzteren haben die deutschen Bücher inzwischen nach Deutschland zurückgegeben – dies Geheimnis wird wohl nie mehr zu lüften sein. Wichtig ist aber wohl, dass es dank moderner Technik möglich ist, die Wallenrodtsche Bibliothek in Gestalt einer virtuellen Bibliothek wieder herzustellen.

Bei so viel Kenntnis, Engagement und Diskussionsbereitschaft für den in weiten Kreisen vergessenen Barockdichter Simon Dach verwundert es nicht, dass der Kulturstiftungsvorsitzende Hans-Günther Parplies die Hoffnung äußerte, diese Tagung könne vielleicht den Anstoß geben zur Gründung einer Simon-Dach-Gesellschaft, möglicherweise sogar einer internationalen.

Bericht von Erika Kip

Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen dankt als Förderer dieser Tagung dem Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien