Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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Spiegel der Fürstenmacht

Internationale Fachtagung zu den Residenzbauten Ostmitteleuropas im Spätmittelalter

Bischofsburg Heilsberg

Bischofsburg Heilsberg

Seit vielen Jahren sind die spätmittelalterlichen Residenzbauten Europas Gegenstand intensiver Forschung, besonders solcher der Architekturhistoriker, und damit vor allem von Untersuchungen ihrer Bauform. Gleichwohl bleiben dabei viele Aspekte der Bauten unbestimmt, gilt es in mancher Hinsicht, das wahre Gesicht der königlichen und fürstlichen Residenzen noch zu entdecken. Diese sprechen uns an als als Zentren intensiver, bunter Lebensformen, reguliert durch strenge Etikette. Ihre Raumgestalt kann als wesentlicher Rahmen der höfischen Kultur des Spätmittelalters gesehen werden, als Ort der Repräsentation, gleichsam als „Spiegel der Fürstenmacht“, der hoheitlichen Ambitionen ihrer Erbauer.

Organisatoren der Fachtagung: Dr. Kazimierz Pospieszny, Elżbieta Jelińska, Dr. Ernst Gierlich, Prof. Dr. Christofer Herrmann

Organisatoren der Fachtagung: Dr. Kazimierz Pospieszny, Elżbieta Jelińska, Dr. Ernst Gierlich, Prof. Dr. Christofer Herrmann

Dies gilt nicht zuletzt für die Residenzen des östlichen Europa, also etwa der dortigen königlichen Palastanlagen sowie der Burgen weltlicher und geistlicher Fürsten. Neue Erkenntnisse zu der Entwicklung und Funktion dieser Bauten vorzustellen sowie das Beziehungsgeflecht der Residenzen untereinander und mit anderen Machtzentren in Europa aufzuzeigen, war Intention der internationalen Fachtagung, welche die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen, Bonn, gemeinsam mit dem Deutsch-Polnischen Forschungsinstitut am Collegium Polonicum (Słubice/ Frankfurt a.d. Oder Ost) sowie dem Museum für Ermland und Masuren (Allenstein/ Olsztyn) in der Bischofsburg zu Heilsberg (Lidzbark Warminski) Anfang September durchführte. Die erst jüngst wohlrestaurierte Heilsberger Burg, bis heute Sitz des Bischofs von Ermland, bot den perfekten Rahmen für die Zusammenkunft, kann sie doch selbst als vielleicht besterhaltenes Exemplar einer spätmittelalterlichen geistlichen Fürstenresidenz des Raumes gelten.

Ausstellung zur Backsteinarchitektur in der Burg Heilsberg

Ausstellung zur Backsteinarchitektur

Das Symposium fungierte als Begleitveranstaltung zu der zeitgleich an diesem Ort in ihrer polnisch-sprachigen Fassung präsentierten, neuen Perspektiven der Forschung zur Backsteinarchitektur im Ostseeraum gewidmeten Ausstellung der Kulturstiftung. In der Tat ergänzten einander Ausstellung und Tagung in ihrer Thematik aufs Trefflichste, handelt es sich bei der Heilsberger Burg doch um eine auch in der Ausstellung thematisierte Backsteinanlage.

Małgorzata Jackiewicz-Garniec

Małgorzata Jackiewicz-Garniec

Auf dem Programm stand daher nicht zuletzt die Burg selbst, deren historische Raumnutzung die Leiterin des Burgmuseums, Małgorzata Jackiewicz-Garniec, den Tagungsteilnehmern bei einer Führung erläuterte.

Die erwähnte Restaurierung der Anlage hatte es ermöglicht, die mittelalterlichen Gemälde an den Wänden des doppelgeschossigen Kreuzgangs der Anlage freizulegen und zu untersuchen, hierbei nur in Resten Erkennbares digital zu rekonstruieren.

Ryszard Żankowski

Ryszard Żankowski

Über den so wiedergewonnenen, in seiner Art einmaligen Gemäldezyklus aus dem späten 14. und 15. Jahrhundert mit christologischer und mariologischer Thematik  informierte sein Restaurator Ryszard Żankowski aus Thorn/Toruń.

Gleichzeitige bauhistorische Untersuchungen hatten vertiefte Erkenntnisse zur Chronologie der gesamten Anlage, zu deren funktionellen und formalen Umwandlungen erbracht, die Dr. Wojciech Wółkowski (Warschau/ Warszawa) in seiner Dissertation dargelegt hatte und die er nun Tagungsteilnehmern präsentierte.

Dr. Wojciech Wółkowski

Dr. Wojciech Wółkowski

Dass er hierbei manch bislang als gesichert geltende Auffassung in Frage stellte, war, wie dies einem wissenschaftlichen Symposium angemessen ist, im Anschluss Gegenstand einer fruchtbaren fachlichen Diskussion.

Dr. Tomasz Ratajczak

Dr. Tomasz Ratajczak

Der Wawel, die Residenz der polnischen Könige zu Krakau, war Thema zweier weiterer Beiträge, von Dr. Tomasz Ratajczak (Posen/ Poznań), der den Ausbau im 14. und zu Beginn des 15. Jahrhunderts anhand bauhistorischer Befunde und schriftlicher Quellen darstellte, sowie von Prof. Dr. Tomasz Torbus (Danzig/ Gdańsk-Breslau/ Wrocław), der den Ausbau der Residenz nach 1505 den Wechsel von gotischen Bauformen zu solchen der Renaissance beschrieb.

Prof. Dr. Tomasz Torbus

Prof. Dr. Tomasz Torbus

Wie der Wawel entwickelte sich auch die Residenz des böhmischen Königs und römisch-deutschen Kaisers Karls IV. auf der Prager Burg, was im Referat von Architekt Petr Chotěbor (Prag/ Praha) deutlich wurde, von bescheidenen Anfängen zu einer repräsentativen, weltliche und sakrale Aspekte der Königsherrschaft repräsentierenden Anlage. Die Prager Burg war vielleicht die bevorzugte, jedoch keineswegs die einzige Residenz des zahlreiche unterschiedliche Territorien in Mittel- und Ostmitteleuropa umfassenden Herrschaftsgebietes des großen Kaisers aus dem Hause Luxemburg.

Dr. Richard Němec

Dr. Richard Němec

Dr. István Feld

Dr. István Feld

Eine Reihe von Beispielen hierfür stellte Dr. Richard Němec (Bern) vor und machte dabei die diesen innewohnende Strategie der Sichtbarmachung königlicher bzw. fürstlicher Macht deutlich. Es führte dies zu der Diskussion darüber, was überhaupt unter dem – erst in der Neuzeit geprägten – Begriff der „Residenz“ zu verstehen sei, ob es hierbei mehr auf die tatsächlich ausgeübten landesherrlichen Funktionen oder auf die architektonische Vergegenwärtigung des Herrschers auch bei dessen Abwesenheit ankomme – eine Frage, die sich in gleicher Weise bei den im Anschluss von Dr. István Feld (Budapest) mit zahlreichen Beispielen vorgeführten Residenzen des Königreiches Ungarn, ebenfalls des 14. Jahrhunderts, stellte.

Prof. Dr. Gottfried Kerscher

Prof. Dr. Gottfried Kerscher

Hilfreich war in diesem Zusammenhang, dass Prof. Dr. Gottfried Kerscher (Trier) den Blick auf die wohl prominenteste spätmittelalterliche Herrscherresidenz Westeuropas lenkte, den Papstpalast von Avignon. Die dortige Erfindung des Appartements, also einer dem höfischen Zeremoniell korrespondierenden Raumfolge, die von größeren, einer gewissen Öffentlichkeit zugänglichen Räumen zu immer kleineren Gemächern mit zunehmend privatem Charakter führte, hat die europäische Palastarchitektur in Renaissance und Barock wesentlich geprägt. Das Appartement konnte bald als Kennzeichen des herrscherlichen Status seines Bewohners gelten.

Prof. Dr. Christofer Herrmann

Prof. Dr. Christofer Herrmann

Auf die Marienburg, den Sitz des Hochmeisters des Deutschen Ordens an der Nogat, der in hinsichtlich Größe und architektonischem Rang dem Papstpalast vergleichbar ist, bezogen sich die beiden letzten Referate der Tagung. Prof. Dr. Christofer Herrmann ergründete anhand von baulichen Befunden und schriftlicher Überlieferung die funktionale Struktur des dortigen Hochmeisterpalastes. Dieser diente nicht allein als Repräsentations- und Wohnort des Hochmeisters, sondern beherbergte ebenso den straff organisierten Verwaltungsapparat des Ordenslandes, wobei die einzelnen Geschosse des Gebäudes ihren jeweiligen Nutzern gemäß hierarchisch abgestuft und entsprechend unterschiedlich architektonisch gestaltet waren.

Dr. Kazimierz Pospieszny

Dr. Kazimierz Pospieszny

Dr. Kazimierz Poszpieszny wies anschließend auf Beziehungen von der Architektur dieses und anderer Teile der Marienburg zur westeuropäischen Palastarchitektur hin, etwa auf die Schlosskirche als ein der Sainte-Chapelle in Paris vergleichbares Gehäuse für einen exzeptionellen, das Selbstverständnis ihrer Erbauer versinnbildlichenden Reliquienschatz.

Elżbieta Jelińska

Elżbieta Jelińska und weitere Teilnehmer in Allenstein

Eine gemeinsame Besichtigung der Backstein-Ausstellung der Kulturstiftung unter den Dächern der Burg mit Erläuterungen durch Prof. Dr. Christofer Herrmann und Dr. Ernst Gierlich beendete die Tagung in Heilsberg, doch schloss sich eine Exkursion in das etwa 40 km entfernte Allenstein/ Olsztyn an. Durch dessen Ordensburg bzw. das darin befindliche Museum führte ebenso sachkundig wie engagiert dessen Direktorin Elżbieta Jelińska.

Ordensburg in Allenstein

Ordensburg in Allenstein

Die Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen organisiert seit 1990 in Deutschland und in Polen Fachtagungen, auf denen Kunsthistoriker und Bauforscher aus diesen und weiteren Ländern ihre Forschungsergebnisse vorstellen. Mit diesen Tagungen, ebenso wie mit der derzeit laufenden Backstein-Ausstellung, die unter Mitwirkung von nicht weniger als 25 Fachkollegen erstellt wurde, bietet sich die Möglichkeit zu ebenso enger wie unkomplizierter, da ideologisch und historisch unbelasteter Kooperation.

Schlosskirche der Marienburg

Schlosskirche der Marienburg

Es gilt, auf diese Weise verstärkt ins Bewusstsein zu heben, dass es sich bei dem östlichen Mitteleuropa um eine reiche und vielgestaltige, über lange Jahrhunderte in gegenseitigen Nehmen und Geben der hier lebenden Menschen gewachsene und große Gemeinsamkeiten aufweisende Kulturlandschaft handelt, eine Landschaft, die erst durch die willkürlichen nationalen Grenzen der Neuzeit zerschnitten wurde, Grenzen, die es im europäischen Geist zu überwinden gilt.