Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen
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Beim Gedenken die Leiden der Vertriebenen nicht vergessen

Die Frage der Deutschen im Osten sollte man nicht ad acta legen / Von Herbert Czaja

 

 

Im Jahr 1995 ist es geboten, sorgfältig, vertieft und gerecht der Vorgänge von 1945 und davor zu gedenken, mit dem Bemühen, unbewältigte Folgen aufzuarbeiten. Beim Neujahrsempfang des Bundespräsidenten mahnte der Nuntius Erzbischof Kada, die Geschichte den nächsten Generationen nicht als eine Geschichte der Lüge, sondern als die der Wahrheit anzubieten. Man solle dies mit der Bereitschaft tun, „nichts wegzulassen und nichts hinzuzufügen“.

Johannes Paul II. hat vor Kurzem beim Angelus gesagt, leider wären auch unsere Tage durch Gewalt gekennzeichnet, man sollte verhindern, dass man morgen „über andere Auschwitz von heute“ urteilen würde; es dürfte nicht „wieder Völkermord“ geben.

Die deutschen Bischöfe haben im Januar ein bedeutsames Wort zu Auschwitz veröffentlicht. Auf diese abgewogenen Worte folgten Passagen des „Zentralkomitees“ zur jahrhundertealten „Israelvergessenheit“ der Kirche. Dies hat sich jedoch mit dem Alten Testament, dem Gesetz und dem Judentum ständig befasst, freilich auch mit Fehlern im Urteil über das Judentum. Zu begrüßen ist in der Erklärung der Bischöfe die Forderung, das Verhältnis zu den Juden „im Geiste Jesu Christi“ zu gestalten, sündhaftem Antisemitismus und Rassismus zu widerstehen, sich dem Hass gegen die Judenschaft und die Juden zu widersetzen, aber auch die Erkenntnis zu vertiefen, wieviel in der Kirche aus Israel stammt und was mit Israels Erbe im Glauben, in der Ethik und in der Liturgie verbunden ist.

Ebenso wichtig ist auch die Feststellung, dass es „unter Katholiken vielfach Versagen und Schuld gegeben“ hat. Richtig ist, dass es sich unter nationalsozialistischer Diktatur in vielerlei Hinsicht um „präzedenzlose Verbrechen“ handelte und die Absicht auf Vernichtung, auf Völkermord gerichtet war.

Es kann in diesem Fall jedoch nicht unangebracht sein, auch einzelne Bedenken zu äußern. An mehreren Stellen der Erklärung kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass kollektivistisches Denken anklingt. „Sündige Kirche?“ Es geht doch um viele „Sünder in der Kirche“. Das Wesen der Kirche Jesu Christi kann nicht „sündig“ sein!

„Die polnischen Bischöfe haben – vielleicht polnische Erscheinungen des Antisemitismus etwas zurückhaltend behandelnd – von Auswirkungen in der Kirche gesprochen, aber sie nicht als „sündige Kirche“ beurteilt. Vieldeutig ist auch die Formulierung „Schuldgeschichte unseres Landes“. Die Schuld eines Landes, des Staates, eines Staatswesens? Ist die grausame Schuld der NS-Diktatur gleichzusetzen mit der „Schuld Deutschlands“? Kardinal Höffner hat in seinen Äußerungen von 1985 und 1989 die Kollektivschuld abgelehnt. Desgleichen dankenswerterweise Elie Wiesel.

 

Kollektivistisches Denken

Anklänge an Kollektivschuldbehauptungen haben in den evangelischen „Bielefelder Schulderklärungen“, zum Teil auch im „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ und im „Memorandum der Tübinger Acht“ bald nach dem Krieg eine Rolle gespielt. Das kollektivistische Denken, auch des Marxismus oder eines totalitären Nationalismus, Rassismus und der Organizismuslehre einiger Romantiker ist zu unterscheiden vom Bekenntnis und der Pflicht der Person für die Gemeinschaft. Kollektivistisches Denken ist in einem großen Maße unchristlich.

Formulierungen zum Kriegsende und zum Sturz der Diktatur sollten sich nach allen Seiten hin, ob es nun um Untaten von Deutschen oder auch Untaten an Deutschen geht, von Kollektivschuldbehauptungen fernhalten. Rückblickend steht der rassistische Judenhass in Deutschland im Vordergrund, aber es spielten auch andere Ursachen des Antisemitismus eine Rolle, wie sie die polnischen Bischöfe nannten, psychologische, politische, wirtschaftliche.

Auch darf man es sich heute in der Freiheit nicht zu leicht machen, auf die damals Verantwortlichen mit Fingern zu zeigen, das Fehlen „sichtbaren Protestes“ einzuklagen oder dies auf vereinzelte Initiativen beschränkt zu sehen. Bekanntlich haben solche „sichtbaren Prozesse“ unzählige Morde und die Konzentration der Verfolgung in Holland zur Folge gehabt! Es war damals mehr als schwierig zu entscheiden, wie und wo man „sichtbare Proteste“ erheben soll und darf. Das „Katholische Sonntagsblatt“ der Diözese Rottenburg bringt dazu eine Reihe treffender Aussagen von katholischen Jugendpfarrern aus der damaligen Zeit.

Selbst Kardinal von Galen, der sich gegen die schlafenden Wächter des Staates, in Anlehnung an den Propheten, „gegen die schlafenden Hunde“ gewandt hatte, die statt zu bellen träumend daliegen und zu schlummern lieben, warnte 1941 vor den brutalen Folgen mancher öffentlicher Aussagen.

Bei solchen Urteilen wäre es auch angezeigt, breiter auf mutiges Handeln in der Kirche zu verweisen und darauf, dass der Widerstand oft auch die Ablehnung des Rassismus und der Judenverfolgung einschloss. Es ist an der Zeit, dass man im ganzen katholischen Bereich, in den Medien und Erklärungen systematisch, präzise und umfassend auch den katholischen Widerstand behandelt, der über „Einzelinitiativen“ weit hinausgeht, selbst wenn er nicht das Auftreten der Mehrheit der Katholiken betrifft!

Das Auftreten gegen die Missachtung der Menschenwürde und der Menschenrechte zum Beispiel der Kardinäle Faulhaber, Preysing, von Galen, des Bischofs Sproll, des Paters Friedrich Muckermanns, des Paters Delp, des Paters Assmann, des Prälaten Ulitzka, das mutige Ringen vieler katholischer Jugendgruppen, die die Verfolgung und Prügel nicht scheuten, der Zeitungen „Michael“, „Der Deutsche Weg“ und des „Deutschen in Polen“, das Blutzeugnis vieler christlicher Gewerkschaften, Priester und Laien kann man nicht nur als Einzelinitiative werten. Dieser Widerstand, der oft auch der Verbundenheit mit den verfolgten Juden galt, wird hoffentlich bald – neben der bestehenden Fachliteratur – breiten Kreisen wieder zur Verfügung stehen. Trauerfeiern gab es außer in Plötzensee und Stuttgart wohl nur bei den christlichen Gewerkschaften. Man sollte auch jene kleinen Leute und Funktionäre nicht vergessen, die sich weigerten, der NSDAP sich zu beugen, arbeitslos waren und in Not lebten.

Viele Katholiken wissen heute nichts von dem Mut und der Lage, den Leiden der Priester, Laien und Jugendlichen vor fünfzig Jahren. Beispielhaft hat der Erzbischof von Freiburg und die Diözese Rottenburg des Staatspräsidenten Bolz und des Badeners Reinhold Frank gedacht. Macht man es sich nicht zu leicht, wenn man heute in starken Worten manchmal zu starke Vorwürfe erhebt, ohne über die gefährliche und umfassende Kontrolle und die Massenhysterie im Alltag des Dritten Reiches genau Bescheid zu wissen? Und vermissen nicht manche viel härtere, stetigere, engagierte Widersprüche gegen Gesetze von heute, gegen die Abtreibung und Tötung wehrloser Geschöpfe?

Zu wenig wurde auch hervorgehoben, dass viele dieser Märtyrer aus einem christlichen Staats- und Gemeinschaftsbewusstsein handelten, in Erfüllung der „sittlichen Pflicht zur Liebe zu Volk und Vaterland“, wie sie Kardinal Höffner, Johannes Paul II. und mehrere Bischöfe wiederholt angemahnt haben. In katholischen Gremien und Initiativen steht stattdessen mehr die populistische Zeitkritik im Vordergrund. Wenn es um katholische deutschland- und ostpolitische Aussagen geht, werden oft mehr Fremde als berechtigte deutsche Interessen vertreten, wobei sicherlich „die der menschlichen Gerechtigkeit gesetzten Grenzen beachtet“ werden müssen.

Die Aufzeichnungen von Alfred Delp in „Angesicht des Todes“, die er mit gefesselten Händen schrieb – mögen sie auch einzelne Formulierungen enthalten, die zu diskutieren wären – wurden bewusst breiten katholischen Kreisen verschwiegen. Vor allem seine Feststellungen – die auch von Moltke bestätigt werden – dass er deshalb zum Tode verurteilt wurde, weil Freisler und die ihm Befehle erteilenden Ideologien es als unerträglich ansahen, dass aus christlichem, katholischem oder gar jesuitischem Geist eine Erneuerung von Volk und Vaterland kommen könne.

In den letzten Jahren hat es wenig Verständnis für diese „sittliche Pflicht der Liebe zu Volk und Vaterland“ bei den die Laien repräsentierenden Verbänden, beim Zentralkomitee, dem ich früher auch angehörte, gegeben. Der evangelische emeritierte Landesbischof von Württemberg, Hans von Keler, hat ein hartes Urteil über zahlreiche Christen unserer Zeit gefällt, die kein normales Verhältnis zu Volk und Vaterland hätten. Die Untaten gegen Juden und andere Völker dürfen bei uns nicht verschwiegen und gegen Untaten an Deutschen aufgerechnet werden. Es scheint aber notwendig, dass 50 Jahre danach auch die Pflichten zur maßvollen aber mutigen Vertretung berechtigter Interessen des eigenen Volkes und Vaterlands – in Abgrenzung zu übersteigerndem Nationalismus und Hegemonialstreben – wieder beachtet und sorgfältig erörtert werden. Viele Wähler bleiben enttäuscht den Wahlen fern, ihr Anteil steigt auf ein Drittel der Wahlberechtigten.

Rechnet man die Stimmen für die Parteien der Mitte zusammen, so haben sie in zehn Jahren zusammengenommen zwölf Prozent an Stimmen eingebüßt. Immer mehr Wertkonservative, aber auch enttäuschte Vertriebene und Personen mit normalem Nationalbewusstsein gehen nicht zur Wahl. Das wird immer gefährlicher. Auf das Fehlen normalen Nationalgefühls geht auch das absurde und neidische Kesseltreiben gegen „Komm mit“ zurück. Über einzelne Formulierungen kann man streiten, allerdings muss man rechtlich, geschichtlich und literarisch ihren Kern hinterfragen. Aber im mutigen und wirksamen Bekenntnis des Glaubens vor der Jugend sind Kalender und Schriften vorbildlich.

 

Wenig Bedauern

Den gut besoldeten katholischen Jugendführern und manchen medienhungrigen Theologen wäre zu raten, dem Übermaß vergänglicher Schriften kritischer gegenüberzustehen. Nummern des „Michael“ oder der Schriften von Teusch gegen Rosenberg in Auseinandersetzung mit den damaligen Strömungen wären nachzulesen. Fehlt in der Jugendarbeit nicht auch der Mut gegen „Sturmscharen“? Man darf die Leiden, die Not und die Untaten gegen Deutsche 1995 nicht einfach „weglassen“. Gerade in Bezug auf dieses Grauen und diese Not muss man sich in abgewogener Weise zu allen Folgen des Unrechts bekennen.

Bei den bisherigen Stimmen ist das weit verbreitete Schweigen zu den Erlebnissen der deutschen Vertriebenen zu beklagen, ab und zu ersetzt durch wenige Sätze des Bedauerns. In den regionalen Zeitungen wird immerhin hier und da deutlich der Ereignisse vor fünfzig Jahren auch bei uns gedacht, auch in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ und in der „Welt“. Offensichtlich fragen doch auch Leser danach. Das „Gemeinsame Wort“ der tschechischen und deutschen Bischöfe nennt und urteilt das Unrecht auf beiden Seiten mit sehr vorsichtigen und allgemeinen Hinweisen. Immerhin werden auch die Rechte der Volksgruppen eingemahnt.

1971 hat mir in Rom Kardinal Samore, früher auch Staatssekretär beim Heiligen Stuhl, gesagt, die Kirche dürfe und werde niemals das Recht auf die Heimat preisgeben. In diesem Sinne hat sich Johannes Paul II. zugunsten aller Völker und Gruppen 1981, 1982, 1984 in fundierten Aussagen und öffentlich, unter anderem gegenüber dem Diplomatischen Corps, geäußert. Bei den Katholiken, die davon betroffen sind, müsste ein intensives Nachdenken über zumutbare und tragfähige Korrekturen einsetzen. Bei uns hört man im katholischen Bereich wenig davon. Der öffentliche Widerspruch gegen Chauvinismus ist gut und notwendig.

Viel zu wenige Aussagen gibt es gegen die stetige offizielle und inoffizielle Ausgrenzung landeskundiger moderater Vertriebenengruppen bei den Begegnungs- und Verständigungsversuchen mit Polen. Viel zu wenig Abwehr hörte man zu den Angriffen gegen Bischof Nossol. Man kann von Ost- und Sudetendeutschen keine Sonderopfer für Untaten vieler Deutscher stillschweigend beanspruchen oder sie moralisch fordern oder sie ganz einfach hinnehmen. Noch sind die Folgen der Massenvertreibung im Zuge einer europäischen Einigung und in konstruktiven Lösungen nicht gemeistert!

Im deutschen katholischen Bereich ist man wenig um zeitgemäße und konstruktive Formen der Verwirklichung des Rechtes auf die Heimat besorgt. Das Recht auf Selbstbestimmung ist eine zwingende Regel des Völkerrechts. Ist es bei uns jetzt nach umstrittenen Teillösungen darum nicht sehr still geworden? Dies schadet allen Beteiligten und Europa. Nur bei wenigen Pontifikalämtern von nur wenigen Bischöfen wird auch das im Konkordat verankerte Gebet für unser Volk gesprochen. Die Nuntien halten sich daran. Die geistige und geistliche sowie materielle Sorge um mehrere Millionen Deutscher östlich des Geltungsbereichs des Grundgesetzes beschränkt sich auf Fachgruppen.

Der evangelische Landesbischof von Keler hat bei einem Schlussbericht in sachlicher und bitterer Weise Klage darüber erhoben, dass das Vertriebenenproblem – er nennt es ein Jahrtausend-Problem – als erledigt gilt. Es gehört aber doch auch zu den fortdauernden Kriegsfolgen, dass jährlich eine Viertel Million deutscher Aussiedler aufgenommen werden muss. Wie steht es um die Neu-Evangelisierung der Russlanddeutschen?

Es bleibt zu hoffen, dass auch zum 8. Mai für die Deutschen und ihre konstruktiven Zukunftsaufgaben Worte „mit Signalwirkung“ seitens der Bischöfe und der Laienvertretungen erfolgen. Es genügt nicht, nur auf die Zahl der Opfer und die Beteiligung der Vertriebenen am materiellen Wiederaufbau hinzuweisen. Gerade die Christen müssten einen intensiven konstruktiven Dialog über die Bewältigung bestehender Folgen der Massenvertreibung unter Wahrung berechtigter deutscher Interessen, ebenso aber auch in Achtung der Würde und Sicherheit des Nachbarn, insgesamt zur Überwindung der posttotalitären Destabilisierung in einem europäischen Staatenverband einleiten und vertiefen. Die Freiheit ist uns auch dazu gegeben, dass wir zu möglichen konstruktiven Kompromissen und so zu der Lösung gravierenden Unrechts gelangen. Versuche, Korrekturen geschichtlichen Inhalts den Nachbarn nahezubringen, werden verdrängt. Für solche Versuche aber haftet das gesamte Staatsvolk. Das starre Festhalten an einseitig aufoktroyierten Lösungen ist für alle Beteiligten gefährlich.

1995 darf nicht mit dem notwendigen Hinweis auf die grausamen physischen und seelischen Leiden enden, man muss Anstöße zur Überwindung fortbestehender Gegensätze, schwerer Ungerechtigkeiten sowie gefährlicher Destabilisierung geben. Aus der Mitte der CDU/CSU-Fraktion wurde die Bundesregierung aufgefordert, an die Vertreibung von 15 Millionen Deutschen – nach anderen Zahlen waren es über 17 Millionen – nachhaltig zu erinnern. Das Erinnern alleine genügt nicht; ein geduldiger und zäher Dialog zur Lösung der unbewältigten Probleme ist ebenso nötig, da selbst Churchill, der kein Deutschen-Freund war, in seinem Alterswerk Lösungen auch zugunsten der Ost- und Sudetendeutschen angemahnt hat.

Es ist wohl davon auszugehen, dass eine Revision „alles dessen“, was geschah, „kaum möglich“ ist. Aber eine Teilkorrektur wäre im Rahmen des Sicherheitsdefizits, der notwendigen Abwehr der Destabilisierung und wegen einer sich im Westen ausdehnenden Dauerarbeitslosigkeit sowie wegen der genannten geistig-kulturellen „Verarmung“ schon nötig! Dies war in einer Aussprache am 11. Mai 1984, ausdrücklich bezogen auf alle Völker, die Meinung Johannes Pauls II: „Umsiedlung allein kann niemals (!) die endgültige Antwort auf das Leid dieser Menschen sein. Sie haben ein Recht darauf, zu ihren Wurzeln zurückzukehren, heimzukehren in ihr Geburtsland mit seiner nationalen Souveränität, seinem Recht auf Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.“

 

Kulturelle Grundlagen

Der Papst verweist auch auf das Recht, die eigenen kulturellen Grundlagen zu behalten. Muss sich die bei uns leider um sich greifende Distanz zu Rom auch auf diese Aussage beziehen? Darauf zu achten, ist bestimmt für die tschechischen Bischöfe eine ganz große Last. Kann man ihr aber auf dem Wege zu echter Befriedigung auf Dauer ausweichen? Freilich wird nach allem, was einst geschehen ist, nur ein bescheidener Kompromiss wohl dazu möglich sein. Aber warum redet man nicht davon?

Müsste man sich nicht gerade im kirchlichen Bereich daran erinnern, dass erst nach siebzig Jahren babylonischer Gefangenschaft schrittweise die Rückkehr nach Jerusalem und die große Entfaltung Jerusalems einsetzte? Sicherlich gehört das in den Bereich der Heilsgeschichte, aber sie reicht hinein auch in die Profangeschichte. Das „Wort“ erinnert an den neuen Heiligen dreier Völker, Johannes Sarkander. Er und seine Getreuen wurden um ihres Glaubens willen aus ihren Pfarreien vertrieben, aber die Geschichte hat das korrigiert. Überzeugte Christen sollten vor dem Hintergrund fortbestehender gefährlicher Folgen der Massenvertreibung die Hände nicht in den Schoß legen, sondern um einen besseren glaubenswürdigen Kompromiss bemüht sein.

Man ist sich auch in christlichen Kreisen zu wenig dessen bewusst, dass die leichtfertige Preisgabe von Gebieten, ohne einen bescheidenen Kompromiss zu wollen, allen Beteiligten schadet. Die Zuweisung eines unmoralischen Sonderopfers an die Vertriebenen für Untaten, die von vielen im Volk begangen wurden, und für die militärische Niederlage, ist unzulässig. In diesem Denken und Handeln sollte 1995 eine Umkehr mit Zukunftsperspektiven versucht werden. Sich gegen die Ursachen von Kimaveränderungen zu wenden, ist wichtig, aber ebenso bedeutsam sind eine zeitgemäße Volksgruppen-Ethik und Perspektiven für enges Zusammenwirken. Schulter an Schulter, von zwangsweise getrennten Volksgruppen und Völkern.

(Aus: Deutsche Tagespost, 25.04.1995)