Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Adler, Guido

Musikwissenschaftler

* 1855, 01.11.
Eibenschitz/Mähren

† 1941, 15.02.
Wien

Die Anfänge musikhistorischer Forschung reichen in Österreich in die Zeit um etwa 1800 zurück, und Männer wie Raphael Georg Kiesewetter, Ludwig Ritter von Köchel und August Wilhelm Ambros haben neben anderen auf diesem Gebiet Hervorragendes geleistet. Die Begründung der Musikwissenschaft als akademische Disziplin, ihre methodische und organisatorische Grundlegung, die Schaffung wichtiger Institutionen, die Ausbildung einer „Wiener Schule“ des Faches ist einem Mann zu verdanken, der alle diese Ziele offensichtlich schon von Jugend an klar vor Augen hatte und sein Leben lang über Rückschläge und Erfolge hinweg immer verfolgte: Guido Adler.

„Deutsche und Tschechen lebten damals friedlich neben- und miteinander“,  als Adler in der mährischen Kleinstadt Eibenschitz geboren wurde. Völkerverbindung, Freundschaft über Grenzen, ja über Krieg waren für Adler, nach eigenem Bekenntnis „stolz, sudetendeutscher Abkunft zu sein“ und sein Judentum nie verleugnend, selbstverständliche Lebenshaltung. Er war das jüngste Kind des Arztes im Adler, der bereits ein Jahr nach Guidos Geburt starb. Die Witwe zog mit ihren sechs Kindern nach Iglau, 1864 nach Wien. Hier besuchte Adler das Akademische Gymnasium, daneben seit 1868 das Wiener Konservatorium, wo unter anderem Anton Bruckner und Otto Dessoff seine Lehrer waren. Nach der Reifeprüfung studierte er auf Wunsch der Mutter Jus, arbeitete auch kurzzeitig beim Wiener Handelsgericht, brach diese Tätigkeit jedoch ab, um sich der Musik zu widmen (seinen Lebensunterhalt verdiente er durch Stundengeben). Neben starkem Engagement in der Wagner-Bewegung (er gehörte zu den Gründern des Wiener Akademischen Wagnervereins und war mehrere Male bei Wagner in Bayreuth) widmete er sich vor allem musikhistorischen Studien. Diese vollzogen sich im wesentlichen auf autodaktischem Weg, während ihm die akademische Lehrtätigkeit Eduard Hanslicks, bei dem er nach nur drei inskribierten Semestern 1880 promovierte, kaum ernsthafte Anregung oder Stütze bieten konnte. Als seine Vorbilder im Fach nennt Adler Otto Jahn, Philipp Spitta, August Wilhelm Ambros und Friedrich Chrysander, wobei der letztere, der ihn auch förderte, den stärksten Einfluß ausgeübt haben dürfte. Daneben verdankte er aber auch Vertretern anderer Disziplinen bestimmende Eindrücke. Adler selbst nennt seine Universitätslehrer für römisches Recht und österreichisches Privatrecht, Adolf Exner und Josef Unger. Während seines Zweitstudiums bei Hanslick hörte er außer bei diesem nur noch bei zwei weiteren Lehrern, den Philosophen Franz Brentano und Alexius von Meinong; mit dem letzteren blieb er, wie auch mit anderen Philosophen – Friedrich Jodl, Christian von Ehrenfels – in freundschaftlicher Verbindung. Von Adler selbst merkwürdigerweise nirgends erwähnt (vielleicht auf spätere latente Rivalität innerhalb der Fakultät zurückzuführen), aber evidentermaßen prägend war die Vorbildstellung der Kunstgeschichte, namentlich ihres Wiener Pioniers Rudolf von Eitelberger (etwa in der zentralen Bedeutung des „Stil“-Begriffes).

Adler bediente sich, sicherlich unter starker Anregung Chrysanders, zur Bezeichnung des von ihm vertretenen Faches schon vom Anfang an dezidiert und programmatisch des Ausdruckes „Musikwissenschaft“, für die er auch 1882 mit Erfolg um die venia legendi einkam. Er hob sich damit, wohl ganz bewußt, von der „Geschichte und Ästhetik der Tonkunst“ ab, welcher der Universitätslehrstuhl Hanslicks gewidmet war. Hanslick stand den Ideen seines Schülers offensichtlich fremd gegenüber, hat ihn aber in allen seinen Bestrebungen ¦gefördert. Die Berufung als Extraordinarius nach Prag im Jahre 1885, an der dortigen Fakultät von Carl Stumpf und Ernst Mach betrieben, sollte letztlich die Übernahme der Nachfolge Hanslicks in Wien vorbereiten. Es kostete jedoch einen vierjährigen, gelegentlich sogar aussichtslos scheinenden Kampf (in den unter anderem Johannes Brahm für einen der Konkurrenten Adlers, Eusebius Mandyczewski, einzugreifen versuchte), ehe Adler 1898 den Wiener Lehrstuhl übernehmen konnte und noch im selben Jahr das heutige Institut für Musikwissenschaft begründete.

Zu diesem Zeitpunkt hatte Adler bereits entscheidende Taten für die Etablierung der Musikwissenschaft als mit den anderen Fächern gleichberechtigter akademischer und Forschungsdisziplin getan. Im Jahr seiner Berufung nach Prag, 1885, gründete er zusammen mit Chrysander und Spitta – als Dreißigjähriger der jüngste von ihnen – die Vierteljahresschrift für Musikwissenschaft, das erste eigentliche wissenschaftliche Organ des Faches. Der Beitrag, mit welchem er die erste Nummer eröffnete, Umfang, Methode und Ziel der Musikwissenschaft, war eine epochemachende Leistung, die einen Meilenstein in der Entwicklung der Disziplin darstellt und bis heute Gegenstand von Erörterungen zu deren Systematik und Methodik ist. Seit 1888 bemühte sich Adler, im Anschluß an die „Monumenta“-Unternehmungen anderer Fächer, um die Gründung derartiger, „Denkmäler“ auch für die Musik, anfangs für den Gesamtbereich der europäischen Musik gedacht, mündeten diese Bestrebungen schließlich 1893 in die Denkmäler der Tonkunst in Österreich, die seit dem ersten Band 1894 bis heute ununterbrochen erscheinen. Wichtig für dieses Unternehmen wie auch für Adlers Stellung war seine Betreuung mit der Abteilung für Deutschland und Österreich-Ungarn bei der von Fürstin Pauline Metternich initiierten Internationalen Ausstellung für Musik- und Theaterwesen in Wien 1892. Adler, der dabei über staatliche Mittel verfügen konnte, benützte diese repräsentative Gelegenheit zu einer über den Gesamtbereich der Monarchie ausgreifenden Bestandsaufnahme der Musiküberlieferung; die damals angelegten Kataloge befinden sich noch heute im Besitz der Gesellschaft zur Herausgabe von Denkmälern der Tonkunst in Österreich. Schließlich fiel in diese Zeit auch noch der Ankauf der berühmten, 1885 von Franz Xaver Haberl entdeckten Codices, der damals wichtigsten bekannten Quelle zur Musik des 15. Jahrhunderts, durch das österreichische Ministerium für Kultus und Unterricht. Adler hat der Erschließung und Erforschung dieser hochbedeutenden Handschriften innerhalb der Denkmäler (in deren Rahmen sechs Auswahlbände erschienen) und des Seminars größte Aufmerksamkeit gewidmet; die Arbeiten konnten auch – wieder ein Zeichen für Adlers Urbanität und internationales Ansehen – fortgesetzt werden, als die Codices nach dem ersten Weltkrieg an Italien ausgefolgt mußten. Ein weiteres bedeutendes wissenschaftliches Unternehmen, das Corpus scriptorum de musica medii aevi, an dem Adler maßgeblich beteiligt war, kam infolge des ersten Weltkrieges zum Stillstand.

Den Leistungen Adlers auf organisatorischem und wissenschaftlichem Gebiet, seinem internationalen Ansehen, seinen Erfolgen als Lehrer steht in seltsamem Mißverhältnis seine schwache Stellung Universität bzw. überhaupt im akademischen Leben gegenüber, wie sich dies auch schon in den Vorgängen um seine Berufung nach Wien angekündigt hatte. Adler hat nie ein akademisches Ehrenamt bekleidet und wurde auch nicht Mitglied der Akademie der Wissenschaften, wiewohl diese verschiedene seiner Unternehmungen unterstützte. Offensichtlich hat er es nicht verstanden, sich den schwierigen Usancen in Wien anzupassen, scheint auch gelegentlich provokant gewirkt zu haben, was natürlich den ohnehin starken antisemitischen Effekt verstärkte. So stand er auch auf verlorenem Posten, als nach seiner Emeritierung 1927 Robert Lach, mit dem er nach anfänglich guten Beziehungen fachlich und persönlich in einem äußerst gespannten Verhältnis stand, entgegen allen Vorstellungen Adlers zu dessen Nachfolger ernannt wurde – in eben dem Jahr, als Adler beim Wiener Beethoven-Kongreß, der durch die Mitwirkung hervorragender Persönlichkeiten wie Pietro Mascagni, Edouard Herriot und Romain Rolland ausgezeichnet war, im Mittelpunkt der musikalischen Weltöffentlichkeit gestanden war.

In seinem System der Musikwissenschaft hat Adler versucht, den Gesamtbereich des Musikalischen zu erfassen, das heißt — damals keineswegs selbstverständlich – unter Einschluß der systematischen und musikethnologischen Fächer. Allerdings war diese Einbeziehung dich doch eher äußerlich, mehr dem Streben nach Vollständigkeit zuzuschreiben. Ein überzeugendes Konzept hatte Adler, wenigstens in der effektiven wissenschaftlichen Anwendung, nur für die abendländische Musik. Hier war es seine Leitidee, den Ablauf der Musikgeschichte als eine Aufeinanderfolge von Stilepochen zu verstehen. Zur Erkenntnis eines Stiles führt die analytische Untersuchung der Kunstwerke jedes Stilbereiches (solche können nicht nur von der jeweiligen Periode, sondern zusätzlich durch andere Kriterien, etwa nationale oder soziale, bestimmt sein). Das Werk steht daher im Mittelpunkt der wissenschaftlichen Arbeit, wie dies in dem pädagogischen Schlagwort der Adlerschule „Die Quellen zum Werk – Das Werk als Quelle“ zum Ausdruck kommt. Alle Einzelmethoden – biographische, philologische, Quellenforschung etc. – sind nur insofern von Belang, als sie der Untersuchung des Werkes dienen, die Erkenntnis des Werkes aber dient der Erkenntnis des jeweiligen Stiles; die Abfolge, das Ineinandergreifen der Stile bestimmt den Gang der Musikgeschichte. Neben zahlreichen Aufsätzen hat Adler seine Grundsätze in den Büchern Der Stil in der Musik (1911,1929), Methode der Musikgeschichte (1919) und dem von ihm herausgegebenen Handbuch der Musikgeschichte (1924, 1930) niedergelegt.

Die letzten Lebensjahre Adlers waren vor allem der Weiterarbeit an den Denkmälern gewidmet. Die weltweite Anerkennung für den Wegbereiter der Disziplin kam auch in der Wahl zum Ehrenpräsidenten der von ihm mitbegründeten Internationalen Gesellschaft für Musikwissenschaft (1927) zum Ausdruck. Dieses Ansehen bewahrte ihn nach der nationalsozialistischen Machtergreifung auch vor dem Schicksal der Deportierung, die unter Hinweis auf die Bedeutung und den Ruhm Adlers durch Interventionen bei den maßgeblichen Stellen verhindert werden konnte. Adler konnte in seiner Wiener Villa, wenn auch dort konfiniert, verbleiben und ist hier mitten im Zweiten Weltkrieg verstorben. Seine Tochter Melanie, die bei ihm geblieben war, kam in Theresienstadt um. Der Sohn Hubert Joachim, der längst vor dem Anschluß nach Amerika ausgewandert war, konnte nach dem Krieg den Nachlaß des Vaters übernehmen; dieser ist heute als eigener Bestand in der Georgia University, Poughkeepsie/USA erhalten.

Lit.: Guido Adler: Wollen und Wirken. Aus dem Leben eines Musikhistorikers. Wien 1935. – Volker Kalisch: Entwurf einer Wissenschaft von der Musik: Guido Adler. Baden-Baden 1988 (dort weitere Literatur S. 352 ff. und Schriftenverzeichnis Adlers S. 327 ff); Georg Beck: Der Welt abhanden gekommen – Erinnerungen an Guido Adler (1855-1941); in: „Zwischenwelt. Zeitschrift für Kultur des Exils und des Widerstands“, 24. Jg. Nr. 1/2; Wien, Oktober 2007, S. 46-50

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Guido_Adler_%28Musikwissenschaftler%29

Bild: Bildarchiv Verlag Bärenreiter Kassel.

Theophil Antonicek

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.