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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Albert, Michael

Schriftsteller

* 1836, 21.10.
Trappold, Schäßburg/Siebenbürgen

† 1893, 21.04.
Schäßburg

Nachkomme eines siebenbürgisch-sächsischen Bauerngeschlechts, 1847-1857 Gymnasium in Schäßburg, 1857-1860 Studium der Theologie und Germanistik in Jena, Berlin und Wien, 1860-1861 Gymnasiallehrer in Bistritz (rum. Bistrita), ab 1861 Gymnasiallehrer in Schäßburg, 1863 Heirat mit Friederike Müller, Schwester des späteren Sachsenbischofs Friedrich Müller. In A. Mannesalter fiel die Teilung des habsburgischen Reiches in eine österreichisch und eine ungarisch beherrschte Hälfte, der sogenannte Ausgleich, der Siebenbürgen den Wechsel von der Herrschaft Wiens unter die Herrschaft Budapests brachte. Der sogenannte„Königsboden“, das Hoheitsgebiet der Siebenbürger Sachsen, das von ihnen in eigener Regie verwaltet worden war, wurde über ihre Köpfe hinweg aufgelöst und der ungarischen Verwaltung unterstellt, die nichtungarische Bevölkerung einer großangelegten Magyarisierungskampagne unterworfen. Auch konnte das Sachsentum der rasanten industriellen Entwicklung im Herzen Europas nicht folgen und geriet wirtschaftlich ins Hintertreffen. Im Verein mit den politischen Kräften lehnten sich auch die sächsischen Intellektuellen gegen die rücksichtslose Entnationalisierungspolitik der regierenden ungarischen Kreise auf und bemühten sich darum, ihrem kleinen Volk das Rückgrat zu stärken, endeten aber meistens darin, es mehr oder weniger platt zu glorifizieren.

Nur A. bewahrte sich eine gewisse Distanz zur Geschichte und zum Charakter der Minderheit, aus der er hervorgegangen war, und schuf auf den Gebieten der Lyrik, Novellistik und Dramatik, auf denen er sich nach dem Vorbild der Weimarer Klassik betätigte, dauerhaftere Werke als seine sächsischen Zeitgenossen.

In dem Versuch, den Verlust der Autonomie geistig zu bewältigen, wurzeln Gedichte wie „Die Privilegien“, eine schonungslos kritische Betrachtung über den praktischen Wert verstaubter Vorrechte, „Der Birnbaum“, der „allein im Feldesraum“ steht, Sinnbild des isolierten, allen Stürmen ausgesetzten Volkssplitters, „Vom Tage“, dessen Wortlaut: „Deiner Sprache, deiner Sitte, / Deinen Toten bleibe treu!“ usw. auch in Deutschland bekanntgeworden ist. Volkstümlicher sind aber „Bauernstube“, „Erntezeit auf dem Lande“ und ähnliche Gedichte geworden, in denen die idyllische Seite des siebenbürgisch-sächsischen Dorflebens eine einmalige Prägung erfahren hat, sowie „Die Bergglocke“, „Die Mutter schläft“ und zwei, drei Titel aus dem Zyklus „Totenkranz“, wo A. ergreifende Worte zu Tod und Totenehrung fand.

Wie sehr die Gegenwart den Dichter in ihren Bann gezogen hat, zeigt sich am deutlichsten in seinen Novellen, die beide Aspekte des krisenhaften Zustandes verzeichnen, in den das Sachsentum geraten war. In „Die Kandidaten“ und „Auf dem Königsboden“ bestimmt mehr die politische Misere das Geschehen, in „Die Dorfschule“ und „Das Haus eines Bürgers“ hingegen mehr die wirtschaftliche und das Ringen um Fortschritt. Attraktiver sind aber die beiden historischen Novellen „Eise“ und „Herr Lukas Seiler“. A. hat ihre Handlungen in den Mongolensturm von 1241 bzw. indie Herrschaftszeit Gabriel Báthoris (1608-1613) verlegt, der den Sachsen an den Kragen wollte. Ihr Inhalt ist aber mehr auf innersächsische Probleme gerichtet als auf die Auseinandersetzung mit dem äußeren Feind. Die Novelle „Die Literaten“ bildet insoweit einen Sonderfall, als sie äußerlich nichts mit den Siebenbürger Sachsen zu tun hat, sondern in einer binnendeutschen Stadt spielt.

Ganz der Historie gewidmet sind A. dramatische Werke. Von den zahlreichen Entwürfen hat er nur drei zu Ende geführt. In „Die Flandrer am Alt“ gestaltet er die Einwanderung der Sachsen nach Siebenbürgen und ihr Zusammentreffen mit der fremden Natur und den Kumanen, die seit längerem dort ansässig waren. (Die Chroniken berichten, daß unter den Siedlern auch „flandrenses“, also Flanderer gewesen seien, daher der Titel.) Dieses Schauspiel wurde in Siebenbürgen immer wieder aufgeführt und verschaffte A. den Ruf eines Nationalautors der Siebenbürger Sachsen. Sachs von Harteneck, die Hauptgestalt des Trauerspiels „Harteneck“, von 1697 bis zu seiner Hinrichtung im Jahre 1703 Sachsengraf, also höchster Beamter seines kleinen Volkes, ist die Symbolfigur des Abwehrkampfes geworden, den die deutschen Siedler gegen den ungarischen Adel geführt haben. Am „Ulrich von Hutten“ arbeitete A. fast sein ganzes Leben lang, auf dieses Drama setzte er seine Hoffnung, im gesamten deutschen Sprachraum anerkannt zu werden, doch der Durchbruch gelang ihm nicht, auch der „Hutten“ konnte sich keine der deutschen Bühnen erobern.

A. Schaffen beschränkte sich aber nicht auf die klassischen Genres, er hat auch inden publizistischen Sparten des literaturkritischen Aufsatzes und der Rezension Beachtenswertes hinterlassen, sein ästhetischer Horizont ist aber verengt, er verdammt den progressiven naturalistischen Realismus, der sich in ganz Europa durchsetzte, und gebärdet sich als Feind Ibsens, Zolas und Tolstois. Mehr Lob hat er sich durch die Übersetzung weiter Teile des Versepos „Ruinae Pannonicae“ von Christian Schesäus verdient, dem größten dichterischen Talent unter den siebenbürgisch-sächsischen und ungarländischen Humanisten.

Werke: Novellen: Herr Lukas Seiler, 1861; Die Dorfschule, 1866; Das Haus eines Bürgers, 1868; Die Kandidaten, 1872; Traugott, 1874; Die Literaten, 1877; Auf dem Königsboden, 1880; Eise, 1887; Die Gewerbegenossen, 1889; Dramen:Die Flandrer am Alt, 1883; Harteneck, 1886; Ulrich von Hütten, 1893; Ausgaben: Die Flandrer am Alt, Hist. Schauspiel in 5 Akten, Leipzig u. Hermannstadt 1883; Harteneck, Trauerspiel in 5 Akten, Wien u. Hermannstadt 1886; Altes und Neues, Gesammelte siebenbürgisch-sächsische Erzählungen, Wien u. Hermannstadt 1890; Ulrich von Hutten, Hist. Drama in 5 Akten, Hermannstadt 1893; Gedichte, Hermannstadt 1893 (Ausg. letzter Hand); Der Schneideraufruhr in Hermannstadt (Prosaanthologie), Bukarest 1956; Ausgewählte Schriften, Bukarest 1966.

Lit.: Adolf Schullerus, Michael Albert, Sein Leben und Dichten, Hermannstadt 1898; Neue Deutsche Biographie 1 (1953), S. 139-140, https://www.deutsche-biographie.de/sfz289.html; Dieter Schlesak, Auseinandersetzung mit einer Lebensform (Einleitung Ausgew. Schriften, Bukarest 1966); Die Literatur der Siebenbürger Sachsen in den Jahren 1849-1918. Reihe: Beiträge zur Geschichte der rumäniendeutschen Dichtung, Bukarest 1979.

Abb.: Siebenbürgische Zeitung, 15. Mai 2013

Michael Bürger

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