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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Alker, Eckard

Grafiker und Maler

* 1936, 21.02.
Ratibor/Oberschlesien


Am 21. Februar 1936 wurde Eckard Alker in der oberschlesischen Oderstadt Ratibor geboren. Aber bereits dreieinhalb Jahre später wurde der Zweite Weltkrieg entfesselt. Um ein Jahr jünger war Andreas Gryphius, als der Beginn des Dreißigjährigen Krieges 1618 geschichtsnotorisch wurde. Beide sind Söhne der Oder, aber ein gewichtiger Unterschied bezüglich der Lebensdaten ist anzuführen. Andreas Gryphius erlebte die entscheidenden Jahrzehnte seines Lebens in der Heimat, in Glogau, während Eckard Alker als Flüchtling und Vertriebener seine Heimatstadt Ratibor verlassen mußte. Der Erstgenannte wurde in der Heimat Jurist und Dichter, der andere mußte in der Fremde, fern von der Heimat einen Beruf erst erlernen und ergreifen und sich als Grafiker und Maler einen Namen machen.

In einer Lebensbeschreibung lesen wir: „Eckard Alker gehört zu jener Generation, der ihre alte Heimat nur eine Kindheitserinnerung ist. Er denkt an seine ersten Schuljahre daheim, an kalte Winter, an Schneelandschaften“. Der Weg auf der Flucht vor der Roten Armee der Sowjetunion führte ihn zusammen mit seinem älteren Bruder zuerst nach Bautzen und dann nach Altenburg in Thüringen. Schließlich wurde das Rheinland zur neuen Bleibe. Seit vielen Jahrzehnten ist Bergisch Gladbach im Bergischen Land sein Zuhause.

Nach Besuch der Volksschule in Bergisch Gladbach erlernte er das Handwerk eines Malers und arbeitete drei Jahre als Malergeselle, aber als Abendschüler besuchte er seit 1955/56 in Köln die Werkschulen. Das Vollstudium wurde 1961 abgeschlossen. Die erste berufliche Station hieß jetzt Römisch-Germanisches Museum in Köln, wo er als Zeichner tätig war. Danach, mit gerade 25 Jahren, verdiente er seinen Lebensunterhalt als „freischaffender Maler und Grafiker“. Mit Werbegrafik habe er gutes Geld verdient, aber die Individualität der eigenen Handschrift, des eigenen Stils, ihn suchend und findend, obsiegten. Einige Auftragsarbeiten, bevorder junge Eckard Alker als Grafiker und Maler sein Ich als Künstler beweisen und vollenden konnte und wollte, seien angeführt: Wandbild für eine Autobahngaststätte, Wandbilder für Kapellen, malerische Gestaltung einer langen Lärmschutzwand der Stadtautobahn in Essen. Vorausgreifend sei für den Lebensweg von Eckard Alker verzeichnet, daß er von 1979 bis 1982 einen Lehrauftrag an der Kölner Fachhochschule für Kunst und Design wahrnahm. Auch daß er früh, 1981, mit dem Förderpreis des kurz zuvor gestifteten Kulturpreises Schlesien des Landes Niedersachsen ausgezeichnet wurde.

„Die irreale Welt der Träume“, „Alkers realistisch geträumte Welt“, so heißen Aufsätze, die über Eckard Alker und sein künstlerisches Werk geschrieben wurden. Das ist jedoch eher ein durchaus zu verstehendes Bemühen, die Welt des Grafikers und Malers verständlich machen zu wollen. Es ist eine eigene Welt, die Alker geschaffen hat, eigentlich eine Nicht-Welt, in der Geschöpfe der subjektiven Imagination ihren Platz erhalten, dingliche Objekte wie aufgetürmte Quadersteine und eine Pflanzenwelt, die alles andere als getreue Abbildung unserer Umwelt sind, sondern lediglich zu erinnernde Ähnlichkeiten besitzen. Diese neue Welt der eigenen Erfindung ist einer gesetzten Ordnung unterworfen. Man könnte jeweils von einem ausgeklügelten, architektonischen System reden, dem alles zugeordnet wird.

Im Katalog zu einer Ausstellung „Neue Arbeiten im Atelier Bensberg“, 1982, beginnt eine Selbstinterpretation mit dem Stilleben als Thema künstlerischen Ausdrucks. Das sind „Bilder mit regungslosen Gegenständen“. Und diese Sätze lesen sich wie ein Kommentar zum eigenen Schaffen: „Das Repertoire des Stillebens stellt klar, daß jedes Ding Selbstdarstellung, aber auch Typologie des Lebens in seinen Gegenständen sein kann. Die Bestätigung von Dingen, ihr Bedeutungswandel in anderer Umgebung ist so stark, daß sie selbst andere Empfindungen auslösen. Sie werden deutlich, aber nicht eindeutig. Mit Eifer habe ich versucht, stillebenartige Kompositionen in ihrem Zusammen- und Gegeneinanderwirken der Form und des Inhalts zu erarbeiten“. Anschließend zitiert Alker über das Stilleben als eine große, traditionsbeladene Spezies der Kunst“: „Im Stilleben wird die Konstruktion zum Prinzip erhoben und macht das Wesen des Genre aus“.

Die Welt des Surrealisten Eckard Alker zeichnet sich durch diese Ordnung und vor allem durch die großartige Beherrschung des Zeichenstiftes aus. Bisweilen drängt sich sogar der Eindruck auf, daß eine Verliebtheit in die eigene zeichnerische Kunst die vielen an sich unwirklichen Pflanzen und Objekten die Phantasie, sich auch wiederholend beflügelte, ohne daß gleich von l’art pour l’art oder Manierismus gesprochen werden dürfte.

Das vordergründig Erscheinende, die eigene Welt, zunächst ohne Vegetation und das Dingliche, wenn auch immer individualistisch bestimmt, ist sinnbildlich gemeint und zu verstehen, man denke nur an Titel: „Windstille“, „Erinnerungen beim Betrachten eines Gartens“, „Der Garten des Minos“. „Das heißt auch, meine Bilder sind keine fertigen Bilder. Ich lade den Betrachter ein, in den Bildern zu lesen, dem Maler und Zeichner zuzustimmen oder selbst zu einer Aussage bereit zu sein, zu einer Aussage, die durch das Bild provoziert worden ist. Gelegentlich war von den Bildern als Bilderrätseln zu lesen, Unaufgelöstes nun selbst aufzulösen.“

Die zwei Mappen mit Grafiken 1973 und 1979 tragen die Titel „Landschafts Ereignisse“ und „Labyrinthische Blätter“ – programmatische Titel. „Ein neues großes Vergnügen“ nennt sich eine Tuschezeichnung aus dem Jahre 1967. Um das Bild zu beschreiben, fällt dem Betrachter vordergründig ein großes Auge auf, aber dann gibt es Angedeutetes, als Netz lesbar, und einen aus dem Bild austretenden Strahl. Nun kann nach einem unmittelbaren Zurkenntnisnehmen die Bildunterschrift „Ein neues großes Vergnügen“ mit dem Dargestellten in Beziehung gesetzt werden, aber das ist dann nur der erste Eindruck. Das Lesen im Bild setzt der Betrachter auf seine subjektive Weise fort, Ergebnis offen. Der Titel „Landschafts Ereignisse“ in dieser Gespreiztheit ist ernst gemeint und die Antwort auf das Eigenschöpferische, das heißt etwas zu sehen, was man in diesem Zusammenhängen nie gesehen hat. Aber trotzdem nicht die Neigung zum Abstrakten, sondern das Angebot einer neuen Realität als erdachte, erfundene, durch das Bild geschaffene Wirklichkeit.

Zu den „Labyrinthischen Blättern“ wird Aristoteles zitiert: „Der Mensch, wie alle Lebewesen, ist in der Welt, in der Natur gemäß seiner eigenen Phantasie“; und den Begriff des Labyrinths interpretiert Alker so: „Ein Ort, der dem Menschen die Illusion des geradlinigen Forschritts nimmt. Die Gewißheit der Bewegungsrichtung, das ‚Vorwärts‘ und das ‚Rückwärts‘ verlieren ihre Eindeutigkeit“. Alker gliedert in dieser Mappe sein Werk in „Architekturstücke“ und „Phantasiestücke“. „Architekturstücke, die das Verhältnis der Dinge zueinander in Frage stellen, Phantasiestücke, welche deutlich machen, daß unsere Vorstellung von der Landschaft in der Landschaft nicht existiert. Die Arbeiten verweisen nicht wie ein Zeichen auf Bedeutung (Illustration), sondern ihre Darstellung ist ihr Sein“.

Als 1991, Eckard Alker war gerade 55 Jahre alt geworden, ein umfassender Katalog erschien, wurden auch Urteile und Deutungen aus fremden Federn, indes von Kennern des Œuvres als Texte aufgenommen (allerdings gelegentlich auch übersprudelnde Auslegungen). Die Kunsthistorikerin Idis B. Hartmann sei knapp zitiert: „Landschaft wird neu aufgearbeitet, der Blick auf sie nachdenklich und ungewohnt. Die Verfremdung, mit der Alker arbeitet, will sie den Menschen nahe bringen. Der Künstler sucht in ihr Strukturen, überzieht sie mit Netzen und Koordinatensystemen, schafft mit Landschaftselementen wohldurchdachte Kompositionen. Menschen bewohnen diese Landschaften nicht, aber die Relikte der Zivilisation sind allgegenwärtig, und sei es nur ein Fensterkreuz, durch das man auf eine Landschaft blickt“.

„Was fällt einem zu Goethes Faust, zum Urfaust ein?“, das wäre banal gefragt, aber 14 Grafiker wurden 1975 vom Kölner Schauspielhaus gebeten, „Faust“ auf ihre Weise sich zu erschließen. Zwölf Grafiken lieferte Alker, später dem norwegischen König als Geschenk überreicht. Es wurden zeichnerisch vollendete Arbeiten, in denen die ganze Fülle motivierter Phantasie durch das Wort der Dichtung herausgefordert war. Die Grafik zu der Zeile „Man hat Gewalt, so hat man Recht“ ist ebenso akribisch wie meisterlich gezeichnet und auslegbar als subjektiv gehandhabtes Recht, fast plakativ, obwohl alles vordergründig Plakative nicht die Sache Alkers ist.

Im Mai 2004, fast 60 Jahre nach seiner Flucht aus der Heimat und einer “Nicht-mehr-Rückkehr”, war Eckard Alker Gast im Stadtmuseum seiner Heimatstadt Ratibor. Die Ausstellung stand unter dem Wort „Wo ist noch Erinnerung?“. Zur Eröffnung zitierte Alker Ezra Pound mit dieser Frage „Wo ist noch Erinnerung?“, eine Frage die er selbst so beantwortete: „Nicht Rückblick, Nachruf, Memoiren – nicht Kalender, Ortssinn, Nachgeschmack. Erinnerung als Reflex und Antrieb künstlerischer Arbeit“. Und es folgten während der Selbsteinführung Sätze von Marcel Proust: „Ich glaube, der Künstler sollte beinahe nur aus den unbewußten Erinnerungen den Rohstoff seines Werkes schöpfen. Zunächst genau deshalb, weil sie unbewußt sind, sich von selbst gestalten, herbeigelockt von der Ähnlichkeit eines gleich gestimmten Augenblicks, nur sie zeigen die echte Handschrift“. Eine der gezeigten Arbeiten hatte den Titel „Verborgen im Sichtbaren“, ein Zeugnis des bewußt Ungewissen, in einer ganz persönlich jeweils neu zu entdeckenden, eigenen Welt.

Eine Sonderedition „Altenberg. Der vertraute Dom in diesen unvertrauten Bildern“ liegt zum 70. Geburtstag von Eckard Alker vor. Geographisch: 30 Kilometer von Köln entfernt, biographisch: „Für Eckard Alker ist der Altenberger Dom zu einen schon fast mystischen Ort geworden“. In farbigen Ölbildern huldigt der Maler der göttlichen Bestimmung und Erhabenheit dieses Bauwerkes des Mittelalters. Der nicht mit der Ratio zu erklärende Glaube eines Christen soll seinen individuellen Ausdruck finden. Es sind berauschende Farben in diesen Bildern, aber auch in der Tradition des Künstlers Grafiken, deren Inhalt erst vom Bildbetrachter aufgelöst werden muß. Ein Bekenntnis und zugleich ein erneutes Fragen.

In einer 1976 veröffentlichen Mappe „Zeichnungen“ findet sich ein chinesisches Zitat „Aus der Entfernung haben Menschen keine Augen, Bäume keine Äste, Berge keine Steine und Wasser keine Wellen“, so etwas wie eine Selbstbeschreibung seiner Kunst. In persönlichen Klartext lesen wir: „Es scheint alles so nahe und wirklich und ist doch in eine andere Wirklichkeit entrückt“. Es mag sein, daß sich viele Bildaussagen wiederholen, denn jähe Veränderungen, Umbrüche gibt es in dieser statischen, Ruhe und Gelassenheit ausströmenden Bildern nicht. Das grafische Vermögen ist stets großartig. In einer Würdigung hieß es wohl begründet: „Der Oberschlesier Eckard Alker, der unweit Köln im Bergischen Land eine neue Heimat gefunden hat, ist zum wichtigen Vertreter der deutschen Grafik und Zeichenkunst geworden“, eine Charakterisierung als herausragender Surrealist darf nicht vergessen werden.

Um das Schlesische in seinem Werk zu entdecken, hat man seine Neigung zum Grübeln und einen melancholischen Ton finden wollen. Eher wäre es richtig, das Mystische, bekanntlich ein Wesenszug berühmter Schlesier, nicht zuletzt auch bei Edith Stein, bei Eckard Alker zu finden. Wie dem auch sei, als Surrealist, nicht der Gedankenblässe, sondern der Gedankentiefe, darf er, muss er genannt und gerühmt werden.

Bild: Günther Ott, Künstlerprofile – Im Osten geboren – Im Westen Wurzeln geschlagen, hrsg. von der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat, Düsseldorf 1980, S. 74.

Herbert Hupka

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