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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Allardt, Helmut Hubert Franz

Diplomat

* 1907, 20.03.
Königsberg i.Pr.

† 1987, 22.8.
München

Helmut Allardt wurde in der ostpreußischen Hauptstadt als Sohn des preußischen Oberleutnants Willy Allardt geboren, der im Geburtsjahr des Sohnes bereits verstarb. Die Mutter Martha geb. Heilgendorff zog nach Berlin. Dort bestand Helmut im März 1927 an dem bekannten Gymnasium Berlin-Steglitz das Abitur. Er studierte anschließend vom Mai 1927 bis Ende 1929 an der Friedrich-Wilhelms-Universität zu Berlin und 1930 bis zum Sommer 1931 in Göttingen Jura. Vor dem Oberlandesgericht in Celle legte er am 16. Oktober 1931 sein Referendarexamen ab. An der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität wurde er in dem zum Kösener-Senioren-Conventsverband (KSCV) zählenden Corps Normannia aktiv, dem er ein Leben lang die Treue hielt. – An der Göttinger alma mater wirkte Allardt von Oktober 1931 bis Ende 1932 als Assistent bei dem renommierten Staats- und Verfassungsrechtler Professor Dr. Gerhard Leibholz, der später der Bundesrepublik Deutschland als Richter am Bundesverfassungsgericht diente. Leibholz promovierte den jungen Allardt im September 1934 cum laude und der DissertationDas deutsche Volk als Gemeinschaft (Berlin 1935) zum Dr. jur. Das 2. juristische Staatsexamen legte der junge Jurist im Herbst 1935 vor dem Kammergericht zu Berlin ab. In seiner Referendarzeit war er während der entsprechenden Ausbildungsstation und dann als freier Mitarbeiter bei dem Rechtsanwalt Dr. Alfons Sack tätig, einem der bekanntesten Berliner Strafverteidiger jener Jahre, der u.a. den Kommunisten Torgeler erfolgreich im Reichstagsbrand-Prozess vertrat und bei dem Allardt viel lernte. Dass der damals nebenbei auch die große und schillernde Berliner Welt und Halbwelt kennen lernte, sei nicht verschwiegen.

Am 17. März 1936 heiratete Allardt Annemarie geb. Rynert mit der er einen Sohn Alexander hatte, geb. am 24. Juni 1938; in zweiter Ehe heiratete er am 6. März 1964 Irene Martino.

Frühzeitig bewarb sich der junge Jurist um den Eintritt in den Auswärtigen Dienst des Deutschen Reiches. Er hatte Erfolg und wurde zum 1. April 1936 in das Auswärtige Amt in der Berliner Wilhelmstraße einberufen und als Attaché dem Generalreferat für Wirtschafts- und Finanzfragen (W I) der damaligen Handelspolitischen Abteilung (W) zur Ausbildung zugeteilt. Diese Abteilung stand damals unter der Leitung des erfahrenen und befähigten Ministerialdirektors Karl Ritter, der für eine gründliche Ausbildung sorgte, so dass Allardt fortan in seiner gesamten Laufbahn als Wirtschaftsfachmann galt. – Wie der einschlägige Bericht der Reichsleitung der damaligen Staatspartei an das Auswärtige Amt nach einem entsprechenden Schulungslager der NSDAP in Bad Tölz 1938 beweist, stand der junge Attaché der braunen Bewegung fremd gegenüber. Dennoch trat er am 1. August 1939 in die Partei ein. Am 16. Juni 1938 bestand er die diplomatisch-konsularische Prüfung und wurde an demselben Tage der Gesandtschaft in Teheran zugeteilt; die Ernennung zum Legationssekretär erfolgte zum 15. April 1939. Nach kurzer kommissarischer Beschäftigung in der Berliner Zentrale – wiederum in der Handelspolitischen Abteilung – seit dem 19. Januar 1940 wurde Allardt zum 15. Juni desselben Jahres der Gesandtschaft in Kopenhagen überwiesen und zum 21. Juni 1941 an die Botschaft in Ankara versetzt, die Franz v. Papen leitete. Allardt wurde mit Wirkung vom 17. November 1943 die Amtsbezeichnung Gesandtschaftsrat (II. Klasse) beigelegt. Die Tätigkeit an der Botschaft endete am 2. August 1944 mit dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen dem Deutschen Reich und der Türkei, die damals in den Krieg gegen Deutschland eintrat.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Allardt zunächst für anderthalb Jahre in Neumünster arretiert und war dann Mitarbeiter der Redaktion von Keesings Archiv der Gegenwart (Wien). Mit dem 1. Februar 1950 kehrte er in den öffentlichen Dienst zurück, und zwar zunächst in das Bundesministerium für Wirtschaft, wo er am 21. April 1951 zum Ministerialrat ernannt wurde. Seine Aufgabe war der organisatorische und personelle Aufbau der Wirtschaftsabteilungen der wiedererstehenden deutschen Auslandsvertretungen. Gleichzeitig wurde er Vertreter seines Ministeriums bei der Handelspolitischen Abteilung des am 15. März 1951 wiedererrichteten Auswärtigen Amts in Bonn, in das Allardt am 6. August 1952 einberufen wurde, seit August 1952 als Vortragender Legationsrat I. Klasse. Bis zum Dezember 1952 wurde er mit der Wahrnehmung der Geschäfte des Dirigenten der Handelspolitischen Abteilung des Amts beauftragt. Mit Urkunde vom 29. September 1954 erfolgte Allardts Ernennung zum Botschafter. In dieser Eigenschaft vertrat er vom 16. Dezember 1954 bis zum 21. Juni 1958 die Bundesrepublik Deutschland in Indonesiens Hauptstadt Djakarta.

Vom 1. Juli 1958 bis zum 31. Oktober 1960 wurde Allardt zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) beurlaubt und wirkte in ihrer Kommission als Generaldirektor für die überseeischen assoziierten Gebiete. Am 2. November 1960 trat Allardt wieder seinen Dienst im Auswärtige Amt in Bonn an, zunächst als Leiter einer Unterabteilung der Handelspolitischen Abteilung, bis er zum 3. Oktober 1961 als Ministerialdirektor die Leitung der Abteilung 4, der nunmehrigen Wirtschaftsabteilung des Auswärtigen Amts, übernahm. Diese Funktion übte er so lange aus, bis er am 25. Juni 1963 seinen Dienst als Botschafter seines Landes in Madrid antrat. Anschließend leitete Allardt vom 15. Januar 1968 kurze Zeit als Ministerialdirektor die Politische Abteilung I des Auswärtigen Amts.

Den wichtigsten und schwierigsten Posten seiner Amtszeit übernahm Allardt am 5. April 1968, als er auf Vorschlag des damaligen Bundesministers des Auswärtigen, Willy Brandt, völlig überraschend zum Botschafter in Moskau berufen wurde. Allardt war Wirtschafts- und kein Ostexperte, schon gar nicht für die Sowjetunion, und russisch sprach er auch nicht. Er fühlte sich aber in die Pflicht genommen und trat seinen Dienst in der Sowjetunion am 6. Mai 1968 an, musste jedoch noch bis zum 29. Mai 1968 warten, um dann endlich sein Beglaubigungsschreiben übergeben zu können. Bis zu seinem Eintritt in den Ruhestand am 31. März 1972 blieb er auf diesem Dienstposten. Von Moskau reiste er erst einige Tage später, am 3. April, ab.

Allardt war stets für Verhandlungen mit der Sowjetunion eingetreten und hatte z.B. Adenauer scharf dafür kritisiert, dass er nicht auf die Stalin-Note von 1952 eingegangen war, auch wenn es nur gewesen wäre, sie als Falle zu entlarven. Diese Grundhaltung, wegen der er 1954 wohl nach Djakarta „strafversetzt“ worden war, mag zu Allardts Berufung nach Moskau geführt haben. Ein Parteigänger der von der sozialliberalen Bundesregierung nach 1969 eingeschlagenenneuen Ostpolitik freilich wurde der erfahrene Berufsdiplomat nicht. Er durchschaute das in seinen Augen Amateurhafte der Brandt-Bahrschen Vertragspolitik und kritisierte es geradezu bissig. Auf den Moskauer Vertrag vom 12. August 1970 hatte er als an sich zuständiger Botschafter vor Ort keinen Einfluss, und man hielt ihn sogar bewusst von allen einschlägigen Informationen fern. Dieser Vertrag sei, so urteilte Allardt, „alles andere als ein Meisterstück, es sei denn, man bezeichnet die Vorbereitung wie vor allem auch die Durchführung als Meisterstück diplomatischen und taktischen Dilettantismus“ (Politik vor und hinter den Kulissen, S. 261 f.). Verbittert und tief enttäuscht schied der Spitzendiplomat aus dem Dienst.

Der nach außen hin eher robust wirkende Diplomat, der auch gelegentlich gerne als „Renaissance-Mensch“ bezeichnet wurde, war viel feinfühliger und empfindlicher als er auf seine Mitmenschen wirkte. Er litt unter einer Politik, die er in der Ausführung für falsch hielt.

Werke:Helmut Allardt: Das deutsche Volk als Gemeinschaft. Eine kritische Wertung der deutschen Staatslehre, Berlin 1935. – Ders.: Aufgaben und Ziele der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft in Afrika, Brüssel 1959. – Ders.: Praktische Möglichkeiten der Entwicklungshilfe in Afrika, Brüssel 1960. – Ders.: Moskauer Tagebuch. Beobachtungen, Notizen, Erlebnisse. Düsseldorf-Wien 1973. – Ders.: Politik vor und hinter den Kulissen. Erfahrungen eines Diplomaten zwischen Ost und West, Düsseldorf-Wien 1979.

Lit.: Deutsche Corpszeitung 3 und 4, 1987. – Ludwig Biewer: Allardt, Helmut, in: Altpreußische Biographie, Bd. IV, 3. Lieferung, Marburg an der Lahn 1993, S. 1309f. – Allardt, Helmut, in: Biographisches Handbuch des deutschen Auswärtigen Dienstes 1871-1945, Bd. 1 A-F, Paderborn u.a. 2000, S. 21f. – Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (PA AA), Berlin.

Bild: Politisches Archiv des Auswärtigen Amts (PA AA), Berlin.

Ludwig Biewer

 

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