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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Alscher, Otto

Schriftsteller

* 1880, 08.01.
Perlasz an der Theiß/Banat

† 1944, 30.12.
Lager Tirgu Jiu/Rumänien

Über Otto Alscher schrieb Wilhelm Schneider im Jahre 1936: „Alscher ist einer der besten Tierschilderer der gesamten Literatur. Seine Tiergeschichten füllen eine Lücke in der deutschen Literatur, die an gehaltreichen Tiergeschichten so arm ist.“ In seiner Geburtsheimat, im Banat, wurde der Erzähler erst in den späten zwanziger Jahren bekannt. Bis dahin waren seine Erzählungen und Romane nur außerhalb des Banats erschienen. Zunächst in der Kronstädter Zeitschrift Die Karpathen (1909), danach in Innsbrucker Periodica (am bekanntesten ist Alschers Mitarbeit am Brenner, wo er neben Georg Trakl zu den Hausautoren von Ludwig von Ficker gehörte) und auch in Franz Pfemferts Aktion. Alschers Bücher erschienen bei S. Fischer und bei Langen-Müller, und ihre Wirkung war von Anfang an nicht auf die deutsche Literaturprovinz in Südosteuropa beschränkt.

Das änderte sich nach 1918, als die österreichisch-ungarische Doppelmonarchie verschwand und die kleinen deutschen Gruppen in Siebenbürgen, im Banat, in der Bukowina gezwungen waren, ihre Identität als Minderheiten in den Nachfolgestaaten des Habsburgerreichs zu finden und zu behaupten. Für Alscher, Kappus, Reiter und andere deutsche Autoren aus dem Banat war dies ein Anlaß, in die Provinz zurückzukehren und ihre Tätigkeit dort in den Dienst gruppeneigener Interessen zu stellen.

Otto Alscher ist als Sohn eines Fotografen in dem kleinen Ort Perlasz (heute Perles/Jugoslawien) geboren worden. In Orschowa an der Donau besuchte er die ungarische Schule. Wien gab ihm die Gelegenheit, nicht nur eine Berufsausbildung in einer graphischen Anstalt abzuschließen, sondern auch literarische Vorbilder kennenzulernen. Es ist symptomatisch, daß Alscher mit Versversuchen und einem Lustspielentwurf begann und sich der Tiroler Literaturprovinz anschloß. Beginnend mit dem Jahr 1911, war er als Journalist in Budapest tätig und konnte hier auf die bemerkenswerte deutsche Theatertradition und auf die langlebige deutsche Presse zurückgreifen, wenn er ein Publikum suchte. Beim Pester Lloyd,einer auch im deutschen Sprachraum bekannten Tageszeitung,gestaltete er das Feuilleton mit, das Budapester Tageblatt führte Alscher zeitweise in eigener Regie und förderte hier die literarischen Versuche Banater deutscher Autoren (Adam Müller-Guttenbrunn, Nikolaus Schmidt, Johann Eugen Probst).

Während des Ersten Weltkrieges gelangte Alscher zwar an die Front, wurde jedoch bald aus gesundheitlichen Gründen dem Pressequartier zugewiesen. Gemeinsam mit dem Empfänger von Rilkes Brief an einen jungen Dichter, mit Franz Xaver Kappus, war Alscher in der Redaktion der Belgrader Zeitung anzutreffen. 1919 wurde er als verantwortlicher Redakteur des Budapester Deutschen Tagblattes zum bewußten Mitgestalter des revolutionären Ungarn: Alscher trat für die Minderheitenrechte der Deutschen in Ungarn ein. Seine Mitgliedschaft im Deutschen Volksrat, sein politisches Engagement also, führte dazu, daß er Budapest verlassen mußte. Bei der Deutschen Wacht in Temeswar, einer Tageszeitung, die für die Kulturautonomie der Banater Deutschen eintrat, wurde Alscher an der Seite von Kappus erneut aktiv. Nach dem Anschluß des größeren Teils des Banats an Rumänien wurde die Tageszeirung Schwäbische Volkspresse der Ausgangspunkt für kulturelle Reformpläne von Alscher und Kappus. Sie versuchten, im Banat den literarischen Expressionismus bekannt zu machen, setzten sich für ein deutsches Theater im Temeswar ein und scheiterten letztlich am Desinteresse ihrer Umgebung. Kappus zog nach Berlin um, Alscher fand in dem Gebirgstal Gratzka bei Orschowa eine Zufluchtsstätte, wo er inmitten einer fast unberührten Natur leben und arbeiten konnte.

Immer wieder versuchte Alscher, im gesellschaftlichen und kulturellen Leben des Banats eine Rolle zu spielen. Er ist als Journalist sowohl bei der Lugoscher Zeitung als auch bei anderen Publikationen anzutreffen gewesen. Immer wieder erschienen seine Tiergeschichten im Banat und in Deutschland. Trotz mannigfacher Ehrungen hat sich Alscher nie in den Städten und in einer Gruppe wohlgefühlt. Ob das an den – aus seiner Sicht negativen – Wirkungen der modernen Zivilisation lag und er es vorzog, die Chancen einer Symbiose Mensch-Natur auszuloten, ist nicht immer feststellbar.

Da Alscher, wie die meisten seiner Stammesgenossen, für die – auch politische – Selbstbestimmung der deutschen Minderheiten gewirkt hatte und von den NS-gekürten Amtswaltern ausgezeichnet worden war, wurde er 1944, als Rumänien dem Dritten Reich den Krieg erklärt hatte, in ein Lager eingewiesen, wo er starb. Alschers Wirkung begann mit Romanen, die Einzelgänger oder Außenseiter darstellten (Ich bin ein Flüchtling, 1909; Gogan und das Tier, 1912). Auch die frühen Erzählungen sind auf eine Typenreihe von Exoten (Zigeuner, rumänische Bauern) festgelegt. Im Mittelpunkt steht meist das Thema Freiheit, das in unterschiedlichen Konstellationen erscheint. Wenn dabei auch die Konfrontation Stadt/Wildnis eine Rolle spielt, so tritt hierin eine biographische Komponente des Autors und ebenso wie in der Zigeunerthematik eine Hinwendung zur Romantik zutage. Die Darstellungsweise ist bei Alscher auf Sachlichkeit und nüchternes Abwägen ausgerichtet, so daß es zwischen Thema und Erzählweise zu einer oft fruchtbaren Spannung kommt.

Obwohl sich Alscher auch in den zwanziger und dreißiger Jahren immer wieder an der großen Form versucht hat (ohne allerdings Romane wie Der Löwentöter und Die Versprengten zu publizieren, die erst aus dem Nachlaß herausgegeben wurden), wird – einerseits bedingt durch seine journalistische Tätigkeit, andererseits veranlaßt durch Alschers Vorliebe für exemplarische, prägnante und damit knappe Handlungsabläufe – die Erzählung zum wichtigsten Ausdrucksmittel der Banater Jahre. Die biographisch getönten Texte sind deutlich in der Unterzahl, Jagdgeschichten, Naturbild-Serien, Tiergeschichten, die ein Sich-Einleben in die „andere Existenz” als Faszinosum wirken lassen, stehen im Vordergrund. Und immer wieder wird das natürliche Leben, wird die animalische Existenz an sich Ausgangspunkt für symbolhafte Darstellungen, die an Ursprungsmythen denken lassen. Wenn Alscher damit den Toleranzgedanken verbindet, der auf alle Andersdenkenden und auf jedes fremde Dasein angewendet werden kann, steht er in deutlichem Gegensatz zu seiner ideologisch belasteten Umgebung. Ziel Alschers war die Selbstbestimmung der Region als Mittelpunkt einer zivilisatorisch unverfälschten Welt, eines sonstwie verlorenen Paradieses. Damit hängt es zusammen, daß Alscher immer wieder kleinste Ereignisse aus dem Universum der Tiere gestaltet. Wie sehr seine expressionistischen Ansätze dabei fortwirken, kann nach vollzogen werden.

Weitere Werke:Mühselige und Beladene, Nov. 1910. – Zigeuner, Nov. 1914. – Die Kluft, E., 1917. – Mensch und Tier, E., 1928. – Die Bärin, E., 1943. – Die Straße der Menschen, E., hg. von H. Stanescu. – Tier- und Jagdgeschichten, hg. von F. Heinz, 1977.

Lit.: Heinz Stanescu: O.A., in Marksteine. Literaturschaffende des Banats, 1974, S. 145-155. – Franz Heinz: O.A. – ein Banater Schriftsteller, in: Neue Literatur 25 (1977), H. 12, S. 30-44. – Horst Schuller-Anger: Das Rumänienbild bei O.A., in: Neue Literatur 31 (1980), H. l, S. 39-49. – Walter Engel. Schwerpunkte im erzählerischen Werk O. A.s, in: Beiträge zur deutschen Kultur, I (1984), H. l, S. 27-35. – Walter Engel: O.A., in: J. Wittstock/St. Sienerth: Die rumäniendeutsche Literatur in den Jahren 1918-1944, 1992, S. 342-333.

Horst Fassel

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