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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Amburger, Erik

Historiker

* 1907, 04.08.
St. Petersburg

† 2001, 06.11.
Heuchelheim

Für alle, die sich mit dem Deutschtum in Rußland befassen, ist der „Amburger“ ein feststehender Begriff, wie etwa der Putzger, Brockhaus, Plötz oder Duden für andere Gebiete. Erik Amburgers in Jahrzehnten aufgebaute Personalkartei mit Angaben über mehr als 200000 Persönlichkeiten aus dem – vor allem – städtischen Deutschtum Rußlands, über andere im einstigen Rußland tätig gewesene Westeuropäer und über die russische Führungsschicht – kurz gesagt, vorwiegend über die Geschichte des ausländischen Elements in Rußland – hat sich im Laufe der Zeit zu einer internationalen Auskunftszentrale ersten Ranges entwickelt.

Erik Amburgers Leistung und Erfolg ist mit seiner Biographie eng verknüpft. Am 4.8.1907 wurde er in St. Petersburg als Sohn des Arztes Dr. Nikolai Amburger und dessen Gattin Gerda geb. Schottländer geboren. Seine väterliche Familie war über anderthalb Jahrhunderte mit dem Wirtschaftsleben Rußlands eng verknüpft, aber auch die mütterlichen Verwandten wirkten seit Mitte des 19. Jahrhunderts in der russischen Industrie. Erik Amburger besuchte in St. Petersburg die deutsche St. Katharinenschule auf der Basiliusinsel– wo auch der Unterzeichnende seinen ersten Schulunterricht genoß – und mußte 1918 nach der Oktoberrevolution mit Mutter und Geschwistern seine Heimatstadt verlassen, wo sein zurückgebliebener Vater 1920 einer Seuche zum Opfer fiel. Über Reval kam Amburger nach Heidelberg, wo er 1926 die Reifeprüfung bestand und an dessen Universität er seine ersten Semester – bei den bekannten Historikern F. Baethgen, K. Hampe und W. Andreas – studierte. Seit 1927 setzte er sein Studium in Berlin fort, wo er 1933 bei K. Stählin zum Dr. phil. promovierte. Seine hervorragende Dissertation über „Rußland und Schweden 1762–1772“ ließ bereits sein Interessengebiet erkennen.

Die politischen Verhältnisse verwehrten Amburger die ersehnte Hochschullehrerlaufbahn. Auch größere Arbeiten durfte er nicht veröffentlichen. Im November 1939 wurde er zur Wehrmacht eingezogen. Den Krieg verbrachte er – zuletzt als Obergefreiter – in einem Baubataillon in Polen, Frankreich und Rußland, verunglückte jedoch im April 1943 an der Lowatfront so schwer, daß ihm ein lebenslänglicher Schaden blieb. Im Mai 1945 geriet er in Prag in sowjetische Gefangenschaft, aus der er im September d. Js. von Rumänien aus entlassen wurde. Zunächst war er an der Volkshochschule in Berlin (Ost) tätig, jedoch bereits seit 1946 an dem von Prof. Max Vasmer geleiteten Institut für Slawistik an der (Ost-)Berliner Akademie der Wissenschaften als Spezialist für deutsch-russische Wissenschaftsbeziehungen – seinen Neigungen entsprechend -– beschäftigt. Als Westberliner Grenzgänger sah er sich im Frühjahr 1953 genötigt, diese Tätigkeit einzustellen. Als Stipendiat der Deutschen Forschungsgemeinschaft wurden ihm Forschungen über russische Manufakturen des 17. Jahrhunderts und die Auswanderung von Deutschen nach Rußland übertragen. 1957 erhielt Amburger endlich einen festen Arbeitsplatz an dem von Prof. Ludat geleiteten Institut für kontinentale Agrar- und Wirtschaftsforschung – Sektion Geschichte – an der Universität Gießen, zuletzt als Akademischer Oberrat. 1962 wurde ihm ein Lehrauftrag an der Universität Marburg erteilt, 1968 ist Erik Amburger dort zum Honorarprofessor im Fachbereich Geschichtswissenschaft ernannt worden.

Die wissenschaftliche Leistung Amburgers mit wenigen Worten zu würdigen ist eine unlösbare Aufgabe. An die 200 größere Arbeiten, Bücher, Broschüren, Aufsätze, dazu eine Vielzahl wohlfundierter Rezensionen, sind aus seiner Feder erschienen. Er war 1948 an den Publikationen zum 250jährigen Jubiläum der Berliner Akademie der Wissenschaften und seit 1950 an der Edition der Leibniz-Ausgabe beteiligt, veröffentlichte 1957 die wirtschaftsgeschichtliche Studie über die Familie Marselis, 1961 eine Geschichte des Protestantismus in Rußland und Beiträge zur Geschichte der deutschrussischen kulturellen Beziehungen und gab 1962 die Erinnerungen Friedrich von Schuberts (1789-1814) heraus. 1966 erschien seine grundlegende Geschichte der Behördenorganisation Rußlands von Peter dem Großen bis 1917, 1968 die Untersuchung über die Anwerbung ausländischer Fachkräfte für die Wirtschaft Rußlands vom 15. bis ins 19. Jahrhundert und 1980 das zweibändige, monumentale Werk über Ingermanland, eine junge Provinz Rußlands im Wirkungsbereich der Residenz und Weltstadt St. Petersburg-Leningrad. Eine Geschichte seiner Familie – ebenfalls das Ergebnis langjähriger Forschungen – befindet sich im Druck. Wesentlichen Anteil hatte Amburger auch in seiner Eigenschaft als Mitglied des J. G. Herder-Forschungsrates und der Baltischen Historischen Kommission am Zustandekommen des von W. Lenz herausgegebenen „Deutschbaltischen Biographischen Lexikon 1710-1960“ (Köln 1970) sowie an der von M. Ottow und W. Lenz 1977 herausgegebenen Presbyteriologie „Die evangelischen Prediger Livlands bis 1918“.

Die Titel dieser Hauptwerke kennzeichnen die bereits eingangs erwähnte Spannweite der Interessengebiete Erik Amburgers. Eine Fülle von Spezialuntersuchungen zur Geschichte einzelner Personen und Familien bilden in seinem Opus die Brücke zwischen vertriebenen oder rückgewanderten Deutschen und ihren einstigen-östlichen Wohn- und Arbeitsbereichen, wie etwa im Baltikum und – vor allem – in Rußland. In der Geschichtsschreibung Deutschlands und Rußlands hat sich Erik Amburger einen bleibenden Ehrenplatz erworben – aere perennius.

Lit.: Inge Auerbach: Catalogus professorum academiae Marburgensis. 2. Band: Von 1911 bis 1971, Marburg 1979, S. 460.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Erik_Amburger

Roland Seeberg-Elverfeldt

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