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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Appelt, Heinrich

Historiker

* 1910, 25.06.
Wien

† 1998, 16.09.
Wien

Der in Wien geborene, aus nordböhmischer Familie stammende Mediävist Heinrich Appelt hat an der Universität seiner Vaterstadt Geschichte studiert, daneben noch Kunstgeschichte und Germanistik. Hier, in Wien, absolvierte er auch von 1931 bis 1933 den 38. Kurs des Instituts für österreichische Geschichtsforschung, der die Grundlagen für seine Ausbildung in den sogenannten historischen Hilfswissenschaften legte. Seine Hausarbeit galt hier den gefälschten Papsturkunden des Klosters St.-Benigne in Dijon. Die landschaftliche Ausrichtung dieser Themenstellung läßt noch nichts von den Arbeitsfeldern verspüren, denen sich der junge Historiker bald zuwenden sollte, ebensowenig wie die Dissertation über die Eigenklöster des Bistums Basel, mit der er 1932 zum Doktor phil. promoviert wurde. Wohl aber wird in ihnen der Einfluß seines akademischen Lehrers Hans Hirsch deutlich, der in seinem wissenschaftlichen Werk eine enge Verbindung von Diplomatik, d.h. der Urkundenwissenschaft und Urkundenkritik mit Fragen der mittelalterlichen Verfassungsgeschichte, insbesondere des Hochmittelalters praktizierte. Es sind diese methodischen Grundsätze, die auch das Oeuvre Heinrich Appelts stets geprägt haben und die er in einer langen Reihe von Studien auf Probleme der Reichs- und Landesgeschichte angewendet hat.

Nach Abschluß des Wiener Studiums holte Leo Santifaller, ebenfalls ein Absolvent des Wiener Instituts, dessen Leiter er nach dem Zweiten Weltkrieg werden sollte, Heinrich Appelt 1934 als Assistenten an die Universität Breslau. Diese Breslauer Zeit hat für die weitere wissenschaftliche Laufbahn Heinrich Appelts entscheidend die Weichen gestellt. Hier traf er auf Hermann Aubin, dessen interdisziplinäre Konzeption einer geschichtlichen Landeskunde die von Hans Hirsch gelegten Grundlagen festigte und noch verbreiterte, hier wuchs er unter dem Einfluß Santifallers noch stärker in die kritische Arbeit an den mittelalterlichen Urkunden hinein, indem er die Hauptlast der Arbeit am neu konzipierten Schlesischen Urkundenbuch trug.

Mit einer urkundenkritischen Arbeit zu den Urkundenfälschungen des Klosters Trebnitz, die zugleich grundlegende Studien zur Verfassungsgeschichte der deutschen Ostsiedlung, insbesondere der deutschrechtlichen Dörfer, unternahm, hat Heinrich Appelt sich 1939 in Breslau habilitiert. Ende 1943 wurde er aus dem Kriegsdienst heraus zum Nachfolger Santifallers auf dem Lehrstuhl für mittelalterliche Geschichte ernannt und hat das Kriegsende wie die unmittelbare Nachkriegszeit in Breslau erlebt und überlebt. Über diese Zeit hat er in beeindruckenden, nüchternen und scharfsichtigen Erinnerungen berichtet. Im Sommer 1945 gelang ihm die Rückkehr nach Wien, wo er für eine Übergangszeit als Lehrbeauftragter am Institut für österreichische Geschichtsforschung tätig war, bevor er 1948 eine außerordentliche, später eine ordentliche Lehrkanzel für mittelalterliche Geschichte und historische Hilfswissenschaften in Graz übernahm. 1963 ist er als Ordinarius an das Wiener Institut zurückgekehrt, das seine wissenschaftlichen Anfänge geprägt hat, und dort hat er bis zu seiner Emeritierung im Jahr 1980 gelehrt und geforscht. Sein Oeuvre entfaltete sich seit der Berufung nach Graz und stellt für die Zeit seit dem Zweiten Weltkrieg ohne Zweifel die glänzendste Editionsleistung in der diplomatischen Tradition des Wiener Instituts dar. Er hat 1951 die Neubearbeitung der „Regesta Imperii“ Johann FriedrichBöhmers für die Zeit Konrad II. vorgelegt, dann aber die große Aufgabe der Edition der Diplome Kaiser Friedrich Barbarossas in Angriff genommen, von der 1975 der 1. Band erschien und mit dem 5. Band 1990 vollendet wurde. Unter seiner Leitung ist auch das Urkundenbuch der Steiermark energisch weitergeführt worden. Parallel dazu hat Heinrich Appelt jedoch auch die Arbeit wieder aufgenommen, derentwegen er 1934 nach Breslau gegangen war. Unbeirrt durch die Rückschläge, die der Verlust fast aller Vorarbeiten mit sich gebracht hatte, gestützt auf die noch in Breslau angelegte Fotosammlung der Überlieferung, die vor Kriegsende nach Wien überführt worden war, hat er die Edition des Schlesischen Urkundenbuches vorangetrieben und durch eindringende Studien zur Diplomatik der schlesischen Urkunde und zur Rechtsgeschichte der deutschen Siedlung in Schlesien begleitet. 1963 konnte die erste Lieferung des Werks erscheinen und 1971 war der erste Band abgeschlossen. Seitdem hat er die Editionsarbeit in jüngere Hände gegeben, ohne das Thema Schlesien aus dem Auge zu verlieren, für dessen Erforschung er durch seine Editionsarbeit eine sichere Ausgangsbasis geschaffen hat.

Heinrich Appelt ist diese außerordentliche, durch zahlreiche quellenkritische Untersuchungen untermauerte Leistung auf dem Gebiet der Urkundenedition durch unermüdliche Anstrengung und Konzentration auf die Aufgaben gelungen, die er sich gestellt hat. Fast ebensoviel verdankt das Gelingen dem Geschick des akademischen Lehrers, geeignete Mitarbeiter auszubilden und zu selbständiger Arbeit heranzuziehen. Mit ihnen hat er in Gemeinschaftsarbeit „Teamwork“ in den Geisteswissenschaften geübt, lange bevor offizielle Wissenschaftsförderung solche Verfahrensweisen entdeckte. Die wissenschaftliche Öffentlichkeit hat ihm diesen rastlosen Einsatz gedankt, indem sie ihn in ihre Vereinigungen und Gremien berief. Die Österreichische Akademie der Wissenschaften und die Medieval Academy of America machten ihn ebenso zu ihrem Mitglied, wie ihn die Monumenta Germaniae Historica in den Kreis ihrer Zentraldirektion holten. Selbstverständlich war er auch Mitglied der Historischen Kommission für Schlesien. Seine Schüler und ehemaligen Mitarbeiter setzen heute Teile seiner Arbeit in verschiedenen Zusammenhängen fort, unter anderem im Johann-Gottfried-Herder-Institut bei der Weiterarbeit am Schlesischen Urkundenbuch.

Lit.: Zu Leben und Werk Heinrich Appelt vgl. das Schriftenverzeichnis in: Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung 88 (1980), Seite 164-169; 91 (1983), Seite 516; 94 (1986), Seite 520f., sowie die Einleitung der Herausgeber Othmar Hageneder/Herwig Weigl zu: Heinrich Appelt, Kaisertum, Königtum, Landesherrschaft. Gesammelte Studien zur mittelalterlichen Verfassungsgeschichte ( = Mitteilungen des Instituts für Österreichische Geschichtsforschung, Ergänzungsband 28) Wien/Köln/Graz 1988, Seite 7-10; weiter: Heinrich Appelt, Erinnerungen eines österreichischen Historikers an die Universität Breslau 1944-45, in: Jahrbuch der Schlesischen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Breslau 28 (1987), Seite 365-380; ders., Persönliche Erinnerungen an Hermann Aubin, in: Erinnerungen an Hermann Aubin (1885-1969) hg. v. Johann-Gottfried-Herder-Forschungsrat e.V., Marburg 1987, Seite 34-40; Wolfgang Weber, Biographisches Lexikon zur Geschichtswissenschaft in Deutschland, Österreich und der Schweiz, Frankfurt/Main 1984, Seite 12f.; Walter Koch, Nachruf Heinrich Appelt. In: Deutsches Archiv für Erforschung des Mittelalters. 55, 1999, S. 413–415

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_Appelt

Peter Johanek

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