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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Baer, Karl Ernst von

Zoologe, Naturforscher

* 1792, 28.02.
Gut Piep/Estland

† 1876, 28.11.
Dorpat/Estland

Die Vorfahren Karl Ernst von Baers wanderten in der Mitte des 16. Jahrhunderts von Westfalen nach Livland aus. Sein Vater Magnus Johann Baer von Huthorn hatte das Amt eines estländischen Land- und Ritterschaftsrates inne, seine Mutter Juliane Louise war eine Tochter des russischen Majors Andreas Magnus Baer von Huthorn – entstammte also derselben Familie wie der Vater. Zunächst durch Hauslehrer unterrichtet, besuchte Baer später die Ritter-Domschule zu Reval mit dem Hauptziel, sich auf eine Militärlaufbahn vorzubereiten. Nach Bestehen der Reifeprüfung 1810 nahm er jedoch an der Universität zu Dorpat ein Medizinstudium auf, was einer Absage an die ursprünglich geplante Offizierskarriere gleichkam. Nach vierjährigem Studium wurde Baer am 10. September 1814 zum Doctor medicinae promoviert. Noch im selben Jahr begab sich Baer auf die Reise, um seine Studien an auswärtigen Universitäten und Kliniken fortzusetzen: So hielt er sich beispielsweise in Königsberg, Berlin und Wien auf. Im Herbst 1815 besuchte Baer während eines längeren Aufenthaltes die Würzburger Alma mater, wo er bei Ignaz Döllinger Embryologie und Anatomie studierte und sich immer mehr von der praktischen Medizin entfernte. In der Stadt am Main wurde Baer auch von Christian Gottfried Nees von Esenbeck geprägt, einem Botaniker und Anhänger der zeitgenössischen Naturphilosophie, sowie von Heinrich Christian Pander, der als Embryologe und Anatom auf Grund einer Anregung Döllingers die Entwicklung des Hühnchens im Ei erforschte.

Im Jahre 1817 fand Karl Ernst von Baer nach dreijähriger Wanderschaft bei dem Anatomen Karl Friedrich Burdach in Königsberg eine Anstellung als Prosektor. In den folgenden Jahren verlief Baers Karriere steil nach oben: 1819 wurde er in Königsberg zum außerordentlichen, 1822 zum ordentlichen Professor für Zoologie ernannt, und 1828 erhielt er den Titel eines Direktors des Anatomischen Instituts verliehen. Die Universität verdankt ihm die Institution eines zoologischen Museums, zu dessen Eröffnung er 1821 die wichtige Schrift Zwei Worte über den jetzigen Zustand der Naturgeschichte vorlegte. In dieser Arbeit sind die Grundsätze von Baers wissenschaftlichen Anschauungen prägnant formuliert. Ein Forschungsschwerpunkt Baers in dessen Königsberger Zeit war im Bereich der Zoologie die Entwicklungsgeschichte, deren eigentlicher Begründer er selbst ist. Auf diesem Gebiet, das bereits in Würzburg während der Zusammenarbeit mit Christian Pander Baers Interesse geweckt hatte, gelang ihm im Jahre 1827 die epochemachende Entdeckung des Säugetiereies. In der Schrift De ovi mammalium et hominis genesi epistolam ad Academiam Imperialem Scientiarum Petropolitanam, Leipzig 1827, berichtet er über sein aufsehenerregendes Forschungsergebnis. Ein weiteres Werk Baers, das überaus wirkungsmächtig war, ist das zweibändige klassische Opus magnum Über Entwickelungsgeschichte der Thiere. Beobachtung und Reflexion, Königsberg 1828 bzw. 1837. Im Jahre 1834 schied der bereits international bekannte Naturforscher Baer aus dem preußischen Staatsdienst, nahm einen Ruf der St. Petersburger Akademie der Wissenschaften an und siedelte mit seiner Familie – er hatte 1820 Auguste von Medem geheiratet – nach Rußland über, wo er länger als drei Jahrzehnte wirken sollte. An der Akademie vertrat er die Fächer Zoologie, Anatomie und Physiologie und war längere Zeit Vorstand der Bibliothek. Baer unternahm in Rußland zahlreiche Forschungsreisen, um Fauna und Flora zu studieren. So untersuchte er beispielsweise im Auftrag der Regierung das Fischereiwesen. Aber auch andere Themengebiete wie Geographie und Anthropologie – und hier insbesondere die Kraniologie – fanden sein Interesse. Dagegen stagnierten in St. Petersburg auf Grund ungünstiger Arbeitsbedingungen die Studien zur Embryologie und Entwicklungsgeschichte. Im Jahre 1867 ging Baer zurück nach Dorpat, wo er einst studiert hatte und nun seinen Lebensabend verbringen wollte. Dort verstarb der hochgeehrte Gelehrte – er war Mitglied in- und ausländischer Akademien, Inhaber angesehener Auszeichnungen sowie Träger hoher wissenschaftlicher Orden – im Alter von fast 85 Jahren.

Wichtige Schriften Baers, die seiner unermüdlichen Forschungsarbeit entsprangen, sind die Vorlesungen über Anthropologie, für den Selbstunterricht bearbeitet,Königsberg 1824, dann das Werk Der Mensch in naturhistorischer Sicht [in russ. Sprache], St. Petersburg 1851, und die von ihm mit herausgegebene Zeitschrift Beiträge zur Kenntnis des Russischen Reiches und der angrenzenden Länder Asiens, ein geographisches Periodikum, das zu St. Petersburg in 26 Bänden von 1839 bis 1871 erschien. Hervorzuheben ist des weiteren die Autobiographie Baers, welche die Konturen einer vielseitig gebildeten Persönlichkeit aufscheinen läßt: Nachrichten über Leben und Schriften des Herrn Geheimrathes Dr. Karl Ernst von Baer, mitgetheilt von ihm selbst. Veröffentlicht bei Gelegenheit seines fünfzigjährigen Doctor-Jubiläums am 29. August 1864, von der Ritterschaft Ehstlands, St. Petersburg 1865. Schließlich ist noch auf die dreibändige Ausgabe seiner Reden gehalten in wissenschaftlichen Versammlungen und kleinere [n] Aufsätze vermischten Inhalts hinzuweisen, die zwischen 1864 und 1876 ebenfalls in St. Petersburg herauskam.

Lit.: Werner Leibbrand: Baer, Karl Ernst v., in: Lexikon für Theologie und Kirche, hrsg. von Josef Höfer und Karl Rahner, I, Neudr. der 2. Aufl. Freiburg i.Br. 1957, ebd. 1986, Sp. 1234. – Roswitha Lienert: Karl Ernst von Baer und die Entdeckung des Säugetiereies, med. Diss. Würzburg 1977. – Jane Oppenheimer: Baer, Karl Ernst von, in: Dictionary of Scientific Biography, hrsg. von Charles Coulston Gillispie, I, New York 1970, S. 385-389. – Boris Evgen’evič Raikov: Karl Ernst von Baer. 1792-1876. Sein Leben und sein Werk, Leipzig 1968 (= Acta historica Leopoldina, 5) [aus diesem Werk stammt die oben reproduzierte Abb.]. – Goetz v. Seile: Baer, Edler v. Huthorn, Karl Ernst Ritter v., in: Neue Deutsche Biographie, hrsg. von der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften, I, Berlin 1953, S. 524. – Ludwig Stieda: Baer, Karl Ernst von, in: Allgemeine Deutsche Biographie, auf Veranlassung Seiner Majestät des Königs von Bayern hrsg. durch die Historische Commission bei der Königlichen Akademie der Wissenschaften, XLVI, Neudr. der Ausg. von 1902, Berlin 1971, S. 207-212. – Ders.: Baer, Karl Ernst v., in: Biographisches Lexikon der hervorragenden Ärzte aller Zeiten und Völker, hrsg. von Franz Hübotter, I, 2. Aufl. Berlin und Wien 1929, S. 282 f.– Karl Ernst von Baer, der Humboldt des Nordens. Ausstellungskatalog. Universität Gießen, Gießen 2002..– Thomas Schmuck: Baltische Genesis. Die Grundlegung der Embryologie im 19. Jahrhundert (= Relationes Bd. 2), Aachen 2009 (über Baer: S. 115–213). – Ortrun Riha, Thomas Schmuck: „Das allgemeinste Gesetz”. Karl Ernst von Baer (1792–1876) und die großen Diskurse des 19. Jahrhunderts. (= Relationes Bd. 5), Aachen 2011.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Ernst_von_Baer

Werner Gerabek

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