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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Baerwald, Lesser

Kaufmann, Fabrikbesitzer, Gründer der Lesser-Baerwald-Stiftung

* 1830, 06.10.
Nakel/Posener Land

† 1916, 23.03.
Nakel/Posener Land

Die jüdische Familie Baerwald war im Posen-Westpreußischen Grenzgebiet verbreitet. Lesser Baerwalds Großvater Leyser Lewin (* um 1770) lebte in Wongrowitz (Wągrowiec, später Provinz Posen). Um 1808 nahm er den Namen Baerwald an.

Sein Sohn Lewin Baerwald (1800-1881) begründete den Aufstieg der Familie. Seine erste Ausbildung erhielt er als Talmudschüler und war für das Rabbinerstudium bei den bedeutendsten Rabbinern der Provinz vorgesehen, doch das entsprach nicht seinen Vorstellungen.

Um 1826 beschloss er als Getreide- und Wollhändler tätig zu werden. Mit dem hierbei erworbenen Geld pachtete er von 1836 bis 1840 die Gastwirtschaft in Sosnow (Sośno, Kr. Flatow) in Westpreußen hinzu und bis 1840 hatte er ein Kapital von 6.000 Reichstalern angesammelt.

Lewin lebte damals bereits in Nakel an der Netze (Nakło nad Notecią, Kr. Wirsitz) und hatte hier 1823 Frommet Herrmann (1804-1896) geheiratet, mit der er sechs Söhne und drei Töchter bekam. Mit der Mitgift seiner Frau in Höhe von 500 Talern begann er seinen Handel mit Getreide, Wolle und Eisenwaren. Von 1844 bis 1854 war sein Schwager Heymann Lewin aus Junzewo (Juncewo, Kr. Znin) sein stiller Teilhaber. Das Unternehmen wuchs rasch um einen holzverarbeitenden Betrieb, ein Sägewerk mit Mühle und später eine Ölfabrik in Bielau bei Nakel.

Den Verkauf von Lebensmitteln und Eisenwaren in einem zum Haus gehörenden Laden gaben Lewins Kinder in den 1850er Jahren auf und widmeten sich fortan dem Getreidegroßhandel und der Holzwirtschaft.

Lesser Baerwald war der dritte Sohn des Lewin Baerwald und der Frommet Herrmann. Die Elementarschule besuchte er anfangs in Sosnow, wo der Vater damals die Gastwirtschaft betrieb, und seit April 1837 in Nakel. Er und seine Geschwister wurden schon früh vom Vater im Unternehmen beschäftigt. Lesser erhielt eine kaufmännische Ausbildung und war anschließend Reisekaufmann in Sachen Eisenwaren. Er wurde immer mehr zum Stellvertreter seines Vaters und designierter Nachfolger, denn seine Brüder gingen eigene Wege.

Der Älteste, Aron Baerwald (1826-1868), trat 1844 in die väterliche Firma ein, wurde dann aber 1848 erster Buchhalter bei der Firma Michael Levy in Inowrazlaw (Inowrocław, das spätere Hohensalza). Seit 1855 betrieb er ein eigenes Getreide- und Wollgeschäft in Bromberg (Bydgoszcz) und übernahm dann die Firma seines Schwiegervaters Moritz Meyer in Thorn (Toruń).

Der zweite Bruder, Hermann Baerwald (1828-1907), schlug eine Lehramtslaufbahn ein und wurde promovierter Gymnasiallehrer. Er konnte als Jude aufgrund der restriktiven Bestimmungen nicht in den preußischen staatlichen Schuldienst übernommen werden und wurde daher außerhalb Preußens tätig, zuletzt als Direktor am Philanthropin in Frankfurt am Main.

Lessers jüngerer Bruder Max Baerwald (1836-1878) erhielt seine Ausbildung im väterlichen Betrieb und übernahm 1857 die Leitung des Betriebes seines Bruders Aron in Bromberg, den er in die eigene Firma „Max Baerwald & Co.“ umwandelte.

Lesser Baerwald erhielt bereits Ende der 1850er Prokura im väterlichen Betrieb, in dem er bereits seit 1845 tätig war. Später erhielt er eine stille Teilhaberschaft mit 25 % Gewinnbeteiligung. Für dem Getreide- und Außenhandel bekam er ein Jahresgehalt von 150 Talern und wurde Nachfolger seines Vaters in der holzverarbeitenden Fabrik. Im Jahr 1860 erwarb er mit zwei Partnern von den Brüdern Kiehn den Schubiner Wald für 1.750.000 Taler. Der Kredit konnte bereits im Jahr 1872 abbezahlt werden. Bis zum Februar 1898 wirtschaftete er in Sozietät mit der Firma Schneidemühlen Rodemann & Wurl, die Jahresumsätze von 0,5 bis 1 Million Taler erwirtschaftete.

Im Jahr 1868 heiratete er Pauline Seligsohn (*1841), die 6.000 Taler Mitgift in die Ehe einbrachte. Mit ihr bekam er fünf Söhne und sieben Töchter.

In dieser Zeit leistete sich die Familie Baerwald bereits Reisen. Die erste Erholungs- und Vergnügungsreise unternahmen sie 1867 nach Thüringen und Frankfurt am Main, Wiesbaden, Köln bis nach Paris.

Der Betrieb weitete sein Arbeitsfeld in den folgenden Jahren immer weiter aus. 1883 übernahm sie den Ausbau eines Kasernengeländes in Prinzenhöhe bei Bromberg.

Die Holzwirtschaft brauchte ständig neue Ressourcen. Im Jahr 1886 kaufte Baerwald die Wäldern in Smoguletz (Smogulec, Kr. Wongrowitz) und Schönwäldchen in Ostpreußen, 1888 zu­dem das dortige Rittergut Grünfelde (1905 verkauft) und Groß Samoklensk (Samoklęski Duże, Kr. Schubin).

1888 erwarb er das Getreide- und Spiritusgeschäft Nathanson in Weißenhöhe (Białośliwie, Kr. Wirsitz) und 1891 das zwangs­­versteigerte Rittergut Hohenfelde (Wierzchucinek, Kr. Bromberg). Nachdem das Gut Hohenfelde vollkommen ausgebeutet war, verkaufte er es 1904 an die Königlich Preußische Ansiedlungskommission für Posen und Westpreußen.

1892 kaufte Baerwald die Wolfen & Fließ’schen Mahlmühlen in Schröttersdorf (Skrzetusko) bei Bromberg, die fortan sein Sohn Willy (*1867) betrieb.

Neben all seinen erfolgreichen wirtschaftlichen Tätigkeiten war Lesser Baerwald auch lokalpolitisch tätig. Über 40 Jahre lang war er Stadtverordneter in Nakel, zudem Kreistags- und Provinziallandtagsabgeordneter. Die Stadt Nakel ernannte ihn zu ihrem Ehrenbürger und der preußische König verlieh ihm den Roten Adlerorden IV. Klasse.

Zum Ende seines Lebens gründete er die sozial ausgerichtete Lesser-Baerwald-Stiftung, die an ihn erinnern sollte. Seine Söhne Willy, Siegmund und Arthur folgten ihm in der Firmenleitung nach.

Lit.: Lesser Baerwald, Geschichte des Hauses Baerwald, Nakel 1913. – Marion A. Kaplan, Geschichte des jüdischen Alltags in Deutschland: vom 17. Jahrhundert bis 1945, herausgegeben von Leo Baeck Institute, München 2003, S. 186. – Henryk Trybuszewski, Geschichte und Schicksal, Münster 2014, S. 130.

Bild: Baerwald, Geschichte des Hauses Baerwald, s.o.

Martin Sprungala, 2017

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