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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ballestrem, Franz Xaver Graf von

Politiker, Industrieller

* 1834, 05.09.
Plawniowitz bei Gleiwitz/Oberschlesien

† 1910, 23.12.
Plawniowitz bei Gleiwitz

Im Jahre 1742 trat Giovanni Baptista Angelo Graf Ballestrem di Castellengo, einem in Savoyen beheimateten Geschlecht entstammend, in die Armee Friedrichs des Großen ein. Er vermählte sich mit der ältesten Tochter des Freiherrn Franz Wolfgang von Stechow, Majoratsherrn auf Plawniowitz, Ruda und Biskupitz, dessen Besitz nach dem Aussterben der von Stechow im Mannesstamm an die Grafen Ballestrem fiel. Franz Xaver Graf Ballestrem, ein Urenkel des Grafen Giovanni, wurde am 5. September 1834, zu Plawniowitz geboren. Nach häuslicher Erziehung kam er auf das adlige Konvikt nach Lemberg, besuchte danach das katholische Gymnasium in Glogau und von 1851-1852 die philosophische Lehranstalt der Jesuiten in Namur, worauf er sich auf der Akademie in Lüttich von 1835-1855 dem Studium des Bergfachs widmete. Im Jahre 1855 trat er in den Heeresdienst ein und nahm an dem Feldzug gegen Österreich und am Deutsch-französischen Kriege teil. Im November 1871 schied er nach einem Sturz vom Pferde aus der Armee aus, um sich fortan der Politik zuzuwenden.

Zu Beginn der 1870er Jahre reiste er in Oberschlesien von Ort zu Ort, um dort die Zentrumspartei einzubürgern. Im März 1872 wurde er, bei einer Nachwahl, für den Kreis Oppeln in den Reichstag entsandt. Mit einer Unterbechung von 1893-1898 hatte er dieses Mandat bis zum Jahre 1906 inne. Graf Ballestrem gehörte bald zu den angesehensten Führern der Zentrumspartei. Auf den Katholikentagen seiner Heimatprovinz präsidierte er wiederholt mit Erfolg, besonders jedoch tat er sich als Präsident der Generalversammlung der Katholiken Deutschlands im Jahre 1887 in Trier hervor. Als Vorsitzender der schlesischen Zentrumspartei und des katholischen Volksvereins in Breslau leitete er die katholische Bewegung in Schlesien. Im Jahre 1890 wurde er Vorsitzender der Zentrumsfraktion und erster Vizepräsident des Reichstags, nach dem Tode von Ludwig Windthorst dessen politischer Testamentsvollstrecker. Graf Ballestrem war 64 Jahre alt, als er im Jahre 1898 zum Präsidenten des Deutschen Reichstags gewählt wurde. Von ihm heißt es, er habe getreu seinem Wahlspruch „Tue recht und scheue niemand, aber auch wirklich niemand, weder nach oben noch nach unten“ mit Entschiedenheit die Interessen des Hauses gegen Übergriffe der Regierung zu wahren gewußt. Weltmännische Formen, persönliche Liebenswürdigkeit, das Selbstbewußtsein und die durchgreifende Art des Grandseigneurs wurden ihm nachgerühmt. Als Reichskanzler Bülow im Jahre 1906, ohne vorherige Benachrichtigung des Präsidenten, den Reichstag auflöste, verließ Graf Ballestrem den Reichstag für immer. Es hat ihm an hohen Auszeichnungen nicht gefehlt: Papst Pius IX. ernannte ihn zum Geheimen Kämmerer, der König im Jahre 1900 zum Wirklichen Geheimen Rat mit dem Titel Exzellenz. Im Jahre 1903 wurde er als erbliches Mitglied in das Herrenhaus berufen.

In Schlesien war Graf Ballestrem Besitzer ausgedehnter Ländereien und wichtiger Steinkohlengruben. Die Arbeiterzahl in seinen Betrieben stieg von 1.340 im Jahre 1885 auf 5.759 im Jahre 1910, dem Todesjahr des Grafen, die Kohlenförderung im gleichen Zeitraum von 299.000 Tonnen auf 1.880.000 Tonnen. Darüber hinaus hat Graf Ballestrem mit großem Erfolg die Entwicklung von Handel und Verkehr in Oberschlesien gefördert und für seine Arbeiter Wohlfahrtseinrichtungen in großer Zahl geschaffen – Ferienkinderheime, Kinderbewahranstalten, Witwenhäuser, Arbeiterwohnhäuser, Krankenhäuser, Waisenhäuser, Erholungsgärten, eine Volksbibliothek und mit Lesezimmern verbundene Arbeiterkasinos, und, zur Hebung des Sinnes für Sparsamkeit, im Jahre 1900 ein bedeutendes Kapital gestiftet. Als Graf Ballestrem am 23. Dezember 1910 starb, verlor Deutschland einen hervorragenden Politiker, Schlesien eine um die Provinz verdiente Persönlichkeit.

Lit.: Schlesische Lebensbilder, Bd. 1: Schlesier des 19. Jahrhunderts (Breslau 1922).

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