Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Ballestrem, Franz Xaver Graf von

Politiker, Industrieller

* 1834, 05.09.
Plawniowitz bei Gleiwitz/Oberschlesien

† 1910, 23.12.
Plawniowitz bei Gleiwitz

Franz Graf v. Ballestrem, der erste schlesische Reichstagspräsident vor Paul Löbe, wurde am 5. September 1834 in Plawniowitz, Kreis Gleiwitz, als Sohn eines Großgrundbesitzers und Bergherren geboren. Seinen ersten Unterricht übernahmen Hauslehrer im elterlichen Schloss, das direkt am Ufer der Klodnitz lag und liegt, ehe er drei höhere katholische Lehranstalten in Lemberg/ Galizien, Glogau/ Schlesien und Namur/ Belgien besuchte. Seine Ausbildung schloss er an der Bergakademie in Lüttich ab.

Ballestrem schlug zunächst die Offizierslaufbahn ein und machte die Feldzüge gegen Österreich und Frankreich mit. Im Dezember 1870 stürzte er jedoch bei Chartres so unglücklich vom Pferd, dass er als Rittmeister seinen Abschied vom Militär nehmen musste. Er hätte sich nun hauptberuflich der Verwaltung seines großen Wirtschaftsimperiums widmen können, doch das wollte dem energischen und unternehmungslustigen Edelmann nicht genügen. Außerdem hatte er für diese Arbeit ja seinen Generaldirektor.

Als Ballestrem bald nach der Reichsgründung erkannte, welche Gefahren der heraufziehende „Kulturkampf“ für die katholische Kirche mit sich brachte, entschloss er sich, sie auf politischer Ebene zu verteidigen. Er half mit, die gerade erst gegründete Zentrumspartei in Schlesien aufzubauen, und da er sich dieser Aufgabe mit Geschick und Begeisterung widmete, rückte er bald zu deren Führer auf. In der ersten Ersatzwahl, die während der 1. Legislaturperiode des Reichstags in Oberschlesien notwendig wurde, konnte er im März 1872 mit einem Vorsprung von fast 6.000 Stimmen das Mandat für den Wahlkreis Oppeln gewinnen. Das war der Beginn einer steil aufsteigenden politischen Laufbahn, die ihn schließlich auf den Stuhl des Reichstagspräsidenten führte. Wie nach einem strategischen Plan eroberte der Graf, der sich auch als Politiker gern militärischer Ausdrücke bediente, mit Hilfe seiner großen Verwandtschaft sowie mit kräftiger Unterstützung durch den katholischen Klerus einen Wahlkreis nach dem anderen, bis sich 1881 ganz Oberschlesien in der Hand der Zentrumspartei befand. Mit diesem Erfolg verschaffte er sich eine bedeutende Hausmacht, die er in Berlin geschickt einzusetzen verstand.

Es dauerte nicht lange, bis der schlesische Zentrumsführer dort zu den einflussreichsten Politikern seiner Partei gehörte. Im Jahre 1890 wurde er zum Vorsitzenden der Reichstagsfraktion und auch zum Ersten Vizepräsidenten dieses Parlaments gewählt. Nach dem Tode des bayerischen Freiherrn Georg v. Franckenstein im Januar 1890 und des Hannoveraners Ludwig Windthorst im März 1891 galt er inoffiziell als Führer der Zentrumspartei. Doch nicht wenigen eher liberalen west und süddeutschen Parteifreunden erschien der ostdeutsche konservative Graf, der sich nach dem unglücklichen Kulturkampf um eine Annäherung des Zentrums an die Regierung bemühte, zu regierungsfreundlich. Bei der Abstimmung über eine Militärvorlage im Mai 1893 stimmte der größte Teil der Fraktion dagegen, Ballestrem jedoch mit nur wenigen Freunden dafür. Sein Konkurrent Ernst Lieber, der Führer des liberalen Flügels, übernahm nun die Parteiführung. Der oberschlesische Magnat, der Sprecher des konservativen Flügels, schied daraufhin enttäuscht aus dem Reichstag, doch gehörte er weiterhin dem Preußischen Abgeordnetenhaus an.

Nach fünf Jahren war der parteiinterne Streit vergessen, so dass Ballestrem den Bitten nicht nur von Parteifreunden, sondern auch des Breslauer Kardinals Kopp, mit dem er in ständiger Verbindung stand, im Herbst 1898 nachgab und sich wieder in den Reichstag wählen ließ – diesmal in seinem Heimatwahlkreis LublinitzTostGleiwitz. Doch auch jetzt wollte sich der ehrgeizige Graf nicht mit einem einfachen Parlamentssitz zufrieden geben. Da die Reichstagswahl für die Zentrumspartei günstig ausgefallen war, hatte sie gute Aussichten, das Präsidium zu erhalten. Am 7. Dezember 1898 wählte der Reichstag mit dem Grafen Ballestrem erstmals einen Schlesier zu seinem Präsidenten. (Der 1879 nur wenige Monate amtierende Otto v. Seydewitz, Oberpräsident der Provinz Schlesien 18791894, war Wahlschlesier.) Die acht Jahre, in denen Ballestrem bis Dezember 1906 dem Reichsparlament präsidierte, sind geprägt von einer einträchtigen Zusammenarbeit seiner Partei mit der Regierung, so wie er sie sich bereits seit dem Ende des Kulturkampfes gewünscht hatte. Da er seines Amtes mit Würde, Toleranz, Gerechtigkeitssinn und auch Humor waltete, galt er trotz gelegentlicher nicht unberechtigter Kritik bald als der beste Präsident, den der Reichstag bisher gehabt hatte. Reichskanzler Bernhard v. Bülow nennt ihn in seinen Denkwürdigkeiten „einen verständigen, ausgezeichneten und prächtigen Mann von politischer Einsicht und edler Gesinnung sowie mit schlagendem Mutterwitz“. Und selbst die Sozialdemokraten, die der streng konservative Aristokrat erbittert bekämpfte, konnten nicht umhin, ihm für seine Amtsführung Hochachtung auszusprechen. Philipp Scheidemann bezeichnet ihn in seinen Memoiren als „einen fabelhaft geschickten, strengen Mann mit viel Humor“.

So wie Ballestrem schon in seiner eigenen Partei bei Meinungsverschiedenheiten als Vermittler eingeschaltet wurde, so suchte er auch auf hoher Ebene zum Ausgleich und zu Kompromissen beizutragen. Mehrmals fuhr er im politischen oder kirchlichen Auftrag zu Papst Leo XIII. nach Rom. In Berlin hatte er oft Gelegenheit, mit dem Kaiser zu sprechen. In einer Audienz, die ihm Wilhelm II. im Januar 1890 gewährte, regte er gesetzliche Regelungen zum Arbeiterschutz an. (Er selbst ließ für seine Arbeiter in Ruda eine Wohnsiedlung und in Ziegenhals ein Erholungsheim bauen.)

Wohl jede Versammlung, die Ballestrem leitete, schloss er mit einem Hoch auf Kaiser und Papst. (Manchmal war die Reihenfolge umgekehrt.) Das tat er „als guter Preuße und strammer Katholik“, wie ihn der schon zitierte Reichskanzler Bülow bezeichnete. Die Religion hatte für ihn eine überaus große Bedeutung. Von ihr wurde das Leben in seinem prächtigen Schloss wesentlich geprägt. Der Graf hielt sich einen eigenen Schlosskaplan. Nicht nur an kirchlichen Festen wurde die Geistlichkeit der Umgebung eingeladen. Mit ihr feierte dann der gastfreundliche Schlossherr zusammen mit seiner großen Familie und dem langjährigen Generaldirektor Pieler – der oft auch mit seiner Familie – einträchtig zusammen. Im evangelischen bzw. liberalen Berlin dagegen, wo es so ein „katholisches Milieu“ nicht gab, gehörte Mut dazu, sich offen zu seinem Glauben zu bekennen. Und der schlesische Graf besaß diesen Mut auch außerhalb der Hedwigskirche, die den Mittelpunkt des Berliner katholischen Lebens bildete. Als Reichstagspräsident empfing er in seiner Dienstwohnung Geistliche, die in ihrer Soutane oder ihrem Ordenskleid bei ihm anklopften, um Spenden für karitative Zwecke zu erbitten. Ein solcher Bekennermut mag bei Andersgläubigen gewiss manche Verwunderung hervorgerufen, ihm andererseits aber auch Achtung verschafft haben. Es ist sicher nicht übertrieben festzustellen, dass Ballestrem zusammen mit dem diplomatisch geschickten Breslauer Kardinal Kopp erheblich dazu beigetragen hat, den Katholizismus in der Reichshauptstadt und gerade auch bei Hofe „salonfähig“ zu machen. Dass der oberschlesische Graf auch auf deutschen Katholikentagen aufgetreten ist, erübrigt sich beinahe zu bemerken. Denjenigen in Trier im Jahre 1887 hat er präsidiert. In Schlesien organisierte er übrigens mit gleichgesinnten Adligen zwischen 1874 und 1891 insgesamt 14 regionale Katholikentage.

Zwei wenig oder gar nicht bekannte Aspekte aus dem Leben dieses bedeutenden oberschlesischen Magnaten sollten nicht übersehen werden, zumal sie abermals seine Rolle als Vermitt ler unterstreichen. Ballestrem war ein typischer schlesischer Katholik, der ein wenig den Habsburgern „nachtrauerte“. Er lenkte gerne „seine Schritte nach Süden“ so wie Eichendorffs „Taugenichts“. Alle seine neun Kinder schickte er zumindest für einige Jahre in österreichische Internate, die sechs Söhne zu Jesuiten nach Feldkirch in Vorarlberg, die drei Mädchen nach Wien zu Nonnen. Vielleicht ist es auch nicht übertrieben zu behaupten, dass der Graf wie so viele seiner katholischen Landsleute „mit dem Kopf“ offen in Berlin, aber „mit dem Herzen“ heimlich in Wien lebte. Beide inneren historisch bedingten Tendenzen suchte er – im Alltag ein Realist – geradezu symbolträchtig zu vereinigen: In seinem Schloss ließ er, „der gute Preuße und stramme Katholik“, Gemälde der Habsburgerkaiserin Maria Theresia und ihres Gemahls aufhängen, und nicht weit davon stellte er später die Statuen der Hohenzollernkaiser Wilhelm I. und Friedrich III. auf.

Der zweite Aspekt betrifft die Mittlerrolle zwischen Ost und Westdeutschland. So wie seine Religion, so bekannte Ballestrem offen auch seine regionale Herkunft„als waschechter Oberschlesier, mit dem Wasser der Klodnitz getauft“, wie er sich einmal vorstellte. Auf jedem Katholikentag, den er besuchte, überbrachte er Grüße „aus dem Osten, aus Schlesien, von der Oder“. Er hatte vermutlich den sicher nicht falschen Eindruck, dass die Ostprovinzen im Westen und in der Mitte wenig bekannt waren und kaum besucht wurden. Ohnehin fühlten sich die ostdeutschen Katholiken, Hunderte von Kilometern weit entfernt von ihren west und süddeutschen Glaubensbrüdern, etwas abgehängt und verlassen. Ballestrem dachte als Patriot „gesamtdeutsch“ und reagierte stets allergisch, wenn der „Osten“ auf irgendeinem Gebiet vernachlässigt oder übersehen wurde. Energisch forderte er im Preußischen Abgeordnetenhaus die Errichtung einer Technischen Hochschule in Breslau, die endlich im Jahre 1910 geschaffen wurde. In jeder Hinsicht vertrat der Graf im Reichs, im Landes und im Regionalparlament – das war der Schlesische Provinziallandtag – die Interessen seiner Heimatprovinz.

Ebenso wie das Plawniowitzer Schloss hat auch das 20bändige Tagebuch, das Ballestrem zwischen 1885 und 1908 gewissenhaft Tag für Tag führte, die Kriegs und Nachkriegszeit überstanden. Auf über 6.000 Seiten ist nachzulesen, was er in diesen 24 Jahren für mitteilenswert gehalten hat. Das umfangreiche Diarium belegt auch, dass sich der Magnat eben doch hauptsächlich der Politik und nicht der Verwaltung seines Wirtschaftsimperiums widmete, das er bei dem tüchtigen Generaldirektor Franz Pieler in guten Händen wusste. (Unter dessen Leitung erhöhte sich sowohl die Kohleförderung als auch die Zahl der Arbeiter Jahr für Jahr geradezu sprunghaft – und dementsprechend freilich auch der Gewinn.) Zwar gibt es nicht wenige Memoiren von Zeitgenossen des Kaiserreiches, aber kein so ausführliches Tagebuch. Deswegen gilt Ballestrems 20bändiges Diarium als eine gar nicht hoch genug einzuschätzende Quelle für die Geschichte des deutschen Parlamentarismus, des politischen Katholizismus, des Adels und ganz besonders für die Geschichte Schlesiens.

Lit.: Hermann Ehren: Franz Graf von Ballestrem, Breslau 1935. – Helmut Neubach: Franz Graf von Ballestrem, ein Reichstagspräsident aus Oberschlesien, Dülmen 1984. – Ostdeutsche Gedenktage 1984, S. 176278.

Quelle: Das Tagebuch des Grafen Franz von Ballestrem, hrsg. v. H. Neubach (im Druck).

Abb.: Archiv der Kulturstiftung

Helmut Neubach

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.