Kulturportal
Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Barzel, Rainer Candidus

Jurist, Politiker

* 1924, 20.06.
Braunsberg/Ostpr.

† 2006, 26.08.
München

Für die Familie Barzel aus dem ermländischen Braunsberg war Ostpreußen schon vor Beginn des Zweiten Weltkriegs Geschichte, denn Vater Candidus Barzel war als Oberstudienrat in die Reichshauptstadt Berlin versetzt worden, Ehefrau Maria war ihm mit den sieben Kindern gefolgt. Die Stadt Braunsberg war der wichtigste Umschlagplatz an der Ostsee für ermländische Waren wie Getreide, Flachs und Leinwand. Das katholische Fürstbistum Ermland war von 1466 bis 1772 der polnischen Krone unterstellt und wurde dann, nach der ersten Polnischen Teilung, säkularisiert und in das 1701 gegründete Königreich Preußen eingegliedert.

Rainer Barzel, als fünftes von sieben Kindern geboren, besuchte für ein Jahr das 1925 gegründete Jesuiten-Gymnasium Canisius-Kolleg in Berlin-Tiergarten, das 1940 von den Nationalsozialisten geschlossen wurde, und wechselte dann ans humanistische Luisen-Gymnasium, wo er 1941 das Notabitur ablegte. Er wurde zur „Wehrmacht“ eingezogen und schon 1943, mit 19 Jahren, zum Leutnant der Luftwaffe bei den Marinefliegern ernannt. Bis zum Kriegsende war er in Flensburg, in den norwegischen Städten Trondheim und Tromsö und am Schwarzen Meer stationiert. Bei Evakuierungsflügen aus der Stadt Sewastopol auf der Halbinsel Krim konnte er 40 deutsche Soldaten vor der Kriegsgefangenschaft retten. Er wurde im Krieg mit dem „Eisernen Kreuz“ (II. Klasse) und mit der „Goldenen Frontflugspange“ ausgezeichnet. In den letzten Kriegswochen war er Lufttaktiklehrer an der Marineschule in Kiel. Seit 1959 war er Oberleutnant zur See der Reserve in der Bundesmarine.

Nach der Entlassung aus britischer Gefangenschaft fuhr Rainer Barzel mit seiner Verlobten Kriemhild zu seinen künftigen Schwiegereltern nach Köln und nahm dort noch 1945 ein Studium der Rechtswissenschaft und der Volkswirtschaft auf, das er 1949 mit dem Staatsexamen und dem Doktorat abschloss. Im Jahr zuvor schon hatte er seine Verlobte Kriemhild Schumacher geheiratet.

Seine berufliche Laufbahn begann der Jurist Rainer Barzel 1949 als Verwaltungsbeamter in Nordrhein-Westfalen und wurde 1953 kommissarischer Leiter der Vertretung dieses Bun­deslandes in Bonn, 1954 wurde er CDU-Mitglied und 1955 im Rang eines Ministerialrats Berater und Redenschreiber des CDU-Politikers Karl Arnold (1901-1958), des Ministerpräsidenten von Nordrhein-Westfalen 1947/56.

Bei der Bundestagswahl am 27. September 1957, als die CDU/CSU die absolute Mehrheit erringen konnte, gewann er ein Mandat im Wahlkreis Paderborn-Wiedenbrück und zog in den Bundestag ein, wo er 1960 Mitglied des Fraktionsvorstandes und Mitglied des Bundesvorstandes wurde. In den Jahren 1962/63 war Rainer Barzel für zehn Monate (14. Dezember 1962 bis 11. Oktober 1963) Bundesminister für gesamtdeutsche Fragen und wurde dann von Erich Mende (FDP) abgelöst. Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Bundestsag wurde er 1964, stellvertretender Vorsitzender des Bundes-CDU 1966, zum CDU-Bundesvorsitzenden wurde er, in Konkurrenz zu Helmut Kohl, 1971 gewählt. Das „konstruktive Misstrauensvotum“, das er am 27. April 1972 gegen Willy Brandt (SPD) einbrachte, aber scheiterte. Nach dem Mauerfall 1989 wurde bekannt, dass mindestens zwei Bundestagsabgeordnete vom „Ministerium für Staatssicherheit“ in Ostberlin bestochen worden waren, für Willy Brandt zu stimmen.

Von dieser politischen Niederlage hat sich Rainer Barzel nie wieder erholt, zumal er auch im Privatleben mehrere Schicksalsschläge erlitt: Am 27. März 1977 nahm sich seine einzige Tochter Claudia im Alter von 28 Jahren in Mainz das Leben, am 25. Oktober 1980 starb seine Frau Kriemhild an Leukämie. Am 24. Oktober 1982 heiratete er die Politologin Dr. Helga Henselder (1940-1995), die Vorsitzende der 1962 gegründeten Organisation „Deutsche Welthungerhilfe“, die am 25. Dezember 1995 bei einem Verkehrsunfall starb.

Noch einmal wurde er 1982 unter Bundeskanzler Helmut Kohl zum Bundesminister für innerdeutsche Beziehungen ernannt und 1983 mit dem Amt des Bundestagspräsidenten betraut. Am 25. Oktober 1984 erklärte er seinen Rücktritt und nahm seinen Abschied von der Politik.

Als Rentner fuhr er 1987 in seine Geburtsstadt Braunsberg und drehte dort einen Film Zu Besuch, aber nicht als Fremder, am 24. Mai 1997 heiratete er in dritter Ehe die Schauspielerin Ute Cremer (1952). Für die Feier seines 80. Geburtstags in München, wo er inzwischen lebte, konnte er als Festredner den Freund und Wegbegleiter Helmut Schmidt (1918-2015) gewinnen.

Am 26. August 2006 starb er in München, die sterblichen Überreste wurden auf den Zentralfriedhof nach Bonn-Bad Godesberg überführt. Am 22. September 2006 fand im Plenarsaal des Bundestages in Berlin ein Trauerstaatsakt statt.

Rainer Barzel hat eine Reihe von Auszeichnungen erhalten, darunter das „Große Verdienstkreuz mit Stern und Schulterband“ (1968) und das „Großkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ (1973).

Bild: Konrad-Adenauer-Stiftung.

Jörg Bernhard Bilke, 2017

Wünschen Sie Änderungen oder Ergänzungen? Dann schreiben Sie uns dies bitte mit Angabe der betreffenden Person.