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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Behring, Emil Adolf von

Mediziner, Bakteriologe, Chemiker

* 1854, 15.03.
Hansdorf, Kr. Rosenberg/Westpr.

† 1917, 31.03.
Marburg/Lahn

Als am 10. Dezember 1901 erstmals Nobelpreise verliehen wurden, erhielt den Nobelpreis für Medizin Professor Dr. Emil Adolf von Behring, Marburg, und den für Physik Professor Dr. Wilhelm Röntgen, München. Zwei Deutsche, deren Namen noch heute international bekannt sind.

Emil von Behring stammt aus einer Lehrerfamilie im Kreis Rosenberg/Westpreußen. Sein Vater August Georg hatte dort im Dorf Hansdorf bei Deutsch-Eylau die Lehrerstelle. Das Schulhaus des kleinen Dorfes, das zum Domänenbesitz des Regierenden Fürsten Reuß j. Linie gehörte, war das Geburtshaus des Nobelpreisträgers. Da das Lehrergehalt sehr gering war, mußte der Vater des begabten Jungen auch 18 Morgen Ackerland bewirtschaften. Emil Adolf Behring war das fünfte von zwölf Geschwistern. Seine schnelle Auffassungsgabe fiel früh auf. Der Vater schickte ihn daher zur Stadtschule in das einige Kilometer entfernte Deutsch-Eylau, denn der Sohn sollte der Familientradition folgend Lehrer werden. Da der Pfarrer im benachbarten Raudnitz in ihm jedoch eher einen künftigen Geistlichen sah, bereitete er Emil Adolf auf den Besuch des Gymnasiums vor, das dieser dann auch mit zwölf Jahren ab 1866 in Hohenstein/Kr. Osterode in Ostpreußen besuchte und 1874 nach bestandenem Abitur verließ. Allerdings wollte der Abiturient weder Lehrer noch Pfarrer werden – sondern Arzt. Da für das Studium kein Geld zur Verfügung stand, gelang es ihm mit Hilfe von Gönnern, am 2. Oktober 1874 das Studium am Medizinischen und Chirurgischen Friedrich-Wilhelm-Institut in Berlin, der hoch angesehenen „Pepinière“ (Pflanzenschule), aufzunehmen. Vorrausetzung hierfür war die Verpflichtung, nach erfolgreich abgeschlossenem Studium dem Staat, der fast alles bezahlte, längere Zeit als Militärarzt zu dienen. Vier Jahre später promovierte Behring, erhielt die Approbation und wurde Unterarzt unter anderem beim 4. Posenschen Infanterieregiment 59 in Posen und danach beim Westpreußischen Kürrassierregiement Nr. 5 in Schlesien. Seitdem verfügte er über ein zwar bescheidenes aber eigenes Einkommen.

Da die Seuchenbekämpfung für Militärärzte von besonderer Bedeutung war, wandte sich Behring bald stärker der Bakteriologie zu. Bereits 1882 trat er erstmals hierzu mit einer wissenschaftlichen Arbeit publizistisch hervor. In diesem Jahr formte sich seine Persönlichkeit und sein Biograph Prof. Dr. Richard Bieling stellte später fest: „Das Individuum begann, sich seiner Einzigartigkeit bewußt zu werden.“

Als Militärarzt in Winzig/Kr. Wohlau, wo er nebenbei auch eine privatärztliche Tätigkeit ausübte, wurde ihm bei einer Diphterie-Epidemie klar, wie wenig die Medizin wirklich helfen konnte. Er führte an erkrankten Kindern Luftröhrenschnitte aus, was ihn nicht zufriedenstellte. Im Jahre 1885 bestand er das Kreisarztexamen; 1887 wurde er zum Stabsarzt befördert und zur weiteren Ausbildung nach Bonn an das Pharmakologische Institut kommandiert. Dort veröffentlichte er sein erstes größeres Buch. Im selben Jahr wurde er zum ordentlichen Mitglied der Niederrheinischen Gesellschaft für Natur- und Heilkunde berufen. Von 1888-1894 war die Hauptstadt Berlin sein Dienstort. Ab 1889 war Behring dort Assistent von Robert Koch, dem Entdecker des Tuberkelbazillus und Begründer der medizinischen Bakteriologie. Seine Forschungsergebnisse aus diesen Jahren waren für Behring das Fundament seiner Lebensarbeit. Am 4. Dezember 1890 wurde die Öffentlichkeit mit der Arbeit „Über das Zustandekommen der Diphtherie-Immunität und der Tetanus-Immunität bei Tieren“ bekannt gemacht. Darin heißt es, es sei gelungen, „sowohl infizierte Tiere zu heilen wie die gesunden vorzubehandeln, dass sie später nicht mehr an Diphtherie bzw. Tetanus erkranken.“ Dieses Forschungsergebnis stellte Behring zusammen mit dem Japaner Dr. Shibasaburo Kilasato vor. Ähnliche Veröffentlichungen folgten, wie auch der Streit mit anderen Forschern. Behring schrieb 1894 dazu, es komme ihm vor allen darauf an, kranke Menschen zu heilen und krankheitsbedrohte zu schützen. Er war ein besessener Forscher mit einer kompromisslosen Kämpfernatur und mit immer neuen Aufgaben und Zielen. Auf seine eigene Gesundheit achtete er nicht. 1883 erschien sein Werk „Das neue Diphtheriemittel“, 1894 „Die Geschichte der Diphtherie“ und 1901 unter anderem sein Hauptwerk „Die Diphtherie“. Selbstbewußt stellte er fest: „Mein Diphtherieheilserum hat kein Analog in der Geschichte der Medizin.“ Das erste nach Behrings Angaben von den Höchster Farbenwerken hergestellte Serum reichte für die ganz schweren Fälle noch nicht aus. Aber bereits 1897 betrug die Heilungsziffer 97 %. Das Ausland wurde auf Behring aufmerksam wie z.B. in Paris die Bakteriologen Pièrre P. Emil Roux und der Russe Elias Metschnikoff. Das Behring-Serum wurde im In- und Ausland patentiert, zuletzt 1898 in Amerika.

Dem Forscher waren zu dem Zeitpunkt bereits zahlreiche Ehrungen zuteil geworden. Der preußische Staat jedoch war auch damit sparsam. Er hatte Behring lediglich den Professorentitel verliehen. Zum Wintersemester 1894 war der Stabsarzt zum außerordentlichen Professor an der Universität Halle ernannt und dort mit der Wahrnehmung des Ordinariats für Hygiene betraut worden. Die Aufgabe in Halle brachte ihm weder besonderen Erfolg noch machte sie ihm Freude. In der Folge wurde er Direktor des Hygienischen Instituts an der Universität in Marburg. Behring war nun Ordinarius und Institutsdirektor. Die Ernennung zum Geheimen Medizinalrat folgte.

In Marburg fühlte sich der Westpreuße wohl. Er heiratete die Tochter des Verwaltungsdirektors der Berliner Charité. Als der erste Sohn geboren wurde schrieb Behring: „Der Junge kriegt seinen Rufnamen Friedrich nach meinem Großvater und nach unserem König, der vor 120 Jahren die Behrings in Westpreußen angesiedelt hat.“ Bald vergrößerte sich seine Familie.

In Deutschland waren 1894 genau 89.548 Menschen und weltweit hunderttausende an der Tuberkulose gestorben. Behring suchte nach einem Gegengift, dem Antituberkulin, blieb dabei aber erfolglos. Zehn Jahre später, 1904, machte Behring aus seinem privaten Forschungsinstitut ein selbständiges Unternehmen, zunächst zur Verwertung seiner neuen Forschungsergebnisse unter anderem für die Tuberkulosebekämpfung und auf dem Gebiet der Milchhygiene, später auch zur Serumherstellung. Aus diesem Werk entstanden in Marburg die Behring-Werke. Als Behring am 31. März 1917 im Alter von 63 Jahren starb, war er Ehrenmitglied von etwa 35 wissenschaftlichen Körperschaften des In- und Auslandes. Er war Wirklicher Geheimer Rat, Exzellenz und Ehrenbürger von Marburg. Der Sohn des Schulmeisters aus Hansdorf bei Deutsch-Eylau war am 18. Januar 1901 von Kaiser Wilhelm II. und König von Preußen sogar in den erblichen Adelsstand erhoben worden.

Emil Adolf von Behring hatte die Diphtherie, den „Würgeengel der Kinder“, besiegt und trug den Ehrennamen „Retter der Kinder“. Sein Tetanus-Serum war das Schutzmittel gegen Wundstarrkrampf, mit dem er bereits im Ersten Weltkrieg unzähligen Soldaten das Leben rettete. Viele nannten ihn daher den „Retter der Soldaten“. Vor Einführung seines Serums hatte die Tetanussterblichkeit bei 88 % gelegen.

Die Bekanntgabe der Nobelpreisverleihung an Emil von Behring am 30. Oktober 1901 „für seine Arbeiten über Serumtherapie und besonders für deren Anwendung gegen Diphtherie, wodurch er einen neuen Weg auf dem Gebiet der medizinischen Wissenschaft gebahnt und dem Arzt eine zwingende Waffe im Kampf gegen Krankheit und Tod gegeben hat“, war in Deutschland mit Begeisterung aufgenommen worden. In Marburg erinnert in einer kleinen Grünanlage gegenüber der Elisabethkirche ein Denkmal an Emil Adolf von Behring. In seinem Geburtsort Hansdorf wurde die nach 1945 abgebrannte Schule in sehr ähnlicher Form wieder aufgebaut, die alte beschädigte Erinnerungstafel aus einem Stall geholt, an der ursprünglichen Stelle wieder angebracht und darunter durch eine zweite Tafel ergänzt, welche die Inschrift der Tafel aus deutscher Zeit in polnischer Übersetzung wiedergibt. Vor dem Schulhaus steht eine imposante Behring-Büste. In dem Gebäude wird den Kindern und den Besuchern sowohl im Treppenhaus als auch in einem kleinen Gedächtnisraum der Nobelpreisträger durch eine ständige Emil-von-Behring-Ausstellung vorgestellt, die in Verbindung mit dem westpreußischen Heimatkreis Rosenberg von der Gesellschaft der deutschen Minderheit Deutsch-Eylau betreut wird. Um den Vorschlag des Nachkommen Dr. Otto von Behring aus dem Jahre 2001, in der Marburger Villa des großen Forschers das Arbeitszimmer und die umfangreiche Bibliothek wieder herzurichten und damit ein kleines Behringmuseum zu schaffen, ist es allerdings wieder still geworden.

Lit.: H. Zeiss und R. Bieling: Behring – Gestalt und Werk, Berlin-Grunewald 1941. – Bruno Schulz: Behring zum Gedächtnis, Berlin-Grunewald 1942. – Behring-Archiv Marburg: Dokumente eines großen Lebens als Arzt und Forscher – Emil von Behring, Marburg/Lahn. – Dr. Richard von Bieling: Der Tod hatte das Nachsehen, Bielefeld 1954. – Dr. Hans Bernhard Meyer: Emil von Behring in DER WESTPREUSSE 17/18, Lübeck 1957. – Walter Schussaus: Bahnstation Raudnitz, in: Große Ost- und Westpreußen, München 1959. – H. von Behring: 75 Jahre Serumtherapie im Fortschritt der Medizin, Gauting 1966. – Wolfgang Bartsch: Zäher Kampf gegen Würgeengel, Die Welt, Hamburg, 12.03.1979. – John Halding: Emil von Behring, Lübecker Nachrichten, 02.04.1967. – Georg Carol: Emil von Behring entwickelte Diphterieserum, Bremer Nachrichten, 19.03.1975. – Hans-Jürgen Schuch: Emil von Behring – Besieger von Diphterie und Wundstarrkrampf, Münster 1967. – Jürgen Ostermeyer: Mit dem Krankheitsgift die Krankheit verhindern, FAZ 31.03.1992. – Hans- Jürgen Schuch: Emil von Behring – Zur ersten Verleihung des Nobelpreises für Medizin 1901, DER WESTPREUSSE, Münster, 08.11. 2001. – Sonja Kastilan: Behring war der erste Biotech-Unternehmer, Die Welt, 26.11.2001.

Bild: Westpreußen-Archiv Münster

Hans-Jürgen Schuch

 

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