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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Belger, Herold

Schriftsteller

* 1934, 28.10.
Engels


Herold Belger, 1934 in Engels, der Hauptstadt der Wolgadeutschen Republik, geboren, wurde 1941 nach Kasachstan in einen entlegenen Weiler namens Aul verbannt, wo er eine kasachische Mittelschule besuchte. Er studierte an der philologischen Abteilung des kasachischen pädagogischen Abai-Instituts in Alma-Ata, war dann Russischlehrer und anschließend Mitarbeiter der kasachischen Literaturzeitschrift „Schuldys“, bis er 1964 freischaffender Autor und vor allem auch Übersetzer wurde. Seit 1971 ist er Mitglied des kasachischen Schriftstellerverbandes. In dieser Eigenschaft fühlt er sich auch verantwortlich für die russlanddeutsche Literatur. Deren Entwicklung verfolgt er aufmerksam und er begleitet sie mit Rezensionen und Essays.

Die Russlanddeutschen, denen in der Sowjetunion das Anrecht auf territoriale Autonomie verweigert wurde, die mithin nicht über ein eigenes Schulwesen und ein entsprechendes lebendiges Kulturleben verfügten, verloren vor allem im sprachlichen Bereich viel von ihrer ursprünglichen Mentalität und Identität. Herold Belger ist selbst ein anschauliches Beispiel dafür. Da auch er wie viele seiner Landleute die eigene Muttersprache Deutsch – bis zu seinem siebenten Lebensjahr vor der Deportation beherrschte er sie noch fließend – in der Verbannung nicht mehr pflegen konnte, nahm seine muttersprachliche Sprachkompetenz erheblich ab. Heute spricht er Kasachisch – er gilt als Experte für die diffizilsten Feinheiten der kasachischen Literatursprache – dann folgt Russisch, in welchem er mühelos schreibt und in welches er mit viel Geschick und Sensibilität aus dem Kasachischen und Deutschen übersetzt, und erst an dritter Stelle folgt dann seine eigentliche Muttersprache, in der er große Anstrengungen unternehmen mußte, um sich sowohl umgangssprachlich wie dann später auch literarisch ausdrücken zu können. Seine deutschsprachigen literarischen Werke sind deshalb ein rührender Beweis emotionalen Wiedererlernens des beinahe Verlorengegangenen,

In dem Standardwerk „Anthologie der sowjetdeutschen Literatur“, in drei Bänden 1981/82 in Alma-Ata erschienen, schrieb Belger für den dritten Band, der der Prosa gewidmet war, die Einleitung: Der Versuch eines differenzierten Überblicks über die rußlanddeutsche Prosa bis zu diesem Zeitpunkt. Eine Reihe von Rezensionen waren der Einleitung waren vorausgegangen, in denen Belger mitunter große Konzessionen an Partei- und Staatsfunktionäre machte, vielleicht auch machen mußte. Im Laufe der Perestrojka und des Umbruchs wurde er indes immer kritischer. Eines seiner letzten Essays über die rußlanddeutsche Literatur „Sie besteht dessen ungeachtet“ erschien 1993 in der Anthologie „Barfuß liefen meine Kinderträume – Deutsche Stimmen aus Kasachstan“. Hier macht sich Herold Belger tiefgehende Sorgen über die Chancen dieser Literatur. Trotz aller Schicksalsschläge – Schweigejahre in der Verbannung, Benachteiligung danach, Probleme auch nach dem Umbruch und nicht zuletzt nach der Aussiedlung eines großen Teils der russlanddeutschen Bevölkerung in die Bundesrepublik Deutschland kommt er zu der Schlußfolgerung, daß rußlanddeutsche Literatur auch weiterhin bestehe. Von den anderthalb Dutzend ernstzunehmenden Autoren, die er aufzählt, sind sicherlich beachtenswert der Prosaautor Viktor Klein, der Lyriker Robert Weber, der Dramatiker Viktor Heinz und der Literaturkritiker Woldemar Ekkert, um nur die bekanntesten Vertreter ihrer literarischen Gattung anzuführen. Auch die Kinderliteratur von Nora Pfeffer, Ewald Katzenstein und dem österreichischen Zuwanderer Sepp Österreicher (alias Boris Brainin) sind Belger zufolge von nicht zu unterschätzender Bedeutung. Nicht zufällig betrug indes das Durchschnittsalter der rußlanddeutschen Autoren im Jahre 1993, also zum Zeitpunkt des Erscheinens von Belgers Essay, bereits 66 Jahre. Es handelte sich durchweg um Personen, die noch vor dem Zweiten Weltkrieg deutsch lernen konnten. Wirklicher Nachwuchs war kaum vorhanden. Gleichwohl gab Belger der rußlanddeutschen Literatur noch eine Chance für die Zukunft.

Was Belgers eigenes literarisches Werk anbelangt, sind vor allem seine zahlreichen Übersetzungen – insgesamt über 200 – aus dem Kasachischen und Deutschen ins Russische sehr beachtlich. Seine eigenen Werke schreibt er auf kasachisch, russisch und deutsch. Die im dritten Band des Standardwerkes „Anthologie der sowjetdeutschen Literatur“ enthaltene Erzählung „Am Meerbusen Tustschi-Bas“ kann anschaulich ebenso Belgers literarische Möglichkeiten wie auch seine zeittypischen Schwächen und Versäumnisse aufzeigen. Mit viel Sinn für die eigenartige Schönheit der Übergangsgegend von der Steppe zum „Meer“, dem Aralsee, verknüpft Belger dort Naturbeschreibung mit der Schilderung der Sitten und Bräuche der Menschen, die vormals nomadisierten und sich dann als seßhafte Fischer am Ufer des Aralsees niederließen. Belger gelingt es mit viel Einfühlungsvermögen, komplexe Beziehungen der uralten Sitten und Bräuchen verhafteten Menschen zueinander dem Leser nahe zu bringen. Er schildert eine fast archaisch anmutende Harmonie von Mensch und Natur. Heute indes hat sich die kasachische Idylle um den Aralsee bekanntlich zu einer Umweltkatastrophe unbeschreiblichen Ausmaßes verwandelt. Obwohl es hierfür bereits zur Zeit der Veröffentlichung der Anthologie Anzeichen gab, ignorierte sie der Autor. Dennoch sollte man die unbestreitbare Leistung dieser rußlanddeutschen Prosa Herold Belgers, die einen Einblick in eine unbekannte, zum Teil archaisch unberührte Welt gewährt, nicht übersehen. Ihr Hauptmangel, die drohende Katastrophe einer die Realität außer Acht lassenden Planwirtschaft nicht angesprochen zu haben, sollte als eine zeittypische Schwäche Belgers betrachtet werden, zumal anderes die Zensur kaum zuließ.

Bild: www.wolgadeutsche.net

Ingmar Brantsch

 

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