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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Beranek, Franz Josef

Germanist, Judaist

* 1902, 08.08.
Lundenburg/Mähren

† 1967, 11.08.
Gießén

Viele sudetendeutsche Gelehrte waren nach der Vertreibung sehr von ihrer Heimat geprägt. Das galt auch von Prof. Dr. Franz J. Beranek, der 1902 im südmährischen Lundenburg geboren war, „eine deutsche Insel im tschechisch sprachigen Umland, Heimat auch einer relativ großen jüdischen Gemeinde. Deutsche, Slawen und Juden, ihre Sprache, Geschichte und gegenseitige Beeinflussung wurden die Generalthemen von Beraneks Arbeiten“. So umriss Horst Kühnel als Beraneks Schüler, Assistent und späterer Freund in einem Nachruf für Beranek dessen Heimat Lundenburg. Heute denken vertriebene Südmährer meist nur an das Deutschtum und an die deutsche Kultur der Landkreise an der österreichischen Grenze: Neubistritz, Nikolsburg, Zlabings und Znaim. Doch die heutige Region Südmähren in Tschechien reicht über Brünn im Norden hinaus bis Boskowitz und umfasst Städte, die zwar im tschechisch sprachigen Gebiet lagen, aber bis zur Vertreibung der Deutschen auch große deutsche Persönlichkeiten hervorbrachten, auch deutschschreibende Juden. Auch Lundenburg gehört dazu.

Beranek besuchte bis zur Matura das deutsche Staatsgymnasium in Lundenburg und begann sein Studium der Slawistik und Germanistik zunächst in Wien, um es dann an der Deutschen Universität in Prag fortzusetzen. Dort wurde er vom Prager Germanisten Erich Gierach entscheidend geprägt, der in der Zwischenkriegszeit die mehrbändigen Sudetendeutschen Lebensbilder herausgegeben hatte. Nach der Dissertation arbeitete Beranek an tschechischen Schulen als Deutschlehrer, und zwar in Rakonitz, Neuhaus und Pardubitz. Er nutzte auch Gelegenheiten zu deutschen Sprachinselfahrten in die Slowakei und in die damals zur Tschechoslowakei gehörigen Karpato-Ukraine, nach Polen, Ungarn und in die in der Zwischenkriegszeit selbständigen Staaten des Baltikums.

Bereits 1927 begegnete er auf seinen Studienfahrten auch vielen Juden, die noch Jiddisch sprachen und schrieben und die bald sein Interesse für diesen Ableger und Nahsprache des Deutschen weckten. Nach dem Münchner Abkommen vom Jahre 1938 und der Angliederung des Sudetenlandes an das Deutsche Reich war Beranek als Studienrat in den deutschen Staatsdienst übernommen worden und erhielt vom Deutschen Kulturverband in Prag den Kulturpreis für Volkskunde. Während des Krieges arbeitete er am Institut für Heimatforschung der Slowakeideutschen in Käsmark und wurde nach der Habilitation Dozent in Prag, wo der Kriegsausgang weitere Pläne zunichtemachte und Beranek als Vertriebener nach Hessen ausgesiedelt wurde. Seit 1947 war er im höheren Schuldienst in Hessen tätig, bis er zum Leiter des Sudetendeutschen Wörterbuch berufen wurde und er sich an der Justus-Liebig-Univer­sität Gießen umhabilitieren konnte. Leider beendete bereits am 11. August 1967 der Tod die Arbeit dieses Wissenschaftlers.

Horst Kühnel hat Beraneks Leistungen auf vier Forschungsgebieten veranschaulicht: Dialektologie, Geschichte, Ortsnamenkunde und Jiddistik. Beranek hat an allen Orten seines Wirkens in der alten Heimat geforscht und die teilweise fast ausgestorbenen Mundarten alter Sprachinseln für die Nachwelt erhalten, so etwa in seiner Arbeit über die untergegangene schlesische Sprachinsel bei Pardubitz oder über die Habaner. Großes hat Beranek für die Erforschung germanisch-slawischer Kulturverflechtung geleistet und vor allem auf seinem großen Forschungsgebiet des Jiddischen, für das er einen Sprachatlas schuf, der auch das Sudeten-Jiddisch umfasst. Jiddisch wurde auch „wajberdajtsch“ genannt, da meist nur die Männer in der Synagoge Hebräisch lernten. Im 19. Jahrhundert erschienen dann auch erste Gebetbücher „für israelitischen Weiber und Jungfrauen“ in Hochdeutsch wie das von Fanny Neuda aus Lostitz in Mähren.

1941 veröffentlichte Beranek Die jiddische Mundart Nordost­ungarns. Für das germanistische Handbuch und Standardwerk Deutsche Philologie im Aufriss schrieb er den Beitrag über Das Jiddische und Jiddische Literatur und für das Reallexikon der deutschen Literaturgeschichte über Die fränkische Landschaft des Jiddischen. Schließlich erschien 1965 der Jiddische Sprachatlas. Ähnlich verdient machte sich Beranek als Leiter des Sudetendeutschen Wörterbuches.

„Geboren und aufgewachsen im Vielvölkerstaat der Donaumonarchie, zeigte er sich Problemen nicht nur des eigenen Volkes, sondern auch denen anderer Nationalitäten stets aufgeschlossen. Wissenschaftler war er im Sinne der alten Universitas.“ So charakterisierte ihn Horst Kühnelt.

Lit.: H. Kühnelt, Prof. Dr. Franz J. Beranek. Ein bedeutsamer sudetendeutscher Wissenschaftler, 1902-1967, in: Sudetendeutscher Kulturalmanach VIII, München 1974. – Mündliche Auskünfte von H. Kühnelt, der Teile seines Nachlasses besitzt.

Rudolf Grulich

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