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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Bergmann, Gustav von

Pastor, Schriftsteller, Volksaufklärer

* 1749, 28.903.
Neuermühlen bei Riga

† 1814, 30.06.
Rujen/ Livland

Bergmann gehört in die erste Reihe der baltischen Volksaufklärer, die sich als protestantische Pfarrer auf der Basis eines noch universell verstandenen Gelehrtentums dem gesamten Land und seiner Bevölkerung zuwandten. Dazu gehörte sowohl die lebenspraktische Zuwendung als Pfarrer und Arzt zu den Letten seiner Gemeinde als auch das Studium der Landesgeschichte und die Verbreitung seiner Kenntnisse.

Als Sohn des Landpfarrers Balthasar Bergmann (1703-1768) und dessen Frau Anna Elisabeth Depkin (1712-1784) in Neuermühlen in Livland 1749 geboren, wurde Gustav zunächst von Hauslehrern unterrichtet. Ab seinem 15. Lebensjahr besuchte er dann das Wilhelm Ernst Gymnasium in Weimar, wo er Ende September 1763 laut Matrikel in die zweite Klasse aufgenommen wurde. Das Studium der Theologie und auch der Naturwissenschaften nahm Bergmann am 1. Oktober 1767 auf der Universität Leip­zig auf. Geprägt wurde er durch den aufklärerischen Theologen Johann August Ernesti (1707-1781). Seine Begeisterung für die Naturwissenschaften weckte offensichtlich Johann Heinrich Winckler (1703-1770), der sich als Experimentalphysiker einen Namen machte. Bergmann besaß eine ungewöhnliche Begabung für Sprachen. Schon in der Schule hatte er Französisch gelernt, jetzt kamen Hebräisch, Englisch, Spanisch und Italienisch hinzu. In Leipzig verkehrte er freundschaftlich mit der Familie Breitkopf, für deren Verlag er auch übersetzte. Am studentischen und kulturellen Leben in der Stadt nahm der Student lebhaften Anteil. Ein Zusammentreffen mit dem gleichaltrigen Goethe endete in einer Schlägerei, bei der er den aufstrebenden Dichter am Arm verletzte.

Im März 1770 nahm Bergmann seinen Abschied von der Universität und erreichte Ende Mai wieder Riga. Schon Anfang September des Jahres erhielt er die Zulassung zum Predigtamt und verbrachte dann die Kandidatenzeit in Riga, wo er mit Loder und Brotze bekannt wurde und sich den Freimaurern anschloss. Im Juni 1771 erreichte ihn dann der Ruf in das Pastorat Arrasch bei Wenden. Hier suchte er sich in der Tochter seines verstorbenen Amtsvorgängers, Beata Elisabeth Meder (1753-1827), die auf Gut Blussen ganz in der Nähe lebte, seine Braut. Bereits am 18. August 1771 wurde geheiratet; am 17. November des Folgejahres kam das erste Kind, der Sohn Balthasar, zur Welt. Insgesamt zehn Kinder, sieben Söhne und drei Töchter, sollten ihm geschenkt werden, von denen lediglich eine Tochter im Kindesalter starb.

Nach seiner Berufung in das Pastorat Salisburg im Juni 1780 musste Bergmann feststellen, dass dort nicht nur die Bibel und das neuere Kirchenschrifttum wenig verbreitet waren, sondern teilweise auch noch heidnisches Brauchtum gepflegt wurde. Mit der Familie des russischen Staatsmannes Jakob Johann von Sievers, der in der Nähe von Salisburg auf Gut Bauenhof lebte, pflegte er engen Kontakt, besonders Peter von Sivers war er freundschaftlich verbunden, wie Gelegenheitsdichtungen dokumentieren. Wohl aufgrund der großen Entfernung von den Druckereien in Riga, Dorpat und Reval entschloss er sich 1782 zur Gründung einer Privatdruckerei. Lediglich elf Titel sind hier bis 1785 gedruckt worden, dann wechselte Bergmann in das nicht weit entfernte Pastorat Rujen.

Dort übernahm er Ende März die Amtsgeschäfte. Gemeinsam mit seinen Brüdern Balthasar und Liborius erwarb Gustav jetzt den römischen Reichsadel, der mit Diplom vom 8. Juli 1787 von Kaiser Joseph II. in Wien verliehen wurde. In Rujen entfaltete Bergmann seine ganze Tatkraft. Das Pfarrhaus wurde zum Zentrum gebildeter Kreise und des Gemeindelebens. Eine enge Freundschaft verband ihn mit dem Generalsuperintendenten Christian David Lenz in Riga, wo er sich durch sein Amt als Assessor des livländischen Oberkonsistoriums (ab 1807) häufiger aufhielt. In diesem Amt setzte er sich nachdrücklich für den Auf- und Ausbau des Volksschulwesens ein. Eine bedeutende Rolle kommt Bergmann als Vermittler zwischen Deutschen und Letten zu. Er trat für die Aufhebung der Leibeigenschaft ein und wandte sich dann gegen eine gesellschaftliche Spaltung, hatte vielmehr aus der Perspektive des Predigers und Patrioten immer das Zusammenstehen im Blick.

Angesichts des damaligen Mangels an Ärzten widmete er sich ebenfalls der Tätigkeit als Landarzt bei seinen Gemeindemitgliedern und auch beim Adel. Schon in Arrasch hatte er begonnen, sich mit der Pocken-Impfung zu beschäftigen, die er dann in Salisburg und Rujen fortsetzte und eine neue Methode erfand, um die Nebenwirkungen gering zu halten. So impfte er in 30 Jahren etwa 12.000 Personen, darunter ca. 8.000 Kinder, und erhielt zur Anerkennung 1802 von Zar Alexander I. eine goldene Medaille. 1806 wurde er zum Ehrenmitglied der naturforschenden Gesellschaft zu Moskau ernannt.

Seine intensive Beschäftigung mit der lettischen Sprache, die ihm von klein auf vertraut war, entsrpang einerseits dem allgemeinen sprachlichen Interessse, wurde andererseits aber dadurch befördert, dass er von seinem Urgroßvater Liborius Depkin (1652-1708), einem der besten Kenner des Lettischen im 17. Jahrhundert, wichtige Manuskripte geerbt hatte. In dieser Tradition veröffentlichte Bergmann verschiedene lettische Schriften für die protestantische Glaubensunterweisung und lebenspraktische Hilfestellungen, beteiligte sich an der dritten lettischen Bibelausgabe und am Gesangbuch. Darüber hinaus bemühte er sich, die Mentalität und Kultur der Letten, wie sie sich in den Volksliedern offenbahren, zu erfassen. So stammt von ihm die erste Zusammenstellung und Veröffentlichung lettischer Volkslieder (1807/08). Er gilt als einer der fruchtbarsten und zu seiner Zeit beliebtesten lettischen Schriftsteller.

Die kleine Druckerei fand zusammen mit einer stattlichen Büchersammlung, die auch eine große Bibelkollektion enthielt, in einem eigens errichteten Holzhaus Platz. Mit einer Unterbrechung in den Jahren 1798-1800, als auf Anordnung der Regierung alle Privatdruckereien geschlossen wurden, entstanden bis 1810 insgesamt 156 Druckwerke in Rujen. Neben zahlreichen Gelegenheitsgedichten und -reden auf die eigene Familie sowie Freunde und Bekannte in der Nachbarschaft legte Bergmann eine Sammlung livländischer Provinzialwörter vor, druckte Almanache und Tafelkalender, verschiedenste Übersetzungen, das Vaterunser in 152 Sprachen, ein Verzeichnis seiner Bibelsammlung und vieles mehr. Große Beachtung fanden die von ihm veranstalteten Nachdrucke von seltenen oder bis dahin ungedruckten historischen Schriften. Allerdings waren die Auf­lagen in aller Regel sehr gering, Bergmann sah die Drucke ledig­lich als Gabe für Freunde an.

Wegen Alters und Kränklichkeit erhielt Bergmann 1804 seinen Sohn Benjamin als Adjunkt. Nach längerer Krank­heit starb er 1814 auf seinem Pfarrhof in Rujen, wo er am 7. Juli auch begraben wurde. Der Sohn Benjamin übernahm jetzt das Pfarramt Rujen, das dann an Enkel und Urenkel überging. Das 100jährige Jubiläum des Amtsantritts in Rujen wurde 1885 mit einem großen Familientreffen gefeiert. Die zu diesem Anlass erschienenen Schriften belegen immer wieder die nachhaltige Bedeutung Gustav Bergmanns auf den zahlreichen Tätigkeitsfeldern.

Werke: (Übers.) Reisen eines Franzosen oder Beschreibung der vornehmsten Reiche in der Welt … hrsg. vom Hrn. Abte Delaporte, 36 Tle, Leipzig 1768-91. – (Hrsg.) Jauna Latweeschu Spreddigu-Grahmata …, 5. Ausg., Mitau 1770; 6. Aufl., Mitau 1823 [lett. Postille]. – (Übers.) E. S. Rowe, Die Freundschaft im Tode, in Briefen von Verstorbenen an Lebende, nebst anderen moralischen und unterhaltenden Briefen, Frankfurt, Leipzig 1770. – Kristiga Tizzibas mahziba, Leipzig 1772 [christl. Glaubenslehre, weitere Aufl. Rujen 1786, 1787 u. 1803]. – Geschichte von Livland, nach Bossuetischer Art entworfen, Leipzig 1776. – Sendschreiben an das livländische Publikum, seine kürzlich im Druck erschienene Geschichte betreffend, Riga 1776. – Das Gebeth des Herrn oder Vaterunsersammlung in hundert zwey und fünfzig Sprachen, o.O. 1781 u. Rujen 1789. – (Hrsg.) Remarken der ewigen Zeit oder Pique Daus von dem Repetirer aller guten Sachen diesseits des Europäischen Teutschlands, Rujen 1784. – Sammlung livländischer Provinzialwörter, Salisburg 1785. – Collectio integrorum Bibliorum eorumque partium … Ordine linguarum alphabetico, Rujen 1786. – Swehti Stahsti, Rujen 1786; Riga 1794-95 [lett. bibl. Geschichten]. – Almanach des Ruienschen Kirchspiels […], Rujen 1786-88. – Kaspar Schöntaubens, Mahlers und Künstlers zu Gumbinnen, neue Erfindungen, Rujen 1787. – Biblia ordine linguarum alphabetico, Rujen nach 1788. – O sancto evangelho de nosso senhor Jesu Christo […], Rujen 1788. – (Hrsg.) Voltaire, La Henriade. Poème et dix chants, 2 Tle., Rujen 1788-89 [Vorrede und „Leben Voltaires“ von GB.]. – (Hrsg.) Voltaire, Zadig ou la destinée, histoire orientale, Rujen 1789. – (Übers.) Voltaire, Sadi, seu inexsuperabilis vis fati. Historia fabularis. E gallico in latinum conversa, Rujen 1789. – Erklärung der im Zadig vorkommenden Französischen Wörter, Rujen 1790. – Urian Henning Pitt. Ein Heldengedicht. In 6 Gesängen, Rujen 1790. – (Übers.) Labbu sinnu un padohmu Grahmata, Widsemneekeem par labbu istaisita, Riga 1791; ebd. 1792 [Nach Rudolf Zacharias Beckers Noth- und Hülfsbüchlein]. – (Hrsg.) Dionysii Fabricii, […], Livonicae Historiae Compendiosa Series In quatuor digesta partes, 2. Aufl., Rujen 1795. – Zweyter Versuch eines Beitrags zur Riga’schen Kirchengeschichte, Riga 1794. – Ta Bihbele jeb tee swehti Deewaraksti tahs wezzas un jaunas Derribas […] Latweeschem […], Riga 1794 [lett. bibl. Geschichten]. – (Hrsg.) Augustinus Eucaedius, Aulaeum Dunaidum, [Wittenberg 1564], Rujen 1794. – (Hrsg.) Balthasar Bergmann, Fata Livoniae, [Weimar 1755], Rujen 1794. – Die ersten Kapitel der Bibel. Von den Patriarchen vor der Sündenfluth geschrieben. Urschrift von Seth, Enoch, Noah und Sem, Rujen 1796. – (Hrsg.) Nicolaus Specht, Oratio de Livonia [Wittenberg 1630], Rujen 1796. – (Übers.) Traduction d’une extravagance de Francois Rabelais, Rujen 1796. – (Hrsg.) Thomas Horner, Livoniae historia [Wittenberg 1592], Rujen 1802. – Vita Davidis ab Hilchen, Secretarii Regis Poloniae et Notarii Terrestris Vendensis, Rujen 1803. – (Hrsg.) David Hilchen, Clypeus innocentiae et veritatis [Zamosc 1604], Rujen 1803. – (Hrsg.) David Hilchen, Vita illustris, ac magnifici herois Georgi Farensbach, Palatini olim Vendensis [Zamosc 1609], Rujen 1803. – (Hrsg.) David Hilchen, Livoniae supplicantis ad S. Regiam Maiestatem …, Oratio [Krakau 1597], Rujen 1804. – Sammlung ächt lettischer Sinngedichte [Erste Sammlung Lettischer Sinngedichte; Zweyte Sammlung Lettischer Sinn- oder Stegreifsgedichte], Rujen 1807-08. – (Hrsg.) David Hilchen, Epicedion memoriae et honori magnifici et generosi domini Georgii Schenking [Zamosc 1604], Rujen 1807. – (Hrsg.) David Hilchen, Honori herois Zamoscii [Helmstedt 1605], Rujen 1807. – (Mitarb.) Kristigas Dseesmas, Widsemmes basnizâs un mahjâs dseedamas, Riga 1809 [lett. Gesangbuch]. – (Hrsg.) Spanischer und portugiesischer Dolmetscher, Rujen 1810. – (Hrsg.) Reimchronik Ditleb’s von Alnpeke, Ruien o.J. – Von der Lebensart und Leibeigenschaft der heutigen Letten [Hs., zw. 1771 u. 1780]. – Lettisch-deutsches Wörterbuch [unvollendete Hs. in 3 Folio-Bänden]. – lett. Grammatik [Hs., Entwürfe und Vorarbeiten]. – ca. 30 Gelegenheitsschriften.

Lit.: F.K. Gadebusch, Livländische Bibliothek, Riga 1777, Bd. I, S. 52-53. – Nordische Miscellaneen 4 (1782) S. 164; 11 (1786) S. 378-379. – K.E. Napiersky, Fortgesetzte Abh. v. Livl. Gechichtschreibern, Mitau 1824, S. 25-28 u. 149. – Recke/Napiersky, Schriftsteller- und Gelehrtenlexikon I (1827) S. 134-141. – Napiersky/Beise, Schriftsteller- und Gelehrtenlexikon, Nachträge und Fortsetzungen I (1859) S. 53. – E. v. Bergmann, Das Säcularfest der Familie von Bergmann in der Pfarre Rujen, Berlin 1885. – A. Buchholtz, Die Säcularfeier der Familie von Bergmann in Rujen, (Aus der „Rigaschen Zeitung“), Riga 1885. – A. Buchholtz, Gustav Bergmanns in Salisburg und Ruien erschienene Drucke, Riga 1885. – E. v. Bergmann, Von unseren Vorfahren. Eine Familien-Chronik, Bd. 1, Berlin 1896, S. 140–246. – H. Schaudinn, Deutsche Bildungsarbeit am lettischen Volkstum des 18. Jhs., München 1937. – Goedeke 5 (1893), S. 448; 7 (1900) S. 470; 15 (1966) S. 78-80. – Arveds Švabe: Kāda mācitāja dzīve [Ein Pfarrerleben], Stockholm 1958. – Deutschbaltisches Biogr. Lexikon (1970, 21998) S. 56. – Die evangelischen Prediger Livlands bis 1918. Hrsg. von M. Ottow u. W. Lenz, Köln/Wien 1977, S. 171. – M. Redlich, Lexikon deutschbaltischer Literatur, Köln 1989, S. 46-47. – F. Scholz, Die Literaturen des Baltikums, Opladen 1990, S. 158-160 u.ö. – K. Taal, Gustav Bergmann ja tema memoriaalkogu Tartu Ülikooli Raamatukogus [Gustav Bergmann und seine Privatbibliothek in der UB Tartu], in: Tartu Ülikooli Raamatukogu töid 11 (2000), S. 108–116. – Latviešu rakstniecība biogrāfijās, Rīga 2003, S. 71-72. – Gottz­mann/Hörner, Lexikon der deutschsprachigen Literatur des Baltikums und St. Petersburgs, Berlin u.a. 2007, Bd. I, S. 214-217. – K. Garber, Schatzhäuser des Geistes, Köln u.a. 2007, S. 93-94 u.ö.

Bild: Bergmann, Vorfahren, nach S. 140.

Martin Klöker

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