Sohn eines jüdischen Schullehrers aus dem kleinen Städtchen Obersitzko in Posen, ein Autodidakt, der das Unterrichten und Predigen vom Vater erlernte, dank seines Eifers und Talents sich ein immenses Wissen aneignete und einer der international angesehensten Hebraisten seiner Zeit wurde.
Früh verwaist, war Berliner seit 1858 Religionslehrer und Prediger im neumärkischen Arnswalde, bevor er 1873 Dozent für jüdische Geschichte und Literatur am neugegründeten (orthodoxen) Rabbinerseminar in Berlin wurde und 1903, anläßlich seines 70. Geburtstages, durch die preußische Regierung den Professorentitel erhielt. Berliner begründete seinen Ruf als Gelehrter durch die erste kritische Ausgabe des Raschi-Kommentars zu den Fünf Büchern Mose, dem Pentateuch, der jüdischen Thora(Raschi lebte von 1040-1105, sein Pentateuch-Kommentar war das erste gedruckte hebräische Buch, Reggio 1475). Diese Ausgabe erschien 1866, in der zweiten Auflage 1905. Berliner wurde, auf Veranlassung des protestantischen Theologen Franz Delitzsch, Dr. phil. h.c. der philosophischen Fakultät Leipzig.
Unter Berliners zahlreichen, z. T. grundlegenden theologischen Abhandlungen und Aufsätzen ragen seine kritische Ausgabe des Targum Onkelos hervor (aramäische, den Pentateuch umfassende Bibelübersetzung aus dem 2. Jh. n. Chr.), die 1884 erschien, sein Buch „Aus dem Leben der deutschen Juden im Mittelalter“, 1871, schließlich seine zweibändige „Geschichte der Juden in Rom“ aus dem Jahre 1893. Erwähnung verdient ferner das von Berliner seit 1874 (bis 1893) herausgegebene Magazin für jüdische Geschichte und Literatur (später unter dem Titel Magazin für die Wissenschaft des Judentums). Berliner hat auf vielen Reisen, nach Italien, Paris, Oxford und Leyden, ein umfangreiches archivalisches und epigraphisches Material gesammelt und durch Veröffentlichung wieder zugänglich gemacht. Theologisch galt der Gelehrte als ein charaktervoller Vertreter eines streng orthodoxen Judentums.
Weitere Werke: M. Hildesheimer, A. Freimann, Birkat Avraham, Festschrift zu B.s 70. Geburtstag, 1903, mit Bibliographie; Aus meiner Knabenzeit, in: Jahrbuch für jüdische Geschichte und Literatur 16, 1913, S. 165-90.
Lit.: S. Grünberg, A. Berliner, 1912 (hebräisch); Jahresbericht des Rabbinerseminars Berlin für das Jahr 1915; S. Eppenstein – J. Wohlgemuth, in: Jeschurun, 1915, S. 457-480; Deutsches Biographisches Jahrbuch I (Überleitungsband 1914-1916); S. Wininger, Große Jüdische National BiographieI, Czernowitz 1925, S. 330f.; Jüdisches Lexikon I, hrsg. v. G. Herlitz und B. Kirschner, 1927, S. 898-900; Encyclopaedia Judaica, 1928-34.
Ernst-Edmund Keil


