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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Bienkowski-Andersson, Hedwig

Aphorismenautorin, Dichterin, Schriftstellerin

* 1904, 08.03.
Ljungbyhed/Schweden

† 1984, 30.12.
Hochstetten/Daun

Eine schwedische Ermländerin oder eine ermländische Schwedin? Schon der erste Blick auf den Geburtsort vermittelt den Eindruck des Ungewöhnlichen. Hedwig Andersson kam am 8. März 1904 als 2. Kind auf dem Familiengut in Ljungbyhed zur Welt, das der Vater Ernst Andersson bewirtschaftete. Mutter Hedwig, eine geborene Herrmann und Gutsbesitzertochter, stammte aus Grünhof(f) im Kreis Rössel. Beide Elternteile hatten 1902 geheiratet.

Die Anderssons saßen seit bald 400 Jahren auf ihrem Familienbesitz in Skåne, der südlichsten und landwirtschaftlich reichsten Provinz Schwedens. Aus der Familie gingen nicht nur Landwirte hervor, sondern auch ein Superintendent und ein Professor, wie die Chronik verzeichnet.

Im Alter von 20 Jahren war Vater Ernst bei den Jesuiten im nicht so weit entfernt gelegenen Kopenhagen zum katholischen Glauben konvertiert. Kurz vor der Geburt des 3. Kindes, der späteren Malerin Ingrid Wagner-Andersson, entschloß er sich, mit seiner Familie ins Ermland überzusiedeln.

Das hatte zwei wesentliche Gründe. Der eine war, daß er im lutherischen Schweden nicht das gläubige Milieu für die Erziehung seiner Kinder zu finden meinte und vermutlich als Konvertit in seiner Umgebung ziemlich allein stand. Der andere, vielleicht sogar schwerwiegendere, lag in dem großen Heimweh, unter dem seine Frau litt. So verpachtete er zunächst sein Gut, um mit der Familie im Oktober 1905 nach Allenstein umzuziehen. Hier erwarb er ein damals noch am südwestlichen Stadtrand gelegenes, großes Grundstück mit einem ehemaligen Gutshaus darauf. Das Haus war geräumig genug, um die schließlich auf acht Geschwister angewachsene Kinderschar zu beherbergen: es waren fünf Mädchen und drei Jungen. 1912 reiste der Vater mit den beiden ältesten Töchtern Maria (Mia) und Hedwig (Heta) nochmals nach Schweden, um sein Gut zu verkaufen.

Hedwig hatte die Frömmigkeit vom Vater, die Liebe zur Musik und Lyrik von der musikalisch überdurchschnittlich begabten Mutter geerbt; Eigenschaften, die ihr Leben prägten. Nach Besuch der Volksschule und der Absolvierung des damals zehnklassigen Allensteiner Lyzeums, der Luisen-Schule, folgte der Eintritt ins Lehrerinnen-Seminar, das sie aber schon ein Jahr später, 1922, verließ, um den Baumeister Hugo Bienkowski zu heiraten. Sie bezogen ein eigenes, auf einer Eckparzelle des väterlichen Grundstücks erbauten Haus in der späteren Hohensteiner Straße.

Hedwigs Anlagen wurden nicht zuletzt gefördert durch den frühen Zugang zur großen väterlichen Bibliothek, die ein örtlicher Buchhändler als die „größte und wertvollste der Stadt“ bezeichnete. Sie enthielt eine Reihe religionswissenschaftlicher Werke, handgeschriebene Kräuterbücher, einen Paracelsus, vor allem aber die Werke der großen Russen des neunzehnten Jahrhunderts. Schon bald begann sie eigenes zu schreiben. Ihre frühen Gedichte lassen sich bis 1927 zurückverfolgen, als sie dem Tod der geliebten und mit ihr innig verbundenen Mutter Verse widmete, welche die „Germania“ – eine zwölfmal wöchentlich in Berlin erscheinende, auch im Ermland vielgelesene Zeitung – erstmals druckte. Dieser für die Dreiundzwanzigjährige tiefgehende Verlust war denn auch der entscheidende Anstoß für ihre Dichtung. Regelmäßig veröffentlichten das „Allensteiner Volksblatt“ wie auch die „Christliche Familie“ in jedem Monat ihre Gedichte. Ihre „Kleine Schwalbe“ überflog als erste die Grenze ins österreichische „Sonnenland“, wo ihre Verse neben denen des damals so bekannten österreichischen Dichters und Schriftstellers Richard Schaukal auf einer Seite gedruckt waren. Das war als Anerkennung zu werten und konnte ihre Skepsis gegenüber den Produkten aus eigener Feder vermindern.

Als nach 1933 die Bauaufträge der öffentlichen Hand für das Baugeschäft Bienkowski ausblieben, entschloß sich der Ehemann zu dessen vorübergehender Schließung. Die Bienkowskis zogen 1939 in den Kreis Heilsberg, wo sie sich zwischen den beiden Paupelseen (zwischen Gr. Buchwalde und Münsterberg) ein Landhaus gebaut hatten. Über Pommern führte sie 1945 die Flucht vor den Sowjets nach Schweden. Auch dort war die Zeit recht schwierig, da der Ehemann keine Existenzmöglichkeit fand. So kehrten sie 1949 nach Deutschland zurück und ließen sich in Hochstetten bei Kirn, dem Wohnsitz ihrer Malerschwester Ingrid Wagner-Andersson nieder.

Hugo Bienkowski gab 1955 seine Arbeit endgültig auf. Seine „Sehnsucht zur ostpreußischen Heimat“ verzehrte ihn, wie Georg Hermanowski schreibt. Als er acht Jahre später tödlich verunglückte, war Hedwig Bienkowski-Andersson ganz auf sich allein gestellt. Nun fand sie den Weg auch zur Prosa, besonders aber zum Aphorismus, jener knappen, prägnanten Formulierung eines Gedankens.

Ihr Dichten sei die Erfüllung ihrer Einsamkeit geworden, sie empfinde es dankbar als ihren „schönen Lebensabschluß“, schrieb sie einmal. Das Schaffen war von tiefer Religiosität erfüllt und Heimatliebe geprägt, es findet sich in Anthologien, Zeitschriften, Zeitungen und Kalendern. 1966 veröffentlichte sie „Unvergessenes Jugendland“, die Erinnerungen an ihre Jugend in Allenstein, eine lebendige, einfühlsame Schilderung des Familienlebens und das zugehörige Stadtkolorit aus dem Anfang des 20. Jahrhunderts. 1969 kamen ein Gedichtband „Geliebtes Leben“, 1973 die Aphorismen „Vertrauen sieht überall Licht“, 1978 ihr Gesamtwerk mit Lyrik, Prosa, Aphorismen, ein Jahr später die Bildgedichte heraus. Geehrt wurde die Schriftstellerin mit der Verleihung der Literaturpreise der VWM Amsterdam (1975) und AWMM Zürich (1979), des Nicolaus Copernicus-Preises der Allensteiner Patenschaft Gelsenkirchen-Allenstein und der Verdienstplakette des Nahekreises.

Hedwig Bienkowski-Andersson war Mitglied der Künstlergilde, des deutschen Schriftstellerverbandes, der Gemeinschaft Allensteiner Kunstschaffender und gehörte zum Freundeskreis um die Lyrikzeitschrift „Das Boot“.

Lit.: Adressbuch der Regierungshauptstadt und des Kreises Allenstein, hrsg. von W. E. Harich, Ausgabe 1913, Allenstein 1913. – Allensteiner Heimatbrief, 199/1985. – Hedwig Bienkowski-Andersson: Unvergessenes Jugendland, in: Ruth Maria Wagner (Hrsg.), Im Garten unserer Jugend, Erinnerungen an eine Stadt, Hamburg 1966. – Einwohnerbuch von Allenstein 1936, hrsg. vom Verlag W. E. Harich, Allenstein 1936. – Georg Hermanowski: Hedwig Bienkowski-Andersson und der Aphorismus, in: Msgr. Kewitsch (Hrsg.): Bausteine zur Kultur – Allensteiner Profile, Sonderdruck des „Allensteiner Heimatbriefs“, o.O., 1975. – Kürschners Deutscher Literaturkalender 1973, 1978, 1981, 1984. – Archiv „Das Ostpreußenblatt“, Hamburg.

Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Hedwig_Bienkowski-Andersson

Bild: Heimatmuseum „Der Treudank“, Allenstein e.V.

Ernst Vogelsang

 

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