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Stiftung deutscher Kultur im Östlichen Europa - OKR Kulturstiftung der deutschen Vertriebenen

Bilke, Jörg Bernhard

Journalist, Publizist

* 1932, 10.02.
Berlin


Wenn es jemanden gibt, der sich mit den Geschehnissen im Nachkriegsdeutschland, mit der traurigen Geschichte der Vertreibungen und mit der wechselvollen Geschichte der ehemaligen deutschen Ostgebiete auskennt, dann ist es Jörg Bernhard Bilke.

Dr. Jörg B. Bilke – dieser Name bürgt für Lesbarkeit. Und für Genauigkeit und Präzision, Tausende – wahrscheinlich Zehntausende – von Artikeln sind es, die dieses Signum tragen, und das wird hoffentlich noch lange so bleiben.

Geboren wurde Jörg Bernhard Bilke am 10. Februar 1937 in Berlin-Moabit. Ostern 1937 zogen die Eltern nach Rodach bei Coburg, wo der Vater eine kleine Glanzgoldfabrik betrieb. Drei Schwestern kamen hinzu, und wenn man Jörg Bilke von seiner Kindheit erzählen hört, hat man den Eindruck, es war eine geradezu paradiesische Zeit – er berichtet darüber in seinen Lebenserinnerungen. Das humanistische Gymnasium Casimiri­anum in Coburg überstand er nicht so glatt, darum wechselte er von 1955 bis 1958 auf die Oberschule nach Kirchheim/Teck bei Stuttgart, Ostern 1958 machte er sein Abitur und begann sofort mit dem Studium der Klassischen Philologie, der Germanistik und der Geschichte an der Freien Universität Berlin, wohin es ihn – auch heute noch – immer wieder zog. Ein unruhiger Geist, setzte er seine Studien sodann in Mainz fort, blieb seinen Fächern treu und arbeitete mit an der Studentenzeitung „nobis“. Darin – und das sollte sein Schicksal werden – veröffentlichte Jörg Bilke 1961 sieben DDR-kritische Artikel.

In der DDR-Literatur, das muss der obigen Laudatio hinzugefügt werden, kennt er sich aus wie kein zweiter – wahrscheinlich reichte allein dieser Umstand damals schon dem Staats­sicherheitsdienst der DDR zur Observierung des jungen Mannes: am 9. September 1961 verhafteten sie ihn während der Buchmesse auf dem Karl-Marx-Platz in Leipzig, er wurde zu dreieinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. Statt der Hörsäle deutscher Universitäten waren nun triste Gefängniszellen seine Bleibe, in Torgau, Rositz bei Altenburg, Leipzig und schließlich im berüchtigten Zuchthaus Waldheim. Es war eine Zeit, die er nie vergessen wird! In der er unter seinen Leidensgenossen Freunde gewann und mit den Abgründen menschlicher Verhaltensweisen konfrontiert wurde. Auch über diese Zeit berichtet er in Lesungen und Vorträgen, und seine Zuhörer werden nie enttäuscht. Bilke weiß spannend zu erzählen – das zuweilen überbordende Detailwissen tut dem keinen Abbruch. Teurer Jörg Bilke: am 25. August kaufte ihn die Bundesregierung in Bonn für 40.000 DM frei. Weitere 800 Häftlinge konnten im Tausch gegen 32 Millionen DM das Staatsgebiet der Deutschen Demokratischen Republik verlassen.

Bilke setzte sein Studium in Mainz fort, arbeitete acht Monate lang als Deutschlehrer in Västergötland in Schweden – eine Zeit, an die er sich immer noch gern erinnert – und begann mit Veröffentlichungen im Hörfunk und in Zeitungen.

Für wiederum acht Monate ging er an die Indiana University in Bloomington/Indiana als Gastdozent für DDR-Literatur. Sein dortiger Chef war der 1935 in Liegnitz geborene Schlesier Prof. Dr. Louis F. Helbig, der das Institute of German Studies leitete und 1988 das bis heute unübertroffene Buch Der ungeheure Verlust. Flucht und Vertreibung in der deutschsprachigen Belletristik der Nachkriegszeit veröffentlichte. In den nächsten zwei Jahren war Bilke mit seiner Dissertation beschäftigt, man muss nicht lange raten, welchem Thema er sich widmete: einer Dichterin aus der DDR, Anna Seghers in ihrem Frühwerk 1926/32. Während dieser Zeit arbeitete er bereits als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Ost-Akademie in Lüneburg, eine berufliche Ausrichtung, der er treu bleiben sollte. In diesen 18 Monaten verschaffte er sich einen großen Überblick über Leben und Kultur in ehemaligen deutschen Gebieten, die seit dem Zweiten Weltkrieg zum Ostblock gehören.

Es folgten zehn Monate als Kulturredakteur bei der WELT in Bonn, Tätigkeit bei der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat und bei Inter Nationes, wiederum eine Anstellung in der Ost-Akademie in Lüneburg und eineinhalb Jahre bei der Bundeszentrale für Politische Bildung in Bonn.

Und nun wurde der Umtriebige sesshaft, von 1983 bis 2000 war Jörg Bilke Chefredakteur der Kulturpolitischen Korrespondenz in der Stiftung Ostdeutscher Kulturrat in Bonn. Eine Zeit, in der er viel schrieb, viel bewegte, vieles anstieß, reiste und – um eine abgegriffene Metapher zu benutzen – „am Puls der Zeit“ blieb. Ganz besonders stolz ist er auf sein im Sommer 1995 erschienenes Sonderheft über die DDR-Schriftsteller, die aus den alten Ostgebieten stammten: Verlorenes Leben, verdrängte Geschichten. Ostdeutsche Autoren in Mitteldeutschland 1945-1995 (112 Seiten).

Schade, dass es kein Fernseh-Quiz zum Thema „Ehemalige deutsche Ostgebiete“ gibt, Bilke würde es gewinnen – zumindest bekam er 2003 das Bundesverdienstkreuz.

Warum man so einen wachen Geist in Rente schickt, ist unbegreiflich, seine journalistische Neugier und seine Schreiblust sind ungebrochen. Und ungebrochen ist seine Lebenslust: 2006 entschloss er sich endlich dazu, eine Familie zu gründen. Mit seiner Frau Gabriele wohnt er nun wieder in Coburg, Stadt seiner Schulzeit. Und am traditionsreichen Casimirianum studiert er mit alten Schulkameraden lateinische Texte und hält weiterhin sein Auge auf die journalistische Szene unserer Republik.

Bild: Privatbesitz des Gewürdigten.

Erika Kip

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